Heft 
(1.1.2019) 06
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WER BAUTE DAS SIEBENTORIGE THEBEN?

Aus der Arbeit der Max-Planck-ArbeitsgruppeOstelbische Gutsherrschaft"

Kehren die kleinen Leute in die Geschichte zurück? Diese wissenschaftlich und allge­mein interessierende Frage gehört zu den Forschungsfeldem der Max-Planck-Arbeits­gruppeOstelbische Gutsherrschaft, die an der Universität Potsdam angesiedelt ist und von Prof. Dr. Jan Peters geleitet wird. Im Rahmen einer Vorstellung der Projekte des Historischen Instituts vertrat Prof. Peters die These,daß Selbstzeugnisforschung künf­tig kaum Interesse beanspruchen kann, keinen historiographischen Zugewinn verzeich­nen und die längst überfällige Erweiterung der Quellenbasis nicht zuwege bringen wird, wenn sie die Rückkehr der kleinen Leute als Träger demotisierter Schriftlichkeit (Utz Maas) nicht zuläßt. Näheres dazu erfragte Regine Derdack in einem Gespräch mit dem Historiker.

PUTZ; Herr Professor Peters, in der Ge­schichtsforschung, einschließlich der Selbst­zeugnisforschung, galt die Aufmerksamkeit zumeist den einfacher zugänglichen, mehr elitären Selbstzeugnisdokumenten. Wel­chen Wert haben diese für die Aufhellung der Geschichte?

Peters: Selbstverständlich kommt ihnen große Bedeutung zu, aber nicht im Sinne des Verständnisses vieler Historiker des 19. Jahrhunderts, die jeden neu aufgefundenen Wallenstein- oder Bismarckbrief als direk­ten Zugang zum Verstehen von Geschich­te überhaupt feierten, weil für sie Geschich­te eigentlich nur als politische Geschichte vorstellbar war und somit aus den Köpfen solcher Eliten herausgemacht wurde. Politikgeschichte verfügt inzwischen über ein ganz anderes Selbstverständnis, und es gibt da in der Historikerzunft ein sinnvolles arbeitsteiliges Verfahren, doch über den Stellenwert vonEliteforschung" mag es noch verschiedene Auffassungen geben. PUTZ: Es gibt geschichtsgestaltende Kräf­te - Bertolt Brecht hat ihnen inFragen ei­nes lesenden Arbei­ters ein schönes Denkmal gesetzt -, deren Aussagen für die Sozialgeschichte unverzichtbar sind.

Wo liegen die Mög­lichkeiten dieser Do­kumente?

Peters: Als ich die jetzt von mir edierten Aufzeichnungen ei­nes Soldaten im DreiDr'ia: ,. m Flieg oci u ;-.!/

zehnt en a taloy der Preuir ->n Staats­bibliothek fand, glaubte ich meinen Augen nicht - es hat­te sich einfach kein Forscher für solche Belanglosigkeiten interessiert. Inzwi­schen darf ein derar­tiger Fund wohl als

kleine Sensation gelten, weil sich der for­schungsrelevante Ausschnitt zur Sozial­geschichte hin verschoben und auch weil halt kaum ein einfacher Söldner Thgebuch geführt hat. Schriftliche Selbstzeugnisse der sogenannten Illeteralen sind in der Tät selten, aber ich schätze, daß in Deutsch­land tausende solcher Selbstzeugnisse populären Zuschnitts existieren, davon si­cher über tausendrein bäuerliche soge­nannte Schreibebücher. Konkret geben sie Auskunft über Frömmigkeit, Beschwö­rungsformeln, Heilmittel, Märkte, Preise, Löhne, Arbeitsabläufe, über historisch als bedeutsam Empfundenes, über den hohen Rang desehrlichen Namens, über Metho­den des Unterlaufens von Herrschaft usw., also über das, was - richtig entschlüsselt - für diekleinen Leute Lebenshilfe und Welt­erklärung ausmachte. Es gibt kaum ande­reEgodokumente, die sodichte" Ein­sichten gewähren in Erfahrungen, Indivi­duationsformen, Selbst- und Weltsichten von Bauern, Handwerkern und Arbeitern.

