bank. Masken und ekstatische Tänze erfüllen bei den afrikanischen Schamanen, aber ebenso m der indianischen und indischen Tradition diese Funktion. Am Anfang der Hochkulturen steht dann die Ablösung der Menschen- durch Tieropfer. Große Menschengruppen akzeptierten jene oftmals gewalttätigen Opferzeremonien als Mittel, die Gewalt zu bannen und sahen sie somit als nützlich für die Gemeinschaft an. Deshalb sollten wir uns heute nicht darüber erheben, mahnte die Politikerin.
Bei der Betrachtung historischer Epochen verdeutlichte das Mitglied von Bündnis 90/ Die Grünen, daß es jeweils Orte gäbe, an denen sich Macht, Kultur und Gewalt kon
zentrierten. Im klassischen Griechenland und in Rom waren es der Marktplatz und das Theater, das Capitol und die Arena, im Mittelalter der Hof und die Kurie.
Als neue Arena machte die gerade mit dem Cicero-Rednerpreis 1996 für die Verdienste um das gesprochene Wort Geehrte die Medien aus. Sie könnten Pogrome, Aufstände, Völkerwanderungen und Flüchtlingsströme auslösen. Wenn es gelänge, in dieser Arena Gewalt zu verarbeiten und Gemeinschaften neu zu begründen, wäre dies ein Lichtblick. Nicht unumstritten ist Antje Vollmers Auffassung, wonach die Alltagskultur der Gegenwart erfolgreicher in der Bändigung von Gewalt ist als die Hochkultur. Sie nannte
den Sport, die Musik und die Kultur. Auf den Rängen der Fußballstadien beispielsweise würden Aggressionen gebündelt und gleichzeitig verarbeitet.
Beim Schreiben ihres Buches habe sie die „verrückte Hoffnung“ begleitet, daß mit der präzisen Beschreibung der entscheidende „ Schlüssel zur Bändigung der Pogrome und zur Unterbrechung der Gewaltprozesse zu finden“ sei. Sie setze auf Aufklärung, Vernunft und Zivilcourage. „Es gibt keine Lösung außer dieser Entschlossenheit, einen Blick hinter den Vorhang zu werfen und mit in den Kreis zu treten, der sich immer von neuem um die potentiellen Opfer von morgen zu bilden droht“. B.E.
EINEM „DENKER DES JAHRHUNDERTS":
Kurt Tucholsky im Mittelpunkt einer Vortragsreihe von VHS und MMZ
Produktiver Kritiker oder kompro- mißunfähiger Besserwisser? „Begabtesterund widerwärtigster jüdischer Antisemit“ (Gershom Scholem) oder „tiefverletzte jüdische Seele“. Auch mehr als sechzig Jahre nach seinem Tod gilt Hart Hicholsky als einer der umstrittensten deutschen Autoren der Weimarer Republik. Man denke nur an seinen Ausspruch: „Soldaten sind Mörder“, der die bundesdeutsche Presse und Öffentlichkeit seit mehreren Jahren bewegt. Gründe gab es für die Potsdamer Volkshochschule (VHS) und das Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ), An-Institut der Uni Potsdam, also genug, diesen Autor in einer vierteiligen Vortragsreihe als „Denker des Jahrhunderts“ zu würdigen.
Wie beliebt und bekannt fhcholsky auch heute noch ist, zeigt die erste Veranstaltung mit dem Thcholsky-Biographen Michael Hepp. Mehr als fünfzig Personen waren gekommen, um von dem Experten Neuestes aus der fhcholsky-Forschung zu erfahren. Hepp berichtete zunächst vom Stand der Diskussion um das Uicholsky-Zitat „Soldaten sind Mörder“, an dem sich sogleich eine Diskussion über die Zulässigkeit dieser Aussage entzündete. Dann lieferte Hepp eine biographische Skizze Thchol- skys. Er erwähnte das ungeheuere Arbeitspensum des Schriftstellers, der in zwanzig Jahren mehr als 3000 Artikel verfaßte und daneben noch Zeit fand, Bücher zu schreiben. Den Einwand, Hicholsky habe immer nur kritisiert und selbst nie produktive Vorschläge zur Verbesserung der gesellschaftlichen Bedingungen unternommen, wies er
energisch zurück: Hier handele es sich noch um Forschungslücken, denn langsam werde bekannt, daß Hicholsky nicht nur konstruktive Reformvorschläge für eine Justizreform gemacht habe, sondern sich auch intensiv um eine Aussöhnung mit Frankreich bemühte - beispielsweise durch deutsch-französische Schüler-Austauschprojekte und durch persönliche Berichte über Deutschland, die er der französischen Regierung zuleitete.
