Heft 
(1.1.2019) 03
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MUSIKPADAGOGIK IM GESPRÄCH

Ob sich denn die Mühe lohnt, einen gan­zen Samstagvormittag mit Kolleginnen, Kollegen und der Studentenschaft über unser täglich Brot, den künstlerischen Unterricht zu reden, mag sich mancher gefragt haben, der sich im vergangenen Wintersemester auf den Weg nach Golm in den Kammermusiksaal zu einem Kollo­quium über dieEntwicklungstendenzen in der Didaktik des künstlerischen Unter­richts begeben oder auch nicht bege­ben hat. Der unerwartet hohe Zuspruch von Teilnehmern zeigte dann doch, daß ein reges Interesse an einem solchen in­terdisziplinären Austausch besteht, und daß eine Fortsetzung dieses Beginns sehr zu wünschen ist.

Dazu angeregt hatten bereits vor einiger Zeit Mitglieder des Institutsrates, insbeson­dere Prof. Dr. Vera Cheim-Grützner und Dr. Michael Büttner. Nach einer gewissen Pha­se der Suche nach Neuorientierung in der künstlerischen einschließlich der musik- didaktischen Ausbildung schien es jetzt an der Zeit, Ergebnisse dieser Spurensuche zur Diskussion zu stellen.

Prof. Dr. Günther Eisenhardt, Geschäftsfüh­render Direktor und Leiter des Lehrstuhles Musiktheorie, eröffnete mit seinen Ausfüh­rungen überMethodische Versuche in der Ausbildung von Musiklehrern die Diskus­sion zu einem musikdidaktischen Dauer­brenner, dem Verhältnis von Musiktheorie und der Musikpraxis. Eine Neuorientierung in der Ausbildung auf dem Gebiet der Musiktheorie wurde insbesondere durch

die Einrichtung des Diplomstudienganges Elementare Musikpädagogik erforder­lich. Der Nachholbedarf an Kenntnissen zur historischen Entwicklung von Musik­theorie ist riesig und in dem vorgesehenen Studienplan kaum zu schaffen. Weitaus komplizierter scheint sich jedoch die Ver­mittlung von Methoden für den Umgang mit musiktheoretischem Wissen im Unterricht an Musikschulen oder im Musikunterricht allgemeinbildender Schulen zu gestalten. Hier stehen die Lehrkräfte nach eigener Einschätzung noch am Anfang einer zu ent­wickelnden Didaktik der Musiktheorie. Der Student Jens Greßler setzte in seinem Bei­trag die musiktheoretische Ausbildung Musiktheone mit seinen eigenen Versuchen und Schwierigkeiten beim Vermitteln von Musiktheorie an Musikschüler ms Verhält­nis. Seine engagierten Bemühungen zu­sammenfassend, berief er sich auf die be­kannte Sentenz Robert Schumanns: Es ist des Lernens kein Ende.

Eine spezifische Ausprägung des Lernens, implizites Lernen, und seine Möglichkeiten im Gesangsunterricht, stellte Dr. Michael Büttner aus der Abteilung der Vokalen Aus­bildung zur Diskussion.Implizites Lernen ist einLernen ohne Bewußtheit, lautete seine Ausgangsthese, die er durch vielfäl­tige Beispiele aus der Praxis des Gesangs­unterrichts, der weitgehend als Bereich der Wahrnehmungserziehung angesehen wird, belegte. Ausführlich ging er auf die Ver­knüpfung von unterschiedlichen Reizen bei sinnlichen Wahrnehmungsprozessen ein und leitete daraus Schlußfolgerungen für

das Singenlernen ab. Detlef Pauligk und Gerd Zacher, beide Mitarbeiter der Abtei­lung Instrumentale Ausbildung, vermittel­ten aus ihren mehrjährigen Erfahrungen im Umgang mit Instrumentalschüler-Anfän­gern und mit Studenten ein lebendiges Bild ihrer Tätigkeit und ihrer Überlegungen zur Didaktik des Instrumentalspiels. Beide Re­ferenten stießen dabei auch auf den Zusam­menhang von Theoriekenntnis und Musik- praxis (wieviel Kenntnisse braucht man, um ein Instrument spielen zu lernen?), auf Pro­bleme einer traditionell verwurzelten Mei- ster-Schüler-Beziehung im Einzelunterricht sowie auf Möglichkeiten der Freiarbeit, die der Instrumentalunterricht in vielfältiger Weise bietet. Daß die Methoden der Ver­mittlung nicht ausschließlich verbal be­stimmt sein müssen, hoben die Vertreter der künstlerischen Disziplinen ausdrück­lich hervor.

