VOM BILDUNGSWERT DER SOZIALWISSENSCHAFTEN
Prof. Dr. Günther C. Behrmann hielt seine Antrittsvorlesung
Seit mehreren Jahren arbeiten Mitglieder eines Forschungsprojektes an der Fielen Universität Berlin gegen die fixe Idee an, daß Soziologen und Politologen erst einmal einen Täxi-Schein machen sollten, um zukunftsfähig zu werden. Den Verbleibstudien zum Trotz, die nachweisen, daß Abgänger beider Disziplinen eine allenfalls Akademiker-durchschnittliche Erwerbslosigkeitsquote erwartet, hält sich die Vorstellung, daß das Wissen um Politik und Gesellschaft brotlos sei. Nach der Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Günther C. Behrmann aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät über den Bildungsauftrag und Bildungswert der Sozialwissenschaften wird dieser Mythos verständlicher als Effekt des Spannungsverhältnisses zwischen Gründungsidee, Auftrag und institutioneller Einbettung der beiden Disziplinen.
Ihre Etablierung als Emzeldisziplin fördert die Vorstellung, es müsse sich diesen Disziplinen auch ein Beruf zuordnen lassen, während sich jedoch Begründung, Ausrichtung und Selbstverständnis der Fächer wesentlich auf ihr Verständnis als Bildungs- Wissenschaften zurückführen lassen. Soziologie und Politologie, die sich in ihrer eigenen Geschichtsbildung gerne als Phönix aus der Asche des dritten Reiches verstehen, haben, so Behrmann, weitreichende Traditionen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, wenn auch nicht als Einzeldisziplinen. Diese Tradition ist mit Namen wie Carl Schmitt und Hans Heller für die Politikwissenschaft und Max Weber für die Soziologie nicht erschöpfend, doch überzeugend nachweisbar, die als umfassende Staats-,
Gesellschafts- und Politikwissenschaftler noch heute wichtige Theoriebildungen für Soziologie und Politologie anleiten.
Der Unterschied zwischen den heutigen Fächern und ihrer Geschichte besteht indessen dann, daß sie sich nach 1945 als verselbständigte Disziplinen neu institutionalisierten und sich seither in einem doppelten Spannungsverhältnis befinden. Als Einzeldisziplinen und Spezialwissenschaften müssen Politologie und Soziologie sich mit einem eigenen Gegenstandsbereich behaupten, ohne sich auf eine entsprechend spezialisierte Profession berufen zu können, als Bildungswissenschaften sind sie mit den Anspruch auf universelle Bedeutsamkeit für die demokratische Entwicklung der Gesellschaft konfrontiert. Als Realwissenschaften haben sie
einen Neutralitäts- und Objektivitätsbedarf, den sie mit dem unvermeidlich zur Bildung gehörenden praktischen Wertungen vereinbaren müssen.
Dieses Spannungsverhältnis, das auch heute die Disziplinen und ihre Didaktik prägt, rührt aus der Debatte nach den zwei Weltkriegen. Bereits in der Weimarer Republik verarbeitete der Kultur- und Wissenschaftspolitiker Carl Heinrich Becker die Kriegserfahrungen hochschulpolitisch mit der Forderung nach einer synthese-fähigen Wissenschaft, die er durch soziologische Lehrstühle an allen Hochschulen am ehesten gewährleistet sah. Dieser Bildungs- auftrag wurde nach dem zweiten Weltkrieg als Folge inhaltlicher Differenzen und biographischer Gründe der Politikvfassen- schaft weitergereicht. Ihrer Neugründung lag die Auffassung der emigrierten und der nicht-emigrierten Gegner des Nationalsozialismus zugrunde, daß eine demokratische und republikanische Orientierung auf eine umfassende Fähigkeit zur politischen Urteilsbildung beruhen müsse, die durch politische Bildung zu entwickeln und zu fördern sei. Für beide Disziplinen stellt sich daher heute der Anspruch, so Prof. Behrmann, die Spannung zwischen Spezial- und Allgemeinwissen auszuhalten und didaktisch zu verarbeiten. Petra Dobner
ÜBER DEN UMGANG MIT WIDERSPRÜCHEN
Die Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Ursula Drews
h~ »Die Grundschule ist gegenwärtig die beste und reformoffenste Schu-
- , le, die es gibt. Und sie ist die wichtigste Schule. Dennoch und gerade
deshalb sollte sich die Grundschule der Spannungen, mit denen sie es B*' zu tun hat, in besonderem Maße bewußt sein, sie aushalten können, aber
3**? .‘ flRt. auch Orientierungen hieraus gewinnen.“ Diese Auffassung vertrat Prof. Z gf' JBBPH Dr. Ursula Drews, Inhaberin des Lehrstuhls Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Grundschulpädagogik in der Philosophischen Fäkultät n, in ihrer Antrittsvorlesung. Die Referentin gab ihrem Vortrag den Titel: .Widersprüche aushalten - grundschultypische Spannungsfelder in unserer Zeit“.
