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(1.1.2019) 03
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VOM BILDUNGSWERT DER SOZIALWISSENSCHAFTEN

Prof. Dr. Günther C. Behrmann hielt seine Antrittsvorlesung

Seit mehreren Jahren arbeiten Mitglieder eines Forschungsprojektes an der Fielen Universität Berlin gegen die fixe Idee an, daß Sozio­logen und Politologen erst einmal einen Täxi-Schein machen soll­ten, um zukunftsfähig zu werden. Den Verbleibstudien zum Trotz, die nachweisen, daß Abgänger beider Disziplinen eine allenfalls Aka­demiker-durchschnittliche Erwerbslosigkeitsquote erwartet, hält sich die Vorstellung, daß das Wissen um Politik und Gesellschaft brotlos sei. Nach der Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Günther C. Behrmann aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät über den Bildungsauftrag und Bildungswert der Sozialwissenschaften wird dieser Mythos ver­ständlicher als Effekt des Spannungsverhältnisses zwischen Gründungsidee, Auftrag und institutioneller Einbettung der beiden Disziplinen.

Ihre Etablierung als Emzeldisziplin fördert die Vorstellung, es müsse sich diesen Diszi­plinen auch ein Beruf zuordnen lassen, wäh­rend sich jedoch Begründung, Ausrichtung und Selbstverständnis der Fächer wesent­lich auf ihr Verständnis als Bildungs- Wissenschaften zurückführen lassen. Sozio­logie und Politologie, die sich in ihrer eige­nen Geschichtsbildung gerne als Phönix aus der Asche des dritten Reiches verstehen, haben, so Behrmann, weitreichende Tradi­tionen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, wenn auch nicht als Einzeldiszipli­nen. Diese Tradition ist mit Namen wie Carl Schmitt und Hans Heller für die Politik­wissenschaft und Max Weber für die Sozio­logie nicht erschöpfend, doch überzeugend nachweisbar, die als umfassende Staats-,

Gesellschafts- und Politikwissenschaftler noch heute wichtige Theoriebildungen für Soziologie und Politologie anleiten.

Der Unterschied zwischen den heutigen Fächern und ihrer Geschichte besteht indes­sen dann, daß sie sich nach 1945 als verselb­ständigte Disziplinen neu institutionalisierten und sich seither in einem doppelten Span­nungsverhältnis befinden. Als Einzeldiszipli­nen und Spezialwissenschaften müssen Po­litologie und Soziologie sich mit einem eige­nen Gegenstandsbereich behaupten, ohne sich auf eine entsprechend spezialisierte Profession berufen zu können, als Bildungs­wissenschaften sind sie mit den Anspruch auf universelle Bedeutsamkeit für die demo­kratische Entwicklung der Gesellschaft kon­frontiert. Als Realwissenschaften haben sie

einen Neutralitäts- und Objektivitätsbedarf, den sie mit dem unvermeidlich zur Bildung gehörenden praktischen Wertungen verein­baren müssen.

Dieses Spannungsverhältnis, das auch heu­te die Disziplinen und ihre Didaktik prägt, rührt aus der Debatte nach den zwei Welt­kriegen. Bereits in der Weimarer Republik verarbeitete der Kultur- und Wissenschafts­politiker Carl Heinrich Becker die Kriegs­erfahrungen hochschulpolitisch mit der Forderung nach einer synthese-fähigen Wissenschaft, die er durch soziologische Lehrstühle an allen Hochschulen am ehe­sten gewährleistet sah. Dieser Bildungs- auftrag wurde nach dem zweiten Weltkrieg als Folge inhaltlicher Differenzen und bio­graphischer Gründe der Politikvfassen- schaft weitergereicht. Ihrer Neugründung lag die Auffassung der emigrierten und der nicht-emigrierten Gegner des Nationalso­zialismus zugrunde, daß eine demokrati­sche und republikanische Orientierung auf eine umfassende Fähigkeit zur politischen Urteilsbildung beruhen müsse, die durch politische Bildung zu entwickeln und zu för­dern sei. Für beide Disziplinen stellt sich daher heute der Anspruch, so Prof. Behr­mann, die Spannung zwischen Spezial- und Allgemeinwissen auszuhalten und didak­tisch zu verarbeiten. Petra Dobner

