STUDIOSI
Studierendenratswahlen in Potsdam, Herbst 1995. 21 Kandidaten stehen auf der Wahlliste, zwei davon gehören dem Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS), einer der Liberalen Hochschulgruppe (LHG) an. Im Gegensatz zum Vorjahr, wo sich lediglich neun Bewerber für die insgesamt 15 Sitze im Studierendenrat (StuRa) gefunden hatten, handelt es sich diesmal also um eine „echte“ Wahl.
Die Wahlbeteiligung wächst zwar nicht im gleichen Maße wie die Kandidatenliste, aber immerhin gaben während der Wahl vom 21. bis 23. November 717 Studenten und Studentinnen ihre Stimme ab, - das sind knapp 14% der Wahlberechtigten gegenüber gut 8% im Vorjahr. (Wahlberechtigt waren die etwa 5200 Direktstudenten der Universität Potsdam, nicht jedoch die Lehrer, die bereits im Beruf stehen und nun zusätzlich ein zweites Fach studieren, sowie die Aufbaustudenten). Diese Zunahme dürfte zum einen darauf zurückzuführen sein, daß es zum ersten Mal an allen vier Universitätsstandorten Wahllokale gab, und die Wahl besser bekannt gemacht wurde. Für Jan Martin Witte, neues und altes Mitglied des StuRa und derzeit Vorsitzender, sind die Verbesserungen in der Organisation aber nicht allein für die höhere Beteiligung verantwortlich. „Der StuRa war im vergangenen Jahr sehr viel öffentlicher, aber auch polarisierter. Dadurch wurden auch einige kontroverse Aktionen durchgeführt.“ Darin sieht Witte die Ursache für ein anscheinend steigendes Interesse seitens der Studentenschaft an der Arbeit des StuRa. Nach Meinung von Ingo Schöning, ebenfalls StuRa-Mitglied, haben auch die drei Kandidaten vom RCDS bzw. der LHG für eine höhere Wahlbeteiligung gesorgt. Denn in Potsdam gehörten dem StuRa bisher keine Vertreter von Hochschulgruppen an. Nach Schönings Ansicht hat der Wunsch der Studenten und Studentinnen, diese Tradition fortzusetzen, nicht nur zur Absage an diese drei Bewerber geführt, sondern auch zu der regeren Wahlbeteiligung beigetragen. Wichtig ist die „Listenfreiheit' 1 des StuRa auch seinen Mitgliedern. Dadurch können sie konkret und sachlich arbeiten. Allgemeine politische Diskussionen und Kontroversen, wie sie beispielsweise in den - von Hochschulgruppen geprägten - ASten der Berliner Universitäten üblich sind, gibt es dadurch nicht. Auch sonst ist in Potsdam einiges anders als in Berlin und anderswo. So gibt es hier keine Trennung in Studentenparlament („Legislative“) und ASta („Exekutive“). Vielmehr ist der StuRa beschließendes und ausführendes Gremium in einem. Kontrolliert wird er durch den Koordinierungsrat, in dem Vertreter aus den einzelnen Fachschaften sitzen, die ihrerseits auf Fakultätsebene Beschlüsse fassen
und ausführen können. Laut Satzung steht den Fachschaften dafür ein Drittel des gesamten Etats des StuRa zu, den sie untereinander aufteilen und mit dem beispielsweise Projekte an einzelnen Fakultäten finanziert werden.
Über die verbleibenden zwei Drittel verfügt der StuRa. „Der Haushalt für dieses Jahr beläuft sich auf etwa 150.000,- DM. Er muß aber nach unten korrigiert werden, weil wir dieses Jahr über weniger Geld verfügen“, gibt Ralf-Norbert Müller, im StuRa für die Finanzen zuständig, an. Daran sind nicht geringere Einnahmen Schuld; nach wie vor wird der StuRa durch die Studentenschaft finanziert, die pro Semester 10- DM, insgesamt also ca. 110.000,- DM pro Jahr, zahlt. Vielmehr hatte der letzte StuRa zusätzlich die in den Vorjahren nicht verbrauchten Gelder ausgegeben. Um weiterhin die 1995 begonnenen Projekte finanzieren zu können, möchte der StuRa die Studentenbeiträge auf 12,- DM pro Semester erhöhen. „Aber bisher hat das Ministenum diesem Antrag noch nicht stattgegeben“ sagt Müller. Trotzdem plant der StuRa auch in diesem Jahr ein Sommerfest. Auch die Filmprojekte „Filmriß" und „SEK“, die selten gezeigte, teilweise politische Filme organisieren und in der Universität vorführen, sollen weiterhin finanziert m_. werden. Geld wird des weiteren in das Projekt „lesecafe" fließen, in dem Autoren aus ihren eigenen Werken lesen, oder in die AG Verkehr und Umwelt. Darüber hinaus soll auch dem Studentencafe „Puperlapup“ finanziell unter die Arme gegriffenwerden. Generell kann jede Gruppe Anträge auf Unterstützung stellen, - allerdings muß immer noch Geld, z.B. für die Mieten der StuRa-Büros an das Studentenwerk, übrig sein.
