Heft 
(1.1.2019) 04
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AN PURIM IST ALLES ERLAUBT"

Potsdamer Studierende sorgten für Begeisterung mit Jiddischem Theater

Seit alters her bildet der scherzhafte Vortrag des Esther-Buches einen wichtigen Bestand­teil des jüdischen Purim-Festes, ein der christlichen Fhstnacht vergleichbares Freuden­fest, mit dem MottoAn Purim ist alles erlaubt. In dem biblischen Buch Esther wird die Legende von der Verfolgung des jüdischen Volkes und seiner wundersamen Errettung erzählt. Die Geschichte spielt am Hofe des persischen Königs Achaschwerosch. Nach­dem dieser seine Gemahlin hat ermorden lassen, erwählt er sich Esther als neue Köni­gin. Er ahnt nicht, daß die neue Frau an seiner Seite Jüdin ist. Währenddessen schmie­det Haman, Judenhasser und Großwesir am Hofe des Königs, seine finsteren Pläne zur Vernichtung des jüdischen Volkes. Doch es gelingt Esther, mit Hilfe ihres schlauen Oheims Mordechai, die Katastrophe im letzten Augenblick zu verhindern. Studieren­de der Universität Potsdam griffen gemeinsam mit Prof. Dr. Karl Erich Grözinger aus der Philosophischen Fakultät I diese Geschichte auf und stellten dasPurim-Spil zum großen Vergnügen ihrer Zuschauer auf Potsdamer und Berliner Bühnen dar.

In Ennnerung an ihre Errettung ist den Juden geboten, das Purim-Fest mit viel Wem zu fei­ern, bis - so der Tälmud - man nicht mehr zwischen der Segnung Mordechais und Ver­fluchung Hamans unterscheiden kann. Das Punm-Spil", so nennen sich seit dem 16. Jh. die satirischen Aufführungen der Esther-Le­gende, reicht von Persiflagen der Gebete und Gesänge durch Tälmudstudenten bis hin zu den derben Spektakeln, die zur Erhei­terung der Bevölkerung in den Ghettos ge­spieltwurden. Die freche Zügellosigkeit des FrankfurterAchaschwerosch-Spils", zu des­sen Aufführung im Jahre 1708 selbst Christen in die Judengasse strömten, entsetzte die Gemeindeoberen sehr und führte zum Ver­bot des Spiels. Aber gerade dieses Stück bietet durch seine freche, dem Ghettoleben trotzende Ausgelassenheit die beste Gele­genheit, Purim kennenzulernen.

Die onginelle Idee, ein Theaterstück neben der klassischen Lektüre in das Lehrangebot eines Studiengangs aufzunehmen, stammt von Prof. Dr. Karl Erich Grözinger, Direktor

des Instituts für Religionswissenschaft der Universität Potsdam, und seiner Frau Elvi­ra, die Jiddisch-Lehrerin ist. Der israelische Regisseur Aryeh Eldar integrierte das alte Achaschwerosch-Spü in eine historische Rahmenhandlung und inszenierte das Stück unter dem neuen NamenDie Ver- gnüglichkeiten Mordechais zusammen mit den Studenten des Studiengangs Jüdische Studien. Die Aufführung, die im März in Berlin und in Potsdam zu sehen war, sorgte für Erheiterung aller Beteiligten.

Den begabten Laien-Schauspielern ist es gelungen, neben dem Esther-Stoff auch ei­nen Eindruck von den Lebensumständen im Ghetto zu vermitteln. Die Geschichte handelt von einer Gruppe bettelarmer Handwerker und Tälmudstudenten aus der Frankfurter Judengasse, die im Hause des reichen Juden Schwarzschild (Igor Rozynsky), seiner Frau Nechama (Hella Schapiro) und seiner min­derjährigen Tochter Hadass Schejne (Katrin Boden) das verbotene Purim-Spil aufführen. Die Charaktere der Handwerker, ihre Beru­

Jiddisch: Ein lebendiges Punm-Spil boten die Studierenden Igor Rozynsky als Menachem Schwarz- schild, Katrin Boden als Hadass Schejne sowie Hella Schapiro als Nechama Schwarzschild (von links) und andere auf Potsdamer und Berliner Bühnen. Foto: Fritze

Drei Purimspieler mit Musikinstrumenten und Wemkrug. Mmhagim-Buch, Amsterdam 1707.

Repro: zg.

fe und ihre schroffe Redensart, die sich dra­stisch von der gewandten Redeweise der Tälmudstudenten unterschied, wurden von den Darstellern phantastisch getroffen.

In der ersten Szene der Aufführung werden die Rollen der Esther-Legende unter den Handwerken und Tälmudstudenten verteilt, und man verabredet ein Treffen im Hause Schwarzschild. Hier beginnt das Purim- Spil: Der phlegmatische Kutscher Haim (Anke Graffunder) wird zum trägen Acha­schwerosch, der schüchterne junge Tisch­ler Eisik (Tymor Przybyla) tritt als ängstliche Königin Esther auf, der honigsüße Mendel/ Haman (Tobias Barmske) findet im frechen Schuster Levi/Mordechai Qens Graffunder) einen gleichwertigen Gegner. Inzwischen versucht der hektische Koppel/Schreiber am Hofe des Königs (Tom Sehrer) aufge­regt zwschen allen zu vermitteln.

Die Aufführung bewegte sich in einem stän­digen Wechsel zwischen der Rahmenhand­lung und dem traditionellen Stoff. Den Dar­stellern gelang es dabei, durch ihre erfri­schende Spielweise im Zuschauerraum eine echte Purimstimmung aufkommen zu lassen, wozu die Musikantmnen und Musi­kanten (Marianne Kuder-Hartmann, Johan­na Limberger, Clanssa Georgi, Antonia Wiesener, Lothar Samide) das ihre beitru­gen. Die engagierte Vorführung und das gelungene Bühnenbild (Catherine Günther, Katharina Hoba) machten diese Veranstal­tung zu einem rundum genußvollen Thea­tererlebnis. Irene Rabin

Ermäßigt ins Museum

Das Potsdam-Museum, Breite Straße 8-12 bzw. 13, Tbl. 0331/2896700, kommt Studie­renden bei den Eintrittspreisen entgegen. Sie zahlen für den Besuch der Ausstellun­gen lediglich ein Drittel des sonst Üblichen.

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PUTZ 4/96