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(1.1.2019) 03
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DAS PUBLIKUM IST NICHT SCHULD"

Rolf Hochhuth über Lehrtätigkeit und Theatermisere

Mit dem Abschluß des Wintersemesters endete auch die Gastdozentur Rolf Hochhuths am Institut für Germanistik der Universität Potsdam. Der weithin geschätzte wie umstrit­tene Dramatiker hatte zuvor zwei Semester lang in einer Vorlesungsreihe zurPolitik in der Literatur gesprochen. Untermauert wurden die einzelnen Veranstaltungen durch ein begleitendes Seminar. Doch nicht sein Ausflug in die akademische Lehre war es, der für Schlagzeilen sorgte. Dafür zeichneten vielmehr ständige Querelen um das Berliner Ensemble verantwortlich. In einem Gespräch mit PUTZ-Redakteurin Petra Görlich äu­ßerte sich der Autor desStellvertreter(s) und zahlreicher anderer Stücke nun über seine Lehre an der Potsdamer Alma mater ebenso wie über die bestehende Theaterszene.

PUTZ: Sie hatten auch eine Werkstatt vor­geschlagen. Warum kam es nicht zu deren Realisierung?

Hochhuth: Die Idee stieß zunächst auf Re­sonanz. Doch terminliche Schwierigkeiten brachten das Vorhaben zum Scheitern. In der Vorbereitung dachte ich im übrigen an die Dramatisierung derSchatzinsel von Robert Louis Stevenson oder derJuden­buche Annette von Droste-Hülshoffs. Bei­de Arbeiten wären sehr geeignet gewesen. PUTZ: Wie entstand Ihr Engagement an der Potsdamer Uni?

Hochhuth: Die Universität hatte im Vorfeld eine entsprechende Anregung erhalten. Sie fand sofort Zustimmung. So bat mich dann schließlich das Germanistische Institut dar­um zu lesen. Nutzen brachte es, denke ich, für beide Seiten. Nicht nur die Studenten, son­dern auch ich selbst mußte die behandelten Stücke wieder genau lesen. Hochinteressant war es zu erleben, wie die Generation meiner Kinder heute auf Autoren reagiert, die mich in diesem Alter beeindruckt haben.

PUTZ: An wen denken Sie dabei? Hochhuth: Ich meine beispielsweise die Amerikaner Eugene O'Neill oder Arthur Miller, den größten lebenden Dramatiker der Welt. Dazu gehören aber auch die Fran­zosen Jean Raul Sartre und Albert Camus sowie der Engländer George Bernard Shaw. Besprechen wollte ich ebenfalls T.S. Eliot und Christopher Fry, kam aber nicht dazu. Im Deutschen standen Arthur Schnitz­ler bis Karl Kraus auf dem Plan. Aber auch Kraus fiel der Zeitnot zum Opfer. Schnitz­lersProfessor Bernhardi schien mir wich­tig, es ist für mich der Inbegriff des geglück­ten politischen Dramas, neben den Klassi­kern wie Georg Büchner und Friedrich Schiller natürlich. Schließlich führten auch eigene Ttexte wie die Wessis in Weimar" zu oft hitzigen Diskussionen.

PUTZ: Ist Ihre Lehrtätigkeit an der Univer­sität Potsdam nun vollständig beendet? Hochhuth: Ja. Seit vielen Jahren bin ich ein­geladen, den Poetik-Lehrstuhl an der Uni FYankfurt/Main zu besetzen. Bisher hinder­te mich daran die literarische Arbeit. Jetzt habe ich aber für '96 angenommen.

PUTZ: Ihre Aktivitäten bezüglich des Berli­ner Ensembles stehen auch im Zusammen­

hang mit einem vehementen Eintreten für die Gegenwartsdramatik. Worum geht es Ihnen konkret?

Hochhuth: An unseren Spielstätten findet derzeit eine Unterdrückung des Gegen­wartstheaters statt. Ich habe das kürzlich einmal aufgeschlüsselt. Die acht führenden Sprechtheater Berlins gaben demnach wäh­rend der vier Wochen von Ende Dezember bis Ende Januar 190 Vorstellungen. Darunter befanden sich 13 von insgesamt vier leben­den und zwei bereits verstorbenen deutsch­schreibenden Autoren. Im einzelnen waren das: Heiner Müller (3 Vorstellungen), Tänk- red Dorst (3), Werner Schwab (2), Klaus Pohl (2), Seidel (2) und Christoph Marthaler (1). Dies betrachte ich als Skandal.

