Rechtschreibreform erst in Berlin, dann in Brandenburg
Grünes Licht für die zweite deutsche Rechtschreibreform dieses Jahrhunderts gab es am 1. Juli 1996. Deutschland, Österreich, die Schweiz und fünf weitere Staaten Unterzeichneten zu diesem Zeitpunkt in Wien die „Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Sprache“. Offiziell in Kraft treten soll die neue Orthographie am 1. August 1998. Dem folgt eine in das Jahr 2005 reichende Übergangszeit. Bis dahin werden die dann überholten Schreibweisen toleriert, erst danach als Fehler gekennzeichnet. Vergleichbare Vorgehensweisen in der Reformumsetzung innerhalb der einzelnen Bundesländer gehören bislang eher zu den Ausnahmen. In Berlin beispielsweise führen Lehrer schon jetzt die neuen Phänomene ein und behandeln sie gemeinsam mit anderen. Damit erhalten Schüler der Bundeshauptstadt bereits in diesem Schuljahr Kenntnisse über die neuen Regeln. Im Gegensatz dazu läßt sich Brandenburg mehr Zeit. Wenn es nach Bildungsministerin Angelika Peter geht, beginnen die Erstkläßler 1997/98 mit der aktualisierten Schreibung, Dr. Jutta Thiemann aus deren Ministerium warnte in diesem Zusammenhang erst kürzlich vor übereilten Schritten. „Man muß nichts überstürzen“, so ihr Standpunkt. Wir erlauben den Lehrkräften jedoch, vorausgesetzt Fach- und Lehrerkonferenzen stimmen dem zu, mit der Realisierung der Reform auch vor deren offiziellem Start zu beginnen. Dann aber an der ganzen Schule:" EG.
Die Einführung der neuen Rechtschreibung und deren Folgen für den schulischen Unterricht standen im Zentrum eines Mitte September dieses Jahres an der Universität Potsdam durchgeführten Forums mit Wissenschaftlern verschiedener bundesdeutscher Hochschulen, Vertretern der Landesregierung Brandenburg und des Senats von Berlin. Bestritten wurde es durch (v.l.n.r.) Dr. Adelbert Schübel, Prof. Dr. Peter Eisenberg (beide Universität Potsdam), Dr. Eva-Maria Kabisch (Berliner Senatsschulverwaltung), Prof. Dr. Gerhard Augst (Universität Gesamthochschule Siegen), Dr. Jutta Thiemann (Ministerium für Jugend, Bildung und Sport des Landes Brandenburg) sowie Prof. Dr. Hartmut Kuttel (Universität Kiel). Daß zum Tbil kontroverse Positionen zur gerade beschlossenen Orthographie- Reform vorherrschen, machte die Diskussion sehr deutlich. So postulierte etwa Augst: „Die alte Rechtschreibung ist im Prinzip die neue." In der Pnmarstufe ändere sich für die Schüler zunächst nur wenig. Das dann im Deutschunterricht später zu Vermittelnde sei auf dem ein oder anderen Gebiet nun vereinfacht.
Kritischer dagegen äußerte sich Eisenberg. „Die Orthographie wird durch die Reform nicht leichter", sagte er. In diesem Zusammenhang machte der anerkannte Linguist auf die Probleme bei der Getrennt- und Zusammenschreibung aufmerksam. Hier wisse man heute mehr als jetzt in den Regelwerken stehe. Die mancherorts zu beobachtende nahezu banale Darstellung der neuen Regeln halte er zudem für falsch. Neben diesen eher wissenschaftlich relevanten Aspekten spielten auch politisch- administrative Fragen eine Rolle. Stellung bezogen die Experten diesbezüglich zu den die Reform begleitenden, oft gegensätzlichen länderspezifischen Verordnungen oder Erlassen und ihren Auswirkungen sowie zur aktuellen Situation in den Lehrmittelverlagen.
