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BILDUNG DURCH WISSENSCHAFT?
Humboldts Bildungstheorie im Mittelpunkt von Prof. Dr. Christoph Lüths Antrittsvorlesung
Seit langem beschäftigen sich Wissenschaftler intensiv mit Leben und Werk des in Potsdam geborenen Wilhelm von Humboldt (1767-1835). Trotzdem ist beispielsweise seine Bildungstheorie in der Öffentlichkeit weniger bekannt. Dieser Tatbestand veranlaßte Christoph Lüth, Professor für Allgemeine Pädagogik, Systematische Pädagogik, Pädagogische Anthropologie, Bildungstheorie, sich der Thematik zu widmen. Seiner kürzlich gehaltenen Antrittsvorlesung gab er denn auch den Titel „Bildung durch Wissenschaft? - Zu Wilhelm von Humboldts Theorie der Bildung“.
Den vielseitig interessierten Humboldt charakterisierte der Referent als Übergangsgestalt von der Aufklärung zur Romantik und Deutschen Klassik. Der Gelehrte und Politiker trat nicht zuletzt durch besondere Bemühungen um die Reform der öffentlichen Schulen und der Universität hervor, In seinem Fragment „Theorie der Bildung des Menschen“ von 1793 oder 1794 befaßte er sich unter anderem mit der Frage, was die einzelnen Wissenschaften zur Bildung des Menschen beitragen können. Seiner Meinung nach müßte es bei diesen Untersuchungen um die „eigentümlichen Fähigkeiten“ gehen, die bei der Arbeit in den verschiedenen Fächern vorausgesetzt werden. Weiter sei normativ eine Verbindung der Wissenschaften zu erörtern, um die „Ausbildung der Menschheit, als Ganzes, zu vollen
den“. Dahinter steht nach Auffassung Lüths die Kritik Humboldts an einer fragmentarischen Ausbildung des Menschen. Durch Humboldts doppelte Kntik an einer Vernachlässigung der kognitiven Fähigkeiten und der ethischen Rolle der Wissenschaft begründete er seine Beschäftigung mit der Wissenschaft als Beitrag zu Bildung des Menschen. Er übernahm diese Kritik aus jenem bildungstheoretischen Grundsatz, wonach der Mensch im „Mittelpunkt aller besonderen Arten der Tätigkeit“ steht. Folgerichtig fragte Humboldt nach den Bedingungen für die Bildung des Menschen durch Wissenschaften und analysierte die Grundstruktur wissenschaftlichen Denkens.
An einem Beispiel aus der Gegenwart erläuterte Prof. Lüth die normative Seite der Humboldtschen Bildungstheorie: die Erweiterung des Begriffs der Menschheit mit dem Ziel einer wachsenden Mannigfaltigkeit der Individuen. Wenn die Gentechnik dazu dienen kann, in den Entstehungsprozeß eines Menschen einzugreifen, so zeigt das eine neue wissenschaftliche Einstellung zur Natur des Menschen und erweitert damit das, was bisher zu den Merkmalen des Menschen zählte.“ Weiter stellte der Referent in Anlehnung an Humboldt fest, daß die wissenschaftliche Tätigkeit nicht automatisch, sondern nur unter bestimmten Bedingungen bildet. Gemeint sind die Ausbildung der Fähigkeiten durch Auseinandersetzung mit der Welt, die Gestaltung der Welt, reflexive Versicherung darüber, wie man bei der wis
Dr. Christoph Foto: Fritze
Christoph Lüth. In
senschaftlichen Tätigkeit vorgegangen ist und was man dabei bewirkt hat.
Mit seiner Theorie der Bildung des Menschen widerlege Humboldt die Auffassung Rousseaus und zeitgenössischer Kritiker, daß die Wissenschaft den Menschen nicht verbessere, nicht bilde, so mehreren Plänen, die der Bruder des Naturforschers Alexander von Humboldt als Sektionschef anläßlich von Inspektionsreisen, aber auch in Sektionsberichten an den König und in seinem Konzept zur Gründung einer Universität in Berlin abfaßte, erörterte er die Rolle der Wissenschaft für die Bildung. Dies sowohl als Objekt des Unterrichts in der Schule als auch als Prozeß der Forschung in der Universität.
Bezug nehmend auf heutige Entwicklungen .resümierte Lüth: „Die gegenwärtige Kntik an der Humboldtschen Einheit von Forschung, Lehre und Studium und an einer Bildung durch Wissenschaft ist weniger durch hochschuldidaktische Untersuchungen als durch das Ziel zu erklären, durch eine Neugliederung der Studiengänge den Forschungsanteil und damit die Kosten zu senken bzw. die Finanzmittel vermeintlich effizienter einzusetzen." B.E.
PROVOKATIVE THESEN EINES ÖKONOMEN
Prof. Dr. Hans-Georg Petersen hielt seine Antrittsvorlesung
Auf reges Zuhörerinteresse stieß die Antrittsvorlesung des Finanzwissenschaftlers Prof. Dr. Hans-Georg Petersen aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Er sprach kürzlich zu „Effizienz, Gerechtigkeit und der Standort Deutschland“ und regte damit interdisziplinäre Diskussionen an.
Petersen, der 1973 an der Christian-Albrechts- Universität in Kiel sein volkswirtschaftliches Diplom erwarb und an derselben Einrichtung 1977 promovierte, hat sich nicht nur durch finanzwissenschaftliche Standardwerke wie
„Finanzwissenschaft I/II", sondern auch dadurch einen Namen gemacht, daß er sich aktuellen Fragestellungen zuwendet, wie zum Beispiel der „Theorie und Praxis der Alterssi- cherung“ oder der aktuellen Diskussion um den „Standort Deutschland".
In das Zentrum seiner Überlegungen zur ökonomischen Effizienz und „Leistungsgerechtigkeit" stellte der Referent eine aus volkswirtschaftlicher Perspektive beklagenswerte „Germanosklerose“ von Politik und Gesellschaft, die eine nach Leistungskriterien gerechte und effiziente Verteilung volkswirtschaftlicher Güter nachhaltig verhindere. Schlichtweg „Idiotie" sei es, daß ein „verwaschener Begriff der sozialen Gerechtigkeit“ auf politischer Ebene existiere. Politik und politisches System würden als Vertreter partikularer Einzelinteressen auftreten, sich aus diesem Grund in die ökonomische Sphäre der Gesellschaft ausdehnen und somit weder das Gemeinwohl
zum Ziel ihrer Handlungen machen, noch zu einem effizienten Funktionieren ökonomischer Abläufe beitragen. Deshalb käme es zu „Ausgabenexplosion“ und „mangelnder Effizienz“.
Der Standort Deutschland werde durch ein Steuer- und Sozialsystem, das „eine Innovation des 19. Jahrhunderts“ sei, belastet und stehe unter „Anpassungszwängen“, etwa um mit dem Wachstum mit niedrigen Lohnkosten in Asien Schritt halten zu können. Zudem bestehe nach Petersen seit dem Mauerfall ein erhöhter Kapitalbedarf.
Der Wirtschaftswissenschaftler, der nach Lehraufträgen in Linz, Giessen und Jena schließlich 1995 nach Potsdam kam, sieht einen möglichen Ausweg aus der ökonomischen Krise in der Selbstbeschränkung der Politik auf eine originäre politische Sphäre, so daß das Gleichgewicht im Sinne klassischer Ökonomie hergestellt werden könne.
Nils Zimmermann
Prof. Dr. Hans- Georg Petersen.
PUTZ 7/96
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