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AUF DEM CAMPUS AUFGESCHNAPPT, TEIL V
Die Universität Potsdam im Jahre 2010...
Die der Potsdamer Universität auferlegten Sparzwänge sorgen innerhalb der Hochschule für regen Gesprächsstoff. Dabei treiben mitunter die schönsten Blüten. Eine kleine Kostprobe davon...
Unwissende: Herr Professor Fanselow, Sie können sich vorstellen, einer von Ihnen gebildeten Kommission „Hochschule 2010“ vorzustehen, die in den haushaltsbedingten Einschränkungen keinen Grund zur Besorgnis sieht...
Fanselow: Richtig. In einigen Fällen ist die positive Wirkung offensichtlich. Nehmen Sie die Erhöhung des Lehrdeputats für Professoren. Die wird die Zahl der Kolloquien, Oberseminare und Privatissima erfreulich ansteigen lassen. Wir kommen so zu einem Modell des Einzelunterrichts auf dem Spezialgebiet des jeweiligen Professors, das sich weltweit sehen lassen kann. Aber natürlich ist nicht alles vorteilhaft. Man muß auch die gesamtwirtschaftliche Perspektive sehen. Die Reduktion der Freisemester hätte fatale Konsequenzen für die Bauwirtschaft. Insbesondere beim Garagenbau wären dann erhebliche Auftragseinbrüche zu erwarten...
Unwissende: Diese Kommission würde die diskutierten Studiengebühren aber für kein praktikables Modell halten?
Fanselow: Genau. Wesentlich bei jeder Spardiskussion muß sein, die Leistungsempfänger - also: unsere Studierenden - an den tatsächlichen Kosten zu beteiligen. Studiengebühren sind dafür wenig geeignet, weil sie einen pauschalen Beitrag verlangen, ohne zu differenzieren, welche Leistungen der Hochschule ein Student oder eine Studentin wirklich wahrnimmt. Nur so kann aber Kostenbewußtsein bei den Studierenden entwickelt werden.
Unwissende: Wie könnten konkrete Modelle aussehen?
Fanselow: Unsere Kommission hat kürzlich in Hamburg auf einer aus Sondermitteln des Kanzlers finanzierten Studienreise raumbezogene Abrechnungsmodelle ausgiebig studiert. Die Leistung, z. B. eine Vorlesung, wird in einem Raum erbracht, um den herum Kabinen angeordnet sind mit einer Sichtblende, die durch Geldeinwurf für einen bestimmten Zeitraum beseitigt werden kann. Realistisch im Hochschulbereich wären etwa 15 Minuten für 5 Mark.
Unwissende: Wird dies in Potsdam Anwendung finden?
Fanselow: Leider nein. Wir hatten zwar schon in einem Room-Sharing-Modell mit der Paloma-Bar Wege gefunden, die erheblichen Umbaukosten vorzufinanzieren, aber der Denkmalschutz würde z. B. für die Com- muns nicht mitmachen. Wir haben aber vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur ein mit 24 Millionen Mark ausgestattetes Forschungsprojekt zur Lehrkostenabrechnung bewilligt bekommen.
Unwissende: Interessant...
Fänselow: In diesem Großversuch werden die Studierenden eine aufladbare Chipkarte bei sich führen, von der bei Betreten eines Hörsaals oder der Bibliothek jeweils ein entsprechender Betrag abgebucht wird. Wesentlicher Gegenstand der Forschungsbemühungen wird sein, eine Entscheidung zu treffen zwischen stationären und satellitengestützten Abbuchungsverfahren. Zweiter Untersuchungsgegenstand ist die Frage der Überwachung: beim sogenannten Alarmsystem ertönt ein akustisches Signal, sobald ein Studierender ohne oder mit abgelaufener Chipkarte einen Hörsaal betritt. Das erforderliche Wachpersonal könnte sich durchaus aus freigesetzten Mitarbeitern der Universität rekrutieren. Denkbar ist auch, Studierenden bei der Immatrikulation eine entsprechende Chipkarte zu implantieren, z. B. in den Versionen „Classic“ (nur Pflichtveranstaltungen des Studiengangs), „Gold Card“ (alle Lehrveranstaltungen der Universität Potsdam) und „Platinum Card“ (alle Lehrveranstaltungen im Bundesland).
Unwissende: Wie wird die Entwicklung aussehen, wenn die Kosten exakt abgerechnet werden können?
Fanselow: Dann tritt das Modell „Bundesbahn“ in Kraft. Die Universitäten trennen sich organisatorisch von ihren Instituten, bei denen sie Leistungen bestellen werden. Den Zuschlag für ein Ausbildungspaket wie, sagen wir, Grundstudium Psychologie erhält der Anbieter, der das günstigste Angebot macht...
Unwissende: Gibt es hierfür schon konkrete Ansätze?
Fanselow: Ja, und natürlich ist das Institut für Linguistik als Profilfach der Universität auch hier innovativer Vorreiter. Erstens haben wir schon, angelehnt an das Bauherrn
modell, leistungsstarke Investoren gefunden, die uns die Diversifikation ermöglichen werden. Das heißt z. B., daß wir eine 50prozentige Kapitalbeteiligung am Institut für Psychologie erwerben werden können. Wir haben auch bei unserer Berufungspolitik den Gesichtspunkt der Diversifikation schon früh berücksichtigt. Daher sind wir in der Lage, z. B. das Grundstudium in klassischer Philologie um ca. 15 Prozent billiger anzubieten als das einschlägige Institut. Im Innovationskolleg halten wir ebenso schon personelle Ressourcen für unser Discount-Programm Chemie-Mathematik vor.
Unwissende: Der Arbeitsmarkt wird aber ein globaler...
Fanselow: Durch Gründung von Lingüistica Potsdamiensa de Lisbou S.A. haben wir schon jetzt einen Mitarbeiterstab aus hervorragenden portugiesischen Kollegen rekrutiert, mit dem wir auf Leiharbeitsbasis sowohl an der Humboldt-Universität wie an der FU Berlin zu nur 40 Prozent der üblichen Kosten schon bald die Ausbildung in Allgemeiner Sprachwissenschaft übernehmen werden.
Unwissende: Wird dies nicht auf Widerstand der Gewerkschaften stoßen?
Fanselow: Spielen diese denn noch eine ernstzunehmende Rolle? Aber: wenn das Entsendegesetz auch auf Hochschullehrer angewendet wird, hätte dies allein die Konsequenz, daß unsere Pläne für 2010 früher realisiert würden.
Unwissende: Pläne für 2010?
Fanselow: Da sich z. B. in Indien eine hervorragende Wissenschaftslandschaft entwickelt hat, sieht die Kommission keinen Grund, nicht ähnlich wie z. B. Siemens oder Lufthansa zu verfahren, und Forschung und Lehre komplett nach Indien zu verlegen. Potsdam Linguisties of India Inc. kann selbst, wenn wir den Studierenden zwei Heimflüge pro Semester finanzieren, Grund- und Hauptstudium um 75 Prozent billiger anbieten als in Deutschland. Und dieses Vorgehen hat den Vorteil der Ge- neralisierbarkeit: wenn alle Studenten und Studentinnen an indischen Hochschulen ausgebildet werden, kann auch der BAföG- Satz erheblich reduziert werden. Aber es gibt natürlich ein gravierendes Problem.
Unwissende: Die Wissenschaftlerarbeitslosigkeit in Deutschland?
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PUTZ 6/96