DIE JUGEND IN OST- UND WESTDEUTSCHLAND
Ein Aufgabenfeld des interdisziplinären Zentrums für Jugend- und Sozialisationsforschung
Vom vielbeschworenen Negativ-Image ist oft nicht viel zu spüren: Kinder raufen sich heute genauso wie früher; Gewalt allerdings ist dies im Normalfall nicht Repro: zg.
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Das Alltagsleben und die Alltagskulturen der beiden deutschen Staaten haben sich in den Jahrzehnten der Trennung ein gutes Stück auseinanderentwickelt. Dies zeigt sich in vielerlei alltäglichen Handlungen und Gewohnheiten, angefangen mit der Sprache, den Formen des Zusammenlebens, dem Umgang mit Autoritäten, bis hin zum Arbeitsstil und der Art, die Freizeit zu verbringen. Entsprechend waren die Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche aufwuchsen, unterschiedlich, und so ist es nicht verwunderlich, daß sich auch die Jugendlichen, die hier oder dort groß wurden, in manchem unterscheiden. Diese Unterschiede zu erforschen, ist von großem wissenschaftlichen Interesse, weil wir dadurch sowohl lernen, wie unterschiedliche politischgesellschaftliche Systeme die Menschen beeinflussen, als auch erkennen, wie unterschiedlich Menschen mit den ihnen gesetzten Bedingungen umgehen können. Insofern erfüllt das Zentrum für Jugend- und Sozialisationsforschung der Universität Potsdam, das von Prof. Dr. Hans Oswald geleitet wird und sich u.a. der Erforschung von Kindern und Jugendlichen Deutschlands in ihrer Unterschiedlichkeit widmet, eine wichtige Aufgabe.
Dabei lehnt Prof. Oswald das ausschließliche Bewerten von Gegebenheiten im Osten Deutschlands nach den Maßstäben „des Westens“ ab. „Im Bereich des alltäglichen Handelns sind solche Bewertungen meist höchst fragwürdig. Warum soll etwas, was unter Jugendlichen in den neuen Bundesländern häufiger vorkommt als unter den Jugendlichen der alten Bundesländer, unmoderner oder gar schlechter sein? Beispielsweise haben Jugendliche im Osten in etwas größerer Zahl als im Westen ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Familie, mit der sie mehr Zeit verbringen und innerhalb derer mehr gegenseitige Hilfe stattfindet. Wer gibt uns das Recht, so etwas als unmodernen Thend zu bezeichnen?" Wenn man Forschungsergebnisse aus westlichen Industriestaaten vergleiche, dann zeige sich, daß ein gutes Eltern-Kind-Verhältnis noch weit über die Jugendphase hinaus weitverbreitet und in diesem Sinne modern sei. Daß in der DDR die Familie darüber hinaus besondere Funktionen als Rückzugbasis und Solidargruppe hatte, ist nach Oswald etwas Zusätzliches, das die Entwicklung vieler Jugendlicher vermutlich in positiver Weise beeinflußte. Die Forschung, die hier detaillierter Aufschluß geben könnte, steht noch am Anfang. Doch manche Jugendforscher aus den neuen Ländern sprechen bereits davon, daß die Ju
gend der DDR einen anderen Weg in die Moderne beschritten hätte als die Jugend der „alten" Bundesrepublik. Für die wissenschaftliche Arbeit am Zentrum für Jugend- und Sozialisationsforschung ist das eine interessante Perspektive.
Bereits jetzt ist aber deutlich, daß pauschale Vergleiche wenig bnngen. In vielerlei Hinsicht sind sich nämlich Jugendliche in Ost- und Westdeutschland auch sehr ähnlich und es unterscheiden sich nur Untergruppen. Das beste Beispiel hierfür scheint die Ausländerfeindlichkeit und der Rechtsradikalis- mus zu sein. Immer wieder gehen durch die Presse Berichte, nach denen solche Einstellungen in den neuen Bundesländern unter Jugendlichen weiter verbreitet seien als in den alten. Diese Berichte sind nicht falsch, insofern die Prozentanteile im Osten tatsächlich etwas höher sind als im Westen. Und doch sind diese Meldungen oft irreführend, weil nicht hervorgehoben wird, daß in allen Bundesländern nur kleine Minderheiten solche Meinungen vertreten.
Diese Minderheiten bilden natürlich ein politisches und pädagogisches Problem, das Handlungsbedarf aufzeigt. Aber mit Rau- schalurteilen ist auch in praktischer Hinsicht wenig gedient. So hat eine Studie an der Humboldt-Universität zu Berlin herausgefunden, daß die Unterschiede zwischen Gymnasien und Hauptschulen wesentlich größer sind als zwischen Ost und West. Und eine detaillierte Analyse von Forschern in Chemnitz und Berlin hat gezeigt, daß die Ursachen für Rechtsextremismus und Schulvandalis
mus in Ost und West dieselben sind: Die Familien und das Schulversagen spielen hier wie dort entscheidende Rollen.
Genau in diese Richtung versuchen auch die Potsdamer Wissenschaftler zu arbeiten, indem sie differenzieren und nach Ursachen forschen. So zeigte sich beispielsweise ein enger Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft von Jugendlichen und Gewalt in der Familie. In einer Untersuchung zum abweichenden Verhalten von Jugendlichen zeigte sich, daß es bei vielen bösen Verhaltensweisen, wie etwa beim Prügeln oder beim Ärgern älterer Menschen, keine Ost- West-Unterschiede gibt. Dort, wo Unterschiede bestehen - im Osten fahren etwas mehr Jugendliche ohne Führerschein mit dem Auto oder „schwarz" mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und es gibt etwas mehr Ladendiebstähle - sind diese sehr gering; sie gelten wieder nur für kleine Untergruppen, und die Ursachen sind sowohl in der Familie wie auch in der Gleichaltngengruppe zu suchen. Weitere Untersuchungen des Zentrums für Jugend- und Sozialisationsforschung gelten den Ragen, we Jugendliche die Wendeerfahrungen bewältigen, we sie ihre politischen Einstellungen unter dem Einfluß von Elternhaus, Schule und Gleichaltrigengruppe entwckeln und unter welchen Bedingungen Antisemitismus entsteht. Die frühe und mittlere Kindheit, Probleme von Lehrern und an Schulen sowie Gewalt in sexuellen Beziehungen sind gleichfalls Felder von Forschung und Lehre Prof. Oswalds und seiner Mitarbeiter. H.O.
PUTZ 3/96
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