UNTERSCHIEDLICHES STAATSVERSTÄNDNIS IN OST UND WEST?
Erste Ergebnisse der Potsdamer Elitestudie zu Karrieremobilität und Integration bundesdeutscher Führungskräfte
Bei ostdeutschen Führungskräften dominiert im Jahre sechs der deutschen Vereinigung eine Sozialstaatsvorstellung, die weit über die der sozialen Grundsicherung hinausgeht. Zu diesem Befund gelangte eine Forschungsgruppe der Universität Potsdam, die unter Leitung von Prof. Dr. Wilhelm Bürklin, Inhaber des Lehrstuhls „Politisches System der Bundesrepublik Deutschland/Innenpolitik“, im Fhih- sommer vergangenen Jahres durch IN- FRATEST München eine Befragung der deutschen Führungsschicht durchführen ließ. Erste Ergebnisse der Studie, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wird, lassen auf ein unterschiedliches Staatsverständnis ost- und westdeutscher Positionsinhaber schließen.
Vor allem die Auffassungen über den Umfang des Sozialstaates differieren. Angesichts wachsender Finanzierungsprobleme staatlicher Leistungen sprachen sich 68% der gesamtdeutschen Führungsschicht dafür aus, daß der Staat Aufgaben abgeben soll. Hierin sind sich - mit Ausnahme der Gewerkschaftseilte - die Positionsinhaber aus den unterschiedlichsten Bereichen mehrheitlich einig. Allerdings findet die Reduzierung staatlicher Aufgaben nur bei 44% der ostdeutschen Positionselite Zustimmung, die eine umfassende Verantwortlichkeit des Staates für wirtschaftliche Initiativen und eine breite Absicherung des Individuums vor allen sozialen Risiken betont. Im Gegensatz dazu plädieren 71% ihrer westdeutschen Kollegen für eine Verringerung der staatlichen Aufgabenfülle. Dem Staat wird eher die Rolle des Moderators als des Initiators zugewiesen.
Die Ursachen für diese Unterschiede in der Beurteilung von Aufgabenfülle und Reformbedarf basieren auf sektoralen und parteipolitischen Differenzierungen. Von den 2341 befragten Führungskräften kommen 11,6% aus den neuen Bundesländern. Damit sind sie, gemessen an der Bevölkerungszahl, in der Elite unterrepräsentiert. Der Anteil Ostdeutscher variiert jedoch stark nach verschiedenen Sektoren. Vor allem in der Wirtschafts- und Verbandselite, in denen Ostdeutsche kaum vertreten sind, wird die Reduzierung staatlicher Aufgaben gefordert.
Parteipolitische Unterschiede
Diese sektoralen Unterschiede werden von einer parteipolitischen Trennungslinie überlagert. In der Zusammensetzung der deutschen Führungsschicht nach Rartei- onentierung überwiegen bei den Westdeutschen mit 57% die Anhänger der Bonner Regierungskoalition, die zu mehr als 80% wünschen, daß der Staat von Aufgaben ent
lastet wird. Bei den Parteianhängern der Ostdeutschen haben mit einem Anteil von 63% die politischen Parteien des linken Spektrums eine deutliche Mehrheit, wobei die Positionseilten mit Nähe zu Bündnis 90/ Die Grünen und zur PDS fast ausnahmslos im Bereich Politik anzutreffen sind. Die Anhänger von SPD, Bündnisgrünen und PDS sprechen sich dabei mit jeweils 50%, 47% beziehungsweise 4% tendenziell weniger für staatliche Aufgabenreduzierung aus. Ein Grund für das von der Potsdamer Forschungsgruppe konstatierte unterschiedliche Problemverständnis von Ost- und Westdeutschen in der bundesdeutschen Elite dürfte in der verschiedenartigen Karriereprägung zu finden sein. Die Ergebnisse der acht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machen deutlich, daß die Karrieren der ostdeutschen Führungskräfte durch tiefgreifende Kontinuitätsbrüche gekennzeichnet sind.
Im Zuge der deutschen Vereinigung haben über drei Viertel der Ostdeutschen ihre Karriereschiene gewechselt.
