Heft 
(1.1.2019) 06
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MIKROKOSMOS"

GUTSHERRSCHAFTS­

GESELLSCHAFT

Konflikt und Kontrolle in Gutsherrschafts­gesellschaften" ist die zweite große Publi­kation der von Prof. Jan Peters geleiteten Ar­beitsgruppe der Max-Planck-Gesellschaft Ostelbische Gutsherrschaft als sozial­historisches Phänomen an der Universität Potsdam. Das ThemaGutsherrschaft mit all seinen komplexen Weiterungen beschäf­tigt die Forschung seit mehr als 100 Jahren. Blieb dies lange Zeit auf rein agrarhistori­sche Zugänge beschränkt, wurde in den letzten Jahren zunehmend der Blick auch für Fragestellungen geschärft, die solchen geschichtswissenschaftlichen Tfeildiszipli- nen entsprangen wie der Historischen An­thropologie oder der Mentalitätsgeschich­te; Themenfelder also, die auch zum metho­dologischen Instrumentanum der genann­ten Arbeitsgruppe gehören.

In mehreren Aufsätzen des Bandes konnten die Autoren - bezogen auf ihren räumlich eng gezogenen und deshalb sehr konkret dargestellten Gegenstand - nachweisen, daß die in der älteren Literatur häufig bipo­lare Sicht zur Interpretation der sozialen Beziehungen in Gutsherrschaftsgesell­schaften an der Realität vorbeigeht. Auf­schlußreich erscheint in diesem Zusam­menhang z. B. die ambivalente Stellung des Pfarrers im Spannungsfeld zwischen dem Gutsherrn - der zugleich auch Patronats- herr war - und der Dorfgemeinde, die das zeitweilige Konkurrenzverhältnis zwischen weltlicher und geistlicher Autorität mitunter geschickt ausnutzte. Durch solche und an­dere dasInnenleben der Dorfgemeinden ausleuchtende Studien wurde deutlich, daß auch die Landgemeinden nordostdeut­scher Tterritorien eine eigenständige gesell­schaftliche Kraft darstellten.

Ähnlich wie in der eher ständegeschichtlich orientierten Forschung die Divergenz zwi­schen dem Herrschaftsanspruch des Staa­tes und den realen Möglichkeiten seiner Umsetzung betont wird, machen einige Beiträge deutlich, daß auch innerhalb des Mikrokosmos einer Gutsherrschaft zwi­schen der Norm und der sozialen Praxis unterschieden werden muß. Zudem geht aus den einzelnen Fallbeispielen hervor, welch großes Spektrum sowohl innerhalb der Herrschaftstechniken als auch im Resistenzverhalten der Untertanen gegen­wärtig war. So machte es schon einen Un­terschied, ob Herrschaftsfunktionen nur in vermittelter Form oder in persona ausgeübt wurden.

Geographisch reicht das Spektrum der Beiträge von Schleswig-Holstein über die klassischen gutsherrschaftlich geprägten Tterritorien Mecklenburg und Brandenburg bis in eine westfälische Region. Dies hat

auch eine über die Grenzen dieses spezi­ellen Forschungszweiges hinausgehende Relevanz, da in Überblicksdarstellungen zur frühneuzeitlichen deutschen Geschich­te bei der Beschreibung gutsherrschaftlich geprägter Tterritorien häufig immer noch das Bild einer weitgehend statischen, undif­ferenzierten Gesellschaft gezeichnet wird, die zudem auf die ostelbischen Tterritorien eingegrenzt geblieben wäre.

Allerdings ist dem Herausgeber in seinem eher zurückhaltenden Resümee zu folgen, daß die eigentliche Synthese der empiri­schen Forschung noch längere Zeit auf sich warten lassen dürfte. Gerade der mikro- histonsche Forschungsansatz der Arbeits­gruppe erschwert natürlich eine auf einem komparativen Ansatz beruhende, um Typi­sierung bemühte Zusammenschau. Die großen Strukturen lassen sich - wie Jan Pe­ters betont -mit den kleinen Lebenswelten so leicht nicht verzahnen". Daß die Wissen­schaftler der Arbeitsgruppe aber auf gutem Wege sind, sich diesem Ziel zu nähern, zeigt die Ankündigung, daß demnächst ein weiterer, aus einer Tägung hervorgehender Band (Gutsherrschaftsgesellschaften im europäischen Vergleich) erscheinen wird.

