MUSIKPADAGOGIK IM GESPRÄCH
Ob sich denn die Mühe lohnt, einen ganzen Samstagvormittag mit Kolleginnen, Kollegen und der Studentenschaft über „unser täglich Brot“, den künstlerischen Unterricht zu reden, mag sich mancher gefragt haben, der sich im vergangenen Wintersemester auf den Weg nach Golm in den Kammermusiksaal zu einem Kolloquium über die „Entwicklungstendenzen in der Didaktik des künstlerischen Unterrichts“ begeben oder auch nicht begeben hat. Der unerwartet hohe Zuspruch von Teilnehmern zeigte dann doch, daß ein reges Interesse an einem solchen interdisziplinären Austausch besteht, und daß eine Fortsetzung dieses Beginns sehr zu wünschen ist.
Dazu angeregt hatten bereits vor einiger Zeit Mitglieder des Institutsrates, insbesondere Prof. Dr. Vera Cheim-Grützner und Dr. Michael Büttner. Nach einer gewissen Phase der Suche nach Neuorientierung in der künstlerischen einschließlich der musik- didaktischen Ausbildung schien es jetzt an der Zeit, Ergebnisse dieser Spurensuche zur Diskussion zu stellen.
Prof. Dr. Günther Eisenhardt, Geschäftsführender Direktor und Leiter des Lehrstuhles Musiktheorie, eröffnete mit seinen Ausführungen über „Methodische Versuche in der Ausbildung von Musiklehrern“ die Diskussion zu einem musikdidaktischen Dauerbrenner, dem Verhältnis von Musiktheorie und der Musikpraxis. Eine Neuorientierung in der Ausbildung auf dem Gebiet der Musiktheorie wurde insbesondere durch
die Einrichtung des Diplomstudienganges „Elementare Musikpädagogik“ erforderlich. Der Nachholbedarf an Kenntnissen zur historischen Entwicklung von Musiktheorie ist riesig und in dem vorgesehenen Studienplan kaum zu schaffen. Weitaus komplizierter scheint sich jedoch die Vermittlung von Methoden für den Umgang mit musiktheoretischem Wissen im Unterricht an Musikschulen oder im Musikunterricht allgemeinbildender Schulen zu gestalten. Hier stehen die Lehrkräfte nach eigener Einschätzung noch am Anfang einer zu entwickelnden Didaktik der Musiktheorie. Der Student Jens Greßler setzte in seinem Beitrag die musiktheoretische Ausbildung Musiktheone mit seinen eigenen Versuchen und Schwierigkeiten beim Vermitteln von Musiktheorie an Musikschüler ms Verhältnis. Seine engagierten Bemühungen zusammenfassend, berief er sich auf die bekannte Sentenz Robert Schumanns: Es ist des Lernens kein Ende.
Eine spezifische Ausprägung des Lernens, implizites Lernen, und seine Möglichkeiten im Gesangsunterricht, stellte Dr. Michael Büttner aus der Abteilung der Vokalen Ausbildung zur Diskussion. „Implizites Lernen“ ist ein „Lernen ohne Bewußtheit“, lautete seine Ausgangsthese, die er durch vielfältige Beispiele aus der Praxis des Gesangsunterrichts, der weitgehend als Bereich der Wahrnehmungserziehung angesehen wird, belegte. Ausführlich ging er auf die Verknüpfung von unterschiedlichen Reizen bei sinnlichen Wahrnehmungsprozessen ein und leitete daraus Schlußfolgerungen für
das Singenlernen ab. Detlef Pauligk und Gerd Zacher, beide Mitarbeiter der Abteilung Instrumentale Ausbildung, vermittelten aus ihren mehrjährigen Erfahrungen im Umgang mit Instrumentalschüler-Anfängern und mit Studenten ein lebendiges Bild ihrer Tätigkeit und ihrer Überlegungen zur Didaktik des Instrumentalspiels. Beide Referenten stießen dabei auch auf den Zusammenhang von Theoriekenntnis und Musik- praxis (wieviel Kenntnisse braucht man, um ein Instrument spielen zu lernen?), auf Probleme einer traditionell verwurzelten Mei- ster-Schüler-Beziehung im Einzelunterricht sowie auf Möglichkeiten der Freiarbeit, die der Instrumentalunterricht in vielfältiger Weise bietet. Daß die Methoden der Vermittlung nicht ausschließlich verbal bestimmt sein müssen, hoben die Vertreter der künstlerischen Disziplinen ausdrücklich hervor.
