Heft 
(1.1.2019) 03
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LEIDENSCHAFT IM ZEITALTER DER COOLNESS?

Zur Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Helene Harth

Man gibt sich gerne cool heutzutage, von der Vernunft do­mestiziert, gesell­schaftlich funktionali- siert. Liebe und Lei­denschaft, das haben Flrau und Mann doch im Griff. Oder nicht? Die Romanistin und Prorektorin Prof. Dr. Helene Harth jeden­falls wurde in Anbetracht des durchschla­genden Erfolges einiger von Rauen ver­faßter Gegenwartsromane, die um Leiden­schaft und Liebe kreisen, mißtrauisch - und widmete sich zum großen Vergnügen des zahlreich erschienenen Publikums in ihrer Antrittsvorlesung dem ThemaBon­jour lamour. Der Diskurs der Leidenschaft in der französischen Gegenwartsliteratur.

Dafür, daß die vielbeschworene coolness möglicherweise nur zur Schau getragen würde, spricht nach Ansicht von Helene Harth jedenfalls der jüngst beobachtete Modernisierungsschub unserer Gesell­schaft, infolgedessen sich die traditionellen Rollenmuster der Geschlechter auflösten und den Einzelnen übrigließen. Individuali­sierungsdruck und Ratlosigkeit entstünden, Beziehungsarbeit sei angesagt, man suche

Schutz imDu". Die Rolle wiederum, die Li­teratur in diesem Prozeß spielen kann, stell­te für die Romanistin einen weiteren Grund dafür dar, sich mit dem Thema der Liebe und Leidenschaft heute zu beschäftigen. Eine Antwort auf ihre Fragen suchte sie in Anme ErnauxPassion simple, Benoite GroultsSalz auf unserer Haut und Margu- ente DurasDer Liebhaber". Ihr Fazit: In der Passion simple ermöglicht die Liebe exi­stentielle Grenzerfahrung. Der Leidenschaft wird seitens der Erzählerin A. welter­schließende FUnktion und globale Sinndeu­tung zugeschrieben, indem sie alles nur auf ihn - den Geliebten - bezieht und durch ihn an Grenzen stößt, die ihr neue Welten eröff­nen. Doch die Geschichte endet tragisch: Er ist verheiratet und will es auch bleiben.

In Benoite Groults RomanSalz auf unserer Haut ist von solcher Tragik nichts zu spü­ren. Hier wird stattdessen ein erotisches Gefolgschaftsverhältnis zwischen dem männlichen Prachtkerl Gawain und der wohlsituierten Intellektuellen George be­schrieben. Die sozial sehr unterschiedlich gestellten Protagonistenhaben einander verführt, indem sie sich der Sünde Dideldum hingaben. Um Dideldum zu ma­chen, haben sie sich quer über den Erdball verfolgt, skizzierte Helene Harth den Sach­verhalt. Von zerstörerischer Leidenschaft

allerdings keine Spur, eher kommt ihr bei Groult - so die Romanistin - der Charakter eines wohl dosierbaren Lebenselexiers zu, das man in geziehmenden Abständen zu sich nimmt, um sich der eigenen Vitalität zu versichern.

Ganz anders Marguerite Duras inDer Lieb­haber" . Obwohl auch hier die Leidenschaft im Mittelpunkt steht, verliert die Autorin fast kein Wort über sie. Im Zentrum des Ganzen steht zwar die sinnliche Liebe eines älteren reichen Chinesen zu dem 15jährigen weißen Kind, doch um diese Leidenschaft auszu­sprechen, reicht nach Ansicht der Schriftstel­lerin unsere Sprache nicht aus. Auch sind Liebe und Leidenschaft bet ihr keine existen­tiellen Erfahrungen mehr, die man gegen die Stereotypie des Alltags leben kann.Sie sind vielmehr ausgesparte Absolute, die an die Stelle früherer Gotterfahrung getreten sind, charakterisierte Helene Harth die Rolle der Liebe in diesem Roman.

Obwohl die Darstellung von Leidenschaft also bei den drei Schriftstellerinnen ganz unterschiedlich aussieht, beweisen sie nach Ansicht von Helene Harth jeweils auf ihre Weise,daß die Menschen offenbar auch heute noch unbelehrbar dem Phan­tom einer absoluten Leidenschaft hinterher­jagen . Der Literatur wiederum käme dabei eine orientierende Schlüsselrolle zu. Hg.

DAS LÄCHELN IST DEM NACHDENKEN GEWICHEN

Tagung zu Grundschulreform und Koedukationsdebatte

Die gemeinsame Erziehung von jungen und Mädchen stellt seit über einem hal­ben Jahrhundert hierzulande Normalität dar. Gerade deshalb gelte es nach Auffas­sung von Dr. Marlies Hempel, Institut für Grundschulpädagogik, das vermeintlich Selbstverständliche zu hinterfragen. Es sei verstärkt danach zu forschen, ob sich die Arbeitsweise in der Grundschule tat­sächlich so vollzieht, daß sie bei allen Kindern wesentliche R>rmen des Dialogs, der Interpretation und der Gestaltung der Welt erschließen hilft und die dazu erfor­derlichen Kompetenzen ausbildet.

Im Rahmen der Grundschulreform sind die Ergebnisse der feministischen Schulfor­schung zwar in die Erörterungen einbezo­gen, trotzdemzeigt der aktuelle Dis­kussionsstand, daß der Zusammenhang von Bildungsreform und Geschlechter­verhältnissen kaum reflektiert wird, dies ist nicht nur die Meinung von Marlies Hempel. Auch angesichts der Defizite initiierte sie deshalb die Ende Januar 1996 an der Uni­versität Potsdam veranstaltete Forschungs­tagungGrundschulreform und Koeduka­tionsdebatte". Über 100 Teilnehmer aus

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So stellt sich die zehnjährige Lissy ihr Leben und ihre Arbeit in 20 Jahren vor.

Wissenschaft und Praxis folgten der Einla­dung. Um für die Reform der Grundschule im Kontext von Grundschul- und Rauen­forschung eine neue anregende Perspekti­ve zu geben, trat die Wissenschaftlerin be­wußt an jene Fachleute heran, die sich bis­

her weniger mit dieser Pro­blematik auseinandersetz­ten. Das Ziel der Veranstal­tung bestand hauptsächlich darin, die soziale Kategorie Geschlecht" im Lehramts­studium aufzugreifen und für die Schulpraxis Akzente einer geschlechterbewuß­ten Pädagogik zu setzen. Die Ergebnisse der Schul­forschung in den vergange­nen 20 Jahren belegen nach Auffassung der Beteiligten eindeutig, daß eine unreflek­tierte Koedukation allem noch kein Garant für die Ver­wirklichung tatsächlicher Chancengleichheit beider Geschlechter darstellt. Die heimlichen Lehrpläne der Geschlechtererziehung för­derten eher die Anpassung sowohl der Mädchen als auch der Jungen an herr­schende Geschlechtsrollenstereotype als sie zu überwinden. Dies werfe die bildungs­politisch und erziehungswissenschaftlich Fortsetzung nächste Seite

PUTZ 3/96

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