ÜBER DIE LEHRE VOM STAATLICHEN HANDELN
Uni Potsdam bietet verwaltungswissenschaftlichen Studiengang an
Es ist keine unbedingt neue Weisheit, daß ein funktionierendes Staatswesen auch und vor allem von denen abhängig ist, die es verwalten. Das hat schon Rriedrich II. reflektiert, der z.B. 16 Jahre mit dem Kammerpräsidenten von Siegroth völlig verfeindet war, ohne ihn jedoch zu entlassen. Zuvörderst stand die Effektivität der Verwaltung, selbst unter dem Umstand, daß „bey der churmärkischen Kriegs- und Domänen Cammer viele schlechte unbrauchbare Krieges-Räthe vorhanden“ seien. Man müsse, so der preußische König, „auf andere tüchtige, und besonders zur Vermeidung aller Connexion in der Provinz nicht zu Hause gehöriger Subjecta bedacht (...) seyn“. Preußen zog schnelle und effektive Schlußfolgerungen; die Kameralistik (die Lehre von der Verwaltung, vom Rechnungs- und Finanzwesen) wurde zur wichtigen Stütze der Herausbildung eines unabhängigen Beamtentums. An diese herausragende Tradition, vor allem aber dem vorhandenen Bedarf an qualifizierten Verwaltungsfachleuten in der Bundesrepublik Deutschland nachkommend, knüpft nun die Universität Potsdam an. Mit dem Beginn des Herbstsemesters bietet sie nach Überwindung letzter formaler Hürden und vorbehaltlich der endgültigen Zustimmung durch das Ministerium einen verwaltungswissenschaftlichen Studiengang an.
Die Idee zu dessen Installation entstand allerdings schon viel früher. Bereits bei der Gründung des damaligen sozialwissenschaftlichen Fachbereiches stand es fest: die Politikwissenschaft sollte einen verwaltungswissenschaftlichen Schwerpunkt erhalten. Die Entwicklung hm zum eigenen Studiengang erforderte Zeit und Durchsetzungsvermögen. „Das stampft man nicht von heute auf morgen aus dem Boden“, beschreibt Prof. Dr. Werner Jann, Prodekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät sowie Inhaber des Lehrstuhls für Verwaltung und Organisation den nicht immer leichten Weg.
Künftig existiert nun für die Politik- und Verwaltungswissenschaft ein praktisch identisches Grundstudium. Das gibt den Studenten schließlich die Möglichkeit einer relativ späten Entscheidung für die eine oder andere Richtung. Immerhin enthält das Hauptstudium Verwaltungswissenschaft solch attraktive Gebiete wie „Regierungsorganisation“ , „Politikfelder“, „Europäische Politik und Verwaltung“. Die „Internationale Organisation und Verwaltung" bilden einen eige- nen Vertiefungsbereich. In allen Ausbildungsetappen aber spielen angrenzende Fächer eine erhebliche Rolle. „Unsere Studenten“, erklärt Jann, „müssen beispielsweise Leistungsnachweise in den Disziplinen ‘Öffentliches Recht', 'Volkswirtschaftslehre' und ' Betriebswirtschaftslehre ’ erbringen“. Großen Wert legen die Väter“ des Studienganges demnach auf die breite interdisziplinäre Ausbildung. Das wiederum erfordert eine unmittelbare Zusammenar- 8U *' K>
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beit von Lehrenden verschiedener Fächer. Die Voraussetzungen hierfür sind in Potsdam besonders gut. Der Grund: Hier befinden sich Juristen, Wirtschaftswissenschaftler und Sozialwissenschaftler unter einem Dach. Die gemeinsame Bibliothek komplettiert die glücklichen Umstände. Einsatzmöglichkeiten künftiger Absolventen bestehen auf verschiedenen Ebenen. Zum einen gibt es eine steigende Nachfrage im klassischen Verwaltungsbereich in Kommunen, Kreisen, Ministerien und internationalen Organisationen - auch und gerade m den neuen Bundesländern. Zum anderen steigt der Bedarf in privaten Unternehmen und in Verbänden. „Sie alle benötigen in ihren Entscheidungspositionen Leute, die Kenntnisse über das Funktionieren des öffentlichen Sektors mitbringen. Gerade dessen Steuerungs- und Wirkungsmechanismen sind es, die wir in Vorlesungen und Seminaren versuchen zu erklären. Unser Gegenstand ist also das staatliche Handeln, der 'arbeitende Staat’, nicht wie im landläufigen Sinne oft vermutet, irgendeine langweilige Akten- und Behördenkunde'', erläutert der Babelsberger Wissenschaftler.
Der geographische Standort der Alma mater birgt insbesondere für zukünftige Studierende der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät Vorteile. Denn es ist fast schon eine Binsenweisheit: Mit dem Umzug der Regierung in die Bundeshauptstadt ergeben sich auch veränderte Erfordernisse auf dem Arbeitsmarkt. Neue Strukturen und Institutionen werden entstehen oder alte überholt. Im Zusammenhang damit steht die Suche nach entsprechenden Mitarbeitern. Zu diesem Zeitpunkt möchte die Potsdamer Hochschule dann hervorragend ausgebildete junge Leute präsentieren, die die gestellten Anforde-
Maßgeblichen Anteil an der Einrichtung eines verwaltungswissenschaftlichen Studienganges hat Prof. Dr. Werner Jann. Von 1989 - 1993 war der frühere Ministerialrat Leiter der „Denkfabrik Schleswig - Holstein" m der Staatskanzlei Kiel; heute ist er Prodekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschafthchen Fakultät sowie Inhaber des Lehrstuhls für Verwaltung und Organisation an der Universität Potsdam. Foto: Fritze
rungen meistern können. Bislang waren die Verwaltungswissenschaften kaum in einem Studienprogramm deutscher Hochschulen enthalten. Einzige Ausnahme bildet da die Universität Konstanz. „An dem dortigen Profil haben wir uns orientiert", bekennt Werner Jann. Das baden-württembergische Pendant zählt zu den erfolgreichsten sozialwissenschaftlichen Studiengängen überhaupt. Nur eine NC-Klausel schützt vor Überfüllung der Hörsäle. Dennoch wird sich Potsdam von Konstanz unterscheiden. So schenken die Dozenten hier der methodischen Ausbildung im Grundstudium verstärkt Aufmerksamkeit, Im Hauptstudium vollzieht sich später eine europäische und internationale Ausrichtung. Eine süddeutsche Besonderheit aber hat man übernommen. Gemeint ist das verhältnismäßig lange, achtmonatige Praktikum. Aus diesem Anlaß weilten bereits Konstanzer Studenten im Osten Deutschlands, auch in der Staatskanzlei und verschiedenen Ministerien Brandenburgs. „Einige von ihnen blieben sogar im Märkischen und wollen an unserer jungen Universität das Abschlußexamen machen“, bemerkt der Hochschullehrer. Mit großer Zuversicht sieht er der Realisierung des neuen Lehrangebotes entgegen, wenn er meint: Wir haben in Potsdam beste Chancen, auch weil es bisher kaum ähnliches gab. Die Nische ist da. Alle Beteiligten wollen sie nun auf neuartige Weise ausfüllen." EG.
PUTZ 7/95
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