WER BAUTE DAS SIEBENTORIGE THEBEN?
Aus der Arbeit der Max-Planck-Arbeitsgruppe „Ostelbische Gutsherrschaft"
Kehren die kleinen Leute in die Geschichte zurück? Diese wissenschaftlich und allgemein interessierende Frage gehört zu den Forschungsfeldem der Max-Planck-Arbeitsgruppe „Ostelbische Gutsherrschaft“, die an der Universität Potsdam angesiedelt ist und von Prof. Dr. Jan Peters geleitet wird. Im Rahmen einer Vorstellung der Projekte des Historischen Instituts vertrat Prof. Peters die These, „daß Selbstzeugnisforschung künftig kaum Interesse beanspruchen kann, keinen historiographischen Zugewinn verzeichnen und die längst überfällige Erweiterung der Quellenbasis nicht zuwege bringen wird, wenn sie die Rückkehr der kleinen Leute als Träger demotisierter Schriftlichkeit (Utz Maas) nicht zuläßt.“ Näheres dazu erfragte Regine Derdack in einem Gespräch mit dem Historiker.
PUTZ; Herr Professor Peters, in der Geschichtsforschung, einschließlich der Selbstzeugnisforschung, galt die Aufmerksamkeit zumeist den einfacher zugänglichen, mehr elitären Selbstzeugnisdokumenten. Welchen Wert haben diese für die Aufhellung der Geschichte?
Peters: Selbstverständlich kommt ihnen große Bedeutung zu, aber nicht im Sinne des Verständnisses vieler Historiker des 19. Jahrhunderts, die jeden neu aufgefundenen Wallenstein- oder Bismarckbrief als direkten Zugang zum Verstehen von Geschichte überhaupt feierten, weil für sie Geschichte eigentlich nur als politische Geschichte vorstellbar war und somit aus den Köpfen solcher Eliten heraus „gemacht“ wurde. Politikgeschichte verfügt inzwischen über ein ganz anderes Selbstverständnis, und es gibt da in der Historikerzunft ein sinnvolles arbeitsteiliges Verfahren, doch über den Stellenwert von „Eliteforschung" mag es noch verschiedene Auffassungen geben. PUTZ: Es gibt geschichtsgestaltende Kräfte - Bertolt Brecht hat ihnen in „Fragen eines lesenden Arbeiters“ ein schönes Denkmal gesetzt -, deren Aussagen für die Sozialgeschichte unverzichtbar sind.
Wo liegen die Möglichkeiten dieser Dokumente?
Peters: Als ich die jetzt von mir edierten „Aufzeichnungen eines Soldaten“ im DreiDr'ia: ,. m Flieg ■ oci u ;-.!•/
zehnt en a taloy der Preuir ->n Staatsbibliothek fand, glaubte ich meinen Augen nicht - es hatte sich einfach kein Forscher für solche „Belanglosigkeiten“ interessiert. Inzwischen darf ein derartiger Fund wohl als
kleine Sensation gelten, weil sich der forschungsrelevante Ausschnitt zur Sozialgeschichte hin verschoben und auch weil halt kaum ein einfacher Söldner Thgebuch geführt hat. Schriftliche Selbstzeugnisse der sogenannten Illeteralen sind in der Tät selten, aber ich schätze, daß in Deutschland tausende solcher Selbstzeugnisse populären Zuschnitts existieren, davon sicher über tausend „rein“ bäuerliche sogenannte Schreibebücher. Konkret geben sie Auskunft über Frömmigkeit, Beschwörungsformeln, Heilmittel, Märkte, Preise, Löhne, Arbeitsabläufe, über historisch als bedeutsam Empfundenes, über den hohen Rang des „ehrlichen Namens“, über Methoden des Unterlaufens von Herrschaft usw., also über das, was - richtig entschlüsselt - für die „kleinen Leute“ Lebenshilfe und Welterklärung ausmachte. Es gibt kaum andere „Egodokumente“, die so „dichte" Einsichten gewähren in Erfahrungen, Individuationsformen, Selbst- und Weltsichten von Bauern, Handwerkern und Arbeitern.
