BAUME WIDERSPIEGELN DIE SEELE
Ein kunsttherapeutisches Projekt im Krankenhaus
Zu sehen sind starke Bäume mit vielen großen, grünen Blättern, aber ohne Wurzeln oder fast blattlose Bäume mit auffallend flachen Wurzeln. Jene Brauen, die dies auf 's Papier brachten, befinden sich in schwierigen Lebenssituationen. Sie müssen sich teilweise schon seit Wochen in der Neurologischen Abteilung des Sankt Josefs-Krankenhauses Potsdam einer Behandlung unterziehen. Schaut man ihre künstlerischen Selbstäußerungen näher an, so läßt sich auf ihre seelische Verfassung schließen.
Denn künstlerisches Arbeiten bietet nicht zuletzt die Möglichkeit, auf symbolische Weise Gefühle und Phantasien zu be- und verarbeiten. Für gesunde, insbesondere jedoch für kranke Menschen kann diese Art der Auseinandersetzung mit Ängsten, Abhängigkeiten, Unterlegenheit, aber auch Freude zu psychischer Entlastung führen. Davon ist Prof. Dr. Meike Aissen- Crewett von der Universität Potsdam überzeugt. Deshalb möchte die im kunsttherapeutischen Bereich Erfahrene diesen Aspekt stärker in die Ausbildung der Kunstpädagogik-Studenten einfließen lassen. Aus diesem Grunde suchte die Inhaberin des Lehrstuhls für Grundschulpädagogik/Lernbereich musisch-ästhetische Erziehung mit dem Schwerpunkt Ästhetische Erziehung den Kontakt zum Sankt Josefs-Krankenhaus.
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Im Rahmen verschiedener künstlerischer Projekte aus Anlaß des 50. Jahrestages des Potsdamer Abkommens im Jahre 1995 wurde die Idee „Kunst und Heilung“ geboren, „Gemeinsam mit Künstlern verschiedener Genre sind wir drei Wochen täglich in das Krankenhaus und das angrenzende Altersheim gegangen“, erzählte Meike Aissen-Cre- wett. Damals entstand auch die „Heilende Wand“ mit den Abdrücken von Händen als Symbolen der Kraft. Inzwischen entwickelte die Hochschul- lehrerm das Konzept weiter.
Im Mtägigen Rhythmus treffen sich vier Studentinnen der ., ■.
Ein überdimensionales, ausgefranstes Herz wächst aus dem Klinikgebäude und stößt außerhalb dessen an grüne Blätter. Malend setzte sich so eine Patientin des Sankt Josefs-Krankenhauses mit ihrer schwierigen Situation auseinander. Die Öffnung zur Außenwelt und das Ende von Depressionen verdeutlichte sie gemeinsam mit einer Studentin. Foto: Fritze
Mit Kunst als Therapie wollen Cisa Klüßendorf, Prof. Dr. Meike Aissen-Crewett, Anja Wuttke von der Uni Potsdam und Dr. Hubertus K. Kursawe, Chefarzt der Neurologischen Abteilung des Sankt Josefs- Krankenhauses (von links nach rechts), Menschen bei der Bewältigung ihrer Krankheiten helfen. Hier analysieren sie die künstlerische Selbstäußerung einer Patientin. Foto: Fritze
Grundschulpädagogik unter Anleitung der Professorin mit Patientinnen der Neurologischen Abteilung des Krankenhauses. In deren Chefarzt, Privatdozent Dr. Hubertus K. Kursawe, fand sie einen aufgeschlossenen und engagierten Mitstreiter für ihr Anliegen. Die Studentinnen sammeln wertvolle Erfahrungen für ihre spätere Berufspraxis. Anja Wuttke beispielsweise studiert im Lehramt für die Primarstufe Kunst, Deutsch und Sachunterricht. Sie leitete nach dem Abitur ein Jahr lang eine Kunst-Arbeitsgemeinschaft in der Schule. „Mich interessierte, warum das Kind so oder so malt. Nach einer bestimmten Zeit konnte ich Sym- ■ bole deuten und den entsprechenden Schülern zuordnen.“ Gleichfalls Lehrerin will Gisa Klüßendorf werden. „Ich kann viel von mir erfahren, wenn ich male. Wenn ich spontan male,
. dann analysiere ich i das." Das psychologische Momemt beim Umgang mit den kranken Menschen weckte ihr Interesse, Auffallend bei beiden Studentinnen ist ihr einfühlsamer und
kompetenter Umgang mit den Patientinnen. Im auf den Krankenhaus-Besuch vorbereitenden Seminar befassen sie sich bei Meike Aissen-Crewett mit Bildmustern und Deutungsversuchen.
Vielfach haben die Kranken vor ihrem Klinikaufenthalt nie daran gedacht, sich künstlerisch zu äußern. Umso dankbarer sind sie nun für den Anstoß von außen. Erstaunt registrieren viele die Ergebnisse ihrer Arbeit. Verschüttetes kreatives Potential tritt zutage. Eine junge Frau sagte: „Ich fühle mich nicht wie ein Baum im Frühling, deshalb kann ich keinen gewaltigen Stamm zeichnen". Damit analysiert sie, zunächst selbst überrascht, ihr Befinden.
Der Mediziner Kursawe „erkennt in den Bildern die Umsetzung dessen, was er klinisch erlebt“. Von dieser Seite der Kranken zu erfahren, sei für seine Arbeit von unschätzbarem Wert. Meike Aissen-Crewett versteht Therapie im Sinne einer Ttechnik der Persönlichkeitsentfaltung. Sie beobachtet, daß „wir die Kunst mit Krankheit umzugehen, unvollkommen beherrschen“. Das sei deshalb besonders bedauerlich, weil sie neben dem Tod doch „der faszinierendste Gegenstand unseres Nachdenkens über unser Dasein ist“. B.E.
PUTZ 6/96
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