Dem Leiter der Abteilung Musikdidaktik, Prof. Dr. Günther Olias, oblag es, Überle­gungen zumGestalten-Üben-Darstellen auf das Anliegen des Kolloquiums zu bezie­hen. Beziehungsreich stellte er Zusammen­hänge zwischen dem Gestaltungsbegriff und der Konstruktivität künstlerischer Pro­zesse her, betrachtete den musikalischen Vorgang des Übens als Auseinanderset­zung mit Vertrautem und Fremdem und bezog Darstellen auf musikalische Vorgän­ge des Öffnens und Schließens. Als Ten­denz im musikdidaktischen Denken der Gegenwart kennzeichnete Olias das Bemü­hen um Integration und Integrität.

Eva-Maria Ganschinietz

RAUM FÜR KONTROVERSE DISKUSSIONEN

Seit mehreren Jahren wird im Histori­schen Institut der Universität Potsdam im Bereich der Lehrstühle Neuere Ge­schichte I und Zeitgeschichte ein nun­mehr schon traditionelles Forschungs­kolloquium unter der Leitung von Dozent Dr. Kurt Adamy sowie der Professoren Dr. Manfred Görtemaker und Dr. Christoph Kleßmann durchgeführt. Im Rahmen die­ser wöchentlich stattfindenden Veranstal­tung erhalten Wissenschaftler, aber auch studentische Examenskandidaten die Möglichkeit, laufende Forschungspro­jekte vor einem interessierten und kom­petenten Publikum zur Diskussion zu stel­len und kritisch hinterfragen zu lassen.

Die Themen berührten den gesamten Be­reich der Geschichte des 19. und 20. Jahr­hunderts, vor allem aber zeitgeschichtliche Aspekte, die unter sozial-, politik- oder auch militärgeschichtlichem Ansatz vorgestellt

wurden. Dabei ermöglichte die Zusammen­arbeit mit dem Forschungsschwerpunkt für Zeithistorische Studien und dem Militär­geschichtlichen Forschungsamt, die sich immer stärker entwickelt, interessante, zum Tteil sehr kontroverse Diskussionen zu den vorgestellten Arbeiten, die den Referenten wertvolle Hinweise und dem Publikum viel­fältige Anregungen für die eigene Arbeit gaben.

Im Rahmen dieser Veranstaltung stellte kürzlich Christiane Winkel von der FU Ber­lin Ergebnisse ihrer Dissertation vor. Die von Professor Manfred Görtemaker betreu­te Arbeit zum ThemaDer amerikanisch­sowjetische Kompromißvorschlag zu Repa­rationen und deutscher Einheit 1946/47: Die amerikanische Position untersuchte die Außenpolitik Washingtons hinsichtlich der deutschlandpolitischen Kooperation bzw. Konfrontation mit der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg. Anhand bislang

unbearbeiteter amerikanischer und briti­scher Regierungsdokumente konnte Chri­stiane Winkel dabei die Existenz eines ame­rikanisch-sowjetischen Reparationshandeis und seine politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen belegen und gleichzeitig die Gründe für das Scheitern des Kompro­misses aufzeigen.

In der anschließenden Diskussion, die vor allem die Motive und Entscheidungspro- . zesse amerikanischer und bntischer Politik hinterfragte, wurde das gesamte Span­nungsfeld der alliierten Besatzungspolitik in Deutschland deutlich, das letztlich erst nach einer Komplettierung durch die sowje­tischen Dokumente vollständig darzustellen sein wird. Das Forschungskolloquium der Neueren Geschichte und Zeitgeschichte, das auch hierfür einen Rahmen bietet, wird angesichts des zunehmenden Echos auch im nächsten Semester fortgesetzt.

Birgit Kietzin

PUTZ 3/96

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