CAMPUS
NACH JEKATERINBURG UND MOSKAU
Eduard Gloeckner als Wahlbeobachter in Rußland
gemessen an ihren Wahlergebnissen quasi zu einer Mittelpartei zu Lasten von SPD und Bündnis '90/Grüne geworden. ED.P und Grüne hätten unterdessen jede Basis verloren.
Weniger deutlich, aber gleichwohl gegenwärtig seien die Veränderungen in den alten Ländern. Die politische Landschaft werde noch immer vom bewährten Vierparteiensystem getragen. Insbesondere die PDS habe sich im Westen nicht etablieren können. Geändert hätte sich vor allem die Partei der Grünen. Durch die Einbeziehung der moderateren Positionen des Bündnis '90 sei der realpolitische Flügel der Grünen gestärkt worden, was sich auch im Parteiprogramm widerspiegele. Dies führe zu einer Annäherung der Positionen von Bündnis '90/Grüne gegenüber SPD und ED.P Auch die CDU habe über eine Erweiterung ihrer Koalitionspolitik nachgedacht. Jedoch sei eine Koalition mit Bündnis '90/Grüne auf Bundesebene, anders als etwa auf kommunaler Ebene, vorerst nicht vorstellbar. Vielmehr sei auf bundespolitischer Ebene weiterhin die ED.P als Koalitionspartner und in der Rolle des Korrektivs in der Regierung erwünscht.
Die deutschen Parteien sind - so Dr. Hans- Joachim Veen - derzeit an einem Scheidepunkt angelangt. Von entscheidender Bedeutung sei vor allem die Frage nach Auflösung oder Beibehaltung des Vier-Partei- en-Systems mit seinen zwei großen Volks- parteien. Seit den 50er Jahren, als die Fünf- Prozent-Hürde eingeführt wurde und dadurch fünf von elf Parteien im zweiten Bundestag nicht mehr vertreten waren, hat es nach Dr. Veen keine so große Bewegung mehr in den deutschen Parteien gegeben wie heute. Insofern sind die nächsten Wahlen mit Spannung zu erwarten.
Thilo Seelbach
Gleichwertigkeit von Hochschulabschlüssen
Die aktualisierte Neuauflage der Broschüre „Äquivalenten im Hochschulbereich - Eine Übersicht“ stellt auf 90 Seiten die Instrumente und Verfahren dar, die in Deutschland für die Anrechnung von Studienzeiten und - leistungen im Hochschulbereich wichtig sind sowie für die Anerkennung von Prüfungsleistungen und Hochschulabschlüssen Bedeutung haben. Darüber hinaus sind die Bestimmungen zum Führen eines ausländischen akademischen Titels erläutert. Neu aufgenommen wurden die Vereinbarungen mit der Schweiz und mit Spanien.
Die Broschüre ist kostenlos erhältlich beim Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF), Referat für Öffentlichkeitsarbeit, 53170 Bonn; Telefax: 0228/57-3917, E-Mail: information@bmbf.bund400.de pm.
