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GRÄSSLICH: SPAGETTI OHNE KETSCHUP
Ab 1998 gelten die neuen Rechtschreibregeln - Lange Übergangszeit geplant
„Ich will nicht sagen, daß richtige Sprachbeherrschung nicht etwas ganz Schönes und Gutes ist; aber sie ist nicht so wichtig, wie man sie hinstellt; und es ärgert mich, wenn wir uns das ganze Leben lang damit abmühen sollen.“ Soweit der französische Barockdenker Michel de Montaigne, der ganz sicher nicht zu den Ahnherren der Normierung seiner Sprache gehörte. Sein aphoristisches Werk bestach dennoch durch Präzision und Brillanz. Die Zeit des Deutschen Konrad Duden kam 300 Jahre später. Der Hersfelder Gymnasiallehrer nämlich drang unter anderem auf die Schaffung eines die orthographischen Regeln der preußischen Schulen auf den gesamten deutschen Wortschatz anwendenden Wörterbuches. 1880 erschien es schließlich mit dem Titel .Vollständiges orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“. Neun Jahre zuvor war die Gründung des Deutschen Reiches besiegelt worden. Dieser politischen Einigung folgte nun die Absicht, die deutsche Sprache wenigstens in ihrer schriftlichen Form zu vereinheitlichen. Jenem Ziel diente denn auch die Einberufung der ersten orthographischen Konferenz 1876. Das Unterfangen scheiterte. Noch wichen die Vorstellungen der in Berlin versammelten Ländervertreter zu sehr voneinander ab. Verbindlichen Charakter allerdings besaßen die Ergebnisse der Rechtschreibkonferenz von 1901. Ein Vierteljahrhundert war inzwischen vergangen und der Vereinheitlichungsprozeß wesentlich vorangeschritten. Dennoch, einzelne Berufsstände widersetzten sich auch jetzt den neuen, mit dem Bundesratsbeschluß von 1902 verabschiedeten Vorgaben. Anlaß genug, 1904 ein eigenst für Buchdrucker geschaffenes Nachschlagewerk zu veröffentlichen. Nach dem Tod seines Schöpfers Konrad Duden wurde es 1915 mit dem allgemeinen orthographischen Wörterbuch zusammengefaßt. Es entstand der eigentliche „Duden“. Die vielleicht herausragendste Neuigkeit seiner gerade auf den Markt gekommenen 21. Auflage verrät die Publikation auf den ersten Blick nur dem Eingeweihten. Der sämtliche früheren Erscheinungen zierende Aufdruck „Maßgebend in allen Zweifelsfällen“ fehlt. Damit verliert das Werk nach über 40 Jahren sein alleiniges Regelungsmonopol.
Versuche zur Reform der deutschen Rechtschreibung hat es in der alten Bundesrepublik immer wieder gegeben. So brachten unter anderem weder die Stuttgarter und Wiesbadener Empfehlungen noch das entsprechende Frankfurter Forum 1972 die gewünschten Konsequenzen. Für neue Bewegung sorgte erst eine in der DDR existierende Forschungsgruppe um den heute in Rostock lehrenden Prof. Dr. Dieter Nerius. Parallel dazu rekrutierte sich, sozusagen nun im Zugzwang, eine Kommission am Mannheimer Institut für deutsche Sprache (IdS). Auch in Österreich und der Schweiz arbeiteten ähnliche Tbams. Der der Reform letztlich zugrundeliegende Vorschlag aber gedieh auf anderer Ebene. Er ist das Resultat intensiver Auseinandersetzungen im „Internationalen Arbeitskreis für Orthographie".
Obwohl lange Jahre über die anstehende Neuregelung der deutschen Rechtschreibung gestritten worden ist, verzichteten deren Verfechter am Ende auf die Einführung vieler radikaler Änderungen. Das in der Vergangenheit proklamierte Vorhaben einer gemäßigten Kleinschreibung platzte gar völlig. Grundsätzlich wird nunmehr im Satz eher groß als klein und mehr getrennt als zusammen geschrieben. Dem Nutzer geblieben sind rund 400 bis 600 neue Schreibweisen, neun Komma- und 112 Orthographieregeln.
