WIE DIE UNVERHOFFTE EINHEIT KAM
8000 Ostdeutsche überquerten am 11. September 1989 die ungarische Grenze in Richtung Österreich, nachdem Außenminister Gyula Horn deren Öffnung bekanntgegeben hatte. Ihnen war sicherlich bewußt, daß dies ein Wendepunkt in ihrem Leben sein würde. Nicht ahnen konnten sie hingegen, daß ihre Entscheidung Iteil jener umwälzenden Entwicklung in Deutschland werden sollte, die letztendlich als „die Wende" schlechthin in die Geschichte einging. Der Fall der innerdeutschen Grenze knapp zwei Monate später war zu diesem Zeitpunkt für jederman noch unvorstellbar.
Und heute? Wie weit läßt sich jetzt - bald sieben Jahre später - die Wiedervereinigung nachvollziehen? Zwar sind punktuelle Ereignisse noch gut im Gedächtnis. Daß aber trotz ausgeklügelter Grenzsicherung und trotz des zunächst weitverbreiteten Wunsches - vor allem auf ostdeutscher Seite -weiterhin zwei eigenständige Deutsche Staaten zu bilden, der verblüffend friedliche und rasante Verlauf der Vereinigung möglich war, versteht nur, wer einen Überblick besitzt. „Die unverhoffte Einheit 1989-1990" von Konrad H. Jarausch ist das erste Buch, daß diesen Überblick vermittelt. Auf 319 Seiten läßt der Autor die Zeit vom 2. Mai 1989, als der Exodus aus der DDR über die österreichisch-ungarische Grenze begann, bis hin zu den ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen am 2. Dezember 1990 Revue passieren. Dabei ist er detailliert genug, um dem Leser Einblick in die Strömungen und ffendenzen der in den Ver- eimgungsprozeß involvierten Gruppen zu vermitteln, und oberflächlich genug, um den Überblick zu gewährleisten.
Der Verlauf des Buches ist nicht streng dem zeitlichen Ablauf untergeordet. Zwar sind die einzelnen Abschnitte chronologisch -geordnet, die Kapitel innerhalb eines Abschnittes widmen sich aber übergeordneten Aspekten, z. B. wie westdeutsche Politiker auf das Zusammenbrechen der ostdeutschen Ordnung reagierten. Das verdeutlicht zwar einerseits den Stellenwert von Einzelaspekten in der Gesamtentwicklung. Andererseits kommt es dadurch zu zeitlichen Überschneidungen der Kapitel. Deswegen hätte man sich eine Zeittafel der wichtigsten Ereignisse im Anhang gewünscht. So würde ein Blick genügen, um beispielsweise festzustellen, daß Kohl seinen Zehnpunkteplan zur Deutschen Einheit dem Bundestag vor dem Rücktritt von Krenz vorstellte, obwohl er im Buch erst einige Seiten danach zur Sprache kommt. Ansonsten aber, sieht man von der nüchternen Darstellung ab, die die Dramatik der Ereignisse so überhaupt nicht wiedergibt und den Tfext manchmal etwas zäh erschei
nen läßt, bildet Jarauschs Buch eine umfassende Grundlage für alle, die mit etwas Abstand die Wiedervereinigung besser verstehen wollen, auch um mit den in der Folge entstandenen Problemen umgehen zu können. ade
Konrad H. Jarausch: Die unverhoffte Einheit 1989-1990, Suhrkamp Verlag 1995,416 Seiten, 27,80 DM.
AUS DEM BLICKWINKEL VON STAATSSEKRETÄREN
Die im Sommersemester 1995 durch die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Potsdam mit Staatssekretären der brandenburgischen Landesregierung veranstaltete Ringvorlesung „Entwicklung und Perspektiven des Wirtschaftsraumes Berlin-Brandenburg" liegt nunmehr auch als Publikation vor. Aufgrund des starken Interesses an der Thematik und im Hinblick auf die aktuelle Diskussion zur geplanten Länderfusion Berlin-Brandenburg hat sich der Veranstalter zu einer Veröffentlichung der Referate entschieden, in denen Staatssekretäre der Landesregierung Brandenburg aus dem Blickwinkel ihres Ressorts wirtschaftspolitische Fakten der Länderfusion ansprechen. pm.
