Heft 
(1.1.2019) 04
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50 JAHRE ERNÄHRUNGSWISSENSCHAFT IN POTSDAM UNTER WECHSELNDEN VORZEICHEN

Jubiläum am Rande des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Ernährung

50 Tonnen Lebensmittel hat ein 70jähriger Mensch in seinem Leben ungefähr verspeist. Ein Großteil der vom Körper resor­bierten Substanzen ist dafür verantwortlich, daß er dieses Alter überhaupt erreicht hat - sei es als Energielieferant, für den Aufbau von Zellen oder zur Steuerung von Körperfunk­tionen. Umgekehrt läßt es sich aber nicht vermeiden, daß mit der Nahrung auch für den Körper schädliche Inhaltsstoffe auf­genommen werden, die von ihm entsorgt werden müssen bzw. schlimmstenfalls zur Erkrankung führen können. Auch einseitige Ernährung kann ungesund sein, weil sie von man­chem zu viel und von anderem zu wenig bietet. Essen ist somit zwar essentiell, aber keinesfalls eine triviale Angele­genheit. Um über Phagen rund um die Ernährung zu diskutie­ren, trafen sich dieses Jahr am 28. und 29. März rund 400 Er­nährungswissenschaftler zum 33. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in der Universität Potsdam. Schon im Vorfeld gab es Emährungswissenschaftliches:

Gerade in Großküchen ist die Verantwortung groß. Von einem ausgewogenen und abwechslungsreichen Speisenangebot profitieren viele. Foto: Tbibukeit

Das Deutsche Institut für Ernährungsfor­schung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) hatte seine Geburtstagsfeier auf den 27. März vorverlegt, um in großer Runde seiner Gründung vor 50 Jahren zu gedenken. Am 10. Juni 1946 hatte der Oberste Chef der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland, Marschall Sokolowski, auf Antrag der Deutschen Verwaltung für Han­del und Versorgung den Befehl Nr. 168 er­lassen, der verfügte, daß in Potsdam eine Zweigstelle des in Berlin-Dahlem gelege­nen Instituts für Ernährungs- und Verpfle­gungswissenschaften zu errichten sei. Im Frühjahr 1947 wurde das Rehbrücker Insti­tut dann selbständig, zehn Jahre später aber, zusammen mit der Leipziger Anstalt für Vitaminforschung und Vitammprüfung (die bereits 1948 nach Potsdam verlegt worden war) als vereintesInstitut für Er­nährung der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin angegliedert.

Ursprünglich war die Einrichtung beauf­tragt, zur Überwindung der Not in der Bevöl­kerung und zur Behebung der Schwierigkei­ten in der Produktion, Verarbeitung und Be­reitstellung von Lebensmitteln beizutragen. Dringende Fragen der Nachkriegszeit ver­langten darüber hinaus zunächst eine vor­wiegend analytische und gutachterliche Tä­tigkeit, um den Anforderungen von Behör­den und Industrie zu entsprechen. Ab Mitte der 50er Jahre wurde es durch den Ausbau der Einrichtungen und eine personelle Erweiterung möglich, den Schwerpunkt auf eine Grundlagenforschung zu verlagern, die eine einheitliche Betrachtung von Nahrung und Ernährung forderte.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich aufgrund der Forschungsprojekte die Notwendigkeit,

physiologische, klinische, toxikologische und epidemiologische Untersuchungen durchzuführen sowie lebensmittelchemi­sche und -technologische Verfahren zur Entwicklung neuer Erzeugnisse bis zur Reife anzuwenden. Dazu wurden Fachleu­te aus zahlreichen Wissenschaftsdiszipli­nen gebraucht: von Biochemikern über Bio­logen, Chemiker, Lebensmittelchemiker, Mathematiker, Mediziner, Molekularbiolo­gen, Physiologen, Psychologen, Soziolo­gen, Techniker, Toxikologen bis hin zu Volks- und Betriebswirten. Ab 1964 wurde das Institut von außen zunehmend auf die Bedürfnisse der Lebensmittelindustrie aus­gerichtet. Vor allem mit den aufkommenden Schwierigkeiten der DDR Ende der 70er und vor allem in den 80er Jahren setzten staatliche Stellen rigoros eine verstärkte Bindung an Industriekombinate durch, die auf Ablösung von Importen und die ver­mehrte Nutzung einheimischer Roh- und Zusatzstoffe abzielte. Auch die internationa­len Verbindungen der meisten Wissen­schaftler in die westliche Hemisphäre wur­den manchmal mit geradezu grotesken Be­gründungen unterbrochen.

1990/91 erfolgte dann die Evaluierung des Institutes. Der Wissenschaftsrat empfahl seine Erhaltung und Förderung. Dement­sprechend wurde es 1992 alsDeutsches Institut für Ernährungsforschung (DIfE) neu gegründet. Mittlerweile ist das DIfE in ganz Deutschland anerkannt. Grund genug, daß es von der Deutschen Gesellschaft für Er­nährung (DGE) zusammen mit der Univer­sität Potsdam mit der Ausrichtung des 33. Jahreskongresses der DGE beauftragt wur­de. Auf diesem Kongreß deckten 146 Beiträ­ge das gesamte Gebiet der Disziplin ab: von Vorträgen über Lebensmittelallergien bis hin

zur Präsentation von neuartigen Verfahren zur schnellen Bestimmung von Jod im Harn (womit die Jodversorgung gemessen wer­den kann). Eine Reihe von Beiträgen be­schäftigen sich mit der Ernährung von Kin­dern, ihrem Ernährungsverhalten in der Ge­samtschule, dem Mittagessen in Kinderta­gesstätten oder Ernährungsprogrammen für Kinder und Jugendliche.

Die richtige Nahrungszufuhr in Menge und Zusammensetzung ist für Kinder und Ju­gendliche besonders wichtig, weil man dadurch irreparable Folgeschäden in ihrer Zukunft vermeiden kann. So wird beispiels­weise Calcium nur bis zum Ende des drit­ten Lebensjahrzehnts in die Knochen einge­baut. Man hat festgestellt, daß bei alten Menschen, die in ihrer Jugend nicht ausrei­chend mit Calcium versorgt wurden, die Knochen oft extrem brüchig sind; was dar­an liegt, daß im Alter das für deren Festi­gung verantwortliche Calcium abgebaut wird. Dadurch verringert sich bei ohnehin schon geringem Calciumgehalt deren Sta­bilität so stark, daß schon harmloses Hinfal­len zu komplizierten Brüchen führen kann. Daß die Zunahme von ausreichend viel Vit­amin C gesund ist, weiß mittlerweile jeder In einer auf dem Kongress vorgestellten Studie wurde darüber hinaus festgestellt, daß durch die Zugabe von Vitamin C in Tier­futter die Anreicherung von Cadmium in Leber, Niere und Muskelfleisch bei den damit gefütterten Tieren um 30 bis 40% re­duziert wird. Da etwa 30% der vom Men­schen aufgenommenen Cadmiummenge über Nahrungsmittel tierischen Ursprungs in den Körper gelangt, kann durch Zusatz von Vitamin C in Tierfutter die Belastung beim Menschen deutlich gesenkt werden.

pm/ade

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PUTZ 4/96