, j-■ .t?
MUSIKANALYSE - EIN „TROCKENES THEMA"?
Anläßlich des 20jährigen Bestehens des Institutes für Musik und Musikpädagogik der Pädagogischen Hochschule bzw. der Universität Potsdam wurde ein musikwissenschaftliches Kolloquium zum Thema „Musikanalyse als Wissenschaftsdisziplin in der Ausbildung von Musiklehrern“ durchgeführt. Diese IV musikwissenschaftliche Konferenz setzte auch eine erfolgreiche Tradition der Forschungsarbeit an der Universität fort, wie Prof. Dr. Otto Dobslaff, Forschungsbeauftragter der Philosophischen Fakultät II, in seiner Eröffnungsrede erwähnte.
In den Vorträgen waren vor allem zwei Grundprobleme erkennbar: der Stellenwert der Musikanalyse als Wissenschaftsdisziplin und als Bestandteil der musikpädagogischen Ausbildung an Universitäten. So berichtete Prof. Dr. Peter Rummenhöller, Lehrstuhlinhaber Musikwissenschaft, von Erfahrungen mit dem Fach Musikanalyse an der Hochschule der Künste Berlin. In den Prüfungen zum Fach wird der oder die Studierende mit einem musikalischen Werk von ca. zwei bis drei Minuten Länge konfrontiert, welches analysiert werden soll. Dabei sei es die Regel, daß sich die Aussagen der Prüf
linge auf solch formale Dinge wie Täktzahl, Tteiligkeit und Besetzung des Stückes beschränken. Der Referent demonstrierte hingegen an verschiedenen Tbnbeispielen, wie es möglich ist, sich über die „herausragenden physiognomischen Merkmale“ (d.A.), den „Essentials“ eines Musikstückes, diesem zu nähern und auf einem wesentlich umfassenderem Wege Analyse zu betreiben. Wie viele Gesichter das Feld der Analyse inne hat, betonte auch Prof. Dr. Gottfried Scholz, Leiter des Institutes für Musikanalytik an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien, der sich in seiner Darstellung über den Methodenpluralismus bei der Musikanalyse äußerte und anhand einer Vielzahl von Beispielen Sinn und Unsinn einzelner Methoden diskutierte. Mit diesen beiden Vorträgen wurde bereits ersichtlich, wie intensiv sich an vielen musikausbildenden Universitäten mit musikanalytischen Aspekten beschäftigt wird. Dementsprechend hoch sind auch die Bemühungen des Institutes für Musik der Universität Potsdam gewesen, ein Stundenkonzept zu schaffen, welches die Wichtigkeit des Faches Musikanalyse in der Lehreraus- und -Weiterbildung berücksichtigt, wie z.B. Institutsdirektor Prof. Dr. Günther Eisenhardt und Prof. Dr. Vera
Cheim-Grützner feststellten. Gerade in der Musiklehrerinnenausbildung müsse die Musikanalyse einen wichtigen Stellenwert einnehmen, werden doch später, in der musikpädagogischen Praxis, bei der Behandlung und Erschließung musikalischer Werke aller Gattungen analytische Tätigkeiten gefordert.
Prof. Dr. Günter Olias, Lehrstuhlinhaber Musikdidaktik der Universität Potsdam, sprach sich dafür aus, über musikalische Analyse Schülern Musik als erlebte Wirklichkeit nahe zu bnngen. Anhand zweier Beispiele aus der gegenwärtigen Musikszene ging er mit den Zuhörern auf „Spurensuche in Klanglandschaften“. In der anschließend kontroversen Diskussion betonte er die Wichtigkeit, Möglichkeiten zu schaffen, wissenschaftliche, künstlerische und soziale Belange von Musik zu vereinen sowie Schülern über das musikalische Kunstwerk ganz persönliche Sichtweisen des Komponisten zu vermitteln, unabhängig von der eigenen Akzeptanz der Musik. Musikanalyse also ein trockenes Thema?! Keineswegs, so urteilten die Tbilnehmer an dem Kolloquium und nahmen hoffentlich viele der differenzierten Anregungen mit in ihre eigene musikalische Praxis. Claudia Pauels
CHANCE FÜR EINE „VERSPÄTETE REGION"
Zum Berlin-Brandenburg-Projekt Heinz Klegers an der Uni
Ob die Länderehe von Berlin und Brandenburg „ zustandekommt, entscheidet
|t| | sich am S. Mai 1996. Wissen-
f f f f schaftliches Interesse führte den an der Universität Potsdam tätigen Schweizer Prof. Dr. Heinz Kleger schon vor längerer Zeit zu dieser Region. Bereits seit Oktober 1994 besteht an seinem Lehrstuhl für Politische Theorie in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ein Berlin-Brandenburg-Projekt.
