„AN PURIM IST ALLES ERLAUBT"
Potsdamer Studierende sorgten für Begeisterung mit Jiddischem Theater
Seit alters her bildet der scherzhafte Vortrag des Esther-Buches einen wichtigen Bestandteil des jüdischen Purim-Festes, ein der christlichen Fhstnacht vergleichbares Freudenfest, mit dem Motto „An Purim ist alles erlaubt“. In dem biblischen Buch Esther wird die Legende von der Verfolgung des jüdischen Volkes und seiner wundersamen Errettung erzählt. Die Geschichte spielt am Hofe des persischen Königs Achaschwerosch. Nachdem dieser seine Gemahlin hat ermorden lassen, erwählt er sich Esther als neue Königin. Er ahnt nicht, daß die neue Frau an seiner Seite Jüdin ist. Währenddessen schmiedet Haman, Judenhasser und Großwesir am Hofe des Königs, seine finsteren Pläne zur Vernichtung des jüdischen Volkes. Doch es gelingt Esther, mit Hilfe ihres schlauen Oheims Mordechai, die Katastrophe im letzten Augenblick zu verhindern. Studierende der Universität Potsdam griffen gemeinsam mit Prof. Dr. Karl Erich Grözinger aus der Philosophischen Fakultät I diese Geschichte auf und stellten das „Purim-Spil“ zum großen Vergnügen ihrer Zuschauer auf Potsdamer und Berliner Bühnen dar.
In Ennnerung an ihre Errettung ist den Juden geboten, das Purim-Fest mit viel Wem zu feiern, bis - so der Tälmud - man nicht mehr zwischen der Segnung Mordechais und Verfluchung Hamans unterscheiden kann. Das „Punm-Spil", so nennen sich seit dem 16. Jh. die satirischen Aufführungen der Esther-Legende, reicht von Persiflagen der Gebete und Gesänge durch Tälmudstudenten bis hin zu den derben Spektakeln, die zur Erheiterung der Bevölkerung in den Ghettos gespieltwurden. Die freche Zügellosigkeit des Frankfurter „Achaschwerosch-Spils", zu dessen Aufführung im Jahre 1708 selbst Christen in die Judengasse strömten, entsetzte die Gemeindeoberen sehr und führte zum Verbot des Spiels. Aber gerade dieses Stück bietet durch seine freche, dem Ghettoleben trotzende Ausgelassenheit die beste Gelegenheit, Purim kennenzulernen.
Die onginelle Idee, ein Theaterstück neben der klassischen Lektüre in das Lehrangebot eines Studiengangs aufzunehmen, stammt von Prof. Dr. Karl Erich Grözinger, Direktor
des Instituts für Religionswissenschaft der Universität Potsdam, und seiner Frau Elvira, die Jiddisch-Lehrerin ist. Der israelische Regisseur Aryeh Eldar integrierte das alte „Achaschwerosch-Spü“ in eine historische Rahmenhandlung und inszenierte das Stück unter dem neuen Namen „Die Ver- gnüglichkeiten Mordechais“ zusammen mit den Studenten des Studiengangs Jüdische Studien. Die Aufführung, die im März in Berlin und in Potsdam zu sehen war, sorgte für Erheiterung aller Beteiligten.
Den begabten Laien-Schauspielern ist es gelungen, neben dem Esther-Stoff auch einen Eindruck von den Lebensumständen im Ghetto zu vermitteln. Die Geschichte handelt von einer Gruppe bettelarmer Handwerker und Tälmudstudenten aus der Frankfurter Judengasse, die im Hause des reichen Juden Schwarzschild (Igor Rozynsky), seiner Frau Nechama (Hella Schapiro) und seiner minderjährigen Tochter Hadass Schejne (Katrin Boden) das verbotene Purim-Spil aufführen. Die Charaktere der Handwerker, ihre Beru
Jiddisch: Ein lebendiges Punm-Spil boten die Studierenden Igor Rozynsky als Menachem Schwarz- schild, Katrin Boden als Hadass Schejne sowie Hella Schapiro als Nechama Schwarzschild (von links) und andere auf Potsdamer und Berliner Bühnen. Foto: Fritze
Drei Purimspieler mit Musikinstrumenten und Wemkrug. Mmhagim-Buch, Amsterdam 1707.
Repro: zg.
fe und ihre schroffe Redensart, die sich drastisch von der gewandten Redeweise der Tälmudstudenten unterschied, wurden von den Darstellern phantastisch getroffen.
In der ersten Szene der Aufführung werden die Rollen der Esther-Legende unter den Handwerken und Tälmudstudenten verteilt, und man verabredet ein Treffen im Hause Schwarzschild. Hier beginnt das Purim- Spil: Der phlegmatische Kutscher Haim (Anke Graffunder) wird zum trägen Achaschwerosch, der schüchterne junge Tischler Eisik (Tymor Przybyla) tritt als ängstliche Königin Esther auf, der honigsüße Mendel/ Haman (Tobias Barmske) findet im frechen Schuster Levi/Mordechai Qens Graffunder) einen gleichwertigen Gegner. Inzwischen versucht der hektische Koppel/Schreiber am Hofe des Königs (Tom Sehrer) aufgeregt zwschen allen zu vermitteln.
Die Aufführung bewegte sich in einem ständigen Wechsel zwischen der Rahmenhandlung und dem traditionellen Stoff. Den Darstellern gelang es dabei, durch ihre erfrischende Spielweise im Zuschauerraum eine echte Purimstimmung aufkommen zu lassen, wozu die Musikantmnen und Musikanten (Marianne Kuder-Hartmann, Johanna Limberger, Clanssa Georgi, Antonia Wiesener, Lothar Samide) das ihre beitrugen. Die engagierte Vorführung und das gelungene Bühnenbild (Catherine Günther, Katharina Hoba) machten diese Veranstaltung zu einem rundum genußvollen Theatererlebnis. Irene Rabin
Ermäßigt ins Museum
Das Potsdam-Museum, Breite Straße 8-12 bzw. 13, Tbl. 0331/2896700, kommt Studierenden bei den Eintrittspreisen entgegen. Sie zahlen für den Besuch der Ausstellungen lediglich ein Drittel des sonst Üblichen.
Seite 30
PUTZ 4/96