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(1.1.2019) 06
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bank. Masken und ekstatische Tänze erfül­len bei den afrikanischen Schamanen, aber ebenso m der indianischen und indischen Tradition diese Funktion. Am Anfang der Hochkulturen steht dann die Ablösung der Menschen- durch Tieropfer. Große Men­schengruppen akzeptierten jene oftmals gewalttätigen Opferzeremonien als Mittel, die Gewalt zu bannen und sahen sie somit als nützlich für die Gemeinschaft an. Des­halb sollten wir uns heute nicht darüber er­heben, mahnte die Politikerin.

Bei der Betrachtung historischer Epochen verdeutlichte das Mitglied von Bündnis 90/ Die Grünen, daß es jeweils Orte gäbe, an denen sich Macht, Kultur und Gewalt kon­

zentrierten. Im klassischen Griechenland und in Rom waren es der Marktplatz und das Theater, das Capitol und die Arena, im Mittelalter der Hof und die Kurie.

Als neue Arena machte die gerade mit dem Cicero-Rednerpreis 1996 für die Verdienste um das gesprochene Wort Geehrte die Me­dien aus. Sie könnten Pogrome, Aufstände, Völkerwanderungen und Flüchtlingsströme auslösen. Wenn es gelänge, in dieser Are­na Gewalt zu verarbeiten und Gemeinschaf­ten neu zu begründen, wäre dies ein Licht­blick. Nicht unumstritten ist Antje Vollmers Auffassung, wonach die Alltagskultur der Gegenwart erfolgreicher in der Bändigung von Gewalt ist als die Hochkultur. Sie nannte

den Sport, die Musik und die Kultur. Auf den Rängen der Fußballstadien beispielsweise würden Aggressionen gebündelt und gleichzeitig verarbeitet.

Beim Schreiben ihres Buches habe sie die verrückte Hoffnung begleitet, daß mit der präzisen Beschreibung der entscheidende Schlüssel zur Bändigung der Pogrome und zur Unterbrechung der Gewaltprozesse zu finden sei. Sie setze auf Aufklärung, Ver­nunft und Zivilcourage.Es gibt keine Lö­sung außer dieser Entschlossenheit, einen Blick hinter den Vorhang zu werfen und mit in den Kreis zu treten, der sich immer von neuem um die potentiellen Opfer von mor­gen zu bilden droht. B.E.

EINEMDENKER DES JAHRHUNDERTS":

Kurt Tucholsky im Mittelpunkt einer Vortragsreihe von VHS und MMZ

Produktiver Kriti­ker oder kompro- mißunfähiger Besserwisser? Begabtesterund widerwärtigster jüdischer Antise­mit (Gershom Scholem) oder tiefverletzte jüdi­sche Seele. Auch mehr als sechzig Jahre nach seinem Tod gilt Hart Hicholsky als ei­ner der umstrittensten deutschen Autoren der Weimarer Republik. Man denke nur an seinen Ausspruch:Soldaten sind Mör­der, der die bundesdeutsche Presse und Öffentlichkeit seit mehreren Jahren be­wegt. Gründe gab es für die Potsdamer Volkshochschule (VHS) und das Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ), An-Institut der Uni Potsdam, also genug, diesen Au­tor in einer vierteiligen Vortragsreihe als Denker des Jahrhunderts zu würdigen.

Wie beliebt und bekannt fhcholsky auch heute noch ist, zeigt die erste Veranstaltung mit dem Thcholsky-Biographen Michael Hepp. Mehr als fünfzig Personen waren gekommen, um von dem Experten Neue­stes aus der fhcholsky-Forschung zu erfah­ren. Hepp berichtete zunächst vom Stand der Diskussion um das Uicholsky-ZitatSol­daten sind Mörder, an dem sich sogleich eine Diskussion über die Zulässigkeit die­ser Aussage entzündete. Dann lieferte Hepp eine biographische Skizze Thchol- skys. Er erwähnte das ungeheuere Arbeits­pensum des Schriftstellers, der in zwanzig Jahren mehr als 3000 Artikel verfaßte und daneben noch Zeit fand, Bücher zu schrei­ben. Den Einwand, Hicholsky habe immer nur kritisiert und selbst nie produktive Vor­schläge zur Verbesserung der gesellschaft­lichen Bedingungen unternommen, wies er

energisch zurück: Hier handele es sich noch um Forschungslücken, denn langsam werde bekannt, daß Hicholsky nicht nur konstruktive Reformvorschläge für eine Justizreform gemacht habe, sondern sich auch intensiv um eine Aussöhnung mit Frankreich bemühte - beispielsweise durch deutsch-französische Schüler-Austausch­projekte und durch persönliche Berichte über Deutschland, die er der französischen Regierung zuleitete.

