WETTLAUF MIT DER ZEIT
Jüdische Überlebende des Holocaust berichten
Ein Gedicht nach Auschwitz zu verfassen, ist nach Meinung des deutsch-jüdischen Philosophen Theodor Adorno barbarisch. Der amerikanische Schriftsteller Elie Wiesel fragt: ,Wie ist es möglich, darüber zu reden? Wie ist es möglich, darüber nicht zu reden?“ Trotz aller Zweifel und persönlicher Zwiespalte haben sich Überlebende der Shoah dennoch entschlossen, für das Videoprojekt „Archiv der Erinnerung“ über ihre Erlebnisse zu erzählen.
Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten allein in Potsdam 470 Juden, nach 1943 kein einziger mehr. Sechs Millionen wurden in Konzentrations- und Vernichtungslagern ermordet. Diejenigen, die die Ausrottungspolitik der Nazis überstanden, sind heute in einem fortgeschrittenen Lebensalter. Es gleicht also einem Wettlauf mit der Zeit, ihre Erinnerungen aufzubewahren. „Ich halte es für unsere Pflicht, daß wir diese Aufgabe übernommen haben“, erläuterte Prof. Dr. Julius H. Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam, die Motive für seine Aktivitäten. Seit 1995 leitet er das Oral- history-Projekt „Archiv der Erinnerung“ gemeinsam mit Prof. Dr. Geoffry Hartmann von der Yale Umver- sity/ USA.
Im Rahmen des Vorhabens soll die Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung aus dem Blickwinkel jüdischer Überlebender insbesondere des Raumes Berlin-Brandenburg dokumentiert werden. Auf diese Weise treten die Beteiligten auch gegen jene Kräfte auf, die einen Schlußstrich unter die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ziehen oder eine Umbewertung der Geschichte vornehmen wollen.
Kürzlich übergaben nun die Wissenschaftler 33 der bisher 45 videographisch aufgezeichneten Interviews mit 60- bis 85jährigen Überlebenden des Holocaust der
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Öffentlichkeit. Diese Zeitdokumente sind in der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Kon- ferenz für jeden Interessierten zugänglich. Der Bezug zum Haus Nummer 56 bis 58 Am Großen Wannsee in Berlin stellt sich schnell her. Denn hier verhandelten am 20. Januar 1942 Spitzenbeamte der Ministerialbüro- kratie und der SS über die organisatorische Durchführung der Entscheidung, die Juden Europas in den Osten zu deportieren und zu ermorden.
Das in Deutschland einmalige Forschungsprojekt entsteht in Kooperation mit dem Fortunoff Video Archive for Holocaust Tfestimomes der Yale Umversity. Die Volkswagen-Stiftung finanziert es. Über ihre Beweggründe, sich zu beteiligen, sagte die
aus einem Berliner christlich-jüdischen Elternhaus stammende 70jährige Gisela Mießner: „Ich wollte meiner ermordeten Familie väterlicherseits ein Andenken setzen." Selbst im engsten Verwandtenkreis habe sie lange Zeit nicht über das nach 50 Jahren kaum mehr vorstellbare Grauen reden können, „Ich bin froh, daß ich das jetzt gemacht habe." Der 82 Jahre alte Julius Goldstern war Spanienkämpfer, Teilnehmer am „Todesmarsch“ und ist gegenwärtig Vizepräsident des internationalen Auschwitz- Komitees. Für heutige und kommende Generationen möchte er die Einmaligkeit der Verbrechen aufgezeigt wissen. Und zwar nicht, um den Lebenden die Schuld daran anzulasten, sondern um die gemeinsame deutsche Geschichte wachzuhalten.
Die Projektkoordmatorm- nen Cathy Gelbin und Eva Lezzi fragten mit 18 weiteren Interviewern aus dem universitären und therapeutischen Bereich bewußt nach der gesamten Lebensgeschichte. Damit gelänge es, die durch den Holocaust hmterlassenen Brüche aufzudecken. Bei den oftmals viele Stunden andauernden Treffen standen weniger die Beantwortung von vorgegebenen Ragen im Vordergrund als vielmehr die zusammenhängende Darstellung durch die Opfer.
Auszüge aus den mit modernster Ttechnik und somit relativ zeitbeständig aufgenommenen Videos setzten die beiden Wissenschaftle- rinnen bereits innerhalb des Studienganges „Jüdische Studien" an der Universität Potsdam ein. Die dadurch erzielte Wirkung und das einsetzende Nachdenken erweise sich im Vergleich zur bloßen Darstellung geschichtlicher Fakten oftmals als wesentlich nachhaltiger. B.E.
Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Am Großen Wannsee 56-58, 14109 Berlin, Telefon 030/ 805001-0, Öffnungszeiten: Di. bis Ft. 10 bis 18 Uhr, Sa. und So. 14 bis 18 Uhr
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Die aus gestapelten Gepäckstücken bestehende Installation „Klagemauer" erinnert an die m den Konzentrationslagern zurückgelassenen persönlichen Dinge der deportierten Menschen. Dieses Symbol für Flucht und Vertreibung schuf der 1926 in Italien geborene Fabio Maurr Er erlebte das Verschwinden seiner jüdischen Nachbarn mit. Gemeinsam mit weiteren Kunstwerken war dieses Exponat von Mitte Februar bis Mitte März 1996 im Potsdamer Kulturhaus „Altes Rathaus" m der Ausstellung „After Auschwitz - Nach Auschwitz“ zu sehen. Foto: zg.
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