Auf besonderes Interesse stießen Hepps Vermutungen über fhcholskys Todesursache, die er bereits in seiner Biographie formuliert hatte: Er leugnet die Selbstmord- These und vermutet, fhcholsky habe sich nicht umbringen wollen und sei sozusagen „aus Versehen“ an einer Überdosis Schlaftabletten gestorben.
Um weniger Dramatisches ging es im Vortrag von Roland Links aus Leipzig. Der Verleger, der sich in der DDR einen Namen mit der Herausgabe von fhcholskys Gesammelten Werken gemacht hatte, sprach über die Rezeptionsgeschichte fhcholskys in Ost- und Westdeutschland: Beiden Deutschlands war fhcholsky gleichermaßen unbequem, da er sich nicht bruchlos in eine Ideologie emordnen ließ. Das Dilemma spiegeln die Biographien und gesammelten Ausgaben aus dieser Zeit, in denen fhcholsky vielfach als „lieber Geschichtenonkel“, als Satiriker von Alltagsbanalitäten dargestellt wird und weniger als unbestechlicher Kntiker des politischen Versagens der Kommunisten und der Sozialdemokraten in der Weimarer Republik. Höchst interessant für die Zuhörer war es zu erfahren, wie Links damals in der DDR versuchte, fhcholsky möglichst vollständig zu edieren, und wie es ihm gemeinsam mit fhcholskys Witwe Mary Gerold gelang, die Zensurbestimmungen zu umgehen. „Zum Glück“, ennnert sich Links, „hatte die Johannes R. Recher-Ausgabe acht Bän
de. Da konnten wir sechs Bände fhcholsky im Dünndruckverfahren durchbekommen.“ Über fhcholsky und die Rauen sprach Dr. Peter Boethig, Leiter der fhcholsky-Gedenkstätte im Schloß Rheinsberg und Herausgeber eines Sammelbandes mit fhcholskys ffexten über Rauen und die Liebe, der unter dem Ittel „Jelänger jelieber“ erschienen ist. Boethig präsentierte weniger die Rauen des Schnftstellers, der die Rauen liebte, sondern fhcholskys Liebesverständms, das er als modern und großstädtisch charaktensierte. fhcholsky thematisierte das Nachtleben in Berlin, die Prostitution, den Nackttanz genauso wie die sexuellen Nöte Strafgefangener, Er nahm die Vielfalt wahr, tolerierte sie mit Weitbürgerlichkeit und hatte doch auch seine Sehnsucht nach Ruhe, Abgeschiedenheit, Häuschen am Meer - und eben auch nach der einen Rau. Und statt dessen hatte er, polygam veranlagt, viele Reundinnen und Geliebte, viele von ihnen gleichzeitig.
Diese Zerrissenheit versuchte schließlich auch Stefanie Brauer vom Moses Mendelssohn Zentrum in einem Beitrag über fhchol- sky und die Juden darzustellen: Das Gegenüber seiner an Antisemitismus grenzenden, harschen Kritik an den Juden und seines entschiedenen Kampfes gegen den Antisemitismus. Brauer wollte damit zeigen, daß fhcholskys Kritik an den Juden sich nicht auf den Menschen als Juden richtete, sondern auf eine bestimmte antidemokratische, geschäftstüchtig-bourgeoise Haltung, die ihm allerdings bei den Juden besonders heftig aufstieß. Auch hier läßt sich kein eindeutiges Bild zeichnen, überwiegen Widersprüchlichkeiten und Brüche. So resümierte denn am Kursende eine ffeilnehmerin: Am Anfang habe sie über den Schnftsteller wenig gewußt. Nun wäre sie über die Widersprüchlichkeiten dieses Autors verwirrt: „Aber es motiviert mich zur weiteren Auseinandersetzung mit seinem Werk." S.B.
PUTZ 6/96
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