WYGOTSKI WAR SEINER ZEIT WEIT VORAUS
Wissenschaftliche Konferenz anläßlich des 100. Geburtstages an Potsdamer Uni
Im Alter von nur 38 Jahren verstarb 1934 der sowjetische Psychologe Lew S. Wygotski. Dessen 100. Geburtstag nahm das von Prof. Dr. Joachim Lompscher geleitete Interdisziplinäre Zentrum für Lem- und Lehrforschung kürzlich zum Anlaß, ihn mit einer mehrtägigen wissenschaftlichen Konferenz zu ehren. Die über 200 zumeist aus der Bundesrepublik kommenden Teilnehmer der Veranstaltung diskutierten dabei zum Thema: „Lernen und Entwicklung aus kulturhistorischer Sicht. Was sagt uns Wygotski heute?“
Lew Semjonowitsch Wygotski 1925 in Berlin.
Foto: zg.
Das Potsdamer Treffen reihte sich damit in eine Vielzahl gegenwärtig stattfindender ähnlicher Tägungen ein. Die wichtigste und größte von ihnen steht den Experten allerdings noch bevor. Im September erst wollen Fachleute in Genf Zusammenkommen, um über „Piaget und Wygotski“ zu debattieren. Hier im Brandenburgischen meldeten sich immerhin circa 40 Referenten zu Wort. Schwerpunkt ihrer Beiträge: die Beleuchtung der Ideen, Anregungen und Problemstellungen Wygotskis vor dem Hintergrund heutiger Erfordernisse sowie die Analyse ihrer möglichen Umsetzung in der Praxis. So spielten beispielsweise Anwendungsaspekte in der Schul- wie Rehabilitationspädagogik, Fragen der Sprachentwicklung unter Berücksichtigung jener Relation von Bedeutung und Zeichen sowie der Kunst innewohnende Potenzen für die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung durchaus nicht zufällig eine Rolle.
Zur Erinnerung: In nur acht Jahren hatte der gebürtige Russe die Grundlagen der „kulturhistorischen Schule“ geschaffen. Deren Geburtsstunde schlug 1926 mit einer Arbeit des Wissenschaftlers über die Krise der Psychologie. Die somit ins Leben gerufene Lehre bot zu dieser Zeit einen ganz neuen theoretischen Ansatz zum Verständnis des Menschen und seiner Entwicklung. Lompscher dazu: .VVygotski war einer der ersten, der im Bereich der Psychologie
ernst machte mit der Determination des Menschen und seiner Evolution durch den gesellschaftlichen Fortgang.“ Im Gegensatz zum Schweizer Jean Piaget, der zwar ebenso von der aktiven Position des Subjekts gegenüber der Umwelt ausging, jedoch einen sich autonom vollziehenden Prozeß favorisierte, betonte Wygotski selbst die prinzipielle Bedeutung von Unterricht und Erziehung. In engem Zusammenhang dazu stand die Auffassung von der „Zone der nächsten Entwicklung". Eine Idee, die der Auseinandersetzung mit der traditionellen Statusdiagnostik und Didaktik entsprang. „Beide Richtungen“, so der Potsdamer Pädagoge, „berücksichtigen in der Regel lediglich das sich in Leistungen niederschlagende aktuelle Entwicklungsniveau, nicht aber darüber hinaus gehende Potenzen, die im Verlauf sozialer Kooperation und Kommunikation mit anderen realisiert werden kön-
Als ein Beispiel für die Bemühungen an der Uni Potsdam, die Qualität der Lehre zu verbessern, nannte Rektor Wolfgang Lo- schelder die seit 1993 bestehende Reihe „Politik aus erster Hand“. Das Auftreten „hochkarätiger Praktiker“ stößt seither auf große Resonanz. Anfang Juni 1996 begrüßte der Initiator der Reihe, Prof. Dr. Wühelm Bürklin aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Dr. Antje Vollmer widmete sich dem Thema „Heißer Rieden - über Gewalt, Macht und das Geheimnis der Zivilisation“. Ein Buch gleichen Titels veröffentlichte sie 1995.
Der studierten Theologin war es bei der Beschäftigung mit dieser „düsteren Problematik manchmal etwas unheimlich geworden" . Ganz bewußt habe sie sich nicht bei der soziologischen und sozialtherapeutischen Ursachenforschung aufgehalten. Sie setzte die seit Beginn der Menschheitsgeschichte existierende Gewalt voraus. Ihr Interesse lenkte die Referentin vielmehr auf die Menschheitserfahrungen und -traditio- nen, die es früheren Epochen ermöglichten, die innergesellschaftliche Gewalt zu
nen“. Genau diese Erkenntnis sei damals revolutionär gewesen. Wygotski begründete mit ihr die kulturhistonsche Traditions- lmie in der Psychologie.
Insbesondere in den 80er Jahren stieß jene Theorie auf verstärktes internationales Interesse. Große Beachtung nahezu weltweit genießt gegenwärtig außerdem das gesamte theoretische, methodologische und empirische Erbe des großen Universali- sten, der sich zunächst auf den Gebieten Psychologie, Literatur, Logik und Philosophie hatte ausbilden lassen und in den ersten Arbeitsjahren als Literaturlehrer wirkte . Durchbruch und Anerkennung vollzogen sich wohl nicht zuletzt aufgrund zunehmend komplexer Herangehensweisen an Probleme des menschlichen Individuums. Folgen nicht nur für die Psychologie, sondern auch Pädagogik, Semiotik oder Kulturtheorie blieben nicht aus. In Potsdam jedenfalls herrschte Einmütigkeit über Brisanz und Aktualität damaliger Forschungsergebnisse. Zu gleichem Urteil gelangte schon der amerikanische Psychologe Jerome Bruner, als er 1987, immerhin 50 Jahre nach dem Tod des Gelehrten, formulierte: .Wygotski spricht zu uns aus der Zukunft." RG.
beherrschen. So seien in allen Kulturen der Welt Opferpraktiken nachzuweisen. Kultus und Religion hätten von alters her die Aufgabe, Gewalt einzudämmen und von der Gesellschaft fernzuhalten.
Ein Exkurs in die Geschichte beweist das. Die jüdische Tradition kennt den Sündenbock, der in die Wüste geschickt wird, die christliche führt das Lamm zur Schlacht-
Beschäftigt sich mit dem beunruhigenden Stoff Gewalt: die Pazifistin und Vizepräsidentin des Bundestages Dr. Antje Vollmer. Foto: Fritze
FUSSBALL ZUR GEWALTREGULIERUNG?
Antje Vollmer sprach in der Reihe „Politik aus erster Hand"
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PUTZ 6/96