Es ließe sich noch viel sagen zu diesen spröden Quellen, die für ebenso unentdeckte wie unverzichtbare historische Zeugenschaft stehen.
PUTZ: Einige Ihrer Mitarbeiter haben mehrmals öffentlich um die Überlassung von bäuerlichen Selbstzeugnissen im Land Brandenburg gebeten. Welche Forschungsergebnisse liegen auf diesem Feld drei Jahre nach Gründung der Arbeitsgruppe vor?
Peters: Die Förderzeit der uns assoziierten Projekt gruppe, die sich mit ländlichen Selbstzeugnissen in Brandenburg vom 17. bis zum 19. Jahrhundert beschäftigte, ist inzwischen abgelaufen; leider, denn
Prof. Dr. Jan Peters
Foto: Fritze
eine Erfassung dieser Quellen auch in den nördlichen Kreisen des Landes war nun nicht mehr machbar. In zehn Brandenburger Großkreisen konnten dennoch etwa 300 persönliche handschriftliche Zeugnisse erfaßt werden, darunter 84 Schreibe- und Wirtschaftsbücher im engeren Sinne. Ein druckreifes Manuskript über die Inventarisierung wird Ende des Jahres fertiggestellt sein. Es kann hoffentlich bald ergänzt werden, so daß wir der Forschung einen kompletten Überblick der für Brandenburg auffindbaren Selbstzeugnisse anbieten können. PUTZ: Sie reden - bewußt - von der „Rückkehr“ der kleinen Leute und berichten von deren Stellenwert m der Geschichtsschreibung der DDR. Beispielhaft sei hier nur Jürgen Kuczynski angeführt, der sich immer wieder und ausführlich der Alltagsge- schichte zugewandt hat. Könnten Sie hierzu ein paar Forschungsergebnisse auf Ihrem speziellen Arbeitsgebiet (Gutsherrschaftsgeschichte) nennen und ihre Bedeutung aufzeigen?
Peters: Ich halte den Ansatz der DDR-His- toriographie für sehr wichtig, etwa die Bauern aus ihrer totalen Randsituation zu befreien und ins Zentrum des Interesses zu rük- ken. Das hatte auch mit Sympathie für die Schwachen zu tun - eine m. E. legitime Forschungsmotivation. Es gab dabei viele interessante Entdeckungen. Aber die Instrumentalisierung war natürlich von Übel, evozierte neue Einseitigkeiten und wirkte somit blickverstellend. Nur nicht ins andere Extrem verfallen und neue Heroen konstruieren! Das führt zu Paradoxien wie das Schwanken bei der Bestimmung des historischen Platzes von Gutsbauern: Waren sie nun Klassenkämpfer oder unumkehrbar bezwungene Untertänige? An die Stelle teleologischer Konstrukte gehört m. E. mehr Verständnis für die Funktions- und Austauschfähigkeit auch innerhalb eines asymmetrischen Sozialgebildes. So zeichnet sich für uns z, B. die Einsicht ab, daß Widerständig- keit und verdichtete Herrschaft in stabilisierender Weise korrelierten, etwa dadurch, daß eigensinnig-unterschwellig widerstehende Bauern das ungebremste Zulaufen
Fragen eines lesenden Arbeiters
Wer baute das siebentorige Theben?
In den Büchern stehen die Namen von Königen.
Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
Und das mehrmals zerstörte Babylon - Wer baute es so viele Male auf? In welchen Häusern
Des goldstrahlenden Lima wohnten die Bauleute?
Wohin gingen an dem Abend, wo die chinesische Mauer fertig war Die Maurer? Das große Rom Ist voll von Triumphbögen? Wer errichtete sie? Über wen
Triumphierten die Cäsaren? Hatte das vielbesungene Byzanz
Nur Paläste für seine Bewohner? Selbst in dem sagenhafen Atlantis Brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang
Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.
Aus: „Fragen eines lesendenArbeiters" von Bertolt Brecht
PUTZ 6/95
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