Auf besonderes Interesse stießen Hepps Vermutungen über fhcholskys Todesursa­che, die er bereits in seiner Biographie for­muliert hatte: Er leugnet die Selbstmord- These und vermutet, fhcholsky habe sich nicht umbringen wollen und sei sozusagen aus Versehen an einer Überdosis Schlaf­tabletten gestorben.

Um weniger Dramatisches ging es im Vor­trag von Roland Links aus Leipzig. Der Ver­leger, der sich in der DDR einen Namen mit der Herausgabe von fhcholskys Gesammel­ten Werken gemacht hatte, sprach über die Rezeptionsgeschichte fhcholskys in Ost- und Westdeutschland: Beiden Deutschlands war fhcholsky gleichermaßen unbequem, da er sich nicht bruchlos in eine Ideologie emordnen ließ. Das Dilemma spiegeln die Biographien und gesammelten Ausgaben aus dieser Zeit, in denen fhcholsky vielfach alslieber Geschichtenonkel, als Satiriker von Alltagsbanalitäten dargestellt wird und weniger als unbestechlicher Kntiker des po­litischen Versagens der Kommunisten und der Sozialdemokraten in der Weimarer Re­publik. Höchst interessant für die Zuhörer war es zu erfahren, wie Links damals in der DDR versuchte, fhcholsky möglichst voll­ständig zu edieren, und wie es ihm gemein­sam mit fhcholskys Witwe Mary Gerold ge­lang, die Zensurbestimmungen zu umge­hen.Zum Glück, ennnert sich Links,hat­te die Johannes R. Recher-Ausgabe acht Bän­

de. Da konnten wir sechs Bände fhcholsky im Dünndruckverfahren durchbekommen. Über fhcholsky und die Rauen sprach Dr. Peter Boethig, Leiter der fhcholsky-Gedenk­stätte im Schloß Rheinsberg und Herausge­ber eines Sammelbandes mit fhcholskys ffexten über Rauen und die Liebe, der unter dem IttelJelänger jelieber erschienen ist. Boethig präsentierte weniger die Rauen des Schnftstellers, der die Rauen liebte, sondern fhcholskys Liebesverständms, das er als modern und großstädtisch charaktensierte. fhcholsky thematisierte das Nachtleben in Berlin, die Prostitution, den Nackttanz genau­so wie die sexuellen Nöte Strafgefangener, Er nahm die Vielfalt wahr, tolerierte sie mit Weitbürgerlichkeit und hatte doch auch sei­ne Sehnsucht nach Ruhe, Abgeschiedenheit, Häuschen am Meer - und eben auch nach der einen Rau. Und statt dessen hatte er, polygam veranlagt, viele Reundinnen und Geliebte, viele von ihnen gleichzeitig.

Diese Zerrissenheit versuchte schließlich auch Stefanie Brauer vom Moses Mendels­sohn Zentrum in einem Beitrag über fhchol- sky und die Juden darzustellen: Das Gegen­über seiner an Antisemitismus grenzenden, harschen Kritik an den Juden und seines entschiedenen Kampfes gegen den Antise­mitismus. Brauer wollte damit zeigen, daß fhcholskys Kritik an den Juden sich nicht auf den Menschen als Juden richtete, sondern auf eine bestimmte antidemokratische, ge­schäftstüchtig-bourgeoise Haltung, die ihm allerdings bei den Juden besonders heftig aufstieß. Auch hier läßt sich kein ein­deutiges Bild zeichnen, überwiegen Wider­sprüchlichkeiten und Brüche. So resümier­te denn am Kursende eine ffeilnehmerin: Am Anfang habe sie über den Schnftsteller we­nig gewußt. Nun wäre sie über die Wider­sprüchlichkeiten dieses Autors verwirrt: Aber es motiviert mich zur weiteren Ausein­andersetzung mit seinem Werk." S.B.

PUTZ 6/96

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