Dem Leiter der Abteilung Musikdidaktik, Prof. Dr. Günther Olias, oblag es, Überlegungen zum „Gestalten-Üben-Darstellen“ auf das Anliegen des Kolloquiums zu beziehen. Beziehungsreich stellte er Zusammenhänge zwischen dem Gestaltungsbegriff und der Konstruktivität künstlerischer Prozesse her, betrachtete den musikalischen Vorgang des Übens als Auseinandersetzung mit Vertrautem und Fremdem und bezog Darstellen auf musikalische Vorgänge des Öffnens und Schließens. Als Tendenz im musikdidaktischen Denken der Gegenwart kennzeichnete Olias das Bemühen um Integration und Integrität.
Eva-Maria Ganschinietz
RAUM FÜR KONTROVERSE DISKUSSIONEN
Seit mehreren Jahren wird im Historischen Institut der Universität Potsdam im Bereich der Lehrstühle Neuere Geschichte I und Zeitgeschichte ein nunmehr schon traditionelles Forschungskolloquium unter der Leitung von Dozent Dr. Kurt Adamy sowie der Professoren Dr. Manfred Görtemaker und Dr. Christoph Kleßmann durchgeführt. Im Rahmen dieser wöchentlich stattfindenden Veranstaltung erhalten Wissenschaftler, aber auch studentische Examenskandidaten die Möglichkeit, laufende Forschungsprojekte vor einem interessierten und kompetenten Publikum zur Diskussion zu stellen und kritisch hinterfragen zu lassen.
Die Themen berührten den gesamten Bereich der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, vor allem aber zeitgeschichtliche Aspekte, die unter sozial-, politik- oder auch militärgeschichtlichem Ansatz vorgestellt
wurden. Dabei ermöglichte die Zusammenarbeit mit dem Forschungsschwerpunkt für Zeithistorische Studien und dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt, die sich immer stärker entwickelt, interessante, zum Tteil sehr kontroverse Diskussionen zu den vorgestellten Arbeiten, die den Referenten wertvolle Hinweise und dem Publikum vielfältige Anregungen für die eigene Arbeit gaben.
Im Rahmen dieser Veranstaltung stellte kürzlich Christiane Winkel von der FU Berlin Ergebnisse ihrer Dissertation vor. Die von Professor Manfred Görtemaker betreute Arbeit zum Thema „Der amerikanischsowjetische Kompromißvorschlag zu Reparationen und deutscher Einheit 1946/47: Die amerikanische Position“ untersuchte die Außenpolitik Washingtons hinsichtlich der deutschlandpolitischen Kooperation bzw. Konfrontation mit der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg. Anhand bislang
unbearbeiteter amerikanischer und britischer Regierungsdokumente konnte Christiane Winkel dabei die Existenz eines amerikanisch-sowjetischen Reparationshandeis und seine politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen belegen und gleichzeitig die Gründe für das Scheitern des Kompromisses aufzeigen.
In der anschließenden Diskussion, die vor allem die Motive und Entscheidungspro- . zesse amerikanischer und bntischer Politik hinterfragte, wurde das gesamte Spannungsfeld der alliierten Besatzungspolitik in Deutschland deutlich, das letztlich erst nach einer Komplettierung durch die sowjetischen Dokumente vollständig darzustellen sein wird. Das Forschungskolloquium der Neueren Geschichte und Zeitgeschichte, das auch hierfür einen Rahmen bietet, wird angesichts des zunehmenden Echos auch im nächsten Semester fortgesetzt.
Birgit Kietzin
PUTZ 3/96
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