Es ließe sich noch viel sagen zu diesen sprö­den Quellen, die für ebenso unentdeckte wie unverzichtbare hi­storische Zeugenschaft stehen.

PUTZ: Einige Ihrer Mit­arbeiter haben mehr­mals öffentlich um die Überlassung von bäu­erlichen Selbstzeugnis­sen im Land Branden­burg gebeten. Welche Forschungsergebnisse liegen auf diesem Feld drei Jahre nach Grün­dung der Arbeitsgrup­pe vor?

Peters: Die Förderzeit der uns assoziierten Projekt gruppe, die sich mit ländlichen Selbst­zeugnissen in Branden­burg vom 17. bis zum 19. Jahrhundert beschäf­tigte, ist inzwischen ab­gelaufen; leider, denn

Prof. Dr. Jan Peters

Foto: Fritze

eine Erfassung dieser Quellen auch in den nördlichen Kreisen des Landes war nun nicht mehr machbar. In zehn Brandenbur­ger Großkreisen konnten dennoch etwa 300 persönliche handschriftliche Zeugnisse er­faßt werden, darunter 84 Schreibe- und Wirtschaftsbücher im engeren Sinne. Ein druckreifes Manuskript über die Inventari­sierung wird Ende des Jahres fertiggestellt sein. Es kann hoffentlich bald ergänzt wer­den, so daß wir der Forschung einen kom­pletten Überblick der für Brandenburg auf­findbaren Selbstzeugnisse anbieten können. PUTZ: Sie reden - bewußt - von derRück­kehr der kleinen Leute und berichten von deren Stellenwert m der Geschichtsschrei­bung der DDR. Beispielhaft sei hier nur Jür­gen Kuczynski angeführt, der sich immer wieder und ausführlich der Alltagsge- schichte zugewandt hat. Könnten Sie hier­zu ein paar Forschungsergebnisse auf Ih­rem speziellen Arbeitsgebiet (Gutsherr­schaftsgeschichte) nennen und ihre Bedeu­tung aufzeigen?

Peters: Ich halte den Ansatz der DDR-His- toriographie für sehr wichtig, etwa die Bau­ern aus ihrer totalen Randsituation zu befrei­en und ins Zentrum des Interesses zu rük- ken. Das hatte auch mit Sympathie für die Schwachen zu tun - eine m. E. legitime Forschungsmotivation. Es gab dabei viele interessante Entdeckungen. Aber die In­strumentalisierung war natürlich von Übel, evozierte neue Einseitigkeiten und wirkte somit blickverstellend. Nur nicht ins ande­re Extrem verfallen und neue Heroen kon­struieren! Das führt zu Paradoxien wie das Schwanken bei der Bestimmung des histo­rischen Platzes von Gutsbauern: Waren sie nun Klassenkämpfer oder unumkehrbar be­zwungene Untertänige? An die Stelle teleo­logischer Konstrukte gehört m. E. mehr Ver­ständnis für die Funktions- und Austausch­fähigkeit auch innerhalb eines asymmetri­schen Sozialgebildes. So zeichnet sich für uns z, B. die Einsicht ab, daß Widerständig- keit und verdichtete Herrschaft in stabilisie­render Weise korrelierten, etwa dadurch, daß eigensinnig-unterschwellig widerste­hende Bauern das ungebremste Zulaufen

Fragen eines lesenden Arbeiters

Wer baute das siebentorige Theben?

In den Büchern stehen die Namen von Kö­nigen.

Haben die Könige die Felsbrocken herbei­geschleppt?

Und das mehrmals zerstörte Babylon - Wer baute es so viele Male auf? In wel­chen Häusern

Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?

Wohin gingen an dem Abend, wo die chi­nesische Mauer fertig war Die Maurer? Das große Rom Ist voll von Triumphbögen? Wer errichte­te sie? Über wen

Triumphierten die Cäsaren? Hatte das viel­besungene Byzanz

Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhafen Atlantis Brüllten in der Nacht, wo das Meer es ver­schlang

Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.

Aus:Fragen eines lesendenArbeiters" von Bertolt Brecht

PUTZ 6/95

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