EINE REISE DES ERINNERNS
Potsdamer Studenten leisteten diffizile Betreuungstätigkeit
Alles hatte mit einem Plakat angefangen. Sein Tfext warb für eine Mitarbeit während der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Befreiung. Die Stiftung Brandenburgische(r) Gedenkstätten wandte sich damit über das Akademische Auslandsamt der Universität Potsdam an interessierte Studenten. Gleiches tat sie ebenfalls an anderen Einrichtungen. Vor allen Bereitwilligen sollte die Aufgabe liegen, ehemalige Häftlinge verschiedener Konzentrationslager auf deren Reise in die Vergangenheit, aber auch in die deutsche Gegenwart zu betreuen. Zu denen, die sich dies zutrauten, gehörten auch Viola Betz (Geschichte/Anglistik, 4. Semester) und der dank eines DAAD-Stipendiums in Potsdam weilende Amerikaner Peter Rigney (Geschichte/Germanistik, 5. Semester).
Die zukünftigen Betreuer, Studenten und Werktätige aller Schichten, absolvierten zunächst ein eintägiges Informationsseminar an der Berliner Humboldt-Uni. Im nachhinein meinen die beiden Potsdamer dazu: „Die Initiatoren jener Veranstaltung konnten uns, auch aufgrund der bemessenen Zeit, nicht auf das vorbereiten, was tatsächlich kam.“
Peter Rigney erhielt schließlich gemeinsam mit weiteren Engagierten den Auftrag, insgesamt 150 jetzt in den USA beheimatete ehemalige jüdische Häftlinge und deren Familienmitglieder zu begleiten. Ein Tteil der Gruppe z.B. erfuhr das Grauen noch als Kinder im Lager Ravensbrück. Die heute ca. 60jährigen hatten das Glück, dem Tod zu entrinnen. Immerhin geht die Dokumentation „Dimension des Völkermords“ von mit Sicherheit 160 000 in Konzentrationslagern ermordeten deutschen Juden aus. Den Gästen fiel die Reise nach Deutschland - für viele die erste nach 50 Jahren - nicht leicht. Einige brachten, wie es Peter Rigney formuliert, zur „moralischen Unterstützung“ Verwandte mit. Die einstigen Häftlinge artikulierten sich in zahlreichen Gesprächen zur Bedeutung ihres Aufenthaltes in der Bundesrepublik. So meinte beispielsweise ein Holocaust-Betroffener: „Ich komme auch stellvertretend für diejenigen, die diese Reise aus physischen oder psychischen Gründen nicht antraten. Meine Generation besitzt eine besondere Verantwortung - die der letzten lebenden Zeugen des vor mehr als 50 Jahren geschehenen millionenfachen Verbrechens gegen die Menschlichkeit.“
Viola Betz widmete sich in den vier lägen ihrer Tätigkeit norwegischen Staatsbürgern. Insgesamt über 300 waren gekommen, um an den Gedenkfeierlichkeiten teilzunehmen. Viele der damals politischen Häftlinge wurden 1943 nach Sachsenhausen deportiert. Übrigens den gleichen Weg hinter sich lassend, wie an jüngst vergangenen Tägen: zunächst mit der Fähre nach Kiel, dann mit weißen Doppeldecker- Bussen in den damals wie heute unscheinbar wirkenden Ort Sachsenhausen. Trotz der ungewollten Parallele, die Skandinavier begegneten ihren Gastgebern mit großer Offenheit und Herzlichkeit. „Es war ein
Befreite Häftlinge vor dem geöffneten Schlagbaum im Konzentrationslager Sachsenhausen.
