50 JAHRE ERNÄHRUNGSWISSENSCHAFT IN POTSDAM UNTER WECHSELNDEN VORZEICHEN
Jubiläum am Rande des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Ernährung
50 Tonnen Lebensmittel hat ein 70jähriger Mensch in seinem Leben ungefähr verspeist. Ein Großteil der vom Körper resorbierten Substanzen ist dafür verantwortlich, daß er dieses Alter überhaupt erreicht hat - sei es als Energielieferant, für den Aufbau von Zellen oder zur Steuerung von Körperfunktionen. Umgekehrt läßt es sich aber nicht vermeiden, daß mit der Nahrung auch für den Körper schädliche Inhaltsstoffe aufgenommen werden, die von ihm entsorgt werden müssen bzw. schlimmstenfalls zur Erkrankung führen können. Auch einseitige Ernährung kann ungesund sein, weil sie von manchem zu viel und von anderem zu wenig bietet. Essen ist somit zwar essentiell, aber keinesfalls eine triviale Angelegenheit. Um über Phagen rund um die Ernährung zu diskutieren, trafen sich dieses Jahr am 28. und 29. März rund 400 Ernährungswissenschaftler zum 33. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in der Universität Potsdam. Schon im Vorfeld gab es Emährungswissenschaftliches:
Gerade in Großküchen ist die Verantwortung groß. Von einem ausgewogenen und abwechslungsreichen Speisenangebot profitieren viele. Foto: Tbibukeit
Das Deutsche Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) hatte seine Geburtstagsfeier auf den 27. März vorverlegt, um in großer Runde seiner Gründung vor 50 Jahren zu gedenken. Am 10. Juni 1946 hatte der Oberste Chef der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland, Marschall Sokolowski, auf Antrag der Deutschen Verwaltung für Handel und Versorgung den Befehl Nr. 168 erlassen, der verfügte, daß in Potsdam eine Zweigstelle des in Berlin-Dahlem gelegenen Instituts für Ernährungs- und Verpflegungswissenschaften zu errichten sei. Im Frühjahr 1947 wurde das Rehbrücker Institut dann selbständig, zehn Jahre später aber, zusammen mit der Leipziger Anstalt für Vitaminforschung und Vitammprüfung (die bereits 1948 nach Potsdam verlegt worden war) als vereintes „Institut für Ernährung“ der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin angegliedert.
Ursprünglich war die Einrichtung beauftragt, zur Überwindung der Not in der Bevölkerung und zur Behebung der Schwierigkeiten in der Produktion, Verarbeitung und Bereitstellung von Lebensmitteln beizutragen. Dringende Fragen der Nachkriegszeit verlangten darüber hinaus zunächst eine vorwiegend analytische und gutachterliche Tätigkeit, um den Anforderungen von Behörden und Industrie zu entsprechen. Ab Mitte der 50er Jahre wurde es durch den Ausbau der Einrichtungen und eine personelle Erweiterung möglich, den Schwerpunkt auf eine Grundlagenforschung zu verlagern, die eine einheitliche Betrachtung von Nahrung und Ernährung forderte.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich aufgrund der Forschungsprojekte die Notwendigkeit,
physiologische, klinische, toxikologische und epidemiologische Untersuchungen durchzuführen sowie lebensmittelchemische und -technologische Verfahren zur Entwicklung neuer Erzeugnisse bis zur Reife anzuwenden. Dazu wurden Fachleute aus zahlreichen Wissenschaftsdisziplinen gebraucht: von Biochemikern über Biologen, Chemiker, Lebensmittelchemiker, Mathematiker, Mediziner, Molekularbiologen, Physiologen, Psychologen, Soziologen, Techniker, Toxikologen bis hin zu Volks- und Betriebswirten. Ab 1964 wurde das Institut von außen zunehmend auf die Bedürfnisse der Lebensmittelindustrie ausgerichtet. Vor allem mit den aufkommenden Schwierigkeiten der DDR Ende der 70er und vor allem in den 80er Jahren setzten staatliche Stellen rigoros eine verstärkte Bindung an Industriekombinate durch, die auf Ablösung von Importen und die vermehrte Nutzung einheimischer Roh- und Zusatzstoffe abzielte. Auch die internationalen Verbindungen der meisten Wissenschaftler in die westliche Hemisphäre wurden manchmal mit geradezu grotesken Begründungen unterbrochen.
1990/91 erfolgte dann die Evaluierung des Institutes. Der Wissenschaftsrat empfahl seine Erhaltung und Förderung. Dementsprechend wurde es 1992 als „Deutsches Institut für Ernährungsforschung“ (DIfE) neu gegründet. Mittlerweile ist das DIfE in ganz Deutschland anerkannt. Grund genug, daß es von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zusammen mit der Universität Potsdam mit der Ausrichtung des 33. Jahreskongresses der DGE beauftragt wurde. Auf diesem Kongreß deckten 146 Beiträge das gesamte Gebiet der Disziplin ab: von Vorträgen über Lebensmittelallergien bis hin
zur Präsentation von neuartigen Verfahren zur schnellen Bestimmung von Jod im Harn (womit die Jodversorgung gemessen werden kann). Eine Reihe von Beiträgen beschäftigen sich mit der Ernährung von Kindern, ihrem Ernährungsverhalten in der Gesamtschule, dem Mittagessen in Kindertagesstätten oder Ernährungsprogrammen für Kinder und Jugendliche.
Die richtige Nahrungszufuhr in Menge und Zusammensetzung ist für Kinder und Jugendliche besonders wichtig, weil man dadurch irreparable Folgeschäden in ihrer Zukunft vermeiden kann. So wird beispielsweise Calcium nur bis zum Ende des dritten Lebensjahrzehnts in die Knochen eingebaut. Man hat festgestellt, daß bei alten Menschen, die in ihrer Jugend nicht ausreichend mit Calcium versorgt wurden, die Knochen oft extrem brüchig sind; was daran liegt, daß im Alter das für deren Festigung verantwortliche Calcium abgebaut wird. Dadurch verringert sich bei ohnehin schon geringem Calciumgehalt deren Stabilität so stark, daß schon harmloses Hinfallen zu komplizierten Brüchen führen kann. Daß die Zunahme von ausreichend viel Vitamin C gesund ist, weiß mittlerweile jeder In einer auf dem Kongress vorgestellten Studie wurde darüber hinaus festgestellt, daß durch die Zugabe von Vitamin C in Tierfutter die Anreicherung von Cadmium in Leber, Niere und Muskelfleisch bei den damit gefütterten Tieren um 30 bis 40% reduziert wird. Da etwa 30% der vom Menschen aufgenommenen Cadmiummenge über Nahrungsmittel tierischen Ursprungs in den Körper gelangt, kann durch Zusatz von Vitamin C in Tierfutter die Belastung beim Menschen deutlich gesenkt werden.
pm/ade
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PUTZ 4/96