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(1.1.2019) 03
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UNTERSCHIEDLICHES STAATSVERSTÄNDNIS IN OST UND WEST?

Erste Ergebnisse der Potsdamer Elitestudie zu Karrieremobilität und Integration bundesdeutscher Führungskräfte

Bei ostdeutschen Führungskräften domi­niert im Jahre sechs der deutschen Verei­nigung eine Sozialstaatsvorstellung, die weit über die der sozialen Grundsiche­rung hinausgeht. Zu diesem Befund ge­langte eine Forschungsgruppe der Univer­sität Potsdam, die unter Leitung von Prof. Dr. Wilhelm Bürklin, Inhaber des Lehr­stuhlsPolitisches System der Bundesre­publik Deutschland/Innenpolitik, im Fhih- sommer vergangenen Jahres durch IN- FRATEST München eine Befragung der deutschen Führungsschicht durchführen ließ. Erste Ergebnisse der Studie, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wird, lassen auf ein un­terschiedliches Staatsverständnis ost- und westdeutscher Positionsinhaber schließen.

Vor allem die Auffassungen über den Um­fang des Sozialstaates differieren. Ange­sichts wachsender Finanzierungsprobleme staatlicher Leistungen sprachen sich 68% der gesamtdeutschen Führungsschicht da­für aus, daß der Staat Aufgaben abgeben soll. Hierin sind sich - mit Ausnahme der Gewerkschaftseilte - die Positionsinhaber aus den unterschiedlichsten Bereichen mehrheitlich einig. Allerdings findet die Reduzierung staatlicher Aufgaben nur bei 44% der ostdeutschen Positionselite Zustim­mung, die eine umfassende Verantwortlich­keit des Staates für wirtschaftliche Initiati­ven und eine breite Absicherung des Indi­viduums vor allen sozialen Risiken betont. Im Gegensatz dazu plädieren 71% ihrer westdeutschen Kollegen für eine Verringe­rung der staatlichen Aufgabenfülle. Dem Staat wird eher die Rolle des Moderators als des Initiators zugewiesen.

Die Ursachen für diese Unterschiede in der Beurteilung von Aufgabenfülle und Reform­bedarf basieren auf sektoralen und parteipo­litischen Differenzierungen. Von den 2341 befragten Führungskräften kommen 11,6% aus den neuen Bundesländern. Damit sind sie, gemessen an der Bevölkerungszahl, in der Elite unterrepräsentiert. Der Anteil Ost­deutscher variiert jedoch stark nach ver­schiedenen Sektoren. Vor allem in der Wirtschafts- und Verbandselite, in denen Ostdeutsche kaum vertreten sind, wird die Reduzierung staatlicher Aufgaben gefordert.

Parteipolitische Unterschiede

Diese sektoralen Unterschiede werden von einer parteipolitischen Trennungslinie über­lagert. In der Zusammensetzung der deut­schen Führungsschicht nach Rartei- onentierung überwiegen bei den Westdeut­schen mit 57% die Anhänger der Bonner Regierungskoalition, die zu mehr als 80% wünschen, daß der Staat von Aufgaben ent­

lastet wird. Bei den Parteianhängern der Ostdeutschen haben mit einem Anteil von 63% die politischen Parteien des linken Spektrums eine deutliche Mehrheit, wobei die Positionseilten mit Nähe zu Bündnis 90/ Die Grünen und zur PDS fast ausnahmslos im Bereich Politik anzutreffen sind. Die An­hänger von SPD, Bündnisgrünen und PDS sprechen sich dabei mit jeweils 50%, 47% beziehungsweise 4% tendenziell weniger für staatliche Aufgabenreduzierung aus. Ein Grund für das von der Potsdamer For­schungsgruppe konstatierte unterschiedli­che Problemverständnis von Ost- und West­deutschen in der bundesdeutschen Elite dürfte in der verschiedenartigen Karriere­prägung zu finden sein. Die Ergebnisse der acht Wissenschaftlerinnen und Wissen­schaftler machen deutlich, daß die Karrieren der ostdeutschen Führungskräfte durch tief­greifende Kontinuitätsbrüche gekennzeich­net sind.

Im Zuge der deutschen Vereinigung haben über drei Viertel der Ostdeutschen ihre Karriereschiene gewechselt.

