Heft 
(1.1.2019) 05
Einzelbild herunterladen

Jt

SEID NICHTGERECHT", SONDERN GÜTIG

Über Bruno Hans Bürgel (1875-1945) ist ein neues Buch erschienen. Es ist das Ergeb­nis der jahrzehntelangen Beschäftigung von Arnold Zenkert, dem langjährigen Lei­ter des Astronomischen Zentrums und der Bürgel-Gedenkstätte Potsdam, mit Bruno H. Bürgel und die erste umfangreiche Gesamt­darstellung des bekannten, aber in Verges­senheit geratenden Arbeiterastronomen und Schriftstellers.

Bürgels Bücher wurden zu seiner Zeit mil- lionenmal gedruckt und noch öfter gelesen. Es sind nicht allein die Schauplätze, Hand­lungen oder Personen, die den Leser fes­seln, es ist auch sein Verfasser: sein Blick in die Sterne und in die Menschen, sein Einfühlungsvermögen in die Irrungen und Wirrungen menschlicher Torheiten und Schicksale.

Selbsterlebt ist, was er schreibt - erlebt von einem offenherzigen, alles verstehenden Menschen. Mit seiner bildhaften Sprache, seinen anschaulichen Vergleichen, hat er gezeigt, wie die Wissenschaften allgemein- verständlich dem Volke nahezubringen sind. Das reich illustrierte Buch ist eineZitate- Collage, die anhand von vielen Auszügen aus Bürgels Autobiographie Vom Arbeiter zum Astronomen" und vor allem aus sei­nem Briefwechsel sein Werden und Wir­ken darstellt. Es ist nicht unbedingt eine chronologisch-geschichtliche Darstellung, denn in vielen der 22 Kapitel gibt es Vor­griffe und Abschweifungen. Ausgehend von Elternhaus und Kindheit, über die Zeit in der Berliner Urania und die ersten Schritte als Schriftsteller, die Zeit des er­sten Weltkrieges und die anschließenden Jahre des erfolgreichen literarischen Schaffens, bis hin zur Darstellung der Ar­beit als Feuilletonist und Vortragsredner sowie Bürgels Verhalten während der NS- Zeit und der letzten Jahre nach dem Zwei­ten Weltkrieg gibt das Buch einen detail­lierten Überblick zu den einzelnen Lebensstationen Bürgels.

Sehr interessant ist der von Zenkert auf den Seiten 71 ff. durchgeführte Ttextvergleich zwischen der 1. und 4. Auflage von .Vorn Arbeiter zum Astronomen". Die 4. Auflage, erschienen 1935, war aufgrund offensicht­licher Zugeständnisse an die NS-Diktatur anscheinend Grund genug, Bürgel nach dem Krieg nicht, wie beabsichtigt, den Pro­fessorentitel zu verleihen.

Da kein Buch Bürgels derzeit im Buchhan­del erhältlich ist, sind die auf Seite 81 ff, ge­machten Inhaltsangaben besonders nütz­lich. Gerade hier wird deutlich, daß sich Bürgel auch als Wegbereiter neuer Formen des Zusammenlebens der Menschen ver­stand. Beseelt von seiner Fortschritts­gläubigkeit, war er überzeugt, daß der

Weg der Menschheit - wenn auch lang­sam und unter Schwierigkeiten - aufwärts führt. Als ein überaus guter Beobachter seiner Umwelt, sah er die Schwächen sei­ner Mitmenschen oftmals von der heiteren Seite. Ein gesondertes Kapitel hat Zenkert Bürgel als Zeichner und Karikaturist (Sei­te 193ff.) gewidmet. Noch heute wundert man sich über die weitsichtigen, ins Poli­tische gehenden Karikaturen aus den vier­ziger Jahren.

Betrüblich sind in dieser allgemeinver­ständlichen und gut lesbaren Lebens­darstellung vor allem die vielen Druckfeh­ler. Für den weiterführend interessierten Leser ist es, unabhängig davon, daß Bürgels Bücher nur noch in Bibliotheken oder Antiquariaten zu erstehen sind, schwierig, die einzelnen Ttextstellen in den Büchern bzw. Artikeln Bürgels aufzufinden, da es keine Quellenangaben zu den (texten gibt. Mathias Iven

Amold Zenkert: Bruno Hans Bürgel. Ein Lebensbild, Reinhardt Becker Verlag, Velten 1996, 221 Seiten, Broschur, 25- DM.

