„MIKROKOSMOS"
GUTSHERRSCHAFTS
GESELLSCHAFT
„Konflikt und Kontrolle in Gutsherrschaftsgesellschaften" ist die zweite große Publikation der von Prof. Jan Peters geleiteten Arbeitsgruppe der Max-Planck-Gesellschaft „Ostelbische Gutsherrschaft als sozialhistorisches Phänomen“ an der Universität Potsdam. Das Thema „Gutsherrschaft“ mit all seinen komplexen Weiterungen beschäftigt die Forschung seit mehr als 100 Jahren. Blieb dies lange Zeit auf rein agrarhistorische Zugänge beschränkt, wurde in den letzten Jahren zunehmend der Blick auch für Fragestellungen geschärft, die solchen geschichtswissenschaftlichen Tfeildiszipli- nen entsprangen wie der Historischen Anthropologie oder der Mentalitätsgeschichte; Themenfelder also, die auch zum methodologischen Instrumentanum der genannten Arbeitsgruppe gehören.
In mehreren Aufsätzen des Bandes konnten die Autoren - bezogen auf ihren räumlich eng gezogenen und deshalb sehr konkret dargestellten Gegenstand - nachweisen, daß die in der älteren Literatur häufig bipolare Sicht zur Interpretation der sozialen Beziehungen in Gutsherrschaftsgesellschaften an der Realität vorbeigeht. Aufschlußreich erscheint in diesem Zusammenhang z. B. die ambivalente Stellung des Pfarrers im Spannungsfeld zwischen dem Gutsherrn - der zugleich auch Patronats- herr war - und der Dorfgemeinde, die das zeitweilige Konkurrenzverhältnis zwischen weltlicher und geistlicher Autorität mitunter geschickt ausnutzte. Durch solche und andere das „Innenleben“ der Dorfgemeinden ausleuchtende Studien wurde deutlich, daß auch die Landgemeinden nordostdeutscher Tterritorien eine eigenständige gesellschaftliche Kraft darstellten.
Ähnlich wie in der eher ständegeschichtlich orientierten Forschung die Divergenz zwischen dem Herrschaftsanspruch des Staates und den realen Möglichkeiten seiner Umsetzung betont wird, machen einige Beiträge deutlich, daß auch innerhalb des „Mikrokosmos“ einer Gutsherrschaft zwischen der Norm und der sozialen Praxis unterschieden werden muß. Zudem geht aus den einzelnen Fallbeispielen hervor, welch großes Spektrum sowohl innerhalb der Herrschaftstechniken als auch im Resistenzverhalten der Untertanen gegenwärtig war. So machte es schon einen Unterschied, ob Herrschaftsfunktionen nur in vermittelter Form oder in persona ausgeübt wurden.
Geographisch reicht das Spektrum der Beiträge von Schleswig-Holstein über die „klassischen“ gutsherrschaftlich geprägten Tterritorien Mecklenburg und Brandenburg bis in eine westfälische Region. Dies hat
auch eine über die Grenzen dieses speziellen Forschungszweiges hinausgehende Relevanz, da in Überblicksdarstellungen zur frühneuzeitlichen deutschen Geschichte bei der Beschreibung gutsherrschaftlich geprägter Tterritorien häufig immer noch das Bild einer weitgehend statischen, undifferenzierten Gesellschaft gezeichnet wird, die zudem auf die ostelbischen Tterritorien eingegrenzt geblieben wäre.
Allerdings ist dem Herausgeber in seinem eher zurückhaltenden Resümee zu folgen, daß die eigentliche Synthese der empirischen Forschung noch längere Zeit auf sich warten lassen dürfte. Gerade der mikro- histonsche Forschungsansatz der Arbeitsgruppe erschwert natürlich eine auf einem komparativen Ansatz beruhende, um Typisierung bemühte Zusammenschau. Die großen Strukturen lassen sich - wie Jan Peters betont - „mit den kleinen Lebenswelten so leicht nicht verzahnen". Daß die Wissenschaftler der Arbeitsgruppe aber auf gutem Wege sind, sich diesem Ziel zu nähern, zeigt die Ankündigung, daß demnächst ein weiterer, aus einer Tägung hervorgehender Band („Gutsherrschaftsgesellschaften im europäischen Vergleich“) erscheinen wird.
Rank Göse
Jan Peters (Hrsg.): Konflikt und Kontrolle in Gutsherrschaftsgesellschaften, Van- denhoeck & Ruprecht 1995,435 Seiten mit 6 Tabellen, 90,- DM.
