CAMPUS
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ZUKÜNFTIG NICHT GENÜGEND STUDIENPLÄTZE IN BRANDENBURG
Stellungnahme der Brandenburgischen Landesrektorenkonferenz zur Haushaltspolitik des Landes
Mittelfristige Finanzplanung „eine Katastrophe"
Obwohl die Auswirkungen der miserablen Finanzlage des Landes Brandenburg sich auch an der Universität Potsdam bereits seit längerem bemerkbar machen, z.B, noch nicht einmal mehr Gelder für die Aufstellung von dringend benötigten Büro- oder Laborcontainern zur Verfügung gestellt werden, erscheint der derzeitige Entwurf der mittelfristigen Finanzplanung der Landesregierung bis zum Jahr 2000 nach Einschätzung der Universitätsleitung geradezu als ein Horrorszenario. Würde diese zu Lasten der Wissenschaft und Bildung gehende Prioritätensetzung des Landes wirklich realisiert, so fehlten dem Etat des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur (MWFK) im Jahre 1998 insgesamt 40 Millionen DM und im Jahre 2000 insgesamt 50 Millionen DM (gemessen am Etat 1996). „Dann aber“, so Rektor Prof. Dr. Wolfgang Loschelder, „kann es nicht mehr um die Schließung von Studiengängen gehen; dann wird die Schließung von Hochschulen auf der Tkgesordnung stehen müssen.“
Für die Universität Potsdam stellt sich bereits das Jahr 1997 aufgrund des jetzigen Haushaltsentwurfes 97 in tiefroten Farben dar: hat doch Kanzler Alfred Hein errechnet, daß die Hochschule durch Sachmittelkürzungen und die vom Land auf die Hochschulen abgewälzte Kofinanzierung des Hochschulsonderprogramms III rund fünf Millionen DM würde erwirtschaften müssen. Dabei wäre ferner eine zusätzliche finanzielle Belastung durch die Ablösung von zehn bisher über das Hochschulerneuerungsprogramm (HEP) finanzierten wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen und sechs Stellen des Sprachenzentrums zu berücksichtigen. Ebenfalls hinzugerechnet werden müßte als Haushaltsnsiko eine Summe von rund fünf Millionen DM für eine Weiterfinanzierung von 54 Stellen des Pädagogischen Institutes Cottbus, das zum Jahresende aufgelöst wird. Im Vertrauen auf eine entsprechende Zusage des Ministers geht die Unversitätsleitung allerdings davon aus, daß dieses Risiko für die Universität Potsdam kostenneutral gelöst werden kann und damit die notwendige Dispositionsfreiheit für entsprechende personalwirtschaftlich notwendige Maßnahmen geschaffen ist.
Wie man es auch dreht und wendet, eines scheint schon festzustehen: Die Diskrepanz zwischen den an die Universität Potsdam gestellten finanziellen Forderungen und der Summe, die sie dank einer ab 1997 geltenden Flexibilisierung ihres Haushaltes wahrscheinlich wird erbringen können, ist zu groß. Rote Zahlen sind unvermeidlich. So kann man davon ausgehen, daß trotz äußersten, alle Bereiche von Lehre und Forschung hart treffenden, Restriktionen nicht mehr als 3,25 Millionen DM erwirtschaftet werden können. Im Gegensatz zu den oben genannten eingeforderten Summen also bei weitem nicht soviel, wie das Land es gerne hätte. Auf die Zukunftsfähigkeit des Landes Brandenburg, als dessen wichtige Ressource Bildung und Wissenschaft allgemein gelten, darf man in Anbetracht dieser Situation gespannt sein. Hg.
Bis zum Jahr 2000 braucht Brandenburg Studienplätze für 40.000 brandenburgi- sche Landeskinder, die hier studieren wollen, um sich den gewaltigen Anforderungen des zukünftigen Arbeitsmarktes zu stellen. Zur Zeit studieren 22.000 junge Menschen auf 13.500 Studienplätzen. 4000 Studienplätze für Fachhochschulen sind vorläufig auf Eis gelegt. Der investive Rahmen für den Ausbau der Studienplätze bleibt ungesichert. Für die Hochschulen heißt dies: Verlängerung vieler Provisorien, Verzögerung der Berufungen von Professorinnen und Professoren, Besetzungssperre bei freiwerdenden Professorenstellen, Behinderung der Nutzung befristeter Mitarbeiterstellen, Verzögerung innovativer Studienangebote, Behinderung der Forschung in den Hochschulen und Wettbewerbsnachteile in der Konkurrenz mit anderen Hochschulen.
