„HIER INTERESSIERT MAN SICH FÜR MICH"
Ein Amerikaner mit Fulbright-Stipendium an der Uni
Die beste, vielleicht sogar die einzige Möglichkeit, Zugang zu anderen Kulturen und Lebensweisen zu entwickeln, sah Senator J. William Rilbright (1905-1995) in der Erziehung und Ausbildung. Diesem Leitgedanken folgte der amerikanische Senator schon in seiner Gesetzesinitiative 1946. Danach wurden Mittel aus dem Verkauf von Kriegsüberschuß-Gütern in Form des Fulbnght-Programms zur Verfügung gestellt. Ziel dieses Programms ist es bis heute, das Wissen über die Vereinigten Staaten in anderen Ländern zu vertiefen und gleichzeitig in den USA ein besseres Verständnis der Lebensart und Kultur anderer Völker aufzubauen sowie internationale Beziehungen durch die Erweiterung von gemeinsamen Interessen zu unterstützen.
Derzeit beteiligen sich 130 Länder am weltweiten Fulbright-Programm. Bislang haben über 200 000 besonders qualifizierte deutsche und amerikanische Studierende, Lehrer und Wissenschaftler die ihnen auf diese Weise gebotenen Möglichkeiten genutzt. Das größte und vielfältigste Fulbright-Pro- gramm ist jenes der Bundesrepublik Deutschland. Zwischen 1952 und 1994 konnten rund 25 000 Deutsche und Amerikaner gefördert werden. Eine Kommission, bestehend aus je fünf Mitgliedern beider Länder, vergibt im offenen Wettbewerb Völl- und Tbilzeitstipendien in der Regel für die Dauer eines akademischen Jahres.
Zum Arbeiten, aber natürlich auch zum Kennenlernen von Land und Leuten kamen in diesem Semester vier Fulbright- Studenten an die Universität Potsdam. Einer derjenigen, der seine Potsdamer Zeit gerade beendet hat, ist Keith Allen. Der 1967 Geborene aus dem Bundesstaat Ohio nutzte das Sommer- und Wintersemester 1994/95 in Potsdam, um Forschungen für seine Dissertation voranzutreiben, die er möglichst im Sommer 1996 beendet haben will. Gegenwärtig ist er Promotionsstudent an der Carnegie Mellon University im Fach Geschichte, vorher studierte er Volkswirtschaftslehre und Geschichte an der Miami University of Ohio und an der Kent State University, wo er die Abschlüsse B.A. und M.A. erlangte. Private und kommunale Maßnahmen auf den Gebieten der Völksernährung und Schulspeisung bzw. in Haushaltsschulen sowie die Rationierung von Lebensmitteln der Jahre 1880 bis 1930 in Deutschland sind die Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeiten, auf die er durch sein Interesse an der Alltagsgeschichte stieß. Dieses Thema sei in der Forschung relativ wenig
beachtet, obwohl die Ernährung ein wesentliches Element des Alltags sei.
Im Berliner Raum die für seine Thematik wichtigen Archive und Bibliotheken besuchen zu können, war verständlicherweise der Wunsch des jungen Mannes.
Deshalb bewarb er sich um ein Fül- bright-Stipendium.
Keith Allen „würde gerne in Potsdam wohnen. Im kulturellen Bereich ist hier viel los. Außerdem gefällt mir die Stadt." Er schätzt die Unterstützung der Mitarbeiter des Akademischen Auslandsamtes der Universität, die bei fachlichen Hagen sowohl Ansprechpartner vermittelten, „Tore öffneten“ wie Unterstützung beim Vertrautmachen mit der neuen Umgebung gewährten. Er habe deutlich gespürt, daß man sich für ihn interessiert hätte. „Davon habe ich profitiert. Wertvolle Tips und Hinweise gaben mir auch Wissenschaftler aus dem Historischen Institut der Universität Potsdam und dem Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke für meine Arbeit.“ Dadurch hätte er wichtige Quellen erschließen, das Thema seiner Doktorarbeit konkretisieren und weitere Hypothesen formulieren können. B.E.
