Heft 
(1.1.2019) 06
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BAUME WIDERSPIEGELN DIE SEELE

Ein kunsttherapeutisches Projekt im Krankenhaus

Zu sehen sind starke Bäume mit vielen großen, grünen Blättern, aber ohne Wur­zeln oder fast blattlose Bäume mit auffal­lend flachen Wurzeln. Jene Brauen, die dies auf 's Papier brachten, befinden sich in schwierigen Lebenssituationen. Sie müssen sich teilweise schon seit Wochen in der Neurologischen Abteilung des Sankt Josefs-Krankenhauses Potsdam ei­ner Behandlung unterziehen. Schaut man ihre künstlerischen Selbstäußerungen näher an, so läßt sich auf ihre seelische Verfassung schließen.

Denn künstlerisches Arbeiten bietet nicht zuletzt die Möglichkeit, auf symbolische Weise Gefühle und Phantasien zu be- und verarbeiten. Für gesunde, insbesondere jedoch für kranke Menschen kann diese Art der Auseinandersetzung mit Ängsten, Abhängigkeiten, Unterlegenheit, aber auch Freude zu psychischer Entlastung führen. Davon ist Prof. Dr. Meike Aissen- Crewett von der Universität Potsdam über­zeugt. Deshalb möchte die im kunstthe­rapeutischen Bereich Erfahrene diesen Aspekt stärker in die Ausbildung der Kunstpädagogik-Studenten einfließen las­sen. Aus diesem Grunde suchte die Inha­berin des Lehrstuhls für Grundschulpäda­gogik/Lernbereich musisch-ästhetische Erziehung mit dem Schwerpunkt Ästheti­sche Erziehung den Kontakt zum Sankt Josefs-Krankenhaus.

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Im Rahmen verschiedener künstleri­scher Projekte aus Anlaß des 50. Jah­restages des Potsdamer Abkommens im Jahre 1995 wurde die IdeeKunst und Heilung geboren,Gemeinsam mit Künstlern verschiedener Genre sind wir drei Wochen täglich in das Kranken­haus und das angrenzende Altersheim gegangen, erzählte Meike Aissen-Cre- wett. Damals entstand auch dieHeilen­de Wand mit den Abdrücken von Hän­den als Symbolen der Kraft. Inzwi­schen entwickelte die Hochschul- lehrerm das Konzept weiter.

Im Mtägigen Rhythmus tref­fen sich vier Studentinnen der .,.

Ein überdimensionales, ausge­franstes Herz wächst aus dem Kli­nikgebäude und stößt außerhalb dessen an grüne Blätter. Malend setzte sich so eine Patientin des Sankt Josefs-Krankenhauses mit ihrer schwierigen Situation ausein­ander. Die Öffnung zur Außenwelt und das Ende von Depressionen ver­deutlichte sie gemeinsam mit einer Studentin. Foto: Fritze

Mit Kunst als Therapie wollen Cisa Klüßendorf, Prof. Dr. Meike Aissen-Crewett, Anja Wuttke von der Uni Potsdam und Dr. Hubertus K. Kursawe, Chefarzt der Neurologischen Abteilung des Sankt Josefs- Krankenhauses (von links nach rechts), Menschen bei der Bewältigung ihrer Krankheiten helfen. Hier analysieren sie die künstlerische Selbstäußerung einer Patientin. Foto: Fritze

Grundschulpädagogik unter Anleitung der Professorin mit Patientinnen der Neurologi­schen Abteilung des Krankenhauses. In de­ren Chefarzt, Privatdozent Dr. Hubertus K. Kursawe, fand sie einen aufgeschlossenen und engagierten Mitstreiter für ihr Anliegen. Die Studentinnen sammeln wertvolle Erfah­rungen für ihre spätere Berufspraxis. Anja Wuttke beispielsweise studiert im Lehramt für die Primarstufe Kunst, Deutsch und Sachunterricht. Sie leitete nach dem Abitur ein Jahr lang eine Kunst-Arbeitsgemein­schaft in der Schule.Mich interessierte, warum das Kind so oder so malt. Nach einer bestimmten Zeit konnte ich Sym- bole deuten und den entsprechen­den Schülern zuordnen. Gleichfalls Lehrerin will Gisa Klüßendorf werden. Ich kann viel von mir er­fahren, wenn ich male. Wenn ich spontan male,

. dann analysiere ich i das." Das psychologi­sche Momemt beim Umgang mit den kranken Menschen weckte ihr Interesse, Auffallend bei beiden Studentinnen ist ihr einfühlsamer und

kompetenter Umgang mit den Patientinnen. Im auf den Krankenhaus-Besuch vorbe­reitenden Seminar befassen sie sich bei Meike Aissen-Crewett mit Bildmustern und Deutungsversuchen.

Vielfach haben die Kranken vor ihrem Kli­nikaufenthalt nie daran gedacht, sich künst­lerisch zu äußern. Umso dankbarer sind sie nun für den Anstoß von außen. Erstaunt re­gistrieren viele die Ergebnisse ihrer Arbeit. Verschüttetes kreatives Potential tritt zutage. Eine junge Frau sagte:Ich fühle mich nicht wie ein Baum im Frühling, deshalb kann ich keinen gewaltigen Stamm zeichnen". Damit analysiert sie, zunächst selbst überrascht, ihr Befinden.

Der Mediziner Kursaweerkennt in den Bil­dern die Umsetzung dessen, was er kli­nisch erlebt. Von dieser Seite der Kranken zu erfahren, sei für seine Arbeit von un­schätzbarem Wert. Meike Aissen-Crewett versteht Therapie im Sinne einer Ttechnik der Persönlichkeitsentfaltung. Sie beobach­tet, daßwir die Kunst mit Krankheit umzu­gehen, unvollkommen beherrschen. Das sei deshalb besonders bedauerlich, weil sie neben dem Tod dochder faszinie­rendste Gegenstand unseres Nachdenkens über unser Dasein ist. B.E.

PUTZ 6/96

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