Heft 
(1.1.2019) 04
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.. CAMPUS

THAILÄNDISCHE IMPRESSIONEN

Eindrücke aus demLand des Lächelns" von Klaus Denecke

Prof. Dr. Klaus Denecke aus dem Institut für Mathematik besuchte kürzlich drei Uni­versitäten Thailands. Zunächst war er als Gastprofessor bei einem Workshop über All­gemeine Algebra an der Universität Khon Kaen im Nordosten des Landes tätig, dann reiste er zu Vorträgen an die Chulalongkorn Universität Bangkok und die Universität Chiang Mai. Nachfolgend berichtet er über seine dabei gewonnenen Eindrücke vom akademischen Arbeiten in Thailand wie auch über Land und Leute:

In Thailand gibt es nur eine kleine Zahl pro­movierter Mathematiker, es wurde mehrfach die Zahl zwölf genannt, daher ist auch die Zahl derPHD-Studenten (Doktoranden) sehr bescheiden und die Verbindung mathema­tischer Lehre mit der Forschung erst in den Anfangsschritten. Zudem hatte ich den Ein­druck, daß die Administration der staatlich geführten Universitäten zwar Mathematik als grundlegenden Ausbildungsgegenstand für fast alle Fachrichtungen, die an den Univer­sitäten studiert werden können, hoch aner­kennt, ihren Wert als Forschungsgegenstand jedoch anzweifelt. Das hat Auswirkungen auf finanzielle Zuwendungen für die mathema­tische Forschung. Die mathematischen Fachbereiche versuchen nachdrücklich eine Änderung dieser Wissenschaftspolitik her­beizuführen. So wurde meine Aufgabe da­hingehend definiert, eine Vorlesung mit ent­sprechend hohem theoretischen Anspruch zu halten, Anwendungen der Allgemeinen Algebra in anderen mathematischen Gebie­ten und in der Praxis aufzuzeigen und offe­ne Probleme zu benennen, welche For­schungsaktivitäten auslösen können.

Die Khon Kaen Universität bot sich dabei besonders an, da sie die erste regionale Universität im Nordosten Thailands ist. Die Universität wurde 1964 im Rahmen eines Planes für die dezentrale Entwicklung der höheren Bildung in Thailand gegründet. Die Millionenstadt Khon Kaen befindet sich 450 km nordöstlich von Bangkok. Gegenwärtig gibt es an der Universität 17 Fakultäten, un­ter anderem für Landwirtschaft, Architektur, Medizin, Zahnmedizin, Pädagogik, Inge­nieurwissenschaften, Kunstwissenschaften, Sozialwissenschaften, Management und Naturwissenschaften. Darüber hinaus gibt es einige zentrale Institute. Gegenwärtig stu­dieren dort 10.000 Studenten.

Die Ausbildungsprogramme umfassen ein undergraduate program, das zum Bache­lor of Science (B. Sc.) führt und in vielen Fächbereichen ein zum Master of Science (M. Sc.) führendesgraduate program. PHD-Programme sind dagegen eher selten. Der Zugang zur Universität ist Graduierten derhigh schools, welche die Universitäts­aufnahmeprüfung bestanden haben, und internationalen Studenten, die durch die thai­ländische Regierung oder durch internatio­nale Fördergremien unterstützt werden, ge­stattet. Die Dekane der Universität sind dar­

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an interessiert, Promotionsstudenten (PHD) an die Universität Potsdam zu entsenden. So arbeiten mit finanzieller Unterstützung eines entsprechenden Programms der thailändi­schen Regierung in diesem Sommerseme­ster bereits zwei Studenten aus Khon Kaen bzw. aus Chiang Mai am Institut für Mathe­matik.

Die Chulalongkorn Universität in Bangkok ist die älteste Universität in Thailand und wurde 1917 durch König Vajiravudh (Rama VI) gegründet. Ihr Namensgeber König Chulalongkorn (Rama V) hatte sich wäh­rend seiner Regierungszeit für die Entwick­lung einer modernen Bildung in Thailand eingesetzt. Die Chulalongkorn Universität, kurz Chula genannt, ist eine zentrale Uni­versität und untersteht direkt demMinister of University Affairs. Die Chula bietet für

ausländische Studenten volle Studien­programme in englischer Sprache. Daher könnte sie auch für Studenten und Gradu­ierte der Universität Potsdam von Interesse sein. In diesem Zusammenhang sei auf ein UNESCO-Programm zum Studenten- und Graduiertenaustausch zwischen deutschen und thailändischen Universitäten hingewie­sen. Das Akademische Auslandsamt kann dazu detailliertere Auskünfte geben. Mathe­matische Spezialitäten der Universität sind Halbring- und Halbgruppentheorie und de­ren Anwendungen in der Theorie Formaler Sprachen. Diese Gebiete wurden durch den aus den USA stammenden und seit 22 Jahren in Bangkok lebenden Sidney Mitchel an der Chula initiiert.

Die Wahl der dritten Etappe meines Thai­

landaufenthaltes, dieRose des Nordens", Chiang Mai, war zunächst weniger mathe­matischen Interessen geschuldet. Der durch die Yellow-press verbildete deutsche Leser könnte die Anziehungskraft einer der wirk­lich wunderschönen Thai-Frauen (in Thai: suai-mahk) oder Schlimmeres vermuten. Ich hingegen folgte einer Einladung des Be­zirksgerichts von Chiang Mai, eine Jugend­strafanstalt zu besichtigen und mich über die thailändische Justiz zu informieren. Die Mehrzahl der Straftäter war zum Drogen­handel mißbraucht worden. Die Erziehungs­methoden in der Jugendstrafanstalt erinner­ten mich an die von Makarenko inDer Weg ins Leben" geschilderten. Unter tropischer Sonne wirkte alles aber viel freundlicher. Meine Sponsoren waren sehr zufrieden, vom ersten ausländischen Besucher des Gefäng­nisses bestätigt zu bekommen, daß alles sehr sauber und ordentlich sei. Daß ich kein sehr fachkompetenter Besucher war, hatte ich verschwiegen.

Eine Hauptrichtung der Universität Chiang Mai ist die Fakultät fürfood Science, was ich alsErnährungswissenschaft 1 ' überset­zen würde. Im Fachbereich Mathematik hält zur Zeit ein Gastprofessor aus Vietnam, Ngyen van Sanh, Vorlesungen über Modul- und Kategorientheorie.

Die tiefsten außermathematischen Eindrük- ke meiner Reise vermittelten mir die über­wältigend gastfreundlichen Menschen des Landes und die vorzügliche thailändische Küche. Thailand gehört zu denBoomregio­nen" der Welt. Es bleibt zu hoffen, daß der ungehemmt kapitalistischen Entwicklung Natur und Mensch nicht noch stärker zum Opfer fallen. Die Thai-Gesellschaft kann aus alter asiatischer, buddhistischer Tradition schöpfen und ihre Mitglieder haben, wenn diese Verallgemeinerung überhaupt sinnvoll ist, einen klaren, kritischen Verstand. Dem Hemden, besonders Europäern gegenüber, wenn sie auch unter der Sammelbezeich­nungfalang geführt werden, verhält man sich interessiert, tolerant und aufgeschlos­sen, wovon einiges zu lernen wäre.

Mathematikertreffen an der Khon Kaen Universität im Nordosten Thailands. Mit dabei: der Potsdamer Klaus Denecke (vordere Reihe, Dritter von links). Foto: privat

PUTZ 4/96