Im Zuge der deutschen Vereinigung haben über drei Viertel der Ostdeutschen ihre Karriereschiene gewechselt, während spie- gelverkehrt drei Viertel der Westdeutschen ihren Karriereweg fortsetzen konnten. Die ostdeutschen Sektorwechsler stammen vor allem aus den DDR-Bereichen Wissen­schaft, Bildung und Soziale Dienstleistun­gen sowie Wirtschaft, aus DDR-Positionen also, in die sie in erster Linie durch akade­mische Fachkompetenz gelangt sind. Ent­sprechend überwiegen bei den angegebe­nen Studienabschlüssen der Ostdeutschen naturwissenschaftlich-technische Qualifika­tionen. Dies mag zum Tfeil erklären, warum ökonomische Expertise und ein differenzier­tes Problemverständnis der marktwirtschaft­lichen Ordnung bei der ostdeutschen Positionselite noch weitgehend fehlen.

Diezweite Reihe" drängt nach vorn

Gleichzeitig befinden sich unter den ostdeut­schen Positionsinhabern mehr als 90% Auf­steiger, die darüber hinaus einen größeren Sprung nach oben machten. Nicht einmal 8% zählten schon 1988 zur (DDR)-Elite. Au­ßerdem gaben 30% an, vor Oktober 1989 in einer der oppositionellen Gruppen tätig ge­wesen zu sein. Entgegen dem weitverbrei­teten Vorurteil, die Bürgerbewegungen sei­en die Einheitsverlierer gewesen, wird sicht­bar, daß auch Angehörige der Regimeop Position den Weg in die deutsche Positions­elite geschafft haben. Die Karrierewege Westdeutscher sind im Vergleich dazu von größerer Kontinuität gekennzeichnet: etwa

die Hälfte von ihnen bekleidete auch 1988 eine Eliteposition, während sich die andere Hälfte zu den Aufsteigern zählt. Eine Ge­meinsamkeit findet sich in dem mit 79% im Osten und 77% im Westen ähnlich hohen Akademikeranteil. Diese Zahlen sprechen dafür, daß eine unterhalb des Hochschul­abschlusses liegende Qualifikation den Zu­gang zur heutigen bundesdeutschen Posi- tionselite behindert.

Trotz unterschiedlicher Problemwahrneh­mungen und Karrierewege hat sich aller­dings die Einschätzung des Arbeitsverhält - nisses zwischen ostdeutschen und west­deutschen Führungskräften in der Bundes­republik verbessert. Je nach politischer Nei­gung zeigen sich zwar immer noch partei­politische Unterschiede in der Beurteilung des Arbeitsverhältnisses, die entlang der re­gionalen Herkunft noch verstärkt werden: Während vor allem Anhänger der Bonner Regierungsparteien in den neuen Bundes­ländern das Arbeitsverhältnis zwischen Führungskräften aus Ost und West als nor­mal bezeichnen, stehen Bündnis 90/Die Grünen und PDS der Bewertung etwas kri­tischer gegenüber. Dennoch, auch in der PDS sieht eine knappe Mehrheit die Ent­wicklung mittlerweile als positiv an.

Für die Einschätzung der Elitenkooperation in der Bundesrepublik wurde außerdem un­tersucht, wie dicht das Kontaktnetz unter den Führungsgruppen geknüpft ist. Strukturelle Asymmetrien in der regionalen Ausrichtung der Kontakte basieren vor allem darauf, daß die Zentralen, zum Beispiel in den Bereichen Politik und Verbandswesen, nach wie vor ih­ren Sitz in den alten Bundesländern haben. So haben nahezu alle Führungskräfte aus den neuen Ländern Kontakte zu Führungs­kräften in den westlichen Bundesländern, umgedreht jedoch nur knapp die Hälfte westdeutscher Positionsinhaber Kontakte mit Kollegen im Osten Deutschlands. Da sich die Zentren der Entscheidungsfindung noch in den alten Bundesländern befinden, hat sich für den Großteil der westdeutschen Füh­rungskräfte das Kommunikationsverhalten seit der Vereinigung kaum verändert, pm.

Selbst Moskau zeigt Interesse

Auf Einladung des Goethe-Instituts und des Instituts für Soziologie der Russischen Akade­mie für Wissenschaft (RAN) weilte Prof. Dr. Wilhelm Bürklm vom 27. bis 30. März in Mos­kau auf einer Tägung zum ThemaEliten­wechsel - eine historisch-vergleichende Ana­lyse zwischen dem gegenwärtigen Deutsch­land und Rußland. Er stellte dabei die Ergeb­nisse derPotsdamer Elitestudie vor und hielt einen Vortrag zum Thema:Einstellun­gen und Wertorientierungen der Elite im ver­einten Deutschland.

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PUTZ 3/96