CAMPUS
CHAOS, ORDNUNG UND RAUSCHEN
Zu einem internationalen Workshop am Müggelsee
Vor Beginn des hektischen Vorlesungsbetriebes trafen sich im Kongreßzentrum Rahnsdorf am Müggelsee Physiker aus aller Welt zu einem Workshop über „Physik und Dynamik zwischen Chaos, Ordnung und Rauschen“. Die Veranstaltung wurde von den theoretischen Physikern Prof. Dr. Jürgen Kurths (Universität Potsdam), Prof. Dr. Arkadi Pikovsky (Universität Potsdam) und Prof. Dr. Lutz Schimansky-Geier (Humboldt-Universität zu Berlin) organisiert. Der weitere Organisationsstab setzte sich ausschließlich aus Mitgliedern der Universität Potsdam zusammen. Eine bereits existierende, fruchtbare Zusammenarbeit dieser Gruppen von theoretischen Physikern beider Universitäten wurde somit fortgesetzt. Die finanzielle Unterstützung wurde durch die WE- Heraeus Stiftung und die Max-Planck-Gesellschaft gewährleistet.
An dem Workshop nahmen rund 80 Fachleute aus 15 Ländern teil, der am weitesten gereiste Gast kam aus dem fernen China. Die Anwesenheit von internationalen Spitzenforschern verlieh der Konferenz besondere Bedeutung und spiegelte die internationale Wertschätzung wider, die den Gruppen aus Potsdam und Berlin entgegengebracht wird. Insbesondere zu erwähnen sind der Entdek- ker der Universalität von Übergängen ins Chaos, Prof. Dr. Mitchell Feigenbaum (Rockefeller Universität New York/USA), Prof. Dr. Jim Yorke (Universität Maryland/ USA), der den Begnff „Chaos“ erstmals wissenschaftlich präzisiert hat, Prof. Dr. Peter
Grassberger (Universität Wuppertal), und Prof. Dr. Celso Grebogi (ebenfalls Universität Maryland), die jeweils bahnbrechend in Ihrem Fachgebiet tätig waren und sind. Erwähnenswert ist auch die große Zahl osteuropäischer Wissenschaftler, die durch ihre Beiträge die Konferenz bereicherten und die sonst so oft bemängelte Vorherrschaft der sogenannten Ersten Welt etwas minderten. Hauptanliegen der Tägung war es, Spezialisten aus verschiedenen Gebieten der Chaosforschung zusammenzuführen.
Die Beschreibung physikalischer Eigenschaften von Systemen (ein „System“ kann so ziemlich alles sein, was aus mehr als einer Komponente besteht) folgt oft einfachen
Gesetzen, die ein sehr kompliziertes Verhalten (Chaos) produzieren können. Andererseits lehrt die Erfahrung, daß nicht alles im Chaos endet (sondern nur fast alles). Eine weitere Komponente des Systemverhaltens bezieht oft Rauschen ein; hier muß man zur Erklärung statistische Mittel zur Hilfe nehmen (unter „Rauschen“ kann man sich der Einfachheit halber z.B. Radiorauschen oder Fernsehflimmern vorstellen). Somit sind die drei Grundthemen der Tägung - Chaos, Ordnung und Rauschen im Zusammenhang mit der charakteristischen Dynamik von Systemen - drei Seiten einer Medaille. Neueste Fortschntte führten zu einem erheblich verbesserten Verständnis von komplizierten Systemen. Hier reicht die Anwendung von physikalischen Quantensystemen, chemischen Reaktionen über die belebte Materie - biologische Populationsmodelle oder Zellwachstum - bis hm zu soziologischen Erkenntnissen für menschliches Verhalten. Besondere Aufmerksamkeit wurde dabei Problemen zuteil, die keiner der drei oben genannten charakteristischen Dynamik eindeutig zugeordnet werden können, sondern „irgendwo dazwischen" liegen. Diese Problematik wurde bisher noch nicht zufriedenstellend erklärt, obwohl gerade die Anwendungen der Theorien in dieses Feld fallen.
Die Atmosphäre der Konferenz kann trotz des dichtgepackten Programms als entspannt bezeichnet werden. In der Abgeschiedenheit des Müggelsees ließ es sich gut konzentrieren und kommunizieren. Durch die lockere Atmosphäre war es insbesondere den jüngeren Tfeilnehmern möglich, untereinander Kontakte zu knüpfen, aber auch mit den Koryphäen in ausführlichen Meinungsaustausch zu kommen.
Markus Abel, Michael Zaks
DISKUSSIONEN „AN DER AKTUELLEN FORSCHUNGSFRONT"
Kooperation zwischen der Berliner Sportpädagogik und der Potsdamer Sportsoziologie
Nachwuchsförderung gehört zu den erklärten Zielen der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft. Interessierte Doktoranden und Habilitanden werden deshalb in regelmäßigen Abständen zu „Sommerakademien“ eingeladen, die einerseits Gelegenheit zum interuniversitären Erfahrungsaustausch über gemeinsame „Arbeitsprobleme“ bieten sollen - die Diskussion der eigenen Forschungsvorhaben vor allem in Kleingruppen steht hier im Vordergrund - , und andererseits die Möglichkeit eröffnen wollen, mit anerkannten „Profis“ aus der Sportwissenschaft und ihren Bezugswissenschaften „an der aktuellen Forschungsfront“ zu diskutieren. Die diesjährige Sommerakademie der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) stand unter dem Rahmenthema „Sozialwissenschaftliches Arbeiten von der Theoriekonstruktion bis zur Dateninterpretation“.
Während die vorangegangenen Sommerakademien die Bewegungs- und Trainingswissenschaftler zusammengeführt hatten, waren diesmal die Sportpädagogen und die Sportsoziologen am Zuge, und diese haben auf die Einladung offenbar gewartet: Insgesamt 35 Nachwuchswissenschaftler sind ihr gefolgt. Die einwöchige Veranstaltung fand an der Führungs- und Verwaltungsakademie des Deutschen Sportbundes in Berlin statt. Vorbereitet und geleitet wurde sie von einem „interdisziplinären“ Tteam, in dem die Sportpädagogik der Freien Universität Berlin (Prof. Dr. Wolf- Dietrich Brettschneider, Institut für Sportwissenschaft) und die Sportsoziologie an der Universität Potsdam (Prof. Dr. Jürgen Baur, Arbeitsbereich Sport und Gesellschaft im Institut für Sportwissenschaft) kooperierten.
Die Berlin-Potsdamer Kooperation bestimmte auch das Akademieprogramm. In den Hauptreferaten wurden die beiden Strömungen der empirischen Sozialforschung durch je einen ihrer prominentesten deutschen Protagonisten vertreten: Prof. Dr. Jürgen Bortz (TU Berlin) für die quantitativen und PD Dr. Uwe Flick (Hannover) für die qualitativen Methoden. Das schon von diesen Referenten ausgesprochene Plädoyer für eine Gegenstandsangemessenheit und gegen „ideologