BAHNT SICH DER ABFALL VON DEN HERKÖMMLICHEN MÜLLVERBRENNUNGSANLAGEN AN?
Tagung zur mechanisch-biologischen Behandlung von zu deponierenden Abfällen
Damit unsere Nachwelt nicht unter den Folgen unserer Abfallproduktion zu leiden hat, werden derzeit verschiedene Verfahren untersucht, wie der Müll vor seiner Deponierung möglichst effizient unschädlich gemacht werden kann. Foto: Fritze
Die Zahlen, die kürzlich das Statistische Bundesamt vorgelegt hat, lösen zunächst einmal milde Freude aus: In den ersten drei Jahren dieses Jahrzehnts ist die Abfallmenge in Deutschland um rund ein Zehntel zurückgegangen. Hält man sich hingegen vor Augen, daß die verbliebene Menge von einer drittel Milliarde Tonnen Müll immerhin dem Gewicht von zehn Millionen voll beladenen Lastwagen mit Anhängern entspricht, schwindet die Begeisterung rasch wieder. Zwar kann ein Teil davon wiederverwertet werden, aber der Rest wandert eben doch auf die Deponie. Bevor man den Müll jedoch deponieren darf, muß er derart vorbehandelt werden, daß er anschließend gewisse Grenzwerte einhält.
Über eben diese Vorbehandlungsmethoden herrscht derzeit unter Fachleuten eine tiefe Uneinigkeit, die sich auch am Rande einer Tägung zeigte, die von der Fachgruppe „Ökotechnologie" am Zentrum für Umweltwissenschaften der Universität Potsdam sowie der Projektträgerschaft „Abfallwirtschaft und Altlastensanierung" beim Umweltbundesamt veranstaltet wurde. Thema der Veranstaltung war die „ mechanisch- biologische Behandlung von zu deponierenden Abfällen“. In 25 Vorträgen von Referenten aus dem gesamten Bundesgebiet erfuhren die rund 300 Tfeilnehmer alles über die derzeitigen Erkenntnisse und Erfahrungen bei der Behandlung von Restabfall mit mechanisch-biologischen Methoden.
Was ist eine „mechanisch-biologische" Vorbehandlung von Müll?
Bei diesen Verfahren wird der Müll nach einer Vorsortierung zerkleinert und homogenisiert und anschließend zum bakteriellen Abbau des organischen Materials für einige Wochen in Mieten gelagert. Auf der Tägung wurden dazu verschiedene Anlagen vorgestellt, beispielsweise die Zentrale Abfallwirtschaftsanlage im Landkreis Stendal. Hier wird nach der Zerkleinerung das Material mit Klärschlamm durchmischt. Anschließend schichtet man das Gemisch in einer Art Silo zu acht Meter hohen Rotten auf. Diese werden durch ein Luft/Sauerstoff- gemisch stoßartig belüftet. Durch die sich ausbreitende Stoßwelle wird die Rotte gelockert und intensiv belüftet. Dadurch sollen optimale Lebensbedingungen für die zersetzenden Mikroorganismen geschaffen werden. Nach 15 Wochen kommt das Material für weitere 15 Monate in eine Nachrotte. Ziel ist es, bei der abschließenden Endlagerung in der Deponie die Bildung
von Sickerwässern, Gasbildung und Setzung des Müllkörpers zu verhindern, die durch biologische Restaktivitäten zustande kommen. Eine andere Möglichkeit ist die thermische Vorbehandlung von Müll, bei der alles organische Material schlichtweg verbrannt wird. Die Kombination beider Verfahren war ebenfalls ein Diskussionspunkt.
Der Streit um geeignete Parameter
Wie aber stellt man fest, ob eine Vorbehandlungsmethode ausreicht, daß angestrebte Ziel zu erfüllen? Dazu gibt es eine von der Bundesregierung ausgearbeitete Verwaltungsvorschrift, die TA Siedlungsabfall, die seit 1993 in Kraft ist. In ihr wird gefordert, daß ab dem Jahr 2005 nur noch solche Abfälle abgelagert werden dürfen, die gewisse Grenzwerte nicht überschreiten. Bei Einhaltung dieser Grenzwerte sind die oben genannten Ziele erreichbar. Dennoch sind genau sie es, an denen sich der Streit zwischen den Anhängern der thermischen Vorbehandlung und denen der mechanisch-biologischen Verfahren entzündet. Denn der Grenzwert des Parameters „Glühverlust“, welcher üblicherweise die Effektivität eines Verbrennungsprozesses charakterisiert und die Restmenge an organischem Material an gibt, kann bisher nur von thermischen Verfahren erreicht werden. Nach Meinung von Dr. Konrad Soyez, dem Leiter der Fachgruppe „Ökotechnologie" und gleichzeitig Koordinator eines Verbundvorhabens „Mechanisch-biologische Vorbehandlung von zu deponierenden Abfällen“ , erweist sich dieser Parameter für die mechanisch-biologischen Abfälle als nicht geeignet. Durch ihn wird keine Unterscheidung zwischen den unter Deponiebe
dingungen abbaubaren und nicht-abbaubaren Organikanteilen geleistet. Geeigneter sei deswegen ein Parameter, der die eigentliche biologische Aktivität des Restabfalls wiedergibt. Hierfür stellte er eine Reihe von Alternativen vor, wobei derzeit von den Wissenschaftlern besonders die „Atmungsaktivität 11 diskutiert wird. Sie gibt die Menge an Sauerstoff an, die durch die Mikroorganismen beim Abbau des organischen Anteils im Müll verbraucht wird.
Das Verbundprojekt zur mechanischbiologischen Vorbehandlung
Zur Klärung derartiger Unstimmigkeiten, wie sie sich etwa in der Diskussion um die am besten geeigneten Parameter zeigen, aber beispielsweise auch in der Frage, wie sich mechanisch-biologisch vorbehandelter Müll langfristig verhält, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung das oben erwähnte Verbundprojekt ins Leben gerufen, das seit 1995 arbeitet. Insgesamt sind 17 Vorhaben beteiligt, von denen derzeit zwölf vom Bund mit zusammen 14 Millionen Mark gefördert werden. Der Verbund gliedert sich in vier Aufgabenbereiche: Die Systembewertung, die Entwicklung und Optimierung von Verfahren, die Untersuchung des Ablagerungsverhaltens sowie die Schadstoffbilanzierung. Bis 1998 wollen die beteiligten Wissenschaftler ihre Kenntnisse bezüglich des Verhaltens von mechanisch-biologisch vorbehandeltem Müll sowie ihr Know-how über möglichst effiziente Anlagen soweit entwickelt haben, daß die TA Siedlungsabfall bezüglich der angegebenen Parameter und deren Grenzwerte geändert werden und die mechanisch-biologische Vorbehandlung sich neben der thermischen etablieren kann, ade
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