„Rad fahren" in Zukunft „Schlitten fahren" vergleichbar
Das überarbeitete Regelwerk betrifft insbesondere die großen Bereiche der Laut - Buchstaben - Beziehung, Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung, Silbentrennung sowie Zeichensetzung. „Ich finde es teilweise gut, aber in großen Tfeilen nicht so gut gelungen", urteilt dazu der Potsdamer Linguist Prof. Dr, Peter Eisenberg.
Angeglichen haben die Wissenschaftler unter anderem einige nur selten vorkommende Laut - Buchstaben - Zuordnungen an häufigere vergleichbare Festlegungen. So schließen die Wörter „rauh“ und „Känguruh“ demnächst beispielsweise ohne das „h“. Zunächst ungewöhnlich erscheinen auch die Korrekturen bei den Fremdwörtern. Zufallsprodukte sind das durchaus nicht. Der Grund: „Die Wörter verlieren ihre fremden Merkmale partiell im Gebrauch", erklärt Eisenberg. Das führt auch zum möglichen Ersetzen von „ph“ durch „f“, von „th“ durch „t" oder „rh“ durch „r“. Neue Richtlinien gibt es für die Schreibung nach dem Stammprinzip. Statt „Stengel“ wird es künftig „Stängel", statt „überschwenglich“ nun „überschwänglich“ heißen. Wohl auch aufgrund des in der Schweiz unbekannten „ß“ bekommt das Dasein dieses Buchstabens in Deutschland gleichfalls eine weitgehende Bedeutungseinschränkung. Vor und nach betontem kurzem Vokal wechselt es zu „ss",
besteht jedoch weiter nach betontem langem Vokal, etwa bei „Straße“. Die Konjunktion „daß“ tritt künftig ausschließlich in der Form „dass" auf. Das Zusammentreffen dreier gleicher Konsonanten , denen ein Vokal folgt, führt derzeit noch zum Aneinanderreihen zweier Konsonaten. Das gehört bald der Geschichte an. In Aussicht nämlich stehen „Brennnessel“ oder „Schifffahrt“.
Vor dem Aus befinden sich viele der noch vorhandenen Freiheiten in der Getrennt- und Zusammenschreibung. Diese Entwicklung hält Eisenberg für durchaus problematisch. „Jene Spielräume hatten schließlich ihre Gründe", kritisiert der ausgewiesene Sprachwissenschaftler. Er jedenfalls plädiere vielmehr dafür, den Schreibern die Möglichkeit einzuräumen, Ausdrucksvarianten, die das Geschriebene bietet, wahrzunehmen und dem eigenen Sprachgefühl zu folgen.
Weg fällt perspektivisch die Großschreibung bei der Anrede in der zweiten Person, das gewohnte „Sie" bleibt hingegen erhalten. Zudem sind alle Wörter, die im Satz als Substantive gebraucht werden, auch groß zu schreiben. „Rad fahren“ und „Kopf stehen" lautet es dann ebenso wie „im Wesentlichen“ oder „gestern Abend“. Ganz logisch wird es dennoch nicht: „teilnehmen“ oder „preisgeben“ unterliegen keinerlei Änderungen.
Bei der Silbentrennung verabschiedeten sich die Reformer von Traditionellem. So darf endlich das „st" getrennt werden, Nicht mehr möglich ist am Zeilenende die Umwandlung des „ck“ in „k-k“. Die Eingriffe hinsichtlich der Zeichensetzung richten sich vorrangig auf die Kommata vor und, oder, auf Infinitiv- und Partizipialgruppen sowie die wörtliche Rede.
PUTZ 7/96
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