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(1.1.2019) 03
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HORRORJOB LEHRER?

Studie zur Gesundheit im Lehrerberuf

Prof. Dr. Klaus Scheuch, Professor für Arbeits- und Sozialmedizin an der Technischen Universität Dresden, zeigte den Zuhörenden die Titelseite einer Ausgabe des Nach­richtenmagazinsDer Spiegel.Horrorjob und Lehrer war da zu lesen. Es geht um destruktive Schülerinnen und Schüler, um übervolle Lehrpläne und die den Problemen des Lehrerberufs ignorant gegenüberstehende Öffentlichkeit. An den letztgenannten Punkt knüpfte Prof. Scheuch in seinem VortragGesundheit und Belastung bei lehren­den Berufen nach dem gesellschaftlichen Umbruch, den er an der Universität Pots­dam hielt. In der arbeitsmedizinischen Diskussion um die gesundheitlichen Auswirkun­gen von Arbeit spielt der Lehrerberuf eine eher untergeordnete Rolle. Im Fokus der Arbeitswissenschaften stehen die klassischenkörperbetonten Berufe.

Statistiken zu Mortalität, allgemeiner Er­krankungswahrscheinlichkeit und Gesund­heitsrisiken von unterschiedlichen Berufs­gruppen weisen für Lehrerinnen und Lehrer sehr günstige Kennwerte aus: sie leben um Jahre länger als ihre Kollegen in der Produk­tion. Klaus Scheuch geht über diese globa­len Aussagen hinaus: Er entdeckt Gruppen von Krankheiten, unter denen gerade - und mit großem Vorsprung vor anderen Profes­sionen - die Lehrerinnen und Lehrer leiden, so Erkrankungen des Nervensystems, Neu­rosen und andere psychische Störungen. Diese wurden Anfang des Jahrhunderts mit dem Begriff derLehrerkrankheit" beschne- ben, heute mitBurn-Out" bezeichnet.

Der Referent trat als Gastredner im Kolloqui­umArbeit und Gesundheit" einer Veran­staltungsreihe des Instituts für Psychologie der Potsdamer Universität auf. Dort wird

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jetzigen Kalenderjahr. Die voraussichtliche Bau­est betrage bei der MPG circa 30, bei der Rraunho- jesellschaft 24 bis 28 Monate. Klärende Gesprä- zum Bebauungsplan hätte es zum "feil erst kürz­et zwischen Land, Gemeinde und Bauherren ge­ll :ien. Bei den einzelnen Projekten handele es sich ^wesentlichen um die Max-Planck-Institute für mo­lare Pflanzenphysiologie, für Gravitationsphysik 0 rie für Kolloid- und Grenzflächenforschung einer- ets und das Institut für angewandte Polymer- X ichung der Fraunhofer-Gesellschaft andererseits, S i Etablierung der Mathematisch-Naturwissen- d laftlichen Fakultät der Universität Potsdam am i( ichen Standort ist derzeit kaum umstritten. Das S enfalls versicherte noch vor wenigen Wochen H fan Brandt aus dem brandenburgischen Mim- H rium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, fcs Land habe zumindest finanzielle Planungsvor- d ge getroffen. Als erster Neubau werde ein auch 4 dernste Laboratorien beherbergendes Verfü- h igsgebäude entstehen.

^ ines Licht zum Gesamtvorhaben muß noch °ln Wissenschaftsrat kommen, Alle Beteiligten n 'arten deshalb mit Spannung dessen Empfehl­en zur Profilierung des Komplexes, aber auch Differenzierung im Zusammenhang mit ahn­en Berliner Einrichtungen. EG.

auch an einem Forschungsprojekt zur Streß- belastung von Lehrennnen und Lehrern ge­arbeitet. Denn Streß sehen Psychologen als die zentrale Ursache derLehrerkrankheit an. Der an der Schnittstelle zwischen Ar­beitspsychologie und Arbeitsmedizin arbei­tende Scheuch betrachtet die Quelle der emotionalen Belastung für Lehrende noch in einem anderen Bereich. Seine zentrale Forschungsfrage ist: Wie beeinflussen und verändern gesellschaftliche Rahmenbedin­gungen das Erleben von Arbeit und damit auch die Arbeitsgesundheit?

Deshalb führte Scheuch 1985 in Dresden eine Untersuchung zu Belastungsfaktoren im Lehrerberuf durch. Sie war Tteil einer auf zehn Jahre angelegten Längsschnittstudie, an der ursprünglich 659 Lehrerinnen und Lehrer teilnahmen. Mit der politischen Wen­de in der DDR veränderten sich die Rahmen­bedingungen für die Lehrberufe jedoch ebenso rasant wie für die arbeitsmedizini­sche Forschung, die, wie Scheuch beklagt, an Wichtigkeit einbüßte. Doch als eines der wenigen ostdeutschen Forschungsprojekte, die die Wendezeit überlebten, wurde die Längsschnittuntersuchung weitergeführt, ließ sich doch hier die Hypothese prüfen, daß gesellschaftliche Umbrüche eine Zu­nahme von Streßsymptomen wie die Lehrerkrankheit mit sich bringen. Eine populäre Spielart und Erweiterung dieser Hypothese ist die verbreitete Ansicht, daß sich mit dem Systembruch die Arbeitsbedin­gungen in Ostdeutschland generell ver­schlechtert hätten.

Der Wissenschaftler warnt davor, die Er­gebnisse seiner Studieunter politischen Gesichtspunkten zu vermarkten. Vielleicht hängt das damit zusammen, daß diese Er­gebnisse die Vermutung einer allgemeinen Nach-Wende-Depression nicht decken. Jedenfalls nicht für den Lehrerberuf. Scheuch stellte vielmehr fest, daß die erho­benen körperlichen und psychischen Streß- Indikatoren für Lehrerinnen und Lehrer nach 1989 im Mittel sogar einen Rückgang erlebten. Worauf diese Entwicklung aller­dings im Einzelnen zurückzuführen ist, bleibt im Dunkeln und den Spekulationen der Zuhörerschaft überlassen.

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Stehen Lehrer unter einem ganz besonderen Druck? Zeichnung: Oliver Ufeiss

Er selbst verweist auf die psychologische Definition des Streßbegriffs, die einen Verlust von Kompetenz und Kontrolle über die Um­welt als einen zentralen Streß-Auslöser be­schreibt. Das hieße also, daß die berufliche Selbständigkeit von Lehrerinnen und Leh­rern nachder Wende in entscheidendem Maße zunahm, was wiederum zum Abbau von Streßsymptomen geführt hätte. An die­sem Punkt bedarf die sozialmedizinische Forschung durch psychologische Methoden und Sichtweisen einer Ergänzung.

Dem Referenten gelang es an diesem Nachmittag in Potsdam nicht, eine andere Erklärung der Untersuchungsergebnisse gänzlich zu widerlegen: Von den 1985 un­tersuchten 659 Lehrerinnen und Lehrern war die Stichprobe 1993 auf 289 Teilneh­mende geschrumpft. Die Vermutung liegt nahe, daß sich zum großen Tteil nur diejeni­gen zur nochmaligen Untersuchung bereit­fanden, für die 1989 nicht das Ende der beruflichen Karriere und der bisherigen Lebenswelt, sondern das Ende von Gän­gelung und begrenzten beruflichen Mög­lichkeiten bedeutete. Immo FHtsche

PUTZ 3/96

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