Untersucht wurde zunächst der Aufbau einer gemeinsamen Landesplanung. Im Mittelpunkt standen dabei insbesondere die politisch-administrativen Bedingungen einer dezentral-konzentrierten Entwicklung, welche die Grundlage einer gemeinsamen Wachstumsregion bilden soll. Zahlreiche Anregungen in bezug auf Chancen und Schwierigkeiten einer „verspäteten Region“ Berlin-Brandenburg entstammen den Untersuchungen. Beispielsweise betrifft das die frühe Einbeziehung der Kommunen in die Landesplanung oder die Beobachtung der Umsetzung des Leitbildes „dezentrale Konzentration”. Auf die Offenlegung von Interessenkonstellationen und die Beseitigung von Koordinationsdefiziten zielten unter an
derem Experteninterviews mit Vertretern von Umweltministerium, Städte- und Kommunalverbänden, aber auch mit Bürgermeistern und Kreisräten. Parallel dazu werteten die Wissenschaftler amtliche Dokumente wie Gesetze und Verträge sowie Gutachten aus. Heinz Kleger verfolgt nun mit den von der Deutschen Forschungsgemeinschaft weiterfinanzierten Forschungen eine vergleichende Theone regionaler Handlungsfähigkeit in europäischen Stadtregionen.
Seit Mitte der achtziger Jahre erkenne man in europäischen Stadtregionen neue Handlungsweisen der politischen, administrativen und wirtschaftlichen Eliten. Den Versuch, regionale Handlungsfähigkeit herzustellen, beschreibt Heinz Kleger als Aufbau eines urbanen Regimes. Damit definiert er „die Fähigkeit der lokalen und regionalen Eliten, sich zu einem informellen, aber gleichwohl stabilen Netzwerk zusammenzuschließen, um über die gemeinsame Mobilisierung ihrer institutionellen Ressourcen Politikziele zu formulieren, Entscheidungen zu treffen und diese zu implementieren“. In diesem Kontext seien Verteilungsgerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Integration als Ziele sowie dezentrale Konzentration als Instrument der gemeinsamen Landesplanung von Berlin und Bran
denburg ein Ansatzpunkt für die Herstellung regionaler Handlungsfähigkeit. Bezogen auf Berlin-Brandenburg betrachtet es Prof. Kleger als spannend herauszufinden, wie sich der Stadt-Staat Berlin und der Flächenstaat Brandenburg in ihrer Ungleichheit relativ gleich entwickeln. Eine schematische Abgrenzung von Berlin als Stadt und dem Umland lehnt er allerdings ab. Es sei davon auszugehen, daß eine „einigermaßen vernünftige Wachstumsregion nur dann entstehen kann, wenn eine dezentrale Konzentration einsetzt“. Insofern hält er eine gemeinsame Landesplanung, ob mit oder ohne Fusion, für unabdingbar. Diese Kooperation gebe es ohnehin seit fünf Jahren, sie müsse fortgesetzt werden.
In der Möglichkeit, regionale mit europäischer Identität zu verknüpfen, erkennt der Wissenschaftler die große Chance der „verspäteten Region". Sie habe aufgrund ihrer geopolitischen Lage „als Osten des Westens und Westen des Ostens Europas“ den Vorteil, als „Transferknotenpunkt zwischen West- und Osteuropa" dienen zu können. Das Ineinanderschachteln von Konzepten der dezentralen Konzentration von Europa über die Nation und die Region bis hin zu den Städten und Kommunen ist dabei sein Vorschlag für ein Leitbild des Handelns. B.E.
Seite 14
PUTZ 3/96