NESTOR DER DEUTSCH-JUDISCHEN GESCHICHTSSCHREIBUNG GEEHRT
Ehrendoktorwürde der Unversität Potsdam für Arnold Paucker
„Es läßt sich mit Sicherheit errechnen, daß über anderthalb Millionen jüdischer Männer ( auch viele Frauen) in den Armeen der antifaschistischen Allianz gekämpft haben, 1.200.000 von ihnen in der Roten Armee und den Armeen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens.... In Spanien in den Internationalen Brigaden waren über 15% der 45 000 Brigadisten Juden.“ (Arnold Paucker im November 1988 in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin)
Jüdischer Widerstand gegen die Nazidiktatur ist seit mehreren Jahrzehnten eines der wissenschaftlichen Themen des deutschjüdischen Historikers Arnold Fäucker, den die Universität Potsdam am 25. Juni 1996 vor einem großen Auditorium mit der Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät I ehrte. In der Urkunde, die der Dekan der Fakultät, Prof. Dr. Knut Kiesant, überreichte, heißt es: „... in Würdigung seines hervorragenden Wirkens als Direktor des Leo Baeck Institutes und in Anerkennung seiner Forschung auf dem Gebiet der deutsch-jüdischen Geschichte“.
Arnold Paucker, deutsch-jüdischer Herkunft und mit knapp 16 Jahren zur Emigration gezwungen, hat sich Forschungsgegenständen verschneben, die bis heute ein schwienges Dasein haben. Deutlich machte dies der Historiker Prof. Dr. Julius Schoeps in seiner Laudatio, als er davon sprach, daß die Fragen der deutsch-jüdischen Geschichtsschreibung von der allgemeinen Geschichtswissenschaft bis heute nur beiläufig oder gar nicht zur Kenntnis genommen werden. Die bereits vor Erscheinen des Buches „Hitler’s Willing Executioners: Ordinary Germans and the Holocaust“ (Daniel Goldhagen) entbrannte Diskussion werfe ein beredtes Licht auf die Situation unter den Historikern in Deutschland und die Akzeptanz von Fragestellungen.
Arnold Paucker gehöre zu denen, die trotz bitterer Erfahrungen die Wissenschaftsdisziplin deutsch-jüdische Geschichte gewählt und sie gegen Widerstand etabliert haben und schon bald nach 1945 für die Verständigung von Juden und Nichtjuden, von Deutschen und Engländern wirkten. Uber das Jahrbuch des Leo Baeck Institutes hat Fäucker den Erkenntnissen der Wissenschaft einen Weg gebahnt, auch Beiträge von Nichtjuden „zugelassen“, so daß die deutsch-jüdische Geschichte seit dem 18. Jahrhundert heute als eines der „besterschlossenen Tteilgebiete der neueren deutschen Geschichte“ (Reinhard Rürup) gilt. Unter Pauckers Ägide konnte man im Jahrbuch Beiträge zur Alltags- und Geschlech
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tergeschichte wie auch solche über den Nationalsozialismus und den organisierten Judenmord lesen. Die deutsch-jüdische Geschichtswissenschaft erfuhr durch Pauckers Arbeiten zum Widerstand deutscher und österreichischer Juden gegen die nationalsozialistische Diktatur Bereicherung, und den Beteiligten widerfuhr nachträglich Gerechtigkeit.
Paucker kannte viele seiner Forschungsgegenstände aus eigenem Erleben. Lebhaft und nicht ohne Humor, niemals belehrend und sehr persönlich ließ der Fünfund- siebzigjährige vor einem bewegten Auditorium an der Potsdamer Universität sein Leben Revue passieren. Die Kindheit in Berlin-Charlottenburg, die Besuche in der Potsdamer Karlstraße, seine ersten Erlebnisse im Jugenddorf Ben Schemen in Palästina formten ihn. Prägend waren für Paucker wie für viele seiner Generation der Kampf der Internationalen Brigaden in Spanien und der eigene Militäreinsatz in der Britischen Armee. In Großbritannien hat er 1950 seinen Wohnsitz genommen. Typisch für seine Generation sind der späte Weg der Ausbildung und der verzögerte Eintritt ms Berufsleben. Der Germanistik und Geschichte gehörte seine Neigung. Diese Fächer studierte er in den fünfziger Jahren in Birmingham und Nottingham und promovierte später in beiden. 1959 wurde er zum Direktor des Londoner Leo Baeck Institutes berufen, eine Funktion, die er heute noch ehrenamtlich mne hat. Fäucker baute früh Kontakte zu
Erster Ehrendoktor der Philosophischen Fakultät I: Arnold Paucker, ehrenamtlicher Direktor des Londoner Leo Baeck Instituts. Foto: Fritze
deutschen Historikern auf, weil er deren Mitwirkung für unerläßlich hielt. Die ganze Versöhnungs-Industrie“ hat er mit Mißtrauen betrachtet. „Mit der neuen Generation, die ohne persönliche Schuld ist, aber eine historische Verantwortung für die Vergangenheit fühlt, muß ich mich nicht erst versöhnen.“ Diese Worte richteten sich wohl auch an die vielen Jüngeren, die Paucker in der Stunde seiner Ehrung interessiert zuhörten und eine einheitliche Persönlichkeit erleben konnten. Regine Derdack
VOLKSBANK BERLIN ÜBERREICHT FÖRDERPREIS
Das Auditorium maximum der Universität Potsdam ist nicht nur ein Raum, m dem sich hehre Wissenschaft präsentiert oder der hoch- schulrelevanten Veranstaltungen Vorbehalten ist. Das zeigte sich wieder einmal am 20. Mai 1996: Die Berliner Volksbank verlieh im Audimax ihren Förderpreis 1996 mit dem Motto „Arbeitsplätze schaffen" an ein Potsdamer und zwei Berliner Unternehmen.
Mit der Wahl dieses Veranstaltungsortes sollte die notwendige und natürliche Verbindung zwischen Berlin und Brandenburg verdeutlicht werden. Für Prof Dr. Wolfgang Loschelder, Rektor der Universität und Mitglied der 13köpfigenjury, zeigte sich hierauch die Beziehung zwischen Universität und Wirtschaft. Unsere Abbildung zeigt den Diplom-Ingenieur Ulrich Maltry (links), dessen Potsdamer Fachbetrieb für Rehabilitation für die engagierte Betreuung seiner Kunden auf der Basis guter handwerklicher Arbeit mit dem 2. Preis ausgezeichnet wurde, und Dr. Burkhard Dreher, Minister für Wirtschaft, Mittelstand und Technologie des Landes Brandenburg und Mitglied der Jury, wärend der Veranstaltung. ade/Foto: Tribukeit
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