UNIVERSITÄTEN IN DEUTSCHLAND - NOCH ZU RETTEN ODER
SCHON IM KERN VERROTTET?
Drei Veröffentlichungen zum Wesen der deutschen Hochschulen
Es vergeht kaum ein 1hg, an dem nicht irgendein Hochschulpolitiker oder Universitätsprofessor einen Vorschlag macht, der in Richtung Veränderung an den Hochschulen oder sogar der Hochschulen insgesamt abzielt. Ob es sich beispielsweise um den Beamtenstatus der Professoren, die Finanzierung des Hochschulbaus, BAföG oder die Zulassungsverfahren zu den einzelnen Universitäten handelt - kaum ein Thema, das ausgespart würde und keinen Ansatzpunkt für Kritik bildete. Nichts an den deutschen Universitäten scheint gut zu sein. In dieser Situation sind kürzlich drei Bücher herausgekommen, die sich alle mit den deutschen Universitäten befassen.
Das erste, das bereits Ende Februar öffentlich vorgestellt wurde, ist ein repräsentativer, 320 Seiten dicker und knapp 1,8 kg schwerer Bildband mit dem Titel „Universitäten in Deutschland - Umversities in Germany". Herausgeber sind der DAAD-Generalsekre- tär Christian Bode, HRK- Publikationschef Werner Becker und der frühere DUZ-Chef- redakteur Rainer Klofat. Auf dem Umschlag sind das spätbarocke Hauptgebäude der Universität Greifswald (mit einem davor parkenden Trabi und einem Lada) und die moderne Mensa der Universität Konstanz abge- bildet. Diese Umschlaggestaltung spiegelt bereits das Programm des Buches wider: Es gilt, die 113 deutschen Universitäten in ihrer Vielfalt und Individualität darzustellen: Vom Südwesten Deutschlands bis zum Nordosten, alte sowie neue Bundesländer, von althergebrachter Tradition bis zu modernen Konzepten. Dabei sollen nach den Worten der Herausgeber „einerseits die deutsche Universität als Institution und zugleich die universitäre Wirklichkeit im heutigen Deutschland dar(ge)stellt und andererseits die Universitäten unseres Landes einzeln porträtiert (werden).“ Und da sich das Buch an in- und ausländische Besucher gleichermaßen wenden soll, sind alle Ttexte auf deutsch und in englisch abgedruckt (wobei, wie die FAZ feststellte, „so manches Faktum bei der Übertragung ins Englische unter den Tisch (fiel), (...) aber auch Erhellendes hinzu (kam)“.
Der Band enthält die 113 Einzelporträts der Universitäten, die von diesen selbst verantwortet werden. Entsprechend präsentieren sie sich hauptsächlich von ihrer besten Seite, und man bekommt den Eindruck, daß mit dem Universitätswesen in Deutschland alles in schönster Ordnung sei. Selten, daß Kritik anklingt, wie etwa bei der Universität
Konstanz, die ihren stockenden Aufbau infolge knapper Finanzen beklagt. Im großen und ganzen erfährt man hauptsächlich (vielleicht nicht unbegründet) von der Einzigartigkeit jeder Hochschule. Unterbrochen wird diese Serie von Einzelpräsentationen durch einige Beiträge von verschiedenen Experten des Forschungsund Hochschulwesens, die sich zu übergeordneten Themen Gedanken machen. Den Abschluß bilden 37 Grafiken zum deutschen Hochschul- und Forschungssystem. Beispielsweise erfährt man hier knapp und übersichtlich, wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft organisiert ist, wie sie entstand, welches Ziel sie hat und wie sie dieses Ziel verwirklicht, woher die Mittel kommen und an wen sie gehen. Dieser Anhang ist der wohl informativste und aufschlußreichste TM des Buches.
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UNIVERSITÄTEN IN DEUTSCHLAND
UNIVERSITIES IN GERMANY
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Insgesamt vermittelt der Band einen passablen, vielleicht etwas einseitigen Überblick über die Universitäten und das Universitätswesen in Deutschland. Nicht ganz klar ist, wer das Buch für immerhin 78,- DM kaufen soll, ln der Umschlagklappe heißt es, daß der Band „auch als Geschenkbuch für Hochschulabsolventen und Akademiker interessant“ sei. Daß dieses Buch bei ihnen wirklich große Freude hervorrufen könnte, bleibt zu bezweifeln.
Mit den beiden anderen soeben erschienenen Büchern, die sich mit der Hochschulpolitik bzw. den Möglichkeiten, wie eine sinnvolle Erneuerung der Hochschu
len erzielt werden kann, befassen, hat man es leichter: „Ist die Um noch zu retten?“ von Michael Daxner bringt gerade mal 170 g auf die Waage, das Buch von Peter Glotz „Im Kern verrottet; - Fünf vor zwölf an Deutschlands Universitäten“ bringt es auf 200 g. Inhaltlich allerdings sind sie nicht ganz so leicht.
Obwohl beide Bücher eher provozierend pessimistische Titel tragen, sind sie im Grunde beide optimistisch: Daxner beantwortet seine Frage mit einem überzeugten „Jawohl!“, Glotz die seine mit einem energischen „Durchaus nicht!“. Beide aber sind der Meinung, daß die Strukturen innerhalb und außerhalb der Hochschulen geändert werden müssen, um einen Kollaps zu verhindern. Der Unterschied liegt bei ihnen in dem „wie". Das könnte bereits an der Art und Weise liegen, wie die beiden Autoren an die Wagen herangehen. Während Glotz die Entwicklung und den momentanen Zustand mit den momentanen Problemen der Universitäten auf den ersten 70 Seiten seines Buches vorstellt, und dann gebündelt seine Lösungsvorschläge auf den folgenden 50 Seiten präsentiert, bringt Daxner seine Lösungsstrategien parallel zur Zustandsbeschreibung vor. Er bespricht die einzelnen Punkte - beispielsweise wie Studium und Hochschule finanziert werden sollten oder die Wage nach Zulassungsverfahren - jeweils getrennt in einem Kapitel und diskutiert dabei den derzeitigen Stand und seine zugehörigen Lösungsstrategien. Dadurch sind die Bücher nicht nur anders gegliedert, auch die unterschiedlichen Ergebnisse, zu denen die Autoren kommen, könnten darin begründet sein.
Beispiel Studiengebühren: Im „ersten TM" seines Buches hat Glotz herausgestellt, daß die Universitäten tatsächlich mehr Geld brauchen (durch Effizienz und Strukturmaßnahmen allein die Finanzknappheit also nicht behoben werden kann) - und das dauerhaft und mit sofortiger Wirkung. Im „zweiten TM“ erschließt sich ihm dafür nur eine realistische Quelle: Die Studenten müssen mit Semestergebühren die Lücke schließen. Daxner diskutiert das Thema Studiengebühr zwar auch in seinem Kapitel „Hochschul- und Studienfinanzierung - Ist Wissenschaft Luxus?“, er widmet ihm aber ein eigenes Unterkapitel, stellt es also nicht nur und nicht hauptsächlich in den Zusammenhang mit der Hochschulfinanzierung. Er behandelt es vielmehr als eigene FYage, was nämlich Studiengebühren - aus welchem Grund auch immer - eigentlich bedeuten und welche Folgen sie haben
PUTZ 4/96
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