Angeregt durch eine Begegnung mit Hellmut Becker und einem seiner Aufsätze mit dem Titel: Widersprüche aushalten“, gnff die Hochschullehrerm damit ein Problemfeld auf, dem sie sich in ihrer wissenschaftlichen Arbeit über viele Jahre hinweg widmete. Nicht zuletzt aber auch deshalb, weil es ihr wichtig ist, „in einer Zeit der kritischen Selbstüberprüfung wissenschaftlicher Identität“ dazu Stellung zu nehmen. Ursula Drews machte deutlich, daß man sich bei Problemen praktischen Handelns und des Umgangs mit Menschen beide einander gegenüberstehende Seiten (Ansichten) klarmachen müsse, um zu Handlungsentscheidungen gelangen zu können. Bezogen auf die Schule stimmt sie mit Flitner überein: „Führen und VWchsen lassen, Schützen und Exponieren, Verwöhnen
und Abhärten, systematisches Lernen und situative Erfahrung stehen sich nicht als einander ausschließende Prinzipien gegenüber, sondern müssen zur gegenseitigen Korrektur mit bedacht und als Anforderung gegeneinander abgewogen werden."
Mit einem Exkurs in die „Geschichte“ der Reflexion von Widersprüchen in der Pädagogik der DDR zeigte die Professorin auf, daß hier einerseits Widersprüche mit einem Negativ-Image versehen wurden, andererseits und parallel dazu sich aber auch dialektische Auffassungen entwickelten, die die Produktivität des Widerspruchs betonten. Zu den Vertretern dieser Richtung zählt sie sich auch selbst. Im Hauptteil der Vorlesung wandte Ursula Drews ihre Auffassung von der fördernden Kraft der Widersprüche auf die
Grundschule an. Sie setzte sich mit grund- schultypischen Spannungsfeldern auseinander, wie der Eigenständigkeit versus der Vorbereitungsfunktion oder der Geschlossenheit versus der Offenheit von Schule und Unterricht. In der Argumentation zum Spannungsfeld Eigenständigkeit versus Vor- bereitungsfunktion griff Drews ein Problemfeld auf, daß die divergierenden Auffassungen von Vertretern verschiedener Schulformen zum pädagogischen Auftrag der Grundschule ins Zentrum rückt. Um in vernünftiger Weise mit diesen Spannungen umgehen zu können, so Professor Drews, bedarf es der Kommunikation. Die setze jedoch voraus, daß man um den jeweiligen Auftrag der anderen Schulform wisse, ihn ernst nehme und die eigenen Aufgaben nicht auf die andere Schule zu projizieren versuche.
In einem weiteren Spannungsfeld stellte sie die Selbständigkeit des Kindes als Tatsache und Zielgröße gegenüber und diskutierte das Problem, wie sehr fragende und wissende Kinder wirklich gefragt seien. Ihre Konsequenz: „Grundschule will die Selbständigkeit von Kindern befördern. Dazu muß sie zunächst die schon vorhandene aushalten lernen.“ Renate Heusinger
Seite 8
PUTZ 3/96