auf studentische Forderungen zeitlich zu fixieren. Die eigentliche Revolution fand 1968 weniger in der Realität, als in den Köpfen statt. So kam es zu ganz unterschiedlichen Verzögerungen bei der Umsetzung der neuen Ideen. Die Strafrechtsneuordnung beispielsweise stellt einen tiefen Einschnitt dar, der sich nur in fünf großen Etappen bis 1974 vollziehen ließ. Auf die Ausgestaltung des veränderten Strafrechtes hatte die Studentenbewegung und die in ihrem Zuge zu Wort kommende alternative Strafrechtslehre einen nicht unerheblichen Einfluß. Inhaltliche Reformierungen fanden insbesondere im Sexualstrafrecht und bei Delikten gegen die öffentliche Sicherheit und Ordnung statt. Eine umfassende Änderung der Regelungen zur Abtreibung scheiterte jedoch an der durch das Bundesverfassungsgericht festgestellten Verfassungswidrigkeit. Geändert wurde 1974 auch das Strafprozeßrecht. Andere Forderungen, wie die nach einer Ersetzung beziehungsweise Beteiligung von Soziologen an richterlicher Entscheidungsfindung oder die nach einer Bodenreform, erfüllten sich me. Auch die Forderung nach einer veränderten Juristenausbildung konnte sich in verschiedenen Versuchsprojekten bis heute nicht durchsetzen.
Ob die Proteste gegen neue BAföG- und Studiengebührenpläne erneut zu einer derart starken, politischen Bewegung führen werden, bleibt abzuwarten. In der politischen Diskussion, die 1968 Kernstück der Bewegung war, sind heute jedenfalls Extrempositionen weitgehend weggefallen. Ein historischer Moment der heutigen Zeit besteht nach dem Wegfall der Ost-West- Urennung weniger im Protest gegen bestehende Herrschaftsverhältnisse, sondern vielmehr im Aufbau einer neuen, gemeinsamen Ordnung. Thilo Seelbach
AUF DER SUCHE NACH EINER „STUDENTENSPRACHE"
Germanistisches Projektseminar mit umfangreicher Analyse
Für das 17. und 18. Jahrhundert war der Befund weitgehend eindeutig: Der Stand der Studenten (es waren wirklich fast nur männliche Studenten) besaß neben anderen eigentümlichen und eigenwilligen Verhaltens- und Ausdrucksweisen auch eigene sprachliche Besonderheiten. Die sogenannte Burschensprache grenzte sich deutlich von der Sprache der „Philister“, der Nichtstudierenden, ab. In zahlreichen Wörterbüchern zur Studentensprache ist dies dokumentiert worden. Ihre Spuren findet man noch heute in der Allgemeinsprache. Wörter wie blechen, büffeln, pumpen galten in der damaligen Zeit als typisch „studentensprachlich“.
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Existiert vielleicht doch mehr Studentensprachliches als bislang vermutet? Die Antwort auf diese Frage suchen derzeit Studierende in einem germanistischen Projektseminar an der Universität Potsdam. Foto: Tribukeit
Wie sieht es nun in der Gegenwart mit einer Studentensprache aus? Die originäre Kultur studentischer Aushänge, Aufrufe, Plakate u.ä. ist wohl jedem auffällig. Bekannt ist auch, daß durchaus nicht wenige der Studierenden von sich meinen, eine „andere“, „eigene“ sprachliche Ausdrucksweise zu besitzen. Die moderne Sprachwissenschaft ist sich nicht sicher: Vor allem außersprachliche Prozesse (Veränderungen in der Sozialstruktur und der Lebensweise der Studentenschaft) sowie ein verändertes Selbstverständnis der Studierenden hätten einerseits dazu geführt, daß ihre Sprache sich der „Sprache der Normalbürger“ nähere, die Vielfalt der studentischen Lebenswelten lasse eine relativ homogene Sprachwelt nicht mehr zu. Auf den ersten Blick und nach einem Vergleich mit der historischen Studentensprache kann man dieser These sicherlich zustimmen, Andererseits wird bei den Studierenden eine „neue Art von Standessprache“ vermutet. Was stimmt? Gibt es vielleicht doch „mehr“ Studentensprachliches, als gemeinhin angenommen wird? Wenn ja, wodurch ist es gekennzeichnet? Ist es nur ein subjektives Phänomen ohne sprachliche Spezifika? Diese und andere Fragen sind Gegenstand eines Projektseminars am Institut für Germanistik der Universität Potsdam. Es begann im Wintersemester 95/96 unter der Leitung von Dr. Elisabeth Berner und Dr. Karl-Heinz Siehr. Seme Fortsetzung erfolgt derzeit. Etwa 100 Studierende der Universität haben dabei indirekt bereits mitgewirkt. Hintergrund: ein erster Schritt bei den Erkundungen bestand darin, die Meinung der Studierenden selbst zur Studentensprache genauer zu erfassen. Zu diesem Zweck wurde ein Ragebogen erarbeitet, getestet und ausgewertet, der in die
sem Sommersemester an einen weitaus größeren Kreis von Studierenden verteilt wird. Zwar benötigen Elisabeth Berner und Karl- Heinz Siehr noch weitere Rückmeldungen; doch liegen trotzdem bereits erste Ergebnisse vor. Demnach gaben mehr als zwei Drittel aller Befragten an, daß der Sprachgebrauch von Studierenden Besonderheiten aufweist. Worin diese Besonderheiten liegen, ist den Befragten jedoch im allgemeinen wenig bewußt. Eine Ttendenz zeichnet sich dahingehend ab, daß die heutige Studentensprache keine relativ deutlich abgrenzbare „Sondersprache“ mehr ist. Vielmehr stellt sie eine spezifische Mischung allgemeinsprachlicher, fachsprachlicher, jugendsprachlicher u.a. Mittel und Strategien dar. Die allerdings werden situativ sehr differenziert eingesetzt und tragen darüber hinaus stark individuelle Züge. Dennoch scheint die Vermutung berechtigt, daß einige Studenten ein „sprachliches Register“ ausbilden und besitzen. Das wiederum ist mit den sprachlich-kommunikativen Erfordernissen und Gegebenheiten der Institution „Universität“ in Verbindung zu bringen. Auf die Rage nach möglichen Funktionen einer - wie auch immer verstandenen - Studentensprache wurden z.B. folgende Angaben gemacht: „ökonomischere Verständigung“, „Überspielen von psychischen und fachlichen Unsicherheiten", „Selbstdarstellung“, „Abgrenzung gegenüber Nichtstudenten“.
Noch basieren die Daten auf relativ schmaler Grundlage. Im Sommersemester startete die „eigentliche“ Ragebogenaktion, später sollen dann sprachliche Primärdaten (d.h. mündliche und schriftliche Originalbelege studentischen Redens und Schreibens) gesammelt und ausgewertet werden. Erst auf jener Basis scheint letztlich eine Antwort auf die Rage nach der Existenz einer Studentensprache annähernd möglich. Die sich an der Ragebogenaktion beteiligenden Studierenden hoffen jedenfalls auf eine rege Rückantwortaktivität ihrer Kommi- litomnnen und Kommilitonen!
Doreen Brüggemann, Britta Chmielewski, Silke Lieber, Benjamin Stengl, Manuela Stübner
PUTZ 4/96
Seite 19