„DAS PUBLIKUM IST NICHT SCHULD"
Rolf Hochhuth über Lehrtätigkeit und Theatermisere
Mit dem Abschluß des Wintersemesters endete auch die Gastdozentur Rolf Hochhuths am Institut für Germanistik der Universität Potsdam. Der weithin geschätzte wie umstrittene Dramatiker hatte zuvor zwei Semester lang in einer Vorlesungsreihe zur „Politik in der Literatur“ gesprochen. Untermauert wurden die einzelnen Veranstaltungen durch ein begleitendes Seminar. Doch nicht sein Ausflug in die akademische Lehre war es, der für Schlagzeilen sorgte. Dafür zeichneten vielmehr ständige Querelen um das Berliner Ensemble verantwortlich. In einem Gespräch mit PUTZ-Redakteurin Petra Görlich äußerte sich der Autor des „Stellvertreter(s)“ und zahlreicher anderer Stücke nun über seine Lehre an der Potsdamer Alma mater ebenso wie über die bestehende Theaterszene.
PUTZ: Sie hatten auch eine Werkstatt“ vorgeschlagen. Warum kam es nicht zu deren Realisierung?
Hochhuth: Die Idee stieß zunächst auf Resonanz. Doch terminliche Schwierigkeiten brachten das Vorhaben zum Scheitern. In der Vorbereitung dachte ich im übrigen an die Dramatisierung der „Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson oder der „Judenbuche“ Annette von Droste-Hülshoffs. Beide Arbeiten wären sehr geeignet gewesen. PUTZ: Wie entstand Ihr Engagement an der Potsdamer Uni?
Hochhuth: Die Universität hatte im Vorfeld eine entsprechende Anregung erhalten. Sie fand sofort Zustimmung. So bat mich dann schließlich das Germanistische Institut darum zu lesen. Nutzen brachte es, denke ich, für beide Seiten. Nicht nur die Studenten, sondern auch ich selbst mußte die behandelten Stücke wieder genau lesen. Hochinteressant war es zu erleben, wie die Generation meiner Kinder heute auf Autoren reagiert, die mich in diesem Alter beeindruckt haben.
PUTZ: An wen denken Sie dabei? Hochhuth: Ich meine beispielsweise die Amerikaner Eugene O'Neill oder Arthur Miller, den größten lebenden Dramatiker der Welt. Dazu gehören aber auch die Franzosen Jean Raul Sartre und Albert Camus sowie der Engländer George Bernard Shaw. Besprechen wollte ich ebenfalls T.S. Eliot und Christopher Fry, kam aber nicht dazu. Im Deutschen standen Arthur Schnitzler bis Karl Kraus auf dem Plan. Aber auch Kraus fiel der Zeitnot zum Opfer. Schnitzlers „Professor Bernhardi“ schien mir wichtig, es ist für mich der Inbegriff des geglückten politischen Dramas, neben den Klassikern wie Georg Büchner und Friedrich Schiller natürlich. Schließlich führten auch eigene Ttexte wie die Wessis in Weimar" zu oft hitzigen Diskussionen.
PUTZ: Ist Ihre Lehrtätigkeit an der Universität Potsdam nun vollständig beendet? Hochhuth: Ja. Seit vielen Jahren bin ich eingeladen, den Poetik-Lehrstuhl an der Uni FYankfurt/Main zu besetzen. Bisher hinderte mich daran die literarische Arbeit. Jetzt habe ich aber für '96 angenommen.
PUTZ: Ihre Aktivitäten bezüglich des Berliner Ensembles stehen auch im Zusammen
hang mit einem vehementen Eintreten für die Gegenwartsdramatik. Worum geht es Ihnen konkret?
Hochhuth: An unseren Spielstätten findet derzeit eine Unterdrückung des Gegenwartstheaters statt. Ich habe das kürzlich einmal aufgeschlüsselt. Die acht führenden Sprechtheater Berlins gaben demnach während der vier Wochen von Ende Dezember bis Ende Januar 190 Vorstellungen. Darunter befanden sich 13 von insgesamt vier lebenden und zwei bereits verstorbenen deutschschreibenden Autoren. Im einzelnen waren das: Heiner Müller (3 Vorstellungen), Tänk- red Dorst (3), Werner Schwab (2), Klaus Pohl (2), Seidel (2) und Christoph Marthaler (1). Dies betrachte ich als Skandal.
