MAN SCHAUT AUF POTSDAM
Vereinigung für Jüdische Studien gegründet
Die Eröffnung des Studienganges „Jüdische Studien“ Ende 1994 an der Universität Potsdam bezeichnete Prof. Dr. Karl E. Grözinger, Geschäftsführender Direktor des Institutes für Religionswissenschaft, damals als einen „Markstein in der deutschen Universitätsgeschichte“. Das deshalb, weil hier die Historie und Gegenwart des Judentums in ihren vielfältigen kulturellen, interkulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Verflechtungen in einem Studiengang mit großer Fächer- und Methodenvielfalt erforscht und gelehrt wird. Diese Besonderheit hat sich bewährt und herumgesprochen. Aus ganz Deutschland erreichten den Hochschullehrer deshalb Anfragen.
Aus der Wirklichkeit geboren, entstand so die Idee, eine Vereinigung für Jüdische Studien ins Leben zu rufen. „In Potsdam konnten wir die Gunst der Stunde nutzen. Die Gründung der Universität gab uns Gelegenheit, neue Wege zu gehen. Wir haben diese Chance bei der Ausgestaltung des interdisziplinären Studienganges Jüdische Studien nicht verstreichen lassen", erklärte Grözinger. Der Wunsch der an anderen Hochschulen zum Tfeil auf diesem Gebiet vereinzelt Arbeitenden bestand darin, sich zusammenzuschließen. Anfang 1996 wurde dann auch an der Universität Potsdam von 20 Wissenschaftlern der Universitäten Darmstadt, Oldenburg, Halle/Wittenberg, Bremen, Mainz, Greifswald, Potsdam und der Humboldt- Universität zu Berlin die .Vereinigung für Jüdische Studien e.V" gegründet. Heute gehören 40 Personen zum Mitgliederstamm, wobei die Hälfte von ihnen Professoren sind. In der Satzung heißt es zum Anliegen: „Ausschließliche Aufgabe der Vereinigung ist die Vertretung und Förderung der Belange Jüdischer Studien an deutschen Hochschulen und entsprechend wissenschaftlich arbeitender Bil- dungs-, Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen im In- und Ausland.“ Auf diese Weise kann beispielsweise eine Repräsentanz in jenen Gremien geschaffen werden, die Forschungsmittel und Stipendien vergeben.
Zunehmend erhält Karl E.
Grözinger auch Bitten um Betreuung von Dissertationen, deren Themen in der traditionellen Fakultätsstruktur untergehen würden. In Potsdam finden sich auf
grund des interdisziplinären Ansatzes der Jüdischen Studien relativ leicht Mentoren. Der Verein bietet außerdem günstige Voraussetzungen dafür, die Forschungsergebnisse von Spezialisten begutachten zu lassen.
Die Initiatoren wollen aber „keinen Forschungsverein, keinen Verein, der historische Forschung anregt, sondern eine Wissenschaftlervertretung für die jüdischen Wissenschaften im interdisziplinären Sinne". Ein weiteres Motiv für die gemeinsame Interessenvertretung stellt die Tätsache dar, daß die Jüdische Studien Betreibenden „nicht für den Elfenbeinturm arbeiten“, sondern ebenso nach außen wirken wollen. Als Partner sehen sie dabei unter anderem Museen oder Geschichtsvereine. Der Verein versteht sich ebenso als Gesprächsforum für jüdische Themen. So soll noch in diesem Jahr eine breite öffentliche Diskussion zur Darstellung des Judentums im Rahmen der geisteswissenschaftlichen Disziplinen angeregt werden. Die Vereinsmitglieder schauen auf Potsdam, so Grözinger. „Denn wir sind so weit, wie sie alle kommen wollen". B.E.
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Ansprechpartner für an den Jüdischen Studien Interessierte:
Prof. Dr. Karl E. Grözinger, Institut für Religionswissenschaft und Studiengang Jüdische Studien der Universität Potsdam, Tel./Fax 0331/977-12S4.
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MMZ NUN AM NEUEN MARKT
Zum 1. April 1996 konnte das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam (MMZ) ein neues Quartier am Potsdamer Neuen Markt beziehen. Der Umzug war nach Angaben von Direktor Prof. Dr. Julius H. Schoeps notwendig geworden, da die bisherigen Räume in der Potsdamer Rem- brandtstraße für die wissenschaftliche und öffentliche Arbeit des MMZ nicht mehr ausreichten. Nun können die Bibliothek des MMZ - bisher in Kellerräumen untergebracht - besser genutzt und Veranstaltungen des Zentrums im eigenen Haus ange- boten und einem größeren Tteilnehmerkreis zugänglich gemacht werden.
Mit dem barocken Platzensemble am Neuen Markt, einem alten zentralen Stadtbereich von Potsdam, der zu Teilen von den Architekten Kühns, von Kaehne und Partner saniert wird, hat das Mendelssohn Zentrum nun ein Domizil in direkter Nachbarschaft zum Einstein Forum gefunden. Mit den ebenfalls am Neuen Markt angesiedelten Forschungsgruppen der Berlin-Branden- burgischen Akademie der Wissenschaften ist auf diese Weise ein interessantes Wissenschaftszentrum im Entstehen.
Der Neue Markt, der seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert bebaut ist, beherbergte in diesem Jahrhundert im Haus Nr. 8, in dem heute das Mendelssohn Zentrum zu finden ist, den Potsdamer Verleger und Drucker Werner Stichnote. Stichnote nahm 1945 für einige Monate den aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen entlassenen Verleger Peter Suhrkamp auf. Später arbeitete Werner Stichnote im Ullstein-Verlag, wo ihm Prof. Dr. Julius H. Schoeps in seiner Volontärszeit begegnete. „Das Bü- chermachen“, so der Direktor des MMZ, „habe ich bei Stichnote gelernt." rd.
Die neue Adresse des MMZ:
Am Neuen Markt 8, m mmm 14467 Potsdam.
Telefon und Fax sind gleich geblieben.
Eine Seite aus der Leipmk-Haggadah mit hebräischen Texten aus der Antike, der spanisch- italienischen und deutschen Renaissance, jiddischen Bildunterschriften und Anweisungen, Rokoko-Illustrationen des deutsch-mährischen Juden Joseph ben David aus dem Amsterdam des Jahres 1738. Sie ist ein gutes Beispiel für die Notwendigkeit interdisziplinärer Zusammenarbeit in den Jüdischen Studien an Hochschulen und Forschungsinstitutionen, wofür sich die in Potsdam gegründete „Vereinigung für Jüdische Studien e. V." bundesweit einsetzen will. Abb.: zg.
PUTZ 4/96
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