Heft 
(1.1.2019) 06
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AUF DEM CAMPUS AUFGESCHNAPPT, TEIL V

Die Universität Potsdam im Jahre 2010...

Die der Potsdamer Universität auferleg­ten Sparzwänge sorgen innerhalb der Hochschule für regen Gesprächsstoff. Dabei treiben mitunter die schönsten Blü­ten. Eine kleine Kostprobe davon...

Unwissende: Herr Professor Fanselow, Sie können sich vorstellen, einer von Ihnen ge­bildeten KommissionHochschule 2010 vorzustehen, die in den haushaltsbedingten Einschränkungen keinen Grund zur Be­sorgnis sieht...

Fanselow: Richtig. In einigen Fällen ist die positive Wirkung offensichtlich. Neh­men Sie die Erhöhung des Lehrdeputats für Professoren. Die wird die Zahl der Kol­loquien, Oberseminare und Privatissima erfreulich ansteigen lassen. Wir kommen so zu einem Modell des Einzelunterrichts auf dem Spezialgebiet des jeweiligen Professors, das sich weltweit sehen las­sen kann. Aber natürlich ist nicht alles vorteilhaft. Man muß auch die gesamt­wirtschaftliche Perspektive sehen. Die Reduktion der Freisemester hätte fatale Konsequenzen für die Bauwirtschaft. Ins­besondere beim Garagenbau wären dann erhebliche Auftragseinbrüche zu erwar­ten...

Unwissende: Diese Kommission würde die diskutierten Studiengebühren aber für kein praktikables Modell halten?

Fanselow: Genau. Wesentlich bei jeder Spardiskussion muß sein, die Leistungs­empfänger - also: unsere Studierenden - an den tatsächlichen Kosten zu beteiligen. Studiengebühren sind dafür wenig geeig­net, weil sie einen pauschalen Beitrag ver­langen, ohne zu differenzieren, welche Lei­stungen der Hochschule ein Student oder eine Studentin wirklich wahrnimmt. Nur so kann aber Kostenbewußtsein bei den Stu­dierenden entwickelt werden.

Unwissende: Wie könnten konkrete Model­le aussehen?

Fanselow: Unsere Kommission hat kürz­lich in Hamburg auf einer aus Sonder­mitteln des Kanzlers finanzierten Studien­reise raumbezogene Abrechnungsmo­delle ausgiebig studiert. Die Leistung, z. B. eine Vorlesung, wird in einem Raum er­bracht, um den herum Kabinen angeord­net sind mit einer Sichtblende, die durch Geldeinwurf für einen bestimmten Zeit­raum beseitigt werden kann. Realistisch im Hochschulbereich wären etwa 15 Minu­ten für 5 Mark.

Unwissende: Wird dies in Potsdam Anwen­dung finden?

Fanselow: Leider nein. Wir hatten zwar schon in einem Room-Sharing-Modell mit der Paloma-Bar Wege gefunden, die erheb­lichen Umbaukosten vorzufinanzieren, aber der Denkmalschutz würde z. B. für die Com- muns nicht mitmachen. Wir haben aber vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur ein mit 24 Millionen Mark ausge­stattetes Forschungsprojekt zur Lehrkosten­abrechnung bewilligt bekommen.

Unwissende: Interessant...

Fänselow: In diesem Großversuch werden die Studierenden eine aufladbare Chipkar­te bei sich führen, von der bei Betreten ei­nes Hörsaals oder der Bibliothek jeweils ein entsprechender Betrag abgebucht wird. Wesentlicher Gegenstand der For­schungsbemühungen wird sein, eine Ent­scheidung zu treffen zwischen stationären und satellitengestützten Abbuchungs­verfahren. Zweiter Untersuchungsgegen­stand ist die Frage der Überwachung: beim sogenannten Alarmsystem ertönt ein akustisches Signal, sobald ein Studieren­der ohne oder mit abgelaufener Chipkar­te einen Hörsaal betritt. Das erforderliche Wachpersonal könnte sich durchaus aus freigesetzten Mitarbeitern der Universität rekrutieren. Denkbar ist auch, Studieren­den bei der Immatrikulation eine entspre­chende Chipkarte zu implantieren, z. B. in den VersionenClassic (nur Pflichtver­anstaltungen des Studiengangs),Gold Card (alle Lehrveranstaltungen der Uni­versität Potsdam) undPlatinum Card (alle Lehrveranstaltungen im Bundesland).

Unwissende: Wie wird die Entwicklung aussehen, wenn die Kosten exakt abgerech­net werden können?

Fanselow: Dann tritt das ModellBundes­bahn in Kraft. Die Universitäten trennen sich organisatorisch von ihren Instituten, bei denen sie Leistungen bestellen werden. Den Zuschlag für ein Ausbildungspaket wie, sagen wir, Grundstudium Psychologie erhält der Anbieter, der das günstigste An­gebot macht...

Unwissende: Gibt es hierfür schon konkre­te Ansätze?

Fanselow: Ja, und natürlich ist das Institut für Linguistik als Profilfach der Universität auch hier innovativer Vorreiter. Erstens ha­ben wir schon, angelehnt an das Bauherrn­

modell, leistungsstarke Investoren gefun­den, die uns die Diversifikation ermögli­chen werden. Das heißt z. B., daß wir eine 50prozentige Kapitalbeteiligung am Insti­tut für Psychologie erwerben werden kön­nen. Wir haben auch bei unserer Beru­fungspolitik den Gesichtspunkt der Diver­sifikation schon früh berücksichtigt. Daher sind wir in der Lage, z. B. das Grundstu­dium in klassischer Philologie um ca. 15 Prozent billiger anzubieten als das ein­schlägige Institut. Im Innovationskolleg halten wir ebenso schon personelle Res­sourcen für unser Discount-Programm Chemie-Mathematik vor.

Unwissende: Der Arbeitsmarkt wird aber ein globaler...

Fanselow: Durch Gründung von Lingüistica Potsdamiensa de Lisbou S.A. haben wir schon jetzt einen Mitarbeiterstab aus her­vorragenden portugiesischen Kollegen re­krutiert, mit dem wir auf Leiharbeitsbasis sowohl an der Humboldt-Universität wie an der FU Berlin zu nur 40 Prozent der üblichen Kosten schon bald die Ausbildung in Allge­meiner Sprachwissenschaft übernehmen werden.

Unwissende: Wird dies nicht auf Wider­stand der Gewerkschaften stoßen?

Fanselow: Spielen diese denn noch eine ernstzunehmende Rolle? Aber: wenn das Entsendegesetz auch auf Hochschullehrer angewendet wird, hätte dies allein die Kon­sequenz, daß unsere Pläne für 2010 früher realisiert würden.

Unwissende: Pläne für 2010?

Fanselow: Da sich z. B. in Indien eine her­vorragende Wissenschaftslandschaft ent­wickelt hat, sieht die Kommission keinen Grund, nicht ähnlich wie z. B. Siemens oder Lufthansa zu verfahren, und Forschung und Lehre komplett nach Indien zu verlegen. Potsdam Linguisties of India Inc. kann selbst, wenn wir den Studierenden zwei Heimflüge pro Semester finanzieren, Grund- und Hauptstudium um 75 Prozent billiger anbieten als in Deutschland. Und dieses Vorgehen hat den Vorteil der Ge- neralisierbarkeit: wenn alle Studenten und Studentinnen an indischen Hochschulen ausgebildet werden, kann auch der BAföG- Satz erheblich reduziert werden. Aber es gibt natürlich ein gravierendes Problem.

Unwissende: Die Wissenschaftlerarbeits­losigkeit in Deutschland?

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