Heft 
(1.1.2019) 03
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WETTLAUF MIT DER ZEIT

Jüdische Überlebende des Holocaust berichten

Ein Gedicht nach Auschwitz zu verfassen, ist nach Meinung des deutsch-jüdischen Philosophen Theodor Adorno barbarisch. Der amerikanische Schriftsteller Elie Wiesel fragt: ,Wie ist es möglich, darüber zu reden? Wie ist es möglich, darüber nicht zu reden? Trotz aller Zweifel und persönlicher Zwiespalte haben sich Überlebende der Shoah dennoch ent­schlossen, für das VideoprojektArchiv der Erinnerung über ihre Erlebnisse zu erzählen.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten allein in Potsdam 470 Juden, nach 1943 kein einziger mehr. Sechs Millionen wurden in Kon­zentrations- und Vernichtungslagern ermor­det. Diejenigen, die die Ausrottungspolitik der Na­zis überstanden, sind heute in einem fortgeschrittenen Lebensalter. Es gleicht also einem Wettlauf mit der Zeit, ihre Erinnerungen aufzube­wahren.Ich halte es für un­sere Pflicht, daß wir diese Aufgabe übernommen ha­ben, erläuterte Prof. Dr. Ju­lius H. Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jü­dische Studien an der Uni­versität Potsdam, die Motive für seine Aktivitäten. Seit 1995 leitet er das Oral- history-ProjektArchiv der Erinnerung gemeinsam mit Prof. Dr. Geoffry Hart­mann von der Yale Umver- sity/ USA.

Im Rahmen des Vorhabens soll die Geschichte der na­tionalsozialistischen Verfol­gung aus dem Blickwinkel jüdischer Überlebender ins­besondere des Raumes Berlin-Brandenburg doku­mentiert werden. Auf diese Weise treten die Beteiligten auch gegen jene Kräfte auf, die einen Schlußstrich unter die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ziehen oder eine Umbewertung der Geschichte vornehmen wollen.

Kürzlich übergaben nun die Wissenschaftler 33 der bis­her 45 videographisch auf­gezeichneten Interviews mit 60- bis 85jährigen Überle­benden des Holocaust der

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Öffentlichkeit. Diese Zeitdokumente sind in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Kon- ferenz für jeden Interessierten zugänglich. Der Bezug zum Haus Nummer 56 bis 58 Am Großen Wannsee in Berlin stellt sich schnell her. Denn hier verhandelten am 20. Januar 1942 Spitzenbeamte der Ministerialbüro- kratie und der SS über die organisatorische Durchführung der Entscheidung, die Juden Europas in den Osten zu deportieren und zu ermorden.

Das in Deutschland einmalige Forschungs­projekt entsteht in Kooperation mit dem Fortunoff Video Archive for Holocaust Tfestimomes der Yale Umversity. Die Volks­wagen-Stiftung finanziert es. Über ihre Be­weggründe, sich zu beteiligen, sagte die

aus einem Berliner christlich-jüdischen El­ternhaus stammende 70jährige Gisela Mießner:Ich wollte meiner ermordeten Fa­milie väterlicherseits ein Andenken setzen." Selbst im engsten Verwandtenkreis habe sie lange Zeit nicht über das nach 50 Jahren kaum mehr vorstellbare Grauen reden kön­nen,Ich bin froh, daß ich das jetzt gemacht habe." Der 82 Jahre alte Julius Goldstern war Spanienkämpfer, Teilnehmer am Todesmarsch und ist gegenwärtig Vize­präsident des internationalen Auschwitz- Komitees. Für heutige und kommende Ge­nerationen möchte er die Einmaligkeit der Verbrechen aufgezeigt wissen. Und zwar nicht, um den Lebenden die Schuld daran anzulasten, sondern um die gemeinsame deutsche Geschichte wachzuhalten.

Die Projektkoordmatorm- nen Cathy Gelbin und Eva Lezzi fragten mit 18 weite­ren Interviewern aus dem universitären und thera­peutischen Bereich bewußt nach der gesamten Le­bensgeschichte. Damit ge­länge es, die durch den Holocaust hmterlassenen Brüche aufzudecken. Bei den oftmals viele Stunden andauernden Treffen stan­den weniger die Beantwor­tung von vorgegebenen Ragen im Vordergrund als vielmehr die zusammen­hängende Darstellung durch die Opfer.

Auszüge aus den mit mo­dernster Ttechnik und somit relativ zeitbeständig aufge­nommenen Videos setzten die beiden Wissenschaftle- rinnen bereits innerhalb des StudiengangesJüdi­sche Studien" an der Uni­versität Potsdam ein. Die dadurch erzielte Wirkung und das einsetzende Nach­denken erweise sich im Vergleich zur bloßen Dar­stellung geschichtlicher Fakten oftmals als wesent­lich nachhaltiger. B.E.

Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Am Großen Wannsee 56-58, 14109 Berlin, Telefon 030/ 805001-0, Öffnungszeiten: Di. bis Ft. 10 bis 18 Uhr, Sa. und So. 14 bis 18 Uhr

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Die aus gestapelten Gepäckstücken bestehende InstallationKlagemauer" erinnert an die m den Konzentrationslagern zurückgelassenen persönlichen Dinge der deportierten Menschen. Dieses Symbol für Flucht und Vertreibung schuf der 1926 in Italien geborene Fabio Maurr Er erlebte das Verschwinden seiner jüdischen Nachbarn mit. Gemeinsam mit weiteren Kunstwerken war dieses Exponat von Mitte Februar bis Mitte März 1996 im Potsdamer KulturhausAltes Rathaus" m der AusstellungAfter Auschwitz - Nach Auschwitz zu sehen. Foto: zg.

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