Die Veranstaltung selbst fand im Rahmen des mehrtägigen elften Symposions Deutschdidaktik statt. In diesem Jahr hatte es sich dem Thema: „Europa - Nation - Region: Von anderen lernen" gewidmet. Als Gastgeber für die immerhin annähernd 600 Teilnehmer des vom Symposion Deutschdidaktik e. V initiierten Treffens fungierten sowohl die drei Berliner Universitäten als auch die erst 1991 gegründete Potsdamer Alma mater. PG./Foto: Fritze
Die Orthographiereform: einige absehbare Probleme
Ein Kommentar von Peter Eisenberg
Seit dem Ende der Sommerferien wird an den meisten Schulen in den meisten Bundesländern die neue Orthographie unterrichtet. Was das im Augenblick heißt, weiß niemand genau. Eine systematische Unterrichtung wenigstens aller Deutschlehrer hat es bisher nicht gegeben. Die Schul- und Wörterbuchverlage drücken trotzdem - vor allem natürlich aus ökonomischen Gründen - gewaltig auf das Tbm- po, mit dem die Orthographie umgestellt wird.
Vielfach unterrichtet man die Lehrer nach dem Motto: „Die neue Rechtschreibung ist wie die alte - nur einfacher." Oder: „Ich bringe allen Leuten die Zeichensetzung jetzt in einer halben Stunde bei." Beide Zitate sind dem Vortrag eines Mitgliedes der Mannheimer Reformkommission entnommen, den er kürzlich vor Grundschullehrern gehalten hat.
Die Wahrheit sieht freilich andersaus. Man kann zwar leicht ein paar Dinge aufzählen, die sich ändern. Sehr viel schwieriger ist es aber, Lehrern zuverlässige Hilfe für die
Korrekturpraxis insgesamt, also auch die weniger offensichtlichen Fälle, anzubieten. Viele der neuen Regeln sind mindestens so unklar wie die alten und viele sind linguistisch schlechter motiviert. Man muß häufiger als früher gegen sein Sprachgefühl anschreiben, etwa wenn es um Groß-/ Kleinschreibung oder Getrennt-/Zusammenschreibung geht.
Die Leitfunktion für korrektes Schreiben ist dem Duden durch die Reform verlorengegangen. Momentan hat der Rechtschreibduden erst einen ernsthaften Konkurrenten, nämlich das Rechtschreibwörterbuch von Bertelsmann. Aber schon zeigt sich, daß der Duden gewisse Regeln anders interpretiert als der Bertelsmann. Das schlägt sich selbstverständlich auch in unterschiedlichen Schreibungen nieder.
Das dem amtlichen Regelwerk beigegebene Wörterverzeichnis hat zwischen 12.000 und 15.000 Einträge. Der Rechtschreibduden enthält ein Vielfaches davon, der Verlag spricht von 115.000 Stichwörtern. Unter den Wörtern, die im amtlichen Verzeichnis fehlen, finden sich viele, deren
Schreibung sich auch nicht eindeutig aus dem Regelwerk ergibt. Dazu gehören vor allem Fremdwörter, aber auch zahlreiche heimische. Niemand weiß im Augenblick, wie diese Lücke zu füllen ist.
Ein anderes Problem betrifft zitierte Tbxte, vor allem in Schulbüchern. Soll man literarische Tbxte in Sprachbüchern, Quellentextein Geschichtsbüchern usw. umschreiben? Und wenn ja: Wie soll man es machen und bei welchen? Wollen die Deutschlehrer den Jasager und die Geschichtslehrer die Emser Depesche sofort in neuer Orthographie sehen? Welches Verständnis von Tbxten bringen wir unseren Schülern und Studenten in Zukunft nahe?
Dies sind nur einige der absehbaren Probleme mit teilweise nicht ganz absehbaren Konsequenzen. Die zwischenstaatliche Kommission, der die Pflege und Entwicklung unserer Orthographie in Zukunft obliegen wird, hat viel Arbeit vor sich. Mit welchen Mitteln und Kompetenzen sie diese Arbeit bewältigen soll, steht derzeit genau so wenig fest wie die Antworten auf die angesprochenen inhaltlichen Fragen.
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PUTZ 7/96