Die Präsidentschaftswahl in Rußland im Juni 1996 erwies sich als nicht eindeutig, so daß nach dem Wahlgesetz der Ruß- ländischen Föderation eine Wiederholungswahl (Stichwahl) notwendig wurde. Dr. Eduard Gloeckner aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Potsdamer Universität war als Wahlbeobachter dabei und berichtet nachfolgend über seine Eindrücke:
Ich hatte zwar bereits im März eine Anfrage positiv beantwortet, wonach ich bereit war, drei Monate lang einer Election-Unit der Europäischen Union (eine Führungsgruppe für insgesamt 250 bis 300 Wahlbeobachter aus Ländern der EU) anzugehören. Doch die Universität Potsdam betonte meine Unabkömmlichkeit, was in der Gründungsphase verständlich erscheint. Schließlich konnte ich aber doch dem Auswärtigen Amt in Bonn Zusagen, um wenig später als Wahlbeobachter der OSZE (vormals KSZE) nach Rußland entsandt zu werden. Diesmal ging es um die Wahlbeobachtung bei der Stichwahl zur Präsidentschaft in der Rußländischen Föderation und somit darum, einen Akt der Demokratisierung Rußlands aus westeuropäischer Perspektive zu beobachten. In Bonn erhielten wir von Regierungsvertretern letzte Anweisungen und Hinweise auf Verhaltensregeln. Auch an der Botschaft Deutschlands in Moskau gaben Vertreter des Auswärtigen Amtes und der OSZE (meist Engländer) ihr Bestes, um uns auf unsere wichtige Mission vorzubereiten. Als ich mit einem Münchner Universitätskollegen dann in Jekaterinburg (in Zeiten des totalitären Systems „Sverdlovsk") nachts gelandet war, gelangten wir mit Hilfe von demokratischen Freunden (Vertreter einer Gewerkschafts- und Menschenrechtsorganisation des Ural) zum Hotel. Einer ehemaligen KP-Rarteihochschule „Oktjabrskaja“ sieht man nicht sofort an, daß sie Herberge eines internationalen Beobachterteams sein würde. Jedoch begegneten wir sehr bald Wahlbeobachtern des Storting aus Norwegen. In Vorgesprächen teilten wir das Gebiet (früher Gouvernement) in Beobachtungsschwerpunkte auf. Schließlich war die Wahl eine wichtige Entscheidung, nämlich zwischen einem „geläuterten“ Führungskader und einem sowjetisch und leninistisch geprägten Kommunisten der alten Nomenklatura. Es erschien uns recht interessant, im Hauptquartier der KP-geführten Gruppierung des „Genossen“ Sjuganow (die Jelzin- Tbchnokraten hatten dem „Sjuganat“, nur einen kleinen Raum mit Flur zur Verfügung gestellt) einer begeisterten roten Greisin (vormals Fachhochschulinstruktorin) lange
Zeit zuzuhören. Wir waren neutrale Beobachter, so daß mein Hinweis, die Kommunisten hätten schließlich 70 Jahre Zeit gehabt, die Bevölkerung demokratisch für sich zu gewinnen, erstaunlich viele Entschuldigungen provozierte, wonach in der (heiligen) Sowjetunion ständig „historisch" irgend etwas losgewesen sei.
Die Wahl selbst haben wir in zwölf „Ut- schastki“, also in Wahllokalen der Stadt und des Bezirks, beobachtet. Auch in einer Feuerwehrschule des Innenministeriums und in einem Untersuchungsgefängnis (Sizo) konnten wir mit Jungwählern Kontakt aufnehmen. Das besagte „Sizo" beherbergte 9000 statt 1500 meist jugendliche Untersuchungshäftlinge... Erstaunlich, daß in einer Stadt, die die vormals deutsche Prinzessin, nämlich Zarin Katharina II., als erste Industriestadt „hinter dem Ural“, also hinter der kontinentalen Scheide zwischen Europa und Asien, errichten ließ, auch die Hinrichtungsstätte und das Grab der letzten Zarenfamilie sein würden. Überall wird man daran erinnert, gerade auch an „jener“ Stelle. Das besagte Gefängnis war dann übngens so alt wie die Stadt, über 200 Jahre.
Die Wahlen verliefen dann weitgehend korrekt und übersichtlich. Bons Nikolajewitsch Jelzin erhielt die meisten Stimmen.
Es wäre jedoch noch vieles über jenes Rußland im Umbruch zu berichten. Ich konnte Boris J elzin ■ Foto: z 9- in einer weiteren Woche Aufenthalts direkt in Moskau Fachkollegen der Akademie nach ihren Erkenntnissen und Meinungen über die Bruchlinien und Entwicklungschancen der Demokratie in Rußland befragen und deren Studien über die neuen russischen Unternehmer mit eigenen Erkenntnissen vergleichen. Die Forschungslandschaft birgt in Umbruchszeiten viele, vor allem finanzielle Probleme, überhaupt nicht mit jener der neuen Bundesländer gleichzusetzen. Demokratie, Marktwirtschaft und geistige Neuorientierung erfordern in Rußland wohl noch mehr Zeit und Geduld als in jenem Tteil Deutschlands, dessen vormalige Machthaber dereinst die Formel Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ propagierten. Viel Verständnis und Kooperationsbereitschaft sollte uns diese komplizierte Umbruchsituation in Rußland und anderswo abverlangen. Wahlbeobachtung und Wissenschaftskontakte stellen kleine Mosaiksteine dieses Prozesses dar.
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PUTZ 7/96