UNIDRAM '96 ÜBERZEUGTE DURCH QUALITÄT
—\ Goethes Drama
„Iphigenie" als moderne Komödie aufgeführt
Zum dritten Mal fand vom 5. bis 11. Mai
- —-das UNIDRAM
-
' i das Osteuropäisch- ~ Deutsche Universitätstheater-
- - festival Potsdams - statt. Mit dem
spezifisch auf osteuropäische Theatergruppen ausgerichteten Profil ist es einmalig in Deutschland und hat sich als solches etabliert. Die Idee zu solch einem Festival entstand 1993 bei den Mitgliedern der studentischen Theatergruppe DeGater ’87, aus der sich ein gemeinnütziger Verein gründete. Sie waren neben ihrer eigenen künstlerischen Arbeit neugierig auf osteuropäisches Theater, das gegenüber dem westeuropäischen Theater körperbetonter, abstrakter und nonverbaler ist. Außerdem war es ein interessantes Experiment, innerhalb einer Woche ein Konglomerat von verschiedenen Stücken mit ihrer jeweils eigenen Atmosphäre auf die Beine zu stellen.
Als Hauptinitiatoren zur Umsetzung dieses Gedankens engagierten sich besonders Thomas Pösl von der Universität Potsdam und Eranka Schwuchow. Zahlreiche Helfer sind im Laufe der Jahre dazugekommen. Auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten entschieden sich die Organisatoren für den Lindenpark und das Waldschloß. So konnten j eden Abend zeitlich versetzt zwei Vorstellungen aufgeführt werden. Das Festival wird neben Sponsoren vor allem vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, vom Studentenwerk Potsdam, dem Auswärtigen Amt Bonn und der Landeszentrale für politische Bildung gefördert. Damit ist es möglich, die Reisekosten und die Unterkunft der Theatergruppen zu bezahlen.
Anliegen des UNIDRAM’s ist es, jedes Jahr neue Gruppen - in diesem Jahr waren es zwölf - einzuladen. Eine Ausnahme stellt die Kölner Gruppe „c.t. 201“ dar, die mit dem dritten Besuch erneut das Publikum begeisterte. Mit dem Stück „Iphigenie auf Täuris“ schlossen sie ihre Goethe-Trilogie ab. Die drei Darsteller, Sunga Weineck, Thomasso Tfessitori und Heidrun Grote, setzten die klassische Vorlage in modernem Gewand um: Gelangweilt betritt ein Mädchen sein Zimmer und kramt alte Theaterplakate hervor. Welches Theaterstück wird es diesmal mit seiner Phantasie zum Leben erwecken? Heute hat es sich für das Stück „Iphigenie“ von Goethe entschieden. Das Mädchen durchstöbert seine Truhe nach Requisiten, und los geht das Stück.
Mit einem Fingerschnipser erweckt es die zwei männlichen Akteure, die bis dahin als Puppendekoration verstaubt in der Ecke
standen, zum Leben. Entwendet das Mädchen - jetzt allerdings zur „Iphigenie" verwandelt - den Männern ihre Requisiten, erstarren sie wieder zur Leblosigkeit. So entscheidet „Iphigenie" über die Szenenwechsel. Das Mädchen durchlebt das für sich selbst inszenierte Stück, das mit der zunehmenden Zuspitzung des Konflikts auch auf seine Stimmung schlägt. Nach dem glücklichen Ausgang- „Iphigenie“ darf mit ihrem Bruder in die Heimat ziehen - geht das Licht aus und das Mädchen verläßt erleichtert ihre „Spielbühne“.