Die Publikation kann gegen eine Schutzgebühr von DM 2,- angefordert werden bei der Universität Potsdam, Wirtschaftsund Sozialwissenschaftliche Fakultät, Professur für Regionale Wirtschaftspolitik, Prof. Dr. Klaus Gloede, PF 900 327, 14439 Potsdam, Tel. 0331/977 3424.
VOM SPORT IM ALTER
Der Sport in den neuen Bundesländern befindet sich im Umbruch. Damit eröffnen sich neue Chancen der sozial- und sportpolitischen Gestaltung, die genutzt oder vertan werden können. Das trifft offensichtlich auch für die Entwicklung im Alterssport zu. Aus dieser Erkenntnis heraus entstand jedenfalls das erste Buch einer jüngst ins Leben gerufenen Publikationsreihe zu Sportentwicklungen in Deutschland. Sein Titel: „Seniorensport in Ostdeutschland. Zwischen Powersport und Kaffeeklatsch". Die jetzt vorliegende 375seitige Lektüre gedieh im Rahmen eines entsprechenden Modellprojektes, das sich mit der aktiven körperlichen Betätigung Älterer im Land Brandenburg beschäftigte. Durchgeführt wurde es vom Arbeitsbereich Sport und Gesellschaft der Universität Potsdam, Förderung erhielt das Vorhaben durch das in der märkischen Landeshauptstadt angesiedelte Ministerium für Bildung, Jugend und Sport.
Als Ausgangspunkt für die Autoren um Jürgen Baur diente die sich verändernde Bevöl
kerungsstruktur Deutschlands. Denn es ist schon fast eine Binsenweisheit: der Anteil alter Menschen wächst demographisch. Damit ergeben sich auch für Vereine, Sportorganisationen und -anbieter spezifische Anforderungen an für jene potentiellen Nutzer geeignete Programme. Die Wissenschaftler geben in ihrem Band nun zum Beispiel Einblick in Aspekte des Sportengagements als Elemente einer vernünftigen Lebensführung bei betagteren Personen, beleuchten einzelne damit verbundene Tfendenzen in ihrer Veränderlichkeit, untersuchen ostdeutsche Vereine mit Blick auf deren sich in reiferen Lebensjahren befindende Mitglieder. Empirische Befunde bilden die Grundlage der jeweiligen Betrachtungen. Diese reichen im übrigen auch über die teilweise engen Grenzen der Vereine hinaus. Dem Leser bietet sich damit erstmalig ein Überblick über die Situation des Seniorensports in den neuen Bundesländern.
Die Konzeption der Veröffentlichung entspricht dem inhaltlichen Anliegen der gesamten Reihe. Schließlich vollzog sich mit der Wiedervereinigung die Zusammenführung zweier unterschiedlicher Sportsysteme und -kulturen. Daraus resultierende ostwestdeutsche Disparitäten, Entwicklungsbrüche sowie Transformationsverläufe sollen hier künftig Aufmerksamkeit erhalten. Im Sinne einer laufenden empirischen Sozialbenchterstattung wollen die Experten deskriptiven wie explikativen Darstellungen des Sports und seiner ihm innewohnenden Prozesse Raum geben. Zugleich liefern sie so „Material" für diesbezügliche, aber auch sozial- wie bildungspolitische Folgerungen und Forderungen. Dem „Erstlingswerk“ folgt im Herbst dieses Jahres eine Analyse des Jugendsports in Deutschland. PG.
Jürgen Baur u.a.: Seniorensport in Ostdeutschland. Zwischen Powersport und Kaffeeklatsch, Meyer & Meyer Verlag, Aachen 1996, 34,- DM.
»eniorensport
i Ostdeutschland
Seite 36
PUTZ 3/96