LEIDENSCHAFT IM ZEITALTER DER COOLNESS?
Zur Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Helene Harth
Man gibt sich gerne „cool“ heutzutage, von der Vernunft domestiziert, gesellschaftlich funktionali- siert. Liebe und Leidenschaft, das haben Flrau und Mann doch im Griff. Oder nicht? Die Romanistin und Prorektorin Prof. Dr. Helene Harth jedenfalls wurde in Anbetracht des durchschlagenden Erfolges einiger von Rauen verfaßter Gegenwartsromane, die um Leidenschaft und Liebe kreisen, mißtrauisch - und widmete sich zum großen Vergnügen des zahlreich erschienenen Publikums in ihrer Antrittsvorlesung dem Thema „Bonjour l’amour. Der Diskurs der Leidenschaft in der französischen Gegenwartsliteratur“.
Dafür, daß die vielbeschworene coolness möglicherweise nur zur Schau getragen würde, spricht nach Ansicht von Helene Harth jedenfalls der jüngst beobachtete Modernisierungsschub unserer Gesellschaft, infolgedessen sich die traditionellen Rollenmuster der Geschlechter auflösten und den Einzelnen übrigließen. Individualisierungsdruck und Ratlosigkeit entstünden, Beziehungsarbeit sei angesagt, man suche
Schutz im „Du". Die Rolle wiederum, die Literatur in diesem Prozeß spielen kann, stellte für die Romanistin einen weiteren Grund dafür dar, sich mit dem Thema der Liebe und Leidenschaft heute zu beschäftigen. Eine Antwort auf ihre Fragen suchte sie in Anme Ernaux „Passion simple“, Benoite Groults „Salz auf unserer Haut“ und Margu- ente Duras „Der Liebhaber". Ihr Fazit: In der „Passion simple“ ermöglicht die Liebe existentielle Grenzerfahrung. Der Leidenschaft wird seitens der Erzählerin A. welterschließende FUnktion und globale Sinndeutung zugeschrieben, indem sie alles nur auf ihn - den Geliebten - bezieht und durch ihn an Grenzen stößt, die ihr neue Welten eröffnen. Doch die Geschichte endet tragisch: Er ist verheiratet und will es auch bleiben.
In Benoite Groults Roman „Salz auf unserer Haut“ ist von solcher Tragik nichts zu spüren. Hier wird stattdessen ein erotisches Gefolgschaftsverhältnis zwischen dem männlichen Prachtkerl Gawain und der wohlsituierten Intellektuellen George beschrieben. Die sozial sehr unterschiedlich gestellten Protagonisten „haben einander verführt, indem sie sich der Sünde Dideldum hingaben. Um Dideldum zu machen, haben sie sich quer über den Erdball verfolgt“, skizzierte Helene Harth den Sachverhalt. Von zerstörerischer Leidenschaft
allerdings keine Spur, eher kommt ihr bei Groult - so die Romanistin - der Charakter eines wohl dosierbaren Lebenselexiers zu, das man in geziehmenden Abständen zu sich nimmt, um sich der eigenen Vitalität zu versichern.
Ganz anders Marguerite Duras in „Der Liebhaber" . Obwohl auch hier die Leidenschaft im Mittelpunkt steht, verliert die Autorin fast kein Wort über sie. Im Zentrum des Ganzen steht zwar die sinnliche Liebe eines älteren reichen Chinesen zu dem 15jährigen weißen „Kind“, doch um diese Leidenschaft auszusprechen, reicht nach Ansicht der Schriftstellerin unsere Sprache nicht aus. Auch sind Liebe und Leidenschaft bet ihr keine existentiellen Erfahrungen mehr, die man gegen die Stereotypie des Alltags leben kann. „Sie sind vielmehr ausgesparte Absolute, die an die Stelle früherer Gotterfahrung getreten sind“, charakterisierte Helene Harth die Rolle der Liebe in diesem Roman.
Obwohl die Darstellung von Leidenschaft also bei den drei Schriftstellerinnen ganz unterschiedlich aussieht, beweisen sie nach Ansicht von Helene Harth jeweils auf ihre Weise, „daß die Menschen offenbar auch heute noch unbelehrbar dem Phantom einer absoluten Leidenschaft hinterherjagen“ . Der Literatur wiederum käme dabei eine orientierende Schlüsselrolle zu. Hg.
DAS LÄCHELN IST DEM NACHDENKEN GEWICHEN
Tagung zu Grundschulreform und Koedukationsdebatte
Die gemeinsame Erziehung von jungen und Mädchen stellt seit über einem halben Jahrhundert hierzulande Normalität dar. Gerade deshalb gelte es nach Auffassung von Dr. Marlies Hempel, Institut für Grundschulpädagogik, das vermeintlich Selbstverständliche zu hinterfragen. Es sei verstärkt danach zu forschen, ob sich die Arbeitsweise in der Grundschule tatsächlich so vollzieht, daß sie bei allen Kindern wesentliche R>rmen des Dialogs, der Interpretation und der Gestaltung der Welt erschließen hilft und die dazu erforderlichen Kompetenzen ausbildet.
Im Rahmen der Grundschulreform sind die Ergebnisse der feministischen Schulforschung zwar in die Erörterungen einbezogen, trotzdem „zeigt der aktuelle Diskussionsstand, daß der Zusammenhang von Bildungsreform und Geschlechterverhältnissen kaum reflektiert wird“, dies ist nicht nur die Meinung von Marlies Hempel. Auch angesichts der Defizite initiierte sie deshalb die Ende Januar 1996 an der Universität Potsdam veranstaltete Forschungstagung „Grundschulreform und Koedukationsdebatte". Über 100 Teilnehmer aus
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So stellt sich die zehnjährige Lissy ihr Leben und ihre Arbeit in 20 Jahren vor.
Wissenschaft und Praxis folgten der Einladung. Um für die Reform der Grundschule im Kontext von Grundschul- und Rauenforschung eine neue anregende Perspektive zu geben, trat die Wissenschaftlerin bewußt an jene Fachleute heran, die sich bis
her weniger mit dieser Problematik auseinandersetzten. Das Ziel der Veranstaltung bestand hauptsächlich darin, die soziale Kategorie „Geschlecht" im Lehramtsstudium aufzugreifen und für die Schulpraxis Akzente einer geschlechterbewußten Pädagogik zu setzen. Die Ergebnisse der Schulforschung in den vergangenen 20 Jahren belegen nach Auffassung der Beteiligten eindeutig, daß eine unreflektierte Koedukation allem noch kein Garant für die Verwirklichung tatsächlicher Chancengleichheit beider Geschlechter darstellt. Die „heimlichen Lehrpläne“ der Geschlechtererziehung förderten eher die Anpassung sowohl der Mädchen als auch der Jungen an herrschende Geschlechtsrollenstereotype als sie zu überwinden. Dies werfe die bildungspolitisch und erziehungswissenschaftlich Fortsetzung nächste Seite
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