PUTZ: Sie begründeten zu Beginn der 60er Jahre gemeinsam mit Peter Weiss, Heinar Kipphardt und Hans Magnus Enzensberger das sogenannte Dokumentartheater. Halten Sie diese Bezeichnung für glücklich? Hochhuth: Ich habe mich immer gegen das Wort gewehrt. Meine Stücke sind auch nicht dokumentarischer als z.B.Der Haupt­mann von Köpenick, die vielleicht best­gebauteste deutsche Komödie. Im Grunde betrieben ja alle Autoren, die sich mit tat­sächlich lebenden Gestalten beschäftigten, ernsthafte historische Studien.Ein Bruder­zwist im Hause Habsburg 11 von Franz Grill­parzer ist, wenn man so will, auch doku­mentarisch. In vielen meiner Stücke, wie z.B.Ärztinnen,Unbefleckte Empfängnis" oderDie Hebamme benutze ich zudem frei erfundene Figuren, sie sind also keines­wegs dokumentarisch. Das viel genauere Wort wäre sicherzeitkritisch".

PUTZ: Stellt diese Art, Theater zu machen, heute nur eine historische Erscheinung dar? Hochhuth: Ganz sicher nicht. Eine Person wie George Bernard Shaw ist in jeder Epo­che notwendig. Die Frage steht jedoch, in­wieweit sie von den Machthabern der Büh­nen zugelassen wird. Schließlich gibt es für die Überbewertung des Klassikers im Spielplan oft äußerst schäbige und vorder­gründige Motive. Unsere Regisseure scheuen sich heute in keiner Weise, das Geld aus der Ladenkasse zu nehmen, das die Klassiker nicht mehr abholen.

PUTZ: Welche aktuellen Themen könnten

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Gerade fertiggestellt hat Rolf Hochhuth einen Effi-Bnest-Monolog. Der Dramatiker würde ihn zunächst gern mit Marianne Hoppe auf der Bühne des Berliner Ensembles sehen. Auch für die Inszenierung seiner Version des Fontane- Stoffes gibt es einen Wunsch-Kandidaten: es ist Peter Palitzsch. Foto: Fritze

Sie sich gegenwärtig für derartig zeitkriti­sche Stücke vorstellen?

Hochhuth: Alles, was die Gesellschaft be­wegt. Ich schreibe jetzt ein Stück über Ar­beitslose. Hoffentlich wenden sich auch meine Kollegen wieder verstärkt den Pro­blemen unserer Zeit zu. Dann werden auch die Theater voll besucht sein. Die Leute wollen Zeitstücke sehen.

PUTZ: Beobachten auch Sie die Tendenz des Rückgangs eines breiten Theater­publikums aufgrund der vorherrschenden vielfältigen Medienweit?

Hochhuth: Ja. Die Langweiligkeit der Spiel­pläne mündet in diese Konsequenz. Das Pu­blikum ist nicht schuld daran, daß lediglich drei bis vier Prozent der Städter, und zwar immer die gleichen, den Weg in die Bühnen­häuser findet. Es sind die Intendanten, die die Verantwortung für ein Abdriften des Theaters an den Rand der Gesellschaft tragen.

PUTZ: Vielen Dank für das Gespräch.

Land Brandenburg auf CD-ROM

Das Landesvermessungsamt Brandenburg hat seine erste CD-ROM mit dem Titel Streifzüge mit topographischen Karten durch die Mark Brandenburg herausge­bracht. Sie enthält: die Landeskarte Bran­denburg (mit allen Gemeinden), touristische Wanderkarten, Hintergrundinfos und Fotos sowie Hinweise zu über 400 Hotels. Auch können beliebige Kartenausschnitte ausge­druckt werden. Sie kostet DM 165,- (zur Einführung 30% Sonderrabatt). Bezug: Lan­desvermessungsamt Brandenburg, Dezer­nat Z 3, Heinrich-Mann-Allee 103, 14473 Potsdam unter Tbl. 0331/8844-454.

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