Heft 
(1.1.2019) 07
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TITEL

GRÄSSLICH: SPAGETTI OHNE KETSCHUP

Ab 1998 gelten die neuen Rechtschreibregeln - Lange Übergangszeit geplant

Ich will nicht sagen, daß richtige Sprachbeherrschung nicht etwas ganz Schönes und Gutes ist; aber sie ist nicht so wichtig, wie man sie hinstellt; und es ärgert mich, wenn wir uns das ganze Leben lang damit abmühen sollen. Soweit der französi­sche Barockdenker Michel de Montaigne, der ganz sicher nicht zu den Ahnherren der Normierung seiner Sprache gehörte. Sein aphoristisches Werk bestach dennoch durch Präzision und Brillanz. Die Zeit des Deutschen Konrad Duden kam 300 Jahre später. Der Hersfelder Gymnasiallehrer nämlich drang unter anderem auf die Schaf­fung eines die orthographischen Regeln der preußischen Schulen auf den gesam­ten deutschen Wortschatz anwendenden Wörterbuches. 1880 erschien es schließlich mit dem Titel .Vollständiges orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Neun Jahre zuvor war die Gründung des Deutschen Reiches besiegelt worden. Die­ser politischen Einigung folgte nun die Absicht, die deutsche Sprache wenigstens in ihrer schriftlichen Form zu vereinheitlichen. Jenem Ziel diente denn auch die Ein­berufung der ersten orthographischen Konferenz 1876. Das Unterfangen scheiterte. Noch wichen die Vorstellungen der in Berlin versammelten Ländervertreter zu sehr voneinander ab. Verbindlichen Charakter allerdings besaßen die Ergebnisse der Rechtschreibkonferenz von 1901. Ein Vierteljahrhundert war inzwischen vergangen und der Vereinheitlichungsprozeß wesentlich vorangeschritten. Dennoch, einzelne Berufsstände widersetzten sich auch jetzt den neuen, mit dem Bundesratsbeschluß von 1902 verabschiedeten Vorgaben. Anlaß genug, 1904 ein eigenst für Buchdrucker geschaffenes Nachschlagewerk zu veröffentlichen. Nach dem Tod seines Schöp­fers Konrad Duden wurde es 1915 mit dem allgemeinen orthographischen Wörter­buch zusammengefaßt. Es entstand der eigentlicheDuden. Die vielleicht herausragendste Neuigkeit seiner gerade auf den Markt gekommenen 21. Auflage verrät die Publikation auf den ersten Blick nur dem Eingeweihten. Der sämtliche frü­heren Erscheinungen zierende AufdruckMaßgebend in allen Zweifelsfällen fehlt. Damit verliert das Werk nach über 40 Jahren sein alleiniges Regelungsmonopol.

Versuche zur Reform der deutschen Recht­schreibung hat es in der alten Bundesrepu­blik immer wieder gegeben. So brachten unter anderem weder die Stuttgarter und Wiesbadener Empfehlungen noch das ent­sprechende Frankfurter Forum 1972 die ge­wünschten Konsequenzen. Für neue Bewe­gung sorgte erst eine in der DDR existie­rende Forschungsgruppe um den heute in Rostock lehrenden Prof. Dr. Dieter Nerius. Parallel dazu rekrutierte sich, sozusagen nun im Zugzwang, eine Kommission am Mannheimer Institut für deutsche Sprache (IdS). Auch in Österreich und der Schweiz arbeiteten ähnliche Tbams. Der der Re­form letztlich zugrundeliegende Vorschlag aber gedieh auf anderer Ebene. Er ist das Resultat intensiver Auseinandersetzungen imInternationalen Arbeitskreis für Ortho­graphie".