PUTZ: Sie begründeten zu Beginn der 60er Jahre gemeinsam mit Peter Weiss, Heinar Kipphardt und Hans Magnus Enzensberger das sogenannte Dokumentartheater. Halten Sie diese Bezeichnung für glücklich? Hochhuth: Ich habe mich immer gegen das Wort gewehrt. Meine Stücke sind auch nicht dokumentarischer als z.B. „Der Hauptmann von Köpenick“, die vielleicht bestgebauteste deutsche Komödie. Im Grunde betrieben ja alle Autoren, die sich mit tatsächlich lebenden Gestalten beschäftigten, ernsthafte historische Studien. „Ein Bruderzwist im Hause Habsburg 11 von Franz Grillparzer ist, wenn man so will, auch dokumentarisch. In vielen meiner Stücke, wie z.B. „Ärztinnen“, „Unbefleckte Empfängnis" oder „Die Hebamme“ benutze ich zudem frei erfundene Figuren, sie sind also keineswegs dokumentarisch. Das viel genauere Wort wäre sicher „zeitkritisch".
PUTZ: Stellt diese Art, Theater zu machen, heute nur eine historische Erscheinung dar? Hochhuth: Ganz sicher nicht. Eine Person wie George Bernard Shaw ist in jeder Epoche notwendig. Die Frage steht jedoch, inwieweit sie von den Machthabern der Bühnen zugelassen wird. Schließlich gibt es für die Überbewertung des Klassikers im Spielplan oft äußerst schäbige und vordergründige Motive. Unsere Regisseure scheuen sich heute in keiner Weise, das Geld aus der Ladenkasse zu nehmen, das die Klassiker nicht mehr abholen.
PUTZ: Welche aktuellen Themen könnten
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Gerade fertiggestellt hat Rolf Hochhuth einen Effi-Bnest-Monolog. Der Dramatiker würde ihn zunächst gern mit Marianne Hoppe auf der Bühne des Berliner Ensembles sehen. Auch für die Inszenierung seiner Version des Fontane- Stoffes gibt es einen Wunsch-Kandidaten: es ist Peter Palitzsch. Foto: Fritze
Sie sich gegenwärtig für derartig zeitkritische Stücke vorstellen?
Hochhuth: Alles, was die Gesellschaft bewegt. Ich schreibe jetzt ein Stück über Arbeitslose. Hoffentlich wenden sich auch meine Kollegen wieder verstärkt den Problemen unserer Zeit zu. Dann werden auch die Theater voll besucht sein. Die Leute wollen Zeitstücke sehen.
PUTZ: Beobachten auch Sie die Tendenz des Rückgangs eines breiten Theaterpublikums aufgrund der vorherrschenden vielfältigen Medienweit?
Hochhuth: Ja. Die Langweiligkeit der Spielpläne mündet in diese Konsequenz. Das Publikum ist nicht schuld daran, daß lediglich drei bis vier Prozent der Städter, und zwar immer die gleichen, den Weg in die Bühnenhäuser findet. Es sind die Intendanten, die die Verantwortung für ein Abdriften des Theaters an den Rand der Gesellschaft tragen.
PUTZ: Vielen Dank für das Gespräch.
Land Brandenburg auf CD-ROM
Das Landesvermessungsamt Brandenburg hat seine erste CD-ROM mit dem Titel „Streifzüge mit topographischen Karten durch die Mark Brandenburg“ herausgebracht. Sie enthält: die Landeskarte Brandenburg (mit allen Gemeinden), touristische Wanderkarten, Hintergrundinfos und Fotos sowie Hinweise zu über 400 Hotels. Auch können beliebige Kartenausschnitte ausgedruckt werden. Sie kostet DM 165,- (zur Einführung 30% Sonderrabatt). Bezug: Landesvermessungsamt Brandenburg, Dezernat Z 3, Heinrich-Mann-Allee 103, 14473 Potsdam unter Tbl. 0331/8844-454.
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