Der Amerikaner Keith Allen verbrachte ein Jahr als Fulbright- Stipendiat an der Universität Potsdam. Foto: privat
Senator J. William Fulbright (1905-1995) maß schon 1946 dem deutsch-am erikani- schen Austausch große Bedeutung bei.
JÜDISCHE STUDIEN GEHEN INS DRITTE SEMESTER
Einer der jüngsten Studiengänge an der Universität Potsdam sind die Jüdischen Studien, die zum Wintersemester 1994/95 feierlich eröffnet wurden. Von den Initiatoren - den Professoren Dr. Julius H. Schoeps und Dr. Karl E. Grözinger - wurde ein neuartiges, bundesweit einmaliges Konzept vorgelegt, das viel Zustimmung erfährt, da Unzufriedenheit mit der traditionellen Präsentation jüdischer Themen an den Universitäten herrscht. In Potsdam ist man bemüht, dem Studenten sowohl Wissen in den beiden unverzichtbaren Grundsäulen, der jüdischen Religion und der jüdischen Geschichte, als auch zu verschiedensten anderen Themenkreisen anzubieten.
Auf dem Potsdamer Konzept basieren inzwischen die Studienangebote der Universitäten Halle, Leipzig, Oldenburg und Duisburg, auch Mainz hat Interesse signalisiert. Der Studiengang ist den Jewish Studies in den USA vergleichbar und entspricht auch Erneuerungsbestrebungen in Israel. Der jetzt ins dritte Semester gehende Magisterstudiengang (Haupt- und Nebenfach) an der Univer
sität Potsdam ist interdisziplinär angelegt und setzt seine Schwerpunkte in den Bereichen Jüdische Geschichte, insbesondere deutschjüdische Geschichte, sowie jüdische Religi- ons-, Literatur-, Philosophie- und Geistesgeschichte. Der interdisziplinäre Zuschnitt folgt aus dem Gegenstand Geschichte und Gegenwart des Judentums, das in seinen vielfältigen Verflechtungen mit großer Fächer- und Methodenvielfalt auf diese Weise besser erforscht und gelehrt werden kann. Lehrveranstaltungen werden in der Geschichte, in verschiedenen Literaturwissenschaften (Germanistik, Slavistik, Anglistik), in Religionswissenschaft, Linguistik, Psychologie, Philosophie, Pädagogik, Soziologie, Politikwissenschaft und Musikwissenschaft angebo- ten. Unverzichtbar sind Sprachkurse, die in z.Z. in biblischem, mittelalterlichem und modernem Heberäisch sowie Aramäisch und Jiddisch möglich sind. Bedauerlicherweise ist es bisher aus finanziellen Gründen noch nicht gelungen, feste Sprachlektorate einzurichten. Am Studiengang beteiligt sind die verschiedensten Fakultäten und Institute der
Universität sowie das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien (MMZ), eines ihrer An-Institute. Neben den Wissenschaftlern des Mendelssohn Zentrums beteiligen sich in jedem Semester die Fellows des MMZ und andere Gastwissenschaftler an der Lehre. In diesem Semester wird als Fellow der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Zwi Werblowsky von der Hebräischen Universität Jerusalem in Potsdam lehren. In jedem Semester stehen eine Ringvorlesung und das Forschungskolloquium des MMZ auf dem Programm. Die Ringvorlesung dieses Semesters hat jüdische Erfahrungen in den Kulturen Großbritanniens und Nordamerikas nach 1945 zum Inhalt, das Mendelssohn Kolloquium widmet sich der jüdischen Aufklärung HASKALA. Im Rahmen des Kolloquiums werden Forschungsarbeiten aus dem gesamten Spektrum der jüdischen Studien vorgestellt und auch methodische Ragen diskutiert. Für Interessenten liegt jetzt ein semesterübergreifendes Informationsmaterial „Magisterstudiengang Jüdische Stu- dien/Jewish studies“ vor. Regine Derdack
PUTZ 7/95
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