Heft 
(1.1.2019) 04
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struktureller Unordnung und der thermi­schen Bewegung der Eisenatome statistisch in alle Richtungen weisen, richten sich auf­grund des Erdmagnetfeldes bevorzugt in Richtung des Feldes aus. Daraus resultiert ein magnetisches Moment für die gesamte eisen­haltige Struktur, so daß in diesem Bereich zusätz­lich zum Erd­magnetfeld das von ihm hervorge­rufene Feld des Eisens gemessen wird. Wie groß dieses zusätzli­che Feld ist, hängt zum einen von der Tiefe ab, in der sich das Ei­sen befindet, vor allem aber von der Konzentration des Eisens. Bei mittelalterlichen Fundamenten er­hält man ein Si­gnal, wenn bei­spielsweise Ton- materialien ver­wendet wurden.

Allerdings ist Ei­sen darin nur in geringen Mengen enthalten und liefert deswegen auch nur ein kleines Signal. Hingegen bestehen moderne Stahl­betonfundamente oder Rohrleitungen zu ei­nem Großteil aus Eisen, was in einem star­ken Signal resultiert. Befinden sich in der Nähe von alten, schwach eisenhaltigen Strukturen moderne Leitungen, Schrott oder ähnliches, so wird das kleinealte" Signal von dem um Größenordnungen stärkeren modernen" Signal überdeckt.

Bei den Arbeiten zu dem Projekt am Alten Markt wurde die Not deswegen zu einer fügend gemacht. Da sie darauf abzielten, den Umfang notwendiger Grabungen abzu­schätzen, war es auch wichtig festzustellen, wo Baumaßnahmen aus jüngerer Zeit die historischen Strukturen zerstört haben, sich eine archäologische Untersuchung also nicht lohnt. Speziell interessierte hier vor al­lem, wie weit die Baugrube und das Stahlbetonfundament, die für den Neubau des Hans-Otto-Theaters 1989 nahe der west­lichen Mauer des 1961 abgetragenen Stadt­schlosses in den Boden gebracht wurden, die alten Mauerfundamente dort zerstört haben. Mithilfe der magnetischen und auch der elektromagnetischen Messungen (letz­tere eignet sich zum Aufspüren von Metall überhaupt), stellte Dr. Lück fest, daß die Baumaßnahmen zwar die äußere Schloß­mauer, nicht aber die hofseitige Mauer tan­

giert hatten, weswegen Grabungen sich an dieser Stelle durchaus lohnen.

Die aufschlußreichsten Messungen konnten aber bislang kaum durchgeführt werden. Schuld daran war der lange und kalte Win­ter, begründet das Erika Lück. Bei die­sen geoelektrischen Meßverfahren wrd ein Gleichstrom über zwei Elektro­den in den Boden eingespeist. Über zwei weitere Elek­troden wird das Po- tentialfeld zwischen dem ersten Paar ge­messen. Es hängt von der Leitfähigkeit des Untergrundes ab. Mauerwerk hat im allgemeinen eine niedrigere Leitfähig­keit als Erde. Ent­sprechend verän­dern Fundamente im Boden das Po­tentialfeld. Man ist dabei nicht auf be­stimmte Stoffe im Fundament ange­wiesen. Ein Vorteil ist auch, daß man mit dieser Methode dreidimensionale Strukturen erkennen kann: Indem man den Abstand zwischen allen Elektroden vergrößert, lassen sich tiefer­liegende Mauerwerke erkennen.

Darüber hinaus werden auch verschiedene Materialien unterschieden: Kalkstein hat eine andere Leitfähigkeit als beispielswei­se Ziegel oder Feldstein. Allerdings gibt es auch Tücken, denn ragt das Fündament bis in das Grundwasser und hat es sich voll­gesogen, so steigt die Leitfähigkeit gegen­über dem trockenen Gestein drastisch und kann sogar höher als das umgebende Erd- matenal sein!

