NOCH KEINE SYMBIOSE
Stadt Potsdam und ihre Universität suchen gemeinsame Wege
„Die Universität wird, glaube ich, nur an den Rändern der Stadt wahrgenommen, eben dort, wo die Studenten auch leben und arbeiten. Im Zentrum der City weist nichts auf die Alma mater hin. Zu finden ist sie von diesem Standort aus aufgrund fehlender Beschilderung schon kaum. Auch an entsprechendem kulturellem Flair mangelt es.“ Soweit die Stimme Martina Haufs, Einwohnerin der Stadt Potsdam. Die Reihe ähnlicher während einer Straßenumfrage erfaßter Meinungen ließe sich fortsetzen. Grund genug für Politiker, Wissenschaftler wie auch Vertreter anderer Bereiche, sich der Thematik des Beziehungsgeflechts zwischen Hochschule und Landeshauptstadt verstärkt anzunehmen.
SIND SPRACHFUNKTIONEN IM GEHIRN LOKALISIERBAR?
Vor mehr als 17 Jahren schloß sich Prof. Dr. Ria De Bleser der interdisziplinären Forschungsgruppe „Aphasie und kognitive Störungen“ der Aachener Universität an.
Aus dieser Zeit resultiert die Zusammenarbeit der heutigen Geschäftsführenden Direktorin des Institutes für Linguistik/Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Potsdam mit ihrem „Mentor und Mäzen“, Prof. em. Dr. med. Klaus Poeck (Foto), dem damaligen Leiter der Universitätsklinik. Der Neurologe sprach kürzlich in einem von Studierenden und Wissenschaftlern gut besuchten Kolloqium dieses Institutes zum Thema „Sind Sprachfunktionen im menschlichen Gehirn lokalisierbar?“.
Das aus Medizinern, Psychologen, Linguisten und Logopäden bestehende Aachener Tteam beschäftigte sich seinerzeit mit den Auswirkungen des Verlustes des Sprachverständnisses infolge von Erkrankungen des Sprachzentrums im Gehirn. Wir haben Patienten unter anderem dahingehend untersucht herauszufinden, wo die Hirnschädigung innerhalb der Sprachregion lokalisiert ist", erläuterte Klaus Poeck den Arbeitsanteil der Mediziner. Bezugnehmend auf die im Thema formulierte Frage, antwortete der Ementus mit „jein“. Denn im Gehirn gäbe es eine über dem linken Ohr befindliche handflächengroße Sprachregion. Wenn diese eine Schädigung erleide, sei der Fätient in seinen Sprachfunktionen gestört. Aber innerhalb des Sprachzentrums habe sich keine Lokalisation für die Fähigkeit, syntaktische Konstruktionen zu bilden, Wörter zu finden oder mit Wörtern Gegenstände genauer zu beschreiben, feststellen lassen. „Das ist wohl auch unmöglich, weil das Sprachzentrum immer als Ganzes tätig wird und seine Verschaltungen so bildet, wie es die Aufgabe verlangt“, begründete der Referent die Forschungsergebnisse.
In der Arbeitsgruppe entwickelten die Beteiligten weiterhin Methoden, um Sprachstörungen nach Hirnschädigungen zu analysieren und zu behandeln. Auch vor diesem Hintergrund betrachtet der Mediziner das im Entstehen begriffene Therapie- und Beratungszentrum an der Universität Potsdam „als gar nicht hoch genug emzuschätzbar". 100 Jahre habe sich die Forschung nur damit befaßt, Sprachstörungen zu beschreiben. „Das ist so eine Art Schmetterlingssammlung. Wir dürfen dabei nicht vergessen, daß die betroffenen Menschen Leidende sind, denen mit sprachtherapeutischen Methoden in Zusammenarbeit mit Linguisten geholfen werden muß.“ B.E.