Die karge Bühnendekoration reicht den Schauspielern völlig aus: Ein Tteppich, eine Truhe und zwei Lampions, die als Sonne und Mond durch den 1hg führen, sind Dekoration genug. Das Auge der Gäste ist vielmehr auf die aktionsreiche Mimik und Gestik der Schauspieler gerichtet. Die Musik - live von einer Klavierspielerin bzw. vom Band gespielt - unterstreicht die Handlung zu einer ms Komische verzerrten Dramatik, die das Stück ursprünglich hat. Wenn „Iphigenie“ die grausame und blutige Vergangenheit ihres Geschlechts offenbart, symbolisiert sie ihre Ahnen durch Alltagsgegenstände: Die Mutter ist eine Perücke, die Schwester ein Blumenstrauß, und der Bruder ist ein Quietschehase. Wenn dann ihr Bruder seinen Muttermord nachspielt - ein quietschender Gummihase ermordet eine rote Perücke - kann der Zuschauer über diese ehemals tragischen Szenen nur lachen.
Zu Recht erhielt die Theatergruppe für die Umsetzung dieses klassischen Stoffes in diesem Jahr den Kölner Theaterpreis. Besonders beeindruckend sind die sehr schnell gesprochenen Ttexte, um das Stück zu beschleunigen und die pathetischen Ausführungen der Lächerlichkeit - nicht der Respektlosigkeit - preiszugeben. Die originel
Iphigenie (Heidrun Grote), die Priesterin, erzählt dem König von ihrer Familie. Hier stellt sie den Vatermord durch ihren Bruder vor.
Foto: Boris Gerrit Knoblach
le Idee der Umsetzung eines Klassikers zu einer witzigen und unterhaltsamen Aufführung mit nur drei Schauspielern zeugt von ihrer Professionalität. Mit ihrer natürlichen Wiedergabe der langen Monologe und Dialoge interessieren und amüsieren sie, bis auf kurze Durststrecken, das Publikum ganze zwei Stunden lang.
Leider war das Festival an diesem Täg der Iphigenie-Aufführung schlecht besucht. An allen anderen lägen fanden die Aufführungen so starken Zuspruch, daß die Platzkapazität nicht ausreichte. Die Organisatoren sind mit der Resonanz sehr zufrieden. Momentan erarbeiten sie eine Dokumentation über die Erlebnisse der Theaterwoche. Zu einigen Theatergruppen wird der Kontakt auch nach dieser Woche gehalten. Ein Wermutstropfen mischt sich jedoch unter die vielen befriedigenden und die Vorarbeit entlohnenden Erinnerungen: das ideelle Engagement seitens der Universität ließ in den letzten zwei Jahren nach. So fand nach Beobachtung der Organisatoren kein Vertreter des Rektorates den Weg nach Babelsberg, um dieses Uni-Festival zu würdigen.
Heike Gleisberg
„TRAUMA"-BILDER ERSTMALS AUSGESTELLT
Unter dem Motto „Trauma"präsentiert Harald Herzei 13 seiner künstlerischen Arbeiten noch bis zum Ende des Sommersemesters 1996 in der Bibliothek des Uni-Komplexes Golm. Die ausgestellten Werke sind zwischen 1989 und 1995 entstanden und als geschlossenes Thema erstmals zu sehen. Auffällig an dem hier abgebildeten wie an den anderen Exponaten: der farbliche Kontrast von warmen und kalten Tönen, die stets wiederkehrende Kreuzmetapher sowie das in der Kunstgeschichte bekannte Müttermotiv. Der Maler sucht auf seine Weise die bildnerische Auseinandersetzung mit den Umwälzungen unserer Zeit. Seine bewußt nicht mit Titeln versehenen Bilder „berichten von Selbstzweifel und Selbstfindung, Verlust und Gewinn und von der Erkenntnis tief verwurzelter opportuner Kleinheit, Feigheit und Egoismus im ekstatischen Thnz um das Goldene Kalb". Harald Herzei wurde 1941 im Erzgebirge geboren und arbeitet heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Ästhetische Erziehung des Institutes für Grundschulpädagogik der Uni. B.EJFoto: Tribukeit
PUTZ 5/96
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