BRANDENBURG SETZT AUF INTEGRATIVEN UNTERRICHT
Arbeitstagung „Schulische Erziehungshilfe - grenzüberschreitend"
an der Universität Potsdam
Verstörte Schüler, Gewalt in der Schule, Aussteigermentalität: So lauten nur einige der Stichwörter zum Problem der Verhaltensstörungen in der Schule, für die die schulische Erziehungshilfe Lösungen parat hält. „Grenzüberschreitungen“ spielen dabei gleich in mehrfacher Hinsicht eine Rolle. Letztlich aber besteht deren Ziel in der Überwindung verengter Sicht und Schuldzuschreibung auf den Einzelschüler oder in der Aufnahme internationaler Perspektiven in die aktuelle Auseinandersetzung. Den brennenden Flragen gegenwärtiger schulischer Bildungsprobleme widmeten sich erst jüngst Fachvertreter aus dem In- und Ausland während einer Tägung zum Thema „Schulische Erziehungshilfe“ an der Universität Potsdam. Als deren Veranstalter fungierte das Institut für Sonderpädagogik an der Philosophischen Fakultät II. Annähernd 300 Teilnehmer waren gekommen, um dem Treffen beizuwohnen. Zur Veranstaltung selbst gehörte ebenfalls ein Intensivtraining in Potsdam wie auch später in Cottbus.
Die schulische Erziehungshüfe befindet sich bundesweit in Schieflage, so die einhellige Meinung der anwesenden Pädagogen. Das Netz der notwendigen Unterstützungssysteme werde demnach löchriger. Kontinuierliche Kürzungen personeller wie finanzieller Ressourcen führten zu tiefen Einschnitten. Es erfolgten zudem Streichungen von Schul - angeboten mit Erziehungshilfe oder diese bestünden, wie auch in Brandenburg, nur bis zur sechsten Klasse. Fatale Folgen für die Schwächsten der Gesellschaft blieben so nicht aus.
Davon betroffen sind Schüler mit ganz unterschiedlichen Verhaltensauffälligkeiten.
Deren Spektrum reicht von verbalen und physischen Aggressionen über depressive Haltungen, unreifem Verhalten bis hin zu kriminellen Neigungen und anderem mehr. Inzwischen weisen immerhin 12 bis 16 Prozent der gesamten Schülerschaft eines Jahrgangs diese und ähnliche Eigenheiten auf. „Nur ein geringer Ifeil aber von ihnen erfährt eine angemessene Art der Förderung“, so der Oldenburger Pädagoge Prof. Dr. Heinz Neukäter. „Die anderen bleiben auf der Strecke“, lautet sein Fazit. Etwas mehr als zehn Schulen für Erziehungshilfe befinden sich im Land Brandenburg. Dazu zählen allerdings schon private Initiativen. 447 Schüler der Primarstu- fe lernen derzeit in Förderschulen für Erziehungshilfe und in eigenen Förderschulklassen. Darüber hinaus erhalten 518 Mädchen und Jungen gemeinsamen Unterricht. Noch jedoch gibt es regional große Unterschiede bei beidem. Zudem fehlt es nicht
selten an ausreichend qualifiziertem, den komplizierter werdenden Anforderungen gewachsenem Personal. Klarheit zur Rolle der Erziehungshilfe im Land schafft das seit 1. August dieses Jahres gültige neue Schulgesetz. Es verankert fest deren Notwendigkeit und betont den Aspekt der Fortführung jenes bereits eingeschlagenen Weges der
integrativen Unterrichtung förderungsbedürftiger wie anderer Kinder. Künftig bedeutet dies konkret die vermehrte Übernahme sonderpädagogischer Anteile in die allgemeine Schule. Das Handicap: die Meßlatte jeder Erziehungshilfe-Maßnahme bildet die Haushaltslage.
Genau die hat möglicherweise auch Auswirkungen auf die Situation des die Tägung ausrichtenden Instituts für Sonderpädagogik der Potsdamer Alma mater. „Die aktuellen Sparmaßnahmen lassen Schlimmes befürchten", so Prof. Dr. Otto Dobslaff dazu. Gegenwärtig gehe es um den Erhalt der
Substanz des wohl kleinsten Instituts seiner Art in Deutschland. An ihm sorgen sich im Kern vier Professoren und zehn wissenschaftliche Mitarbeiter um eine fundierte Ausbildung der Studenten. 280 sind es im Moment, die sich ausnahmslos im Aufbaustudium vier Semester lang theoretisches Wissen aneignen. Noch können sie das
Lehramt in sieben Fachrichtungen anstreben. Zur Palette der Fächer gehören die Pädagogik der Lernbehinderten, Verhaltensgestörten, geistig - und sprachlich Behinderten, der Körper-, Hör- sowie Sehbehinderten. Der Andrang zur Nach- qualifizierung auf den einzelnen Gebieten ist auch sechs Jahre nach der Gründung der Einrichtung ungebrochen groß. Volle Hörsäle und Seminarräume zeugen davon. „Das soll auch in Zukunft so bleiben“, fordert Prof. Dr. Herbert Goetze, Direktor des Instituts, im Namen seiner Mitarbeiter.
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Ein Mittelweg muß gefunden werden, ln Brandenburg setzt man dabei auf Integration. Zeichnungen: Simon
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