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(1.1.2019) 03
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DIE JUGEND IN OST- UND WESTDEUTSCHLAND

Ein Aufgabenfeld des interdisziplinären Zentrums für Jugend- und Sozialisationsforschung

Vom vielbeschworenen Negativ-Image ist oft nicht viel zu spüren: Kinder raufen sich heute genauso wie früher; Gewalt allerdings ist dies im Normalfall nicht Repro: zg.

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Das Alltagsleben und die Alltagskulturen der beiden deutschen Staaten haben sich in den Jahrzehnten der Trennung ein gu­tes Stück auseinanderentwickelt. Dies zeigt sich in vielerlei alltäglichen Hand­lungen und Gewohnheiten, angefangen mit der Sprache, den Formen des Zusam­menlebens, dem Umgang mit Autoritäten, bis hin zum Arbeitsstil und der Art, die Freizeit zu verbringen. Entsprechend waren die Bedingungen, unter denen Kin­der und Jugendliche aufwuchsen, unter­schiedlich, und so ist es nicht verwunder­lich, daß sich auch die Jugendlichen, die hier oder dort groß wurden, in manchem unterscheiden. Diese Unterschiede zu erforschen, ist von großem wissenschaft­lichen Interesse, weil wir dadurch sowohl lernen, wie unterschiedliche politisch­gesellschaftliche Systeme die Menschen beeinflussen, als auch erkennen, wie un­terschiedlich Menschen mit den ihnen gesetzten Bedingungen umgehen kön­nen. Insofern erfüllt das Zentrum für Ju­gend- und Sozialisationsforschung der Universität Potsdam, das von Prof. Dr. Hans Oswald geleitet wird und sich u.a. der Erforschung von Kindern und Jugend­lichen Deutschlands in ihrer Unterschied­lichkeit widmet, eine wichtige Aufgabe.

Dabei lehnt Prof. Oswald das ausschließli­che Bewerten von Gegebenheiten im Osten Deutschlands nach den Maßstäbendes Westens ab.Im Bereich des alltäglichen Handelns sind solche Bewertungen meist höchst fragwürdig. Warum soll etwas, was unter Jugendlichen in den neuen Bundeslän­dern häufiger vorkommt als unter den Ju­gendlichen der alten Bundesländer, unmo­derner oder gar schlechter sein? Beispiels­weise haben Jugendliche im Osten in etwas größerer Zahl als im Westen ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Familie, mit der sie mehr Zeit verbringen und innerhalb derer mehr gegenseitige Hilfe stattfindet. Wer gibt uns das Recht, so etwas als unmodernen Thend zu bezeichnen?" Wenn man Forschungser­gebnisse aus westlichen Industriestaaten vergleiche, dann zeige sich, daß ein gutes Eltern-Kind-Verhältnis noch weit über die Jugendphase hinaus weitverbreitet und in diesem Sinne modern sei. Daß in der DDR die Familie darüber hinaus besondere Funk­tionen als Rückzugbasis und Solidargruppe hatte, ist nach Oswald etwas Zusätzliches, das die Entwicklung vieler Jugendlicher ver­mutlich in positiver Weise beeinflußte. Die Forschung, die hier detaillierter Aufschluß geben könnte, steht noch am Anfang. Doch manche Jugendforscher aus den neuen Län­dern sprechen bereits davon, daß die Ju­

gend der DDR einen anderen Weg in die Moderne beschritten hätte als die Jugend deralten" Bundesrepublik. Für die wissen­schaftliche Arbeit am Zentrum für Jugend- und Sozialisationsforschung ist das eine in­teressante Perspektive.

Bereits jetzt ist aber deutlich, daß pauscha­le Vergleiche wenig bnngen. In vielerlei Hin­sicht sind sich nämlich Jugendliche in Ost- und Westdeutschland auch sehr ähnlich und es unterscheiden sich nur Untergruppen. Das beste Beispiel hierfür scheint die Aus­länderfeindlichkeit und der Rechtsradikalis- mus zu sein. Immer wieder gehen durch die Presse Berichte, nach denen solche Einstel­lungen in den neuen Bundesländern unter Jugendlichen weiter verbreitet seien als in den alten. Diese Berichte sind nicht falsch, insofern die Prozentanteile im Osten tatsäch­lich etwas höher sind als im Westen. Und doch sind diese Meldungen oft irreführend, weil nicht hervorgehoben wird, daß in allen Bundesländern nur kleine Minderheiten sol­che Meinungen vertreten.

Diese Minderheiten bilden natürlich ein po­litisches und pädagogisches Problem, das Handlungsbedarf aufzeigt. Aber mit Rau- schalurteilen ist auch in praktischer Hinsicht wenig gedient. So hat eine Studie an der Humboldt-Universität zu Berlin herausgefun­den, daß die Unterschiede zwischen Gym­nasien und Hauptschulen wesentlich größer sind als zwischen Ost und West. Und eine detaillierte Analyse von Forschern in Chem­nitz und Berlin hat gezeigt, daß die Ursachen für Rechtsextremismus und Schulvandalis­

mus in Ost und West dieselben sind: Die Familien und das Schulversagen spielen hier wie dort entscheidende Rollen.

Genau in diese Richtung versuchen auch die Potsdamer Wissenschaftler zu arbeiten, in­dem sie differenzieren und nach Ursachen forschen. So zeigte sich beispielsweise ein enger Zusammenhang zwischen Gewalt­bereitschaft von Jugendlichen und Gewalt in der Familie. In einer Untersuchung zum ab­weichenden Verhalten von Jugendlichen zeigte sich, daß es bei vielen bösen Verhal­tensweisen, wie etwa beim Prügeln oder beim Ärgern älterer Menschen, keine Ost- West-Unterschiede gibt. Dort, wo Unter­schiede bestehen - im Osten fahren etwas mehr Jugendliche ohne Führerschein mit dem Auto oderschwarz" mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und es gibt etwas mehr Ladendiebstähle - sind diese sehr gering; sie gelten wieder nur für kleine Untergrup­pen, und die Ursachen sind sowohl in der Fa­milie wie auch in der Gleichaltngengruppe zu suchen. Weitere Untersuchungen des Zentrums für Jugend- und Sozialisations­forschung gelten den Ragen, we Jugendli­che die Wendeerfahrungen bewältigen, we sie ihre politischen Einstellungen unter dem Einfluß von Elternhaus, Schule und Gleich­altrigengruppe entwckeln und unter wel­chen Bedingungen Antisemitismus entsteht. Die frühe und mittlere Kindheit, Probleme von Lehrern und an Schulen sowie Gewalt in sexuellen Beziehungen sind gleichfalls Fel­der von Forschung und Lehre Prof. Oswalds und seiner Mitarbeiter. H.O.

PUTZ 3/96

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