Aber auch neue, eigene Projekte sind geplant. „Wir wollen eine BAföG - Beratung aufbauen. Dazu werden dann Mitglieder von uns an Lehrgängen teilnehmen“, äußert sich Witte zu den hochschulpolitischen Plänen des neuen StuRa. Um BAföG wird es natürlich wegen der geplanten Änderungen auch sonst gehen, - beispielsweise in der neuen AG Hochschulpolitik. Wir treffen uns jeden zweiten Donnerstag und jeder kann mitmachen“, teilt Ulf Rosner mit, der mit Witte für die Hochschulpolitik im StuRa zuständig ist. Die Arbeitsgruppe, die sich am 18. Januar '96 das erste Mal getroffen hat, soll die Studentenschaft dazu bringen, sich stärker am Universitätsleben zu beteiligen. Dazu soll auch verstärkt „Unikunde" beitragen, die Zeitschrift des StuRa. Sie soll in Zukunft semesterbegleitend einmal im
Monat erscheinen und auch konzeptionell etwas geändert werden. Nils Zimmermann, zuständig für „Unikunde“ und Öffentlichkeit im StuRa, erläutert dazu: Wir wollen die redaktionelle Arbeit verstärken und außerdem die Fachschaften mehr einbinden." Ob dadurch das Engagement der Studenten und Studentinnen wächst, sei dahingestellt. Die meisten studierten die Woche über und fahren am Wochenende nach Hause, beschreibt Witte das durchschnittliche Studentenleben. Dabei kümmert sich der StuRa durchaus um praktische Dinge, wie etwa einen Füßgängerüberweg zum T-Heim Am Neuen Palais. Die bürokratische Routine bei so einem Unterfangen schildert Ingo Schöning aus dem Referat für Umwelt und Verkehr des StuRa: „Als erstes muß der Antrag formuliert werden. Dann geben wir ihn an die Abteilung Verkehrsplanung der Stadtverwaltung. Zu denen haben wir ganz gute Kontakte. Die leiten ihn weiter an das Ministerium und von dort kommt er zum Landesamt für Verkehr.“ Demnächst muß Schöning herausfinden, an welcher Stelle der Antrag gerade lagert. Denn vom Landesamt für Verkehr soll er über denselben Weg wieder zurück zum StuRa kommen. Allerdings stehen die Chancen schlecht: „Das Landesamt“, so Schöning weiter, „fordert eine Beleuchtung des Überwegs, und das kostet Geld...!" Das intrinsische Tfempo dieser Vorgänge erklärt, wieso die Verkehrsoroiek- te des neuen StuRa im wesentlichen die des alten sind. So wird weiterhin über ein Semesterticket verhandelt werden und die Erlaubnis, den Park Sanssouci per Fahrrad zu durchfahren. Einsetzen wollen sie sich auch dafür, daß der Täkt des Studentenshuttles auf 30 Minuten verkürzt wird, und für den Bau der Bus- warteschleife am Park Babelsberg. Diese würde einen direkten und schnelleren Busverkehr über die Karl-Marx-Allee gestatten. Schließlich, geht es noch um mehr Radwege am Standort Babelsberg und Grieb- nitzsee.
Nicht vor vollendete Tätsachen will man für den Fall einer Länderfusion Berlin-Brandenburg gesetzt werden. „Es wird eine Zusammenarbeit mit den Berliner ASten wegen eines gemeinsamen Hochschulgesetzes geben“, kündigt Witte an. Für ihn jedenfalls dürfte es keine langweilige „Amtszeit“ werden, allerdings eventuell eine kürzere. Wir planen, die StuRawahlen mit den Wahlen zu den Unigremien zusammenzulegen, - vielleicht Ende Juni. Dann könnte der nächste StuRa gleich zum Semesterbeginn '96/97 seine Amtszeit aufnehmen", führt Rosner aus. ade
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PUTZ 1/96