NEUE ZEITSCHRIFT
zur Allgemeinen Relativitätstheorie und Gravitation
Seit dem 1. September 1995 erscheint monatlich die Zeitung „General Relativity and Gravitation“ (GRG) in der Verantwortung eines Mathematikers der Universität Potsdam. Zuvor wurde sie von einem Schweizer Mathematiker herausgegeben. Sie richtet sich an Wissenschaftler, die sich mit der Allgemeinen Relativitätstheorie und Gravitationsphysik befassen und veröffentlicht wissenschaftliche Arbeiten, die sich experimentell oder theoretisch mit der Allgemeinen Relativitätstheorie bzw. verwandten Themen beschäftigen. Des weiteren werden Übersichtsartikel der aktuellen Forschung zur Allgemeinen Relativitätstheorie und Gravitationsphysik publiziert und auf Konferenzen, Workshops und ähnliche Veranstaltungen auf diesem Gebiet hingewiesen. Schlußendlich findet man hier auch Buchrezensionen zu dem Thema.
Hans-Jürgen Schmidt (Hrsg): Journal of General Relativity and Gravitation (GRG), Plenum Publishing Corporation, 233 Spring Street, New York, N.Y 10013, Tel. (212) 620-8495, Rix (212) 647-1898.
DER EXPERIMENTATOR
„Der Experimentator" ist weder ein Lehrbuch noch ein Methodenbuch, sondern ein „Strategiebuch“. Aber mehr noch: Es ist ein Buch, das die Freude vermittelt, die meist zum Studium führt und die häufig später im Forscheralltag verdrängt wird. Hubert Rehm hat offensichtlich noch immer Spaß am Experiment und am Vermitteln von Wissen. Werden Methoden beschrieben, dann mit (auch kritischen) Kommentaren, die unnötige eigene Expenmente vermeiden helfen, auch die Literaturzitate sind, wenn nötig, kommentiert; Tips und Tricks gibt es obendrein.
Zu den behandelten Themen: Grundlagen der Proteinbiochemie („Das tägliche Brot“), Ligandenbindung, Solubilisierung von Membranproteinen, Proteinnachweis durch Fünktionsmessung, Protem-Reinigungsme- thoden, Antikörper, Mikrosequenzierung, Untereinheiten, Glycoproteide. Darüber hinaus finden sich gegen Ende des Buches noch einige nützliche und amüsante Bemerkungen zum Schreiben von „papers“ und zum Literaturstudium. Auch wenn in diesen zwei sehr kurzen Abschnitten eher Studierende angesprochen werden, ist das Buch insgesamt für jeden auf dem Gebiet der Protein(bio)Chemie Arbeitenden nützlich. Prinzipiell werden in dem Buch komplexe und komplizierte Zusammenhänge in ausgesprochen verständlicher Weise dargestellt. So sind z.B. die Ausführungen zur Interpretation von Bindungsuntersuchungen (Scatchard-/Hill-Plot, auch für mehrere Bindungsstellen und mehrere Liganden) brillant. Andere Themen gibt es in Kurzfassung, aber mit Literaturverweis.
Bekommt man bei der Lektüre von Lehrbüchern häufig den Autor als Allwissenden vorgesetzt, kann man hier durchaus auch mal einen Satz finden wie „Die Röntgenstrukturanalyse ist zudem die Domäne weniger Spezialisten und erfordert eingehende physikalische Kenntnisse, über die ich nicht verfüge. “ Natürlich ist nicht jedes Kapitel gleich gewichtet, und mancher Leser würde sich zu einem Thema lieber ausführlicher informiert wissen oder vermißt eine Methode oder gar eine Forschungsrichtung (meist die, auf der er selbst arbeitet). Trotzdem wird die Lektüre des Buches gewinnbringend sein und vergnüglich obendrein!
Der Rezensent findet keinen schöneren Abschluß als ausdrücklich den Satz des Autors zu unterstreichen: „Hängen Sie also nicht bis Mitternacht im Kühlraum herum, legen Sie sich mit dem Experimentator oder sonst jemanden ins Bett, denn nicht nur Pipettieren macht Freude. “ Ralf Mothes
Hubert Rehm: Der Experimentator: Proteinbiochemie, Gustav Fischer Verlag, 224 Seiten, 48,- DM.
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PUTZ 6/96