WISSENSCHAFT AKTUELL
lien, die Biochemie der Stoffausscheidungen, so z. B. die Emission schwefelhaltiger Verbindungen über die Blätter oder die Exkretion von Stoffwechselprodukten, und die Biochemie pflanzlicher Signalstoffe untersucht werden. Neben der Gentechnik wird weiterhin auch konventionell durch Kreuzung das Erbmaterial verändert.
Daß die Ergebnisse der Arbeiten an dem
„Der Wunder höchstes ist es, daß uns die wahren, echten Wunder so alltäglich werden können.“, läßt Lessing seinen Nathan ausru- fen. Tatsächlich ist die Selbstverständlichkeit, mit der wir uns der Sprache bedienen, beinahe noch wunderbarer, als die Sprache an sich. Selbst unbekannte und komplizierte Sätze können wir, zumindest von ihrer Struktur her, verstehen. Niemals würden wir auf die Idee kommen, unseren Gesprächspartner mit der Bitte zu unterbrechen, er möge doch das eben Gesagte noch einmal anders formulieren, weil wir mit dieser Art von Satzkonstruktionen immer etwas Probleme hätten. Umgekehrt können bereits Kinder eine „normale" Unterhaltung ohne langes Zögern führen. Um einen Sachverhalt mitzuteilen, wählen sie aus einer Vielzahl von erdenklichen Sätzen unbewußt einen aus, der inhaltlich möglichst präzise ist, ohne gleichzeitig einen zu komplizierten Aufbau zu besitzen. Dabei müssen Kinder Sprache nicht erst formell lernen wie beispielsweise Rechnen oder Lesen.
Tätsächlich fanden Sprachwissenschaftler in den letzten Jahrzehnten heraus, daß die Sprachverwendung auf angeborenen Kenntnissen und Fähigkeiten fußt. Dafür spricht beispielsweise, daß partielle Übereinstimmungen in der Struktur verschiedener Sprachen gefunden wurden, hinter denen gemeinsame biologische Grundlagen angenommen werden. Prof. Dr. Hubert Haider führte in dem Vortrag, den er anläßlich der offiziellen Eröffnung des Graduiertenkollegs an der Humboldt-Universität am 10. Mai 1996 hielt, aus, daß die „Grammatik ein neuro-biologisch determiniertes, kognitives Modul“ sei. Das bedeutet, daß es eine uni
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Institut zusätzlich Auswirkungen auf Probleme der Anwendung haben, zum Beispiel bei der Nutzung von Pflanzen als Nahrungsoder Rohstoffquellen oder zur Erzeugung neuer Inhaltsstoffe, ist in der Zielsetzung durchaus miteinkalkuliert. Zu den Vorwürfen im Zusammenhang mit den Freilandversuchen mit gentechnisch veränderten Kartoffeln sagt Höfgen, daß nach seiner Überzeu-
verselle Grammatik gibt, die auf bestimmte Strukturen im Gehirn abgebildet ist.
Als Beweis für diese These beschrieb er unter anderem die Beobachtungen, die an taubstummen Patienten gemacht wurden, die sich über die (nichtsprachliche) Gestensprache verständigten, und die zusätzlich unterschiedliche Verletzungen am Gehirn hatten (die aber nicht im Zusammenhang mit ihrer Tkub- und Stummheit standen). Bei einigen von ihnen zeigten sich infolge der Läsionen Sprachstörungen (gestisch), ohne daß jedoch die nichtsprachliche Gestik behindert war. Des weiteren waren Untersuchungen an Kindern mit deutlich unterdurchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten, wie sie beispielsweise für das Wiliams-Syndrom charakteristisch sind, durchgeführt und bei ihnen eine normale bis überdurchschnittliche sprachliche Begabung festgestellt worden. An diesen und anderen Fällen machte Haider deutlich, daß die Sprachbeherr- schung also nicht einfach eine spezifische kognitive Kapazität ist.