Im Zuge der deutschen Vereinigung haben über drei Viertel der Ostdeutschen ihre Karriereschiene gewechselt, während spie- gelverkehrt drei Viertel der Westdeutschen ihren Karriereweg fortsetzen konnten. Die ostdeutschen Sektorwechsler stammen vor allem aus den DDR-Bereichen Wissenschaft, Bildung und Soziale Dienstleistungen“ sowie Wirtschaft“, aus DDR-Positionen also, in die sie in erster Linie durch akademische Fachkompetenz gelangt sind. Entsprechend überwiegen bei den angegebenen Studienabschlüssen der Ostdeutschen naturwissenschaftlich-technische Qualifikationen. Dies mag zum Tfeil erklären, warum ökonomische Expertise und ein differenziertes Problemverständnis der marktwirtschaftlichen Ordnung bei der ostdeutschen Positionselite noch weitgehend fehlen.
Die „zweite Reihe" drängt nach vorn
Gleichzeitig befinden sich unter den ostdeutschen Positionsinhabern mehr als 90% Aufsteiger, die darüber hinaus einen größeren Sprung nach oben machten. Nicht einmal 8% zählten schon 1988 zur (DDR)-Elite. Außerdem gaben 30% an, vor Oktober 1989 in einer der oppositionellen Gruppen tätig gewesen zu sein. Entgegen dem weitverbreiteten Vorurteil, die Bürgerbewegungen seien die Einheitsverlierer gewesen, wird sichtbar, daß auch Angehörige der Regimeop Position den Weg in die deutsche Positionselite geschafft haben. Die Karrierewege Westdeutscher sind im Vergleich dazu von größerer Kontinuität gekennzeichnet: etwa
die Hälfte von ihnen bekleidete auch 1988 eine Eliteposition, während sich die andere Hälfte zu den Aufsteigern zählt. Eine Gemeinsamkeit findet sich in dem mit 79% im Osten und 77% im Westen ähnlich hohen Akademikeranteil. Diese Zahlen sprechen dafür, daß eine unterhalb des Hochschulabschlusses liegende Qualifikation den Zugang zur heutigen bundesdeutschen Posi- tionselite behindert.
Trotz unterschiedlicher Problemwahrnehmungen und Karrierewege hat sich allerdings die Einschätzung des Arbeitsverhält - nisses zwischen ostdeutschen und westdeutschen Führungskräften in der Bundesrepublik verbessert. Je nach politischer Neigung zeigen sich zwar immer noch parteipolitische Unterschiede in der Beurteilung des Arbeitsverhältnisses, die entlang der regionalen Herkunft noch verstärkt werden: Während vor allem Anhänger der Bonner Regierungsparteien in den neuen Bundesländern das Arbeitsverhältnis zwischen Führungskräften aus Ost und West als normal bezeichnen, stehen Bündnis 90/Die Grünen und PDS der Bewertung etwas kritischer gegenüber. Dennoch, auch in der PDS sieht eine knappe Mehrheit die Entwicklung mittlerweile als positiv an.
Für die Einschätzung der Elitenkooperation in der Bundesrepublik wurde außerdem untersucht, wie dicht das Kontaktnetz unter den Führungsgruppen geknüpft ist. Strukturelle Asymmetrien in der regionalen Ausrichtung der Kontakte basieren vor allem darauf, daß die Zentralen, zum Beispiel in den Bereichen Politik und Verbandswesen, nach wie vor ihren Sitz in den alten Bundesländern haben. So haben nahezu alle Führungskräfte aus den neuen Ländern Kontakte zu Führungskräften in den westlichen Bundesländern, umgedreht jedoch nur knapp die Hälfte westdeutscher Positionsinhaber Kontakte mit Kollegen im Osten Deutschlands. Da sich die Zentren der Entscheidungsfindung noch in den alten Bundesländern befinden, hat sich für den Großteil der westdeutschen Führungskräfte das Kommunikationsverhalten seit der Vereinigung kaum verändert, pm.
Selbst Moskau zeigt Interesse
Auf Einladung des Goethe-Instituts und des Instituts für Soziologie der Russischen Akademie für Wissenschaft (RAN) weilte Prof. Dr. Wilhelm Bürklm vom 27. bis 30. März in Moskau auf einer Tägung zum Thema „Elitenwechsel - eine historisch-vergleichende Analyse zwischen dem gegenwärtigen Deutschland und Rußland“. Er stellte dabei die Ergebnisse der „Potsdamer Elitestudie“ vor und hielt einen Vortrag zum Thema: „Einstellungen und Wertorientierungen der Elite im vereinten Deutschland“.
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PUTZ 3/96