ALEX BEIN:

AUTOBIOGRAPHIE EINES BIOGRAPHEN

Alex Bein im zionistischen Archiv

Foto: Georg Olms Verlag

>efh I s ' .ir»

Ji -

Für mich waren Bücher immer mehr Anre­gung zu eigenem als reiner Genuß. Biogra­phien von Menschen, die wirklich gelebt haben, waren mir immer interessanter als die Geschichten erdachter Menschen, die Schriften von Philosophen fesselnder als philosophische Romangespräche. 11 , be­schreibt Alex Bein in seiner Autobiographie seine Einstellung zu Büchern. Was in die­sen Worten darüber hinaus zum Ausdruck kommt, ist Beins Einstellung zum Leben an sich. Wer seine Lebensgeschichte liest,

gewinnt den Eindruck, es mit einem durch und durch der Realität zugewandten Men­schen zu tun zu haben.

Bern wurde 1903 in dem fränkischen Dorf Steinach an der Saale geboren. In den 20er Jahren studierte er unter anderem bei Fried­rich Meinecke in Berlin Geschichte und arbeitete von 1927 bis zu seiner Auswande­rung nach Palästina im Jahr 1933 im Deut­schen Reichsarchiv in Potsdam. Die Kennt­nisse, die er sich dabei aneignete, halfen ihm dann in seiner neuen Heimat beim Auf­bau des dortigen Archivwesens. 1956 wur­de er zum ersten Staatsarchivar Israels er­nannt, Darüber hinaus hat er über 100 Es­says und Aufsätze zu jüdischen und zionisti­schen Themen herausgebracht und sich vor allem auch als Verfasser der ersten Bio­graphie über Theodor Herzl, den Begrün­der des Zionismus, um die Zionismus­forschung verdient gemacht.

Durch den Titel des BuchesHier kannst Du nicht jeden grüßen" sollte man sich übri­gens nicht verwirren lassen. Er bezieht sich darauf, daß der neunjährige Alex Bein nach dem Umzug der Familie nach Nürnberg zunächst fortfuhr, wie gewohnt alle Leute auf der Straße zu grüßen, und daraufhin von seinem Vater mit diesen Worten über den Unterschied zwischen Stadt und Land auf­geklärt wurde.

Beins Beschäftigung mit Geschichte und mit Leben und Werk bedeutender Men­schen (neben der Herzl-Biographie zeich­nete er auch das Leben einer Reihe ande­rer Persönlichkeiten nach) bedeutete kei­neswegs einen Rückzug in die Vergangen­heit. Vielmehr schreibt er dazu:.durch

die Erlebnisse in der zeitgenössischen Geschichte, die mit ihren stetigen Umwäl­zungen alle Statik im menschlichen Ge­schehen als bedeutungslos erwies, kam ich zu der Erkenntnis, daß sich die Gegenwart nur verstehen ließe, wenn man verstünde wie sie entstanden ist.

Die ihm eigene Gründlichkeit und sein En­gagement spiegeln sich auch stilistisch in seiner Biographie wider. So berichtet er über alles mit kontinuierlicher Gewissenhaftigkeit und kommentierenden Ausführungen. Da­durch scheint sein Leben einer gewissen Gleichmässigkeit verhaftet, die es - den Fak­ten nach - durchaus nicht besaß. Dies wird noch dadurch verstärkt, daß er weitgehend auf Dramatik verzichtet und, trotz bildhafter Darstellung, sehr sachlich bleibt. So mag zwar das Buch einerseits weniger fesseln, stellt aber andererseits eine zuverlässige und reichhaltige Quelle über Leben und Lebenseinstellungen vieler Juden mit ver­gleichbaren Lebensläufen dar. ade

Alex Bein:Hier kannst Du nicht jeden grü­ßen. Erinnerungen und Betrachtungen. Herausgeber: Julius H. Schoeps, Georg Olms Verlag 1996, 328 Seiten, 68,- DM.

Seite 26

PUTZ 5/96