Ziel des Graduiertenkollegs „Ökonomie und Komplexität der Sprache“ ist allerdings nicht die Erforschung des Sprachvermögens auf neurowissenschaftlicher Basis. Das Studien- und Forschungsprogramm widmet sich vielmehr der Frage, wie sprachliches Wissen organisiert ist. Ausgangspunkt für die verschiedenen Tteilprojekte ist die Annahme, daß eine Sprache zum einen dazu befähigen sollte, auch komplizierte Inhalte exakt wiederzugeben, zum anderen sollte sie aus „ökonomischen" Gründen - um möglichst flexibel, leicht handhabbar und „platzsparend“ zu sein - aus minimalen und optimalen Elementen und Prinzipien bestehen.
gung die Gentechnik hier keine Risiken beinhalte, die nicht auch bei den herkömmlichen Kreuzungsmethoden bestünden. Lediglich das Einptlanzen des antibiotika- resistent-machenden Gens ist eine weitergehende Modifakation des Erbgutes. Die Gefahr, daß es bei Menschen eine allergische Reaktion hervorruft, ist seiner Meinung nach jedoch verschwindend gering. ade
Ohne Sprache ist nur ein sehr eingeschränktes Verstehen unter den Menschen möglich.
Zeichnung: Oliver Wfe/ss
Daraus ergibt sich zum einen die Hage, in welchem Verhältnis die Komplexität der Strukturen zur Ökonomie der Elemente und Prinzipien bei der Organisation sprachlichen Wissens stehen und welche Rolle dieses Verhältnis bei den Verlaufsbedingungen des geschichtlichen Sprachwandels, des Sprach- erwerbs und der Sprachstörung sowie der verschiedenen Modalitäten der Sprachverwendung spielt.
Um diese Hagen zu beantworten, werden die Struktur der Sprachkenntnis, die SpracH- veränderung, die Entwicklung und Störung der Sprachkenntnis sowie die Sprachverar- beitung in vier Tfeilprojekten untersucht. Beispielsweise soll geklärt werden, in welcher Weise der individuelle Spracherwerb in der Kindheit sowie die allmähliche Sprachstörung durch Alterung oder Krankheit von der Komplexität der jeweiligen Sprachelemente oder -Strukturen bestimmt wird. Hierzu muß natürlich eine Annahme gemacht werden, wovon die Komplexität eines Begriffes abhängt. So wird angenommen, daß Verben umso komplexer sind, je mehr Argumente sie haben, so daß demnach transitive Verben (Verben mit Akkusativobjekt), wie „singen” oder „kaufen“, komplexer wären als intransitive Verben (Verben ohne Akkusativobjekt) wie „schlafen“ oder „gähnen". Würde diese Komplexität beim Spracherwerb eine Rolle spielen, so müßten intransitive Verben früher aufgenommen werden als transitive. Durch derartige Untersuchungen hofft man, im Rahmen des Graduiertenkollegs beispielsweise dazu beizutragen, die Hage, wie Reifungsprozesse, angeborenes Sprachwis- sen, Verarbeitungsfaktoren und die Struktur der zu erwerbenden Sprache voneinander abhängen, beantworten zu können. ade
PUTZ 5/96
Ökonomie und Komplexität: regel-
MECHANISMEN FÜR DIE STRUKTUR DER SPRACHE
Das erste Graduiertenkolleg der Universität wurde eröffnet
Die Erkenntnis ist uralt und so wichtig, daß sie sogar Eingang in die Bibel fand: Ohne Sprache ist die kollektive Handlungsfähigkeit der Menschheit weitgehend unmöglich. Denn was geschah, als die Menschen beschlossen hatten, einen Türm zu bauen, der bis in den Himmel reichen sollte? Gott warf nicht etwa Steine herab oder ließ die Erde beben. Er löste das ganze ebenso unblutig wie wirkungsvoll: Er nahm den Menschen die Fähigkeit, miteinander zu kommunizieren - und schon brach die Bautätigkeit aufgrund mangelnder Verständigung ab. An der Universität Potsdam und der Humboldt- Universität zu Berlin wurde nun ein Graduiertenkolleg mit dem Titel „Ökonomie und Komplexität der Sprache“ eingerichtet (siehe auch PUTZ/März 1996 zum Aufbau und Umfang des Kollegs), das einen Beitrag zur Erforschung dieser Begabung leisten soll.