Heft 
(1.1.2019) 05
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UNIDRAM '96 ÜBERZEUGTE DURCH QUALITÄT

\ Goethes Drama

Iphigenie" als moderne Komödie aufgeführt

Zum dritten Mal fand vom 5. bis 11. Mai

--das UNIDRAM

-

' i das Osteuropäisch- ~ Deutsche Universitätstheater-

- - festival Potsdams - statt. Mit dem

spezifisch auf osteuropäische Theater­gruppen ausgerichteten Profil ist es ein­malig in Deutschland und hat sich als sol­ches etabliert. Die Idee zu solch einem Festival entstand 1993 bei den Mitglie­dern der studentischen Theatergruppe DeGater87, aus der sich ein gemeinnüt­ziger Verein gründete. Sie waren neben ihrer eigenen künstlerischen Arbeit neu­gierig auf osteuropäisches Theater, das gegenüber dem westeuropäischen Thea­ter körperbetonter, abstrakter und non­verbaler ist. Außerdem war es ein interes­santes Experiment, innerhalb einer Wo­che ein Konglomerat von verschiedenen Stücken mit ihrer jeweils eigenen Atmo­sphäre auf die Beine zu stellen.

Als Hauptinitiatoren zur Umsetzung dieses Gedankens engagierten sich besonders Thomas Pösl von der Universität Potsdam und Eranka Schwuchow. Zahlreiche Helfer sind im Laufe der Jahre dazugekommen. Auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten entschieden sich die Organisatoren für den Lindenpark und das Waldschloß. So konnten j eden Abend zeitlich versetzt zwei Vorstellun­gen aufgeführt werden. Das Festival wird neben Sponsoren vor allem vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, vom Studentenwerk Potsdam, dem Auswärtigen Amt Bonn und der Landeszentrale für politi­sche Bildung gefördert. Damit ist es mög­lich, die Reisekosten und die Unterkunft der Theatergruppen zu bezahlen.

Anliegen des UNIDRAMs ist es, jedes Jahr neue Gruppen - in diesem Jahr waren es zwölf - einzuladen. Eine Ausnahme stellt die Kölner Gruppec.t. 201 dar, die mit dem dritten Besuch erneut das Publikum begei­sterte. Mit dem StückIphigenie auf Täuris schlossen sie ihre Goethe-Trilogie ab. Die drei Darsteller, Sunga Weineck, Thomasso Tfessitori und Heidrun Grote, setzten die klas­sische Vorlage in modernem Gewand um: Gelangweilt betritt ein Mädchen sein Zim­mer und kramt alte Theaterplakate hervor. Welches Theaterstück wird es diesmal mit seiner Phantasie zum Leben erwecken? Heute hat es sich für das StückIphigenie von Goethe entschieden. Das Mädchen durchstöbert seine Truhe nach Requisiten, und los geht das Stück.

Mit einem Fingerschnipser erweckt es die zwei männlichen Akteure, die bis dahin als Puppendekoration verstaubt in der Ecke

standen, zum Leben. Entwendet das Mäd­chen - jetzt allerdings zurIphigenie" ver­wandelt - den Männern ihre Requisiten, er­starren sie wieder zur Leblosigkeit. So ent­scheidetIphigenie" über die Szenenwech­sel. Das Mädchen durchlebt das für sich selbst inszenierte Stück, das mit der zuneh­menden Zuspitzung des Konflikts auch auf seine Stimmung schlägt. Nach dem glück­lichen Ausgang-Iphigenie darf mit ihrem Bruder in die Heimat ziehen - geht das Licht aus und das Mädchen verläßt erleichtert ihre Spielbühne.