Mittelfristige Finanzplanung ist eine Katastrophe
Dem Wissenschaftsministerium fehlen im Jahr 1998 insgesamt 40 Mio. DM und 50 Mio. DM im Jahr 2000 für den Unterhalt seiner Hochschulen auf der Basis des Ausbaustandes 1996. An eine Weiterentwicklung ist nicht zu denken. Die Jugend des Landes ist so gezwungen, ihre wissenschaftliche Qualifikation außerhalb des Landes zu erwerben. Diese jungen Leute stehen dann als diejenigen, die unser Land mit aulbauen sollen, nicht mehr zur Verfügung.
Wissen als Standortfaktor
Wissen ist unser zentraler Produktions- und Standortfaktor. Ohne Wissen und Bildung gibt es keine Zukunft! Die in den letzten fünf Jahren geschaffene hervorragende Ausgangsbasis des Wissenschaftsstandortes Brandenburg droht durch die Sparpolitik irreparablen Schaden zu nehmen. In der Grundlagenforschung, im Wissens- und Technologietransfer kündigt sich der Verlust des Anschlusses an die internationale Entwicklung an. Damit droht das Interesse der Investoren für unsere Region zu sinken. Andere Bundesländer haben die Zeichen der Zeit erkannt: Sie stellen ihren Hochschulen die Mittel für ihre weitere Profilierung zur Verfügung.
Die brandenburgische Politik dagegen hat der Mut verlassen; die Aufbruchstimmung droht verlorenzugehen. Brandenburg ist das Schlußlicht in Deutschland bei den Wissenschaftsausgaben je Einwohner (233
DM in Brandenburg, während der Durchschnitt in den neuen Ländern bei 369 DM, in den alten Ländern bei 380 DM liegt). Brandenburg ist durch seine vielfältigen infrastrukturellen Probleme, seine Geldknappheit und die Entscheidungszurück- haltung der Politik in einen Zustand der Lähmung verfallen, der für Wirtschaftsförderung, Bildung und Wissenschaft nichts Gutes verheißt. Selbst innovativ gedachte Hochschulförderprogramme der Bundesregierung, wie das Hochschulsonderprogramm III, werden nur noch zur Haushaltskonsolidierung genutzt und damit ihrer programmatischen Akzente im Bereich der Nachwuchsförderung, der Verbesserung der Qualität der Lehre, der Frauenförderung und des Ausbaus der internationalen Beziehungen beraubt.
„Wir drohen den Anschluß zu verlieren"
Die wirtschaftliche Globalisierung ist Realität. Die Kompetenz des Wissenschaftssystems wird für den Standort, d.h. für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, für Beschäftigung und soziale Stabilität immer entscheidender. Der Präsident der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg, der Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Industrie- und Handelskammern des Landes Brandenburg und der Vorsitzende der Brandenburgischen Landesrektorenkonferenz haben im August 1996 ihrer Sorge um die Zukunft des Wissenschaftsstandortes Brandenburg Ausdruck verliehen. Sie wiesen darauf hin, daß die Internationalisierung der Märkte, die Anforderungen der Informationsgesellschaft Wissenschaft und Wirtschaft in bisher nie dagewesener Weise herausfordern, Innovationspotentiale für die weitere Entwicklung bereitzustellen.
Auch Wissenschaftsstandorte konkurrieren heute weltweit miteinander. Internationale Kooperation und Vernetzung werden immer stärker zum Charakteristikum moderner Wissenschaft und Forschung. Wer hier den Anschluß verliert, verliert den Anschluß an die Wissensgesellschaft der Zukunft. Innovationen und Verfügbarkeit von Wissen und damit die Gestaltungskraft und Leistungsfähigkeit von Wissenschaft und Forschung rücken mehr und mehr ms Zentrum der sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung.
Wer die Entwicklung des „Standortes Brandenburg“ effektiv fördern will, muß eine solide Finanzierung der Hochschulen gewährleisten!
PUTZ 8-9/96
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