VON DER STOFFSCHUTTUNG BIS ZUM EXOTISCHEN KURS
Germanisten berieten an der Universität Potsdam über Reformierung des Grundstudiums
Die gegenwärtige Unzufriedenheit mit den Formen und Inhalten des Germanistikstudiums scheint groß. Sowohl Lehrende und Studenten als auch Mitarbeiter in Kultusbehörden sowie potentielle Arbeitgebervertreter beklagen aus unterschiedlichen Blickwinkeln Defizite. Fachleute fordern deshalb schon seit langem Studienreformdiskussionen.
Aus jenem Anlaß veranstaltete kürzlich der Deutsche Germanistenverband eine entsprechende Fachtagung an der Universität Potsdam. In deren Mittelpunkt stand die Diskussion über den Aufbau des germanistischen Grundstudiums. Die annähernd 40 TMnehmer aus der gesamten Bundesrepublik und der Schweiz, darunter einige Studenten, begannen damit die längst überfällige Verständigung zur Ausgestaltung und Fünktion dieses Hochschulstudiums. Veränderte Berufsbilder und -anforderungen bildeten letztlich den Hintergrund der Debatte. Wesentlichen Anteil am Zustandekommen des fachlichen Austausches hatten von Potsdamer Seite Prof. Dr. Hans-Jürgen Bachorski und Dr. Brigitte Krüger.
Sich zunächst dem Grundstudium zu widmen, besitzt Logik. Hier erfahren die jungen Leute den ersten Kontakt zum Studienfach. Es ist die Schnittstelle zwischen Abitur und Hauptstudium. Schwierigkeiten treten nicht selten bereits hier auf. Deren Ursache: falsche Erwartungen und teilweise ungenügende Vorkenntnisse der Immatrikulierten. Aber auch fehlende Orientierungen und nicht immer ausreichende propädeutische Lehrveranstaltungen zeigen Wirkung. Brigitte Krüger schlußfolgert somit: „Es ist diejenige Phase der Ausbildung, die am mei
Die im Potsdamer Alten Rathaus versammelten Fachleute waren sich einig: eine Oberstufen re form ist dringend notwendig. Erst im Dezember hatten die Kultusminister beschlossen, die Fächer Deutsch, Fremdsprache und Mathematik in den beiden letzten Schuljahren des Gymnasiums verpflichtend einführen zu wollen. Die Bundesvereinigung der Oberstudiendirektoren (BDK) wandte sich nun jüngst dagegen, daß die Nachweise in diesen Fächern zum Teil durch Leistungen in anderen Kursen ersetzt werden können.
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Bereits in einem höheren Semester angelangt, bereitet sich Silke Scholz auf das Lehramt für Deutsch und Musik vor. Sie gehört damit zu den gegenwärtig insgesamt 809 das Studienfach Germanistik belegenden Studentinnen und Studenten an der Universität Potsdam. Die vergangene vorlesungsfreie Zeit nutzte die junge Frau, um in der Golmer Bereichsbibhothek Fachliteratur durchzuarbeiten. Foto: Thibukeit
sten strukturierungsbedürftig ist.“ Schließlich würden hier die Weichen für die spätere Spezialisierung und mögliche Praxisfelder gestellt. Zugleich fänden sich Probleme des ganzen Faches in jenem Stadium. „Die klassische Vorstellung von der Einheit des Faches als deutsche Literatur und Sprache ist schon längst überholt", resümiert die wissenschaftliche Mitarbeiterin. Jene traditionelle Vierteilung in die Disziplinen Neuere deutsche Literatur, Mediävistik, Didaktik und Linguistik gäbe es in dem Maße nicht mehr.
Der Grund dafür liege in der zunehmenden Ausdifferenzierung der einzelnen Gebiete. Die Germanistik öffne sich beispielsweise auch der modernen Medien- wie Computerentwicklung.
Unterschiedliche Modelle bestimmen derzeit die Handhabung des Grundstudiums. Die einen plädieren für das sich durch weitgehende Einheit des Faches und Stoffschüttung auszeichnende Sockelstudium, die anderen bevorzugen eine frühzeitige Spezialisierung mit oft exotischen Kursangeboten. Zu entwickelnde Schlüsselqualifikationen stehen eng damit im Zusammenhang. Deren Polarität reicht von der primären Wissensvermittlung bis hin zur betonten Ausbildung von Fähigkeiten und Methodenbewußtsein. Krüger dazu: Vielleicht wäre ein Kompromiß günstig: ein notwendiger Anteil an Weitergabe von Überblickswissen durch Vorlesungen und ein intensiveres Angebot an Übungsmöglichkeiten,
beispielsweise exemplarisch Zugangsweisen zu literarischen Phänomenen zu erproben."
Doch um beides bewältigen zu können, benötigen die Abiturienten schon an ihren jeweiligen Schulen eine optimale Studienvorbereitung. Gegenwärtig jedoch bleibt das eine Wunschvorstellung der Fachwissenschaftler. Sie stoßen nämlich in ihrer Lehrtätigkeit beständig auf eminente Defizite schon bei Grundkenntnissen zur deutschen Sprache. Abhilfe könnte möglicherweise der von anwesenden Lehrern geforderte Desiderata-Katalog schaffen.
Nach Ansicht Brigitte Krügers erfüllte die Veranstaltung die an sie gestellten Erwartungen. „Es sollte in Potsdam ein Forum geschaffen werden", so die Mitorganisa- torin, „auf dem unterschiedliche Modelle des Grundstudiums austauschbar gemacht und Konfliktfelder benannt werden". Das sei geschehen. Auch Einzelfragen zur Vergleichbarkeit und zum Definitionsbedarf von Lehrformen und Bewertungskriterien mit dem Ziel der Erleichterung eines Hochschulstandortwechsels schon im Grundstudium hätten andebattiert werden können. Weiterer Klärungsbedarf stehe jedoch noch aus. Das beträfe nicht zuletzt die Differenzierung des Faches bei grundsätzlicher Bejahung vorhandener Spezialisierungen der einzelnen Einrichtungen. In diesem Kontext versichert Krüger: ,jWir wollen durchaus keine Dubletten liefern, Unikate soll es auch weiter geben." RG.
PUTZ 3/96