Die karge Bühnendekoration reicht den Schauspielern völlig aus: Ein Tteppich, eine Truhe und zwei Lampions, die als Sonne und Mond durch den 1hg führen, sind Dekorati­on genug. Das Auge der Gäste ist vielmehr auf die aktionsreiche Mimik und Gestik der Schauspieler gerichtet. Die Musik - live von einer Klavierspielerin bzw. vom Band ge­spielt - unterstreicht die Handlung zu einer ms Komische verzerrten Dramatik, die das Stück ursprünglich hat. WennIphigenie die grausame und blutige Vergangenheit ihres Geschlechts offenbart, symbolisiert sie ihre Ahnen durch Alltagsgegenstände: Die Mut­ter ist eine Perücke, die Schwester ein Blu­menstrauß, und der Bruder ist ein Quietsche­hase. Wenn dann ihr Bruder seinen Mutter­mord nachspielt - ein quietschender Gum­mihase ermordet eine rote Perücke - kann der Zuschauer über diese ehemals tragi­schen Szenen nur lachen.

Zu Recht erhielt die Theatergruppe für die Umsetzung dieses klassischen Stoffes in die­sem Jahr den Kölner Theaterpreis. Beson­ders beeindruckend sind die sehr schnell gesprochenen Ttexte, um das Stück zu be­schleunigen und die pathetischen Ausfüh­rungen der Lächerlichkeit - nicht der Re­spektlosigkeit - preiszugeben. Die originel­

Iphigenie (Heidrun Grote), die Priesterin, er­zählt dem König von ihrer Familie. Hier stellt sie den Vatermord durch ihren Bruder vor.

Foto: Boris Gerrit Knoblach

le Idee der Umsetzung eines Klassikers zu einer witzigen und unterhaltsamen Auffüh­rung mit nur drei Schauspielern zeugt von ihrer Professionalität. Mit ihrer natürlichen Wiedergabe der langen Monologe und Dia­loge interessieren und amüsieren sie, bis auf kurze Durststrecken, das Publikum ganze zwei Stunden lang.

Leider war das Festival an diesem Täg der Iphigenie-Aufführung schlecht besucht. An allen anderen lägen fanden die Aufführun­gen so starken Zuspruch, daß die Platz­kapazität nicht ausreichte. Die Organisato­ren sind mit der Resonanz sehr zufrieden. Momentan erarbeiten sie eine Dokumenta­tion über die Erlebnisse der Theaterwoche. Zu einigen Theatergruppen wird der Kontakt auch nach dieser Woche gehalten. Ein Wer­mutstropfen mischt sich jedoch unter die vie­len befriedigenden und die Vorarbeit ent­lohnenden Erinnerungen: das ideelle Enga­gement seitens der Universität ließ in den letzten zwei Jahren nach. So fand nach Beob­achtung der Organisatoren kein Vertreter des Rektorates den Weg nach Babelsberg, um dieses Uni-Festival zu würdigen.

Heike Gleisberg

TRAUMA"-BILDER ERSTMALS AUSGESTELLT

Unter dem MottoTrauma"präsentiert Harald Herzei 13 seiner künstlerischen Arbeiten noch bis zum Ende des Som­mersemesters 1996 in der Bibliothek des Uni-Komplexes Golm. Die ausgestellten Werke sind zwischen 1989 und 1995 ent­standen und als geschlossenes Thema erstmals zu sehen. Auffällig an dem hier abgebildeten wie an den anderen Expo­naten: der farbliche Kontrast von war­men und kalten Tönen, die stets wieder­kehrende Kreuzmetapher sowie das in der Kunstgeschichte bekannte Mütter­motiv. Der Maler sucht auf seine Weise die bildnerische Auseinandersetzung mit den Umwälzungen unserer Zeit. Seine bewußt nicht mit Titeln versehenen Bilderberichten von Selbstzweifel und Selbstfindung, Verlust und Gewinn und von der Erkenntnis tief verwurzelter opportuner Kleinheit, Feigheit und Egoismus im ekstatischen Thnz um das Goldene Kalb". Harald Herzei wurde 1941 im Erzgebirge geboren und arbeitet heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Ästhetische Erziehung des Institutes für Grundschul­pädagogik der Uni. B.EJFoto: Tribukeit

PUTZ 5/96

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