Zum Ausdruck kommt das Problem beispielsweise in einer vom „Potsdamer Forum: Verein für Stadtmarketing" in Auftrag gegebenen Studie der Kienbaum-Unternehmensberatung. Deren Ergebnisse liegen seit wenigen Monaten auf dem Tisch. Für Prof. Dr. Ingo Balderjahn, Vorsitzender des Vereins und gleichzeitig Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Marketing an der Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam, spielt neben der enthaltenen Stärken/Schwächen-Analyse und den Ansätzen zur Leitlinien-Entwicklung vor allem der avisierte Maßnahmekatalog dabei eine Rolle. Nach Ansicht des Wirtschaftswissenschaftlers berücksichtigt dieser insbesondere auch die Notwendigkeit der Kon- solidierungs- wie Entwicklungsmöglichkeiten der größten brandenburgischen akademischen Bildungsstätte. Deren Attraktivität weise derzeit jedoch noch Defizite auf.
Im Straßenbild des Potsdamer Zentrums sind Studierende eher die Ausnahme. Foto: Fritze
„Baustellen und nichtbesetzte Lehrstühle besitzen keine Ausstrahlungskraft“, so Balderjahn. Hier stehe auch das zuständige Wissenschaftsministerium in der Pflicht. Die Hochschule könne aber bereits jetzt in zwei Richtungen intensiver wirken: zum einen als Leistungsanbieter, nicht zuletzt über den Am Neuen Palais ansässigen Informations- und Tfechnologie-Tiransfer (PITT). „Diese Nahtstelle zwischen Stadt und Universität bedarf
unbedingt der weiteren Profilierung“, meint er. Zum anderen aber sei es nötig, der Bevölkerung verstärkt Einblick in das Forschungs- wie Lehrgeschehen zu vermitteln. Der Grund: die Potsdamer bemerkten „ihre“ Um derzeit noch zu wenig.
Das gilt nicht nur für die Bürger der brandenburgischen Metropole. Auch die Stadtverwaltung selbst übte sich in der Vergangenheit in Zurückhaltung. Änderung scheint jetzt allerdings in Sicht. Vor Monaten erst sprachen die Prorektoren der Alma mater mit Oberbürgermeister Dr. Horst Grämlich und dessen Beigeordneten für Bildung, Jugend und Sport, Claus Dobberke. Dem Informationsgespräch wohnten auch Mitglieder des Studentenrats bei (siehe dazu auch den Artikel „Intensivere Beziehung durchaus gewünscht" an anderer Stelle dieser PUTZ). Beide Seiten betonten während des Gedankenaustausches das Interesse an einer engeren Zusammenarbeit. „Im Augenblick jedenfalls läuft vieles noch nebeneinander, nicht koordiniert genug“, beschrieb Grämlich den aktuellen Ausgangszustand. Die noch zu bearbeitenden gemeinsamen Aufgabenfelder seien durchaus groß. Als ein Beispiel möglichen kooperativen Handelns nannte er die Mitwirkung des an der Uni bestehenden Kommunalwissenschaftlichen Instituts bei der Verwaltungsmodernisierung in seinem Hause. Hier gelte es schließlich, Qualitätszuwachs anzustreben.
Zusammenarbeit keine Einbahnstraße
Schon fruchtbar dagegen gestalten sich die Beziehungen zwischen Hochschule und örtlicher Industrie- und Handelskammer (IHK). Deren Hauptgeschäftsführer, Peter Egenter, wirkt gleichzeitig aktiv in der nunmehr circa 70 Mitglieder zählenden, von einem Mittlergedanken getragenen Universitätsgesellschaft. In vergangenen Jahren bot die IHK manche Hilfe an. „Das wird sie auch weiter tun“, versichert Egenter. Bisher beispielsweise seien Vorlesungen mitinitiiert, Sponsoren gewonnen worden, hätte es Unterstützung bei der Förderung der Bibliothek oder auch afrikanischer Studierender gegeben. Kontakte speziell zur Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät funktionierten bereits gut. In Zukunft wolle man eventuell auch das Zustan-
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