ÜBER DEN UMGANG MIT WIDERSPRÜCHEN

Die Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Ursula Drews

h~ »Die Grundschule ist gegenwärtig die beste und reformoffenste Schu-

- , le, die es gibt. Und sie ist die wichtigste Schule. Dennoch und gerade

deshalb sollte sich die Grundschule der Spannungen, mit denen sie es B*' zu tun hat, in besonderem Maße bewußt sein, sie aushalten können, aber

3**? . flRt. auch Orientierungen hieraus gewinnen. Diese Auffassung vertrat Prof. Z gf' JBBPH Dr. Ursula Drews, Inhaberin des Lehrstuhls Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Grundschulpädagogik in der Philosophischen Fäkultät n, in ihrer Antrittsvorlesung. Die Referentin gab ihrem Vortrag den Titel: .Widersprüche aushalten - grundschultypische Spannungsfelder in unserer Zeit.

Angeregt durch eine Begegnung mit Hellmut Becker und einem seiner Aufsätze mit dem Titel: Widersprüche aushalten, gnff die Hochschullehrerm damit ein Problemfeld auf, dem sie sich in ihrer wissenschaftlichen Ar­beit über viele Jahre hinweg widmete. Nicht zuletzt aber auch deshalb, weil es ihr wichtig ist,in einer Zeit der kritischen Selbstüber­prüfung wissenschaftlicher Identität dazu Stellung zu nehmen. Ursula Drews machte deutlich, daß man sich bei Problemen prak­tischen Handelns und des Umgangs mit Menschen beide einander gegenüberstehen­de Seiten (Ansichten) klarmachen müsse, um zu Handlungsentscheidungen gelangen zu können. Bezogen auf die Schule stimmt sie mit Flitner überein:Führen und VWchsen las­sen, Schützen und Exponieren, Verwöhnen

und Abhärten, systematisches Lernen und si­tuative Erfahrung stehen sich nicht als einan­der ausschließende Prinzipien gegenüber, sondern müssen zur gegenseitigen Korrektur mit bedacht und als Anforderung gegenein­ander abgewogen werden."

Mit einem Exkurs in dieGeschichte der Reflexion von Widersprüchen in der Pädago­gik der DDR zeigte die Professorin auf, daß hier einerseits Widersprüche mit einem Ne­gativ-Image versehen wurden, andererseits und parallel dazu sich aber auch dialektische Auffassungen entwickelten, die die Produkti­vität des Widerspruchs betonten. Zu den Ver­tretern dieser Richtung zählt sie sich auch selbst. Im Hauptteil der Vorlesung wandte Ursula Drews ihre Auffassung von der för­dernden Kraft der Widersprüche auf die

Grundschule an. Sie setzte sich mit grund- schultypischen Spannungsfeldern auseinan­der, wie der Eigenständigkeit versus der Vorbereitungsfunktion oder der Geschlossen­heit versus der Offenheit von Schule und Un­terricht. In der Argumentation zum Span­nungsfeld Eigenständigkeit versus Vor- bereitungsfunktion griff Drews ein Problem­feld auf, daß die divergierenden Auffassungen von Vertretern verschiedener Schulformen zum pädagogischen Auftrag der Grundschu­le ins Zentrum rückt. Um in vernünftiger Wei­se mit diesen Spannungen umgehen zu kön­nen, so Professor Drews, bedarf es der Kom­munikation. Die setze jedoch voraus, daß man um den jeweiligen Auftrag der anderen Schulform wisse, ihn ernst nehme und die eigenen Aufgaben nicht auf die andere Schu­le zu projizieren versuche.

In einem weiteren Spannungsfeld stellte sie die Selbständigkeit des Kindes als Tatsache und Zielgröße gegenüber und diskutierte das Problem, wie sehr fragende und wis­sende Kinder wirklich gefragt seien. Ihre Konsequenz:Grundschule will die Selb­ständigkeit von Kindern befördern. Dazu muß sie zunächst die schon vorhandene aushalten lernen. Renate Heusinger

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