Heft 
(1.1.2019) 07
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CAMPUS

BILDUNG DURCH WISSENSCHAFT?

Humboldts Bildungstheorie im Mittelpunkt von Prof. Dr. Christoph Lüths Antrittsvorlesung

Seit langem beschäftigen sich Wissen­schaftler intensiv mit Leben und Werk des in Potsdam geborenen Wilhelm von Hum­boldt (1767-1835). Trotzdem ist beispiels­weise seine Bildungstheorie in der Öf­fentlichkeit weniger bekannt. Dieser Tat­bestand veranlaßte Christoph Lüth, Pro­fessor für Allgemeine Pädagogik, Syste­matische Pädagogik, Pädagogische An­thropologie, Bildungstheorie, sich der Thematik zu widmen. Seiner kürzlich ge­haltenen Antrittsvorlesung gab er denn auch den TitelBildung durch Wissen­schaft? - Zu Wilhelm von Humboldts Theorie der Bildung.

Den vielseitig interessierten Humboldt cha­rakterisierte der Referent als Übergangs­gestalt von der Aufklärung zur Romantik und Deutschen Klassik. Der Gelehrte und Politi­ker trat nicht zuletzt durch besondere Bemü­hungen um die Reform der öffentlichen Schulen und der Universität hervor, In sei­nem FragmentTheorie der Bildung des Menschen von 1793 oder 1794 befaßte er sich unter anderem mit der Frage, was die einzelnen Wissenschaften zur Bildung des Menschen beitragen können. Seiner Mei­nung nach müßte es bei diesen Untersu­chungen um dieeigentümlichen Fähigkei­ten gehen, die bei der Arbeit in den ver­schiedenen Fächern vorausgesetzt werden. Weiter sei normativ eine Verbindung der Wissenschaften zu erörtern, um dieAusbil­dung der Menschheit, als Ganzes, zu vollen­

den. Dahinter steht nach Auffassung Lüths die Kritik Humboldts an einer fragmentari­schen Ausbildung des Menschen. Durch Humboldts doppelte Kntik an einer Vernach­lässigung der kognitiven Fähigkeiten und der ethischen Rolle der Wissenschaft be­gründete er seine Beschäftigung mit der Wissenschaft als Beitrag zu Bildung des Menschen. Er übernahm diese Kritik aus je­nem bildungstheoretischen Grundsatz, wo­nach der Mensch imMittelpunkt aller be­sonderen Arten der Tätigkeit steht. Folge­richtig fragte Humboldt nach den Bedingun­gen für die Bildung des Menschen durch Wissenschaften und analysierte die Grund­struktur wissenschaftlichen Denkens.

An einem Beispiel aus der Gegenwart erläu­terte Prof. Lüth die normative Seite der Humboldtschen Bildungstheorie: die Erwei­terung des Begriffs der Menschheit mit dem Ziel einer wachsenden Mannigfaltigkeit der Individuen. Wenn die Gentechnik dazu die­nen kann, in den Entstehungsprozeß eines Menschen einzugreifen, so zeigt das eine neue wissenschaftliche Einstellung zur Na­tur des Menschen und erweitert damit das, was bisher zu den Merkmalen des Men­schen zählte. Weiter stellte der Referent in Anlehnung an Humboldt fest, daß die wis­senschaftliche Tätigkeit nicht automatisch, sondern nur unter bestimmten Bedingungen bildet. Gemeint sind die Ausbildung der Fähigkeiten durch Auseinandersetzung mit der Welt, die Gestaltung der Welt, reflexive Versicherung darüber, wie man bei der wis­

Dr. Christoph Foto: Fritze

Christoph Lüth. In

senschaftlichen Tä­tigkeit vorgegangen ist und was man da­bei bewirkt hat.