Rank Göse

Jan Peters (Hrsg.): Konflikt und Kontrolle in Gutsherrschaftsgesellschaften, Van- denhoeck & Ruprecht 1995,435 Seiten mit 6 Tabellen, 90,- DM.

NEUE ZEITSCHRIFT

zur Allgemeinen Relativitäts­theorie und Gravitation

Seit dem 1. September 1995 erscheint mo­natlich die ZeitungGeneral Relativity and Gravitation (GRG) in der Verantwortung ei­nes Mathematikers der Universität Pots­dam. Zuvor wurde sie von einem Schweizer Mathematiker herausgegeben. Sie richtet sich an Wissenschaftler, die sich mit der Allgemeinen Relativitätstheorie und Gravi­tationsphysik befassen und veröffentlicht wissenschaftliche Arbeiten, die sich expe­rimentell oder theoretisch mit der Allgemei­nen Relativitätstheorie bzw. verwandten Themen beschäftigen. Des weiteren wer­den Übersichtsartikel der aktuellen For­schung zur Allgemeinen Relativitätstheorie und Gravitationsphysik publiziert und auf Konferenzen, Workshops und ähnliche Ver­anstaltungen auf diesem Gebiet hingewie­sen. Schlußendlich findet man hier auch Buchrezensionen zu dem Thema.

Hans-Jürgen Schmidt (Hrsg): Journal of General Relativity and Gravitation (GRG), Plenum Publishing Corporation, 233 Spring Street, New York, N.Y 10013, Tel. (212) 620-8495, Rix (212) 647-1898.

DER EXPERIMENTATOR

Der Experimentator" ist weder ein Lehr­buch noch ein Methodenbuch, sondern ein Strategiebuch. Aber mehr noch: Es ist ein Buch, das die Freude vermittelt, die meist zum Studium führt und die häufig später im Forscheralltag verdrängt wird. Hubert Rehm hat offensichtlich noch immer Spaß am Experiment und am Vermitteln von Wis­sen. Werden Methoden beschrieben, dann mit (auch kritischen) Kommentaren, die un­nötige eigene Expenmente vermeiden hel­fen, auch die Literaturzitate sind, wenn nö­tig, kommentiert; Tips und Tricks gibt es obendrein.

Zu den behandelten Themen: Grundlagen der Proteinbiochemie (Das tägliche Brot), Ligandenbindung, Solubilisierung von Membranproteinen, Proteinnachweis durch Fünktionsmessung, Protem-Reinigungsme- thoden, Antikörper, Mikrosequenzierung, Untereinheiten, Glycoproteide. Darüber hinaus finden sich gegen Ende des Buches noch einige nützliche und amüsante Bemer­kungen zum Schreiben vonpapers und zum Literaturstudium. Auch wenn in diesen zwei sehr kurzen Abschnitten eher Studie­rende angesprochen werden, ist das Buch insgesamt für jeden auf dem Gebiet der Protein(bio)Chemie Arbeitenden nützlich. Prinzipiell werden in dem Buch komplexe und komplizierte Zusammenhänge in aus­gesprochen verständlicher Weise darge­stellt. So sind z.B. die Ausführungen zur In­terpretation von Bindungsuntersuchungen (Scatchard-/Hill-Plot, auch für mehrere Bin­dungsstellen und mehrere Liganden) bril­lant. Andere Themen gibt es in Kurzfas­sung, aber mit Literaturverweis.

Bekommt man bei der Lektüre von Lehrbü­chern häufig den Autor als Allwissenden vorgesetzt, kann man hier durchaus auch mal einen Satz finden wieDie Röntgenstruk­turanalyse ist zudem die Domäne weniger Spezialisten und erfordert eingehende phy­sikalische Kenntnisse, über die ich nicht ver­füge. Natürlich ist nicht jedes Kapitel gleich gewichtet, und mancher Leser würde sich zu einem Thema lieber ausführlicher informiert wissen oder vermißt eine Methode oder gar eine Forschungsrichtung (meist die, auf der er selbst arbeitet). Trotzdem wird die Lektü­re des Buches gewinnbringend sein und vergnüglich obendrein!

Der Rezensent findet keinen schöneren Ab­schluß als ausdrücklich den Satz des Autors zu unterstreichen:Hängen Sie also nicht bis Mitternacht im Kühlraum herum, legen Sie sich mit dem Experimentator oder sonst je­manden ins Bett, denn nicht nur Pipettieren macht Freude. Ralf Mothes

Hubert Rehm: Der Experimentator: Pro­teinbiochemie, Gustav Fischer Verlag, 224 Seiten, 48,- DM.

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