Fbto: Archiv Brandenburgische Gedenkstätten
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wahnsinniges Erlebnis. Es war toll“, erinnert sich Viola. „Geschichte so lebendig zu erfahren, das leistet kein noch so gutes Seminar.“
Die Abschlußveranstaltung selbst fand in der Gedenkstätte Sachsenhausen statt. Kurz zur Histone: Die Mehrzahl der Häftlinge dieses Lagers bestand nicht aus Juden, sondern zunächst aus politisch Verfolgten, dann Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion, schließlich, 1944, Kämpfern des Warschauer Aufstandes. 1938 allerdings, nach der Reichspogromnacht, transportierten die Nazis 1800 Juden dorthin. 450 von ihnen überstanden das Martyrium nicht.
Viola Betz und Peter Rigney bemerkten dennoch bei den Angereisten keinen Haß. Im Gegenteil. Verfechter der Kollektivschuldthese gab es nicht. Letztlich trägt wohl auch diese Erkenntnis zum Fazit Violas bei: „Zu jeder Zeit würde ich einen solchen Betreuungsdienst wieder übernehmen.“ Einschränkend jedoch fügt sie hinzu: „Die Vorbereitung auf eine derartig diffizile Arbeit müßte dann aber besser sein. Ansonsten besteht gerade für uns junge Leute die Gefahr der Überforderung.“ PG.
Studentischer Diskussionsclub gegründet
Studenten können, wenn sie wollen, viele Dinge bewegen, auch neu schaffen. So entstand - auf Initiative von Oliver Braun (Mitglied des Studentenrats) und einiger Mitstreiter in akademischen Gefilden - im April der „Club of Potsdam", wie sich die bislang zwölf Studenten ihr neues Diskussionsforum mit Selbstironie in seiner Perspektive ausmalten. Themen gab und gibt es reichlich für die Befürworter einer offenen, der pluralistischen Demokratie verpflichteten Streitkultur. Bislang ist man der - jetzt wieder in London und Paris umstrittenen - Hage nach der Vereinbarkeit von nationaler Identität und europäischer Integration und natürlich den gewachsenen Verantwortlichkeiten des neuvereinigten Deutschland in Europa und der Welt nachgegangen, auf ruhige, sachkompetente und tolerante Art des Meinungsaustauschs. Das nächste Thema wird der Nord-Süd-Konflikt, der Streit der Zivilisationen und die globale soziale Ungleichheit sein. Fragen wie Genmanipulation und Gleichheit der Geschlechter sollen freilich ebenso behandelt werden wie das Problem des Arbeitsmarktes für Akademiker und die Fragen der Umweltzerstörung. Nach den ersten vier Club-Tferminen wollen sich die Juristen und Sozialwissenschaftler (andere Studienprofile sind ebenso gern gesehen) im Wintersemester wieder jeden Monat donnerstags (19.00 Uhr) um die Monatsmitte treffen, und zwar im ersten Stock des Gebäudes der August-Bebel-Str. 89 (Griebnitzsee) vor den Räumen des Lehrstuhls für Politische Bildung, der das Unterfangen des Clubs fachlich unterstützt. Das Foyer ist übrigens mit Ledersesseln reich bestückt.
Eduard Gloeckner
Kein Budentausch mehr
1989 wurde vom Deutschen Studentenwerk erstmals die Aktion Budentausch durchgeführt. Studierende konnten kurzfristig ihre hochschulnahe Unterkunft am bisherigen Studienort unentgeltlich zum Täusch gegen eine Wohnmöglichkeit am gewünschten Studienort anbieten. Insbesondere sollte Erstsemestlern damit geholfen werden, übergangsweise eine Wohnmöglichkeit am oft zugewiesenen Studienort zu bekommen, um von dort aus weitersuchen zu können. Die Aktion bezog sich auf das gesamte Bundesgebiet und war angesichts der hohen Zahl von Hochschulstandorten auf eine große Beteiligung angewiesen.
Da nur wenige erfolgreiche Vermittlungen zustandekamen, wurde die Aktion Budentausch auf Beschluß des Vorstandes des Deutschen Studentenwerks zum 1. Juli 1995 eingestellt. p ra .
PUTZ 6/95
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