Mit seiner Theorie der Bildung des Menschen widerlege Humboldt die Auffas­sung Rousseaus und zeitgenössischer Kri­tiker, daß die Wissen­schaft den Men­schen nicht verbes­sere, nicht bilde, so mehreren Plänen, die der Bruder des Na­turforschers Alexander von Humboldt als Sektionschef anläßlich von Inspektionsrei­sen, aber auch in Sektionsberichten an den König und in seinem Konzept zur Gründung einer Universität in Berlin abfaßte, erörter­te er die Rolle der Wissenschaft für die Bil­dung. Dies sowohl als Objekt des Unter­richts in der Schule als auch als Prozeß der Forschung in der Universität.

Bezug nehmend auf heutige Entwicklungen .resümierte Lüth:Die gegenwärtige Kntik an der Humboldtschen Einheit von For­schung, Lehre und Studium und an einer Bildung durch Wissenschaft ist weniger durch hochschuldidaktische Untersuchun­gen als durch das Ziel zu erklären, durch eine Neugliederung der Studiengänge den Forschungsanteil und damit die Kosten zu senken bzw. die Finanzmittel vermeintlich effizienter einzusetzen." B.E.

PROVOKATIVE THESEN EINES ÖKONOMEN

Prof. Dr. Hans-Georg Petersen hielt seine Antrittsvorlesung

Auf reges Zuhörer­interesse stieß die Antrittsvorlesung des Finanzwissen­schaftlers Prof. Dr. Hans-Georg Peter­sen aus der Wirt­schafts- und Sozial­wissenschaftlichen Fakultät. Er sprach kürzlich zuEffizi­enz, Gerechtigkeit und der Standort Deutschland und regte damit interdisziplinäre Diskussio­nen an.

Petersen, der 1973 an der Christian-Albrechts- Universität in Kiel sein volkswirtschaftliches Diplom erwarb und an derselben Einrichtung 1977 promovierte, hat sich nicht nur durch finanzwissenschaftliche Standardwerke wie

Finanzwissenschaft I/II", sondern auch da­durch einen Namen gemacht, daß er sich aktuellen Fragestellungen zuwendet, wie zum Beispiel derTheorie und Praxis der Alterssi- cherung oder der aktuellen Diskussion um denStandort Deutschland".

In das Zentrum seiner Überlegungen zur ökonomischen Effizienz undLeistungsge­rechtigkeit" stellte der Referent eine aus volkswirtschaftlicher Perspektive bekla­genswerteGermanosklerose von Politik und Gesellschaft, die eine nach Leistungs­kriterien gerechte und effiziente Verteilung volkswirtschaftlicher Güter nachhaltig ver­hindere. SchlichtwegIdiotie" sei es, daß einverwaschener Begriff der sozialen Gerechtigkeit auf politischer Ebene exi­stiere. Politik und politisches System wür­den als Vertreter partikularer Einzelinteres­sen auftreten, sich aus diesem Grund in die ökonomische Sphäre der Gesellschaft aus­dehnen und somit weder das Gemeinwohl

zum Ziel ihrer Handlungen machen, noch zu einem effizienten Funktionieren ökono­mischer Abläufe beitragen. Deshalb käme es zuAusgabenexplosion undmangeln­der Effizienz.

Der Standort Deutschland werde durch ein Steuer- und Sozialsystem, daseine Innova­tion des 19. Jahrhunderts sei, belastet und stehe unterAnpassungszwängen, etwa um mit dem Wachstum mit niedrigen Lohn­kosten in Asien Schritt halten zu können. Zu­dem bestehe nach Petersen seit dem Mauerfall ein erhöhter Kapitalbedarf.

Der Wirtschaftswissenschaftler, der nach Lehraufträgen in Linz, Giessen und Jena schließlich 1995 nach Potsdam kam, sieht einen möglichen Ausweg aus der ökonomi­schen Krise in der Selbstbeschränkung der Politik auf eine originäre politische Sphäre, so daß das Gleichgewicht im Sinne klassi­scher Ökonomie hergestellt werden könne.

Nils Zimmermann

Prof. Dr. Hans- Georg Petersen.

PUTZ 7/96

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