Abgesehen davon, daß diese Methode sehr viel aufwendiger als die anderen geophysi­kalischen Verfahren ist (die Vermessung des Profils entlang eines 42 m langen Schnittes nimmt dabei etwa einen halben füg in An­spruch), kann man bei vereistem Boden die Elektroden nicht an den Untergrund ankop­peln. Gerade diese Messungen würden aber den vermutlich größten Aufschluß über noch in der Tiefe befindliche Haus- und Burgreste und deren genaue Lage geben. Das Gutachten stützt sich in diesem Punkt hauptsächlich auf die Auswertung alter Grabungsbefunde. Dabei handelt es sich vor allem um archäologische Untersuchungen, die der Potsdamer Heimatforscher Richard Hoffmann zu Beginn der fünfziger und sechziger Jahre durchführte, sowie um be­

Die Studentin Diana Ditz (links) und Dr. Erika Lück bei geoelektrischen Messungen am Alten Markt. Bei dem sechsmonatigen Projekt halfen drei Potsdamer Studentinnen der Geoökologie mit. Foto: Fritze

gleitende Grabungen beim Neubau des Hans-Otto-Theaters 1989, Dabei sind insge­samt nach Aussage von Gundula Chrtistl acht Prozent der Grundnsse der Vorgänger­bauten des Stadtschlosses untersucht wor­den.Hoffmann, betont sie,war ein sehr engagierter Autodidakt, der alles verfügba­re Wissen zusammentrug. Ihn interessierte vor allem die Lage der Vorgängerbauten. Dazu legte er im Bereich der Stadtschloß- rume zunächst Sondagegräben an und grub dort ausführlicher, wo er Hinweise auf das Gesuchte erhielt. So entdeckte er die ver­mutlich älteste Befestigung, die eingangs schon erwähnte mittelalterliche Türmburg, sowie die später erweiterte Anlage, die von ihm alsRenaissanceburg" bezeichnet wur­de und den Türm und zumindest (teile der Umfassungsmauer der Türmburg mit­integrierte.Der Unterschied zwschen uns und Hoffmann ist, daß er wußte, was er fin­den wollte, sagt Christi.

Neben genaueren Untersuchungen der al­ten Burg- und Schloßfundamente interes­siert sie vor allem die mittelalterliche und neuzeitliche Besiedlung, beispielsweise wann die erste deutsche Siedlung entstand oder wie die Struktur der mittelalterlichen Stadt aussah. Die Grabungsbedingungen sind äußerst günstig. Zum einen umfaßt das Areal des ehemaligen Stadtschlosses im­merhin etwa 13.500 Quadratmeter des histo­rischen Stadtkerns, zum anderen wurde diese Fläche bis heute nur geringfügig überbaut. Aus diesen Gründen hält Christi die Durchführung von Ausgrabungen, die wohl mehr als ein Jahr in Anspruch nehmen werden, für unverzichtbar. Bevor also auf den Grundrissen des alten Stadtschlosses ein neuer Gebäudekomplex in die Höhe wächst, werden Denkmalpfleger und Ar­chäologen zunächst in die Tiefen der Pots­damer Vergangenheit tauchen.

Da bei den Grabungen aber die historischen Quellen gleichzeitig zerstört werden, ist die Verantwortung dabei groß. Die sorgfältige Vorarbeit kann hier das Risiko von Versäum­nissen bei den Untersuchungen verringern. Dazu gehört es, alte Dokumente, die Hinwei­se auf zu erwartende Funde liefern, auszu­werten, eventuell früher durchgeführte Gra­bungen oder anderweitige Fünde erneut zu bewerten, vielleicht Vergleiche mit anderen Städten zu ziehen. Die Einbeziehung geo­physikalischer Vorarbeiten setzt erst allmäh­lich ein. Dabei hält sie Gundula Chnstl auch für andere archäologische Untersuchungen in Städten für wichtig. Liefern sie doch auf­schlußreiche Anhaltspunkte darüber, wo beispielsweise Strukturen gut erhalten sein können - oder umgekehrt spätere Eingriffe alte Spuren zerstört haben. Aus Kostengrün­den und wegen des nötigen Know hows bie­tet sich - so die Mitarbeiterin des Amtes für Denkmalpflege - auch in Zukunft die Zusam­menarbeit mit Universitäten an. ade

PUTZ 4/96

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