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(1.1.2019) 03
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VON DER STOFFSCHUTTUNG BIS ZUM EXOTISCHEN KURS

Germanisten berieten an der Universität Potsdam über Reformierung des Grundstudiums

Die gegenwärtige Unzufriedenheit mit den Formen und Inhalten des Ger­manistikstudiums scheint groß. Sowohl Lehrende und Studenten als auch Mitar­beiter in Kultusbehörden sowie potentiel­le Arbeitgebervertreter beklagen aus un­terschiedlichen Blickwinkeln Defizite. Fachleute fordern deshalb schon seit lan­gem Studienreformdiskussionen.

Aus jenem Anlaß veranstaltete kürzlich der Deutsche Germanistenverband eine ent­sprechende Fachtagung an der Universität Potsdam. In deren Mittelpunkt stand die Diskussion über den Aufbau des germani­stischen Grundstudiums. Die annähernd 40 TMnehmer aus der gesamten Bundesrepu­blik und der Schweiz, darunter einige Stu­denten, begannen damit die längst überfäl­lige Verständigung zur Ausgestaltung und Fünktion dieses Hochschulstudiums. Verän­derte Berufsbilder und -anforderungen bil­deten letztlich den Hintergrund der Debat­te. Wesentlichen Anteil am Zustandekom­men des fachlichen Austausches hatten von Potsdamer Seite Prof. Dr. Hans-Jürgen Bachorski und Dr. Brigitte Krüger.

Sich zunächst dem Grundstudium zu wid­men, besitzt Logik. Hier erfahren die jungen Leute den ersten Kontakt zum Studienfach. Es ist die Schnittstelle zwischen Abitur und Hauptstudium. Schwierigkeiten treten nicht selten bereits hier auf. Deren Ursache: fal­sche Erwartungen und teilweise ungenü­gende Vorkenntnisse der Immatrikulierten. Aber auch fehlende Orientierungen und nicht immer ausreichende propädeutische Lehrveranstaltungen zeigen Wirkung. Bri­gitte Krüger schlußfolgert somit:Es ist die­jenige Phase der Ausbildung, die am mei­

Die im Potsdamer Alten Rathaus versammelten Fachleute waren sich einig: eine Oberstufen re form ist dringend notwendig. Erst im Dezember hatten die Kultusmini­ster beschlossen, die Fächer Deutsch, Fremdsprache und Ma­thematik in den beiden letzten Schuljahren des Gymnasiums ver­pflichtend einführen zu wollen. Die Bundesvereinigung der Ober­studiendirektoren (BDK) wandte sich nun jüngst dagegen, daß die Nachweise in diesen Fächern zum Teil durch Leistungen in anderen Kursen ersetzt werden können.

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Bereits in einem höheren Semester angelangt, bereitet sich Silke Scholz auf das Lehramt für Deutsch und Musik vor. Sie gehört damit zu den gegenwärtig insgesamt 809 das Studienfach Germanistik belegenden Studentinnen und Studenten an der Universität Potsdam. Die vergangene vor­lesungsfreie Zeit nutzte die junge Frau, um in der Golmer Bereichsbibhothek Fachliteratur durchzuarbeiten. Foto: Thibukeit

sten strukturierungsbedürftig ist. Schließ­lich würden hier die Weichen für die späte­re Spezialisierung und mögliche Praxis­felder gestellt. Zugleich fänden sich Proble­me des ganzen Faches in jenem Stadium. Die klassische Vorstellung von der Einheit des Faches als deutsche Literatur und Spra­che ist schon längst überholt", resümiert die wissenschaftliche Mitarbeiterin. Jene tradi­tionelle Vierteilung in die Disziplinen Neue­re deutsche Literatur, Mediävistik, Didaktik und Linguistik gäbe es in dem Maße nicht mehr.

Der Grund dafür liege in der zunehmenden Ausdifferenzierung der einzelnen Gebiete. Die Germanistik öffne sich beispielsweise auch der modernen Medien- wie Com­puterentwicklung.

Unterschiedliche Modelle bestimmen der­zeit die Handhabung des Grundstudiums. Die einen plädieren für das sich durch weit­gehende Einheit des Faches und Stoff­schüttung auszeichnende Sockelstudium, die anderen bevorzugen eine frühzeitige Spezialisierung mit oft exotischen Kursan­geboten. Zu entwickelnde Schlüsselquali­fikationen stehen eng damit im Zusammen­hang. Deren Polarität reicht von der primä­ren Wissensvermittlung bis hin zur betonten Ausbildung von Fähigkeiten und Metho­denbewußtsein. Krüger dazu: Vielleicht wäre ein Kompromiß günstig: ein notwendi­ger Anteil an Weitergabe von Überblicks­wissen durch Vorlesungen und ein intensi­veres Angebot an Übungsmöglichkeiten,

beispielsweise exemplarisch Zugangs­weisen zu literarischen Phänomenen zu er­proben."

Doch um beides bewältigen zu können, be­nötigen die Abiturienten schon an ihren je­weiligen Schulen eine optimale Studienvor­bereitung. Gegenwärtig jedoch bleibt das eine Wunschvorstellung der Fachwissen­schaftler. Sie stoßen nämlich in ihrer Lehr­tätigkeit beständig auf eminente Defizite schon bei Grundkenntnissen zur deutschen Sprache. Abhilfe könnte möglicherweise der von anwesenden Lehrern geforderte Desiderata-Katalog schaffen.

Nach Ansicht Brigitte Krügers erfüllte die Veranstaltung die an sie gestellten Erwar­tungen.Es sollte in Potsdam ein Forum geschaffen werden", so die Mitorganisa- torin,auf dem unterschiedliche Modelle des Grundstudiums austauschbar gemacht und Konfliktfelder benannt werden". Das sei geschehen. Auch Einzelfragen zur Ver­gleichbarkeit und zum Definitionsbedarf von Lehrformen und Bewertungskriterien mit dem Ziel der Erleichterung eines Hoch­schulstandortwechsels schon im Grundstu­dium hätten andebattiert werden können. Weiterer Klärungsbedarf stehe jedoch noch aus. Das beträfe nicht zuletzt die Differen­zierung des Faches bei grundsätzlicher Bejahung vorhandener Spezialisierungen der einzelnen Einrichtungen. In diesem Kontext versichert Krüger: ,jWir wollen durchaus keine Dubletten liefern, Unikate soll es auch weiter geben." RG.

PUTZ 3/96