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THAILÄNDISCHE IMPRESSIONEN
Eindrücke aus dem „Land des Lächelns" von Klaus Denecke
Prof. Dr. Klaus Denecke aus dem Institut für Mathematik besuchte kürzlich drei Universitäten Thailands. Zunächst war er als Gastprofessor bei einem Workshop über Allgemeine Algebra an der Universität Khon Kaen im Nordosten des Landes tätig, dann reiste er zu Vorträgen an die Chulalongkorn Universität Bangkok und die Universität Chiang Mai. Nachfolgend berichtet er über seine dabei gewonnenen Eindrücke vom akademischen Arbeiten in Thailand wie auch über Land und Leute:
In Thailand gibt es nur eine kleine Zahl promovierter Mathematiker, es wurde mehrfach die Zahl zwölf genannt, daher ist auch die Zahl derPHD-Studenten (Doktoranden) sehr bescheiden und die Verbindung mathematischer Lehre mit der Forschung erst in den Anfangsschritten. Zudem hatte ich den Eindruck, daß die Administration der staatlich geführten Universitäten zwar Mathematik als grundlegenden Ausbildungsgegenstand für fast alle Fachrichtungen, die an den Universitäten studiert werden können, hoch anerkennt, ihren Wert als Forschungsgegenstand jedoch anzweifelt. Das hat Auswirkungen auf finanzielle Zuwendungen für die mathematische Forschung. Die mathematischen Fachbereiche versuchen nachdrücklich eine Änderung dieser Wissenschaftspolitik herbeizuführen. So wurde meine Aufgabe dahingehend definiert, eine Vorlesung mit entsprechend hohem theoretischen Anspruch zu halten, Anwendungen der Allgemeinen Algebra in anderen mathematischen Gebieten und in der Praxis aufzuzeigen und offene Probleme zu benennen, welche Forschungsaktivitäten auslösen können.
Die Khon Kaen Universität bot sich dabei besonders an, da sie die erste regionale Universität im Nordosten Thailands ist. Die Universität wurde 1964 im Rahmen eines Planes für die dezentrale Entwicklung der höheren Bildung in Thailand gegründet. Die Millionenstadt Khon Kaen befindet sich 450 km nordöstlich von Bangkok. Gegenwärtig gibt es an der Universität 17 Fakultäten, unter anderem für Landwirtschaft, Architektur, Medizin, Zahnmedizin, Pädagogik, Ingenieurwissenschaften, Kunstwissenschaften, Sozialwissenschaften, Management und Naturwissenschaften. Darüber hinaus gibt es einige zentrale Institute. Gegenwärtig studieren dort 10.000 Studenten.
Die Ausbildungsprogramme umfassen ein „undergraduate program“, das zum Bachelor of Science (B. Sc.) führt und in vielen Fächbereichen ein zum Master of Science (M. Sc.) führendes „graduate program“. PHD-Programme sind dagegen eher selten. Der Zugang zur Universität ist Graduierten der „high schools“, welche die Universitätsaufnahmeprüfung bestanden haben, und internationalen Studenten, die durch die thailändische Regierung oder durch internationale Fördergremien unterstützt werden, gestattet. Die Dekane der Universität sind dar
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an interessiert, Promotionsstudenten (PHD) an die Universität Potsdam zu entsenden. So arbeiten mit finanzieller Unterstützung eines entsprechenden Programms der thailändischen Regierung in diesem Sommersemester bereits zwei Studenten aus Khon Kaen bzw. aus Chiang Mai am Institut für Mathematik.
Die Chulalongkorn Universität in Bangkok ist die älteste Universität in Thailand und wurde 1917 durch König Vajiravudh (Rama VI) gegründet. Ihr Namensgeber König Chulalongkorn (Rama V) hatte sich während seiner Regierungszeit für die Entwicklung einer modernen Bildung in Thailand eingesetzt. Die Chulalongkorn Universität, kurz Chula genannt, ist eine zentrale Universität und untersteht direkt dem „Minister of University Affairs“. Die Chula bietet für
ausländische Studenten volle Studienprogramme in englischer Sprache. Daher könnte sie auch für Studenten und Graduierte der Universität Potsdam von Interesse sein. In diesem Zusammenhang sei auf ein UNESCO-Programm zum Studenten- und Graduiertenaustausch zwischen deutschen und thailändischen Universitäten hingewiesen. Das Akademische Auslandsamt kann dazu detailliertere Auskünfte geben. Mathematische Spezialitäten der Universität sind Halbring- und Halbgruppentheorie und deren Anwendungen in der Theorie Formaler Sprachen. Diese Gebiete wurden durch den aus den USA stammenden und seit 22 Jahren in Bangkok lebenden Sidney Mitchel an der Chula initiiert.
Die Wahl der dritten Etappe meines Thai
landaufenthaltes, die „Rose des Nordens", Chiang Mai, war zunächst weniger mathematischen Interessen geschuldet. Der durch die Yellow-press verbildete deutsche Leser könnte die Anziehungskraft einer der wirklich wunderschönen Thai-Frauen (in Thai: suai-mahk) oder Schlimmeres vermuten. Ich hingegen folgte einer Einladung des Bezirksgerichts von Chiang Mai, eine Jugendstrafanstalt zu besichtigen und mich über die thailändische Justiz zu informieren. Die Mehrzahl der Straftäter war zum Drogenhandel mißbraucht worden. Die Erziehungsmethoden in der Jugendstrafanstalt erinnerten mich an die von Makarenko in „Der Weg ins Leben" geschilderten. Unter tropischer Sonne wirkte alles aber viel freundlicher. Meine Sponsoren waren sehr zufrieden, vom ersten ausländischen Besucher des Gefängnisses bestätigt zu bekommen, daß alles sehr sauber und ordentlich sei. Daß ich kein sehr fachkompetenter Besucher war, hatte ich verschwiegen.
Eine Hauptrichtung der Universität Chiang Mai ist die Fakultät für „food Science“, was ich als „Ernährungswissenschaft 1 ' übersetzen würde. Im Fachbereich Mathematik hält zur Zeit ein Gastprofessor aus Vietnam, Ngyen van Sanh, Vorlesungen über Modul- und Kategorientheorie.
Die tiefsten außermathematischen Eindrük- ke meiner Reise vermittelten mir die überwältigend gastfreundlichen Menschen des Landes und die vorzügliche thailändische Küche. Thailand gehört zu den „Boomregionen" der Welt. Es bleibt zu hoffen, daß der ungehemmt kapitalistischen Entwicklung Natur und Mensch nicht noch stärker zum Opfer fallen. Die Thai-Gesellschaft kann aus alter asiatischer, buddhistischer Tradition schöpfen und ihre Mitglieder haben, wenn diese Verallgemeinerung überhaupt sinnvoll ist, einen klaren, kritischen Verstand. Dem Hemden, besonders Europäern gegenüber, wenn sie auch unter der Sammelbezeichnung „falang“ geführt werden, verhält man sich interessiert, tolerant und aufgeschlossen, wovon einiges zu lernen wäre.
Mathematikertreffen an der Khon Kaen Universität im Nordosten Thailands. Mit dabei: der Potsdamer Klaus Denecke (vordere Reihe, Dritter von links). Foto: privat
PUTZ 4/96