Obwohl lange Jahre über die anstehende Neuregelung der deutschen Rechtschrei­bung gestritten worden ist, verzichteten deren Verfechter am Ende auf die Einfüh­rung vieler radikaler Änderungen. Das in der Vergangenheit proklamierte Vorhaben einer gemäßigten Kleinschreibung platzte gar völlig. Grundsätzlich wird nunmehr im Satz eher groß als klein und mehr getrennt als zusammen geschrieben. Dem Nutzer geblieben sind rund 400 bis 600 neue Schreibweisen, neun Komma- und 112 Orthographieregeln.

Rad fahren" in ZukunftSchlitten fahren" vergleichbar

Das überarbeitete Regelwerk betrifft insbe­sondere die großen Bereiche der Laut - Buchstaben - Beziehung, Groß- und Klein­schreibung, Getrennt- und Zusammen­schreibung, Silbentrennung sowie Zeichen­setzung.Ich finde es teilweise gut, aber in großen Tfeilen nicht so gut gelungen", urteilt dazu der Potsdamer Linguist Prof. Dr, Peter Eisenberg.

Angeglichen haben die Wissenschaftler un­ter anderem einige nur selten vorkommen­de Laut - Buchstaben - Zuordnungen an häufigere vergleichbare Festlegungen. So schließen die Wörterrauh undKänguruh demnächst beispielsweise ohne dash. Zunächst ungewöhnlich erscheinen auch die Korrekturen bei den Fremdwörtern. Zu­fallsprodukte sind das durchaus nicht. Der Grund:Die Wörter verlieren ihre fremden Merkmale partiell im Gebrauch", erklärt Eisenberg. Das führt auch zum möglichen Ersetzen vonph durchf, vonth durch t" oderrh durchr. Neue Richtlinien gibt es für die Schreibung nach dem Stamm­prinzip. StattStengel wird es künftig Stängel", stattüberschwenglich nun überschwänglich heißen. Wohl auch auf­grund des in der Schweiz unbekanntenß bekommt das Dasein dieses Buchstabens in Deutschland gleichfalls eine weitgehende Bedeutungseinschränkung. Vor und nach betontem kurzem Vokal wechselt es zuss",

besteht jedoch weiter nach betontem lan­gem Vokal, etwa beiStraße. Die Konjunk­tiondaß tritt künftig ausschließlich in der Formdass" auf. Das Zusammentreffen drei­er gleicher Konsonanten , denen ein Vokal folgt, führt derzeit noch zum Aneinanderrei­hen zweier Konsonaten. Das gehört bald der Geschichte an. In Aussicht nämlich stehen Brennnessel oderSchifffahrt.

Vor dem Aus befinden sich viele der noch vorhandenen Freiheiten in der Getrennt- und Zusammenschreibung. Diese Entwick­lung hält Eisenberg für durchaus problema­tisch.Jene Spielräume hatten schließlich ihre Gründe", kritisiert der ausgewiesene Sprachwissenschaftler. Er jedenfalls plä­diere vielmehr dafür, den Schreibern die Möglichkeit einzuräumen, Ausdrucks­varianten, die das Geschriebene bietet, wahrzunehmen und dem eigenen Sprach­gefühl zu folgen.

Weg fällt perspektivisch die Großschrei­bung bei der Anrede in der zweiten Person, das gewohnteSie" bleibt hingegen erhal­ten. Zudem sind alle Wörter, die im Satz als Substantive gebraucht werden, auch groß zu schreiben.Rad fahren undKopf ste­hen" lautet es dann ebenso wieim Wesent­lichen odergestern Abend. Ganz logisch wird es dennoch nicht:teilnehmen oder preisgeben unterliegen keinerlei Ände­rungen.

Bei der Silbentrennung verabschiedeten sich die Reformer von Traditionellem. So darf endlich dasst" getrennt werden, Nicht mehr möglich ist am Zeilenende die Um­wandlung desck ink-k. Die Eingriffe hinsichtlich der Zeichensetzung richten sich vorrangig auf die Kommata vor und, oder, auf Infinitiv- und Partizipialgruppen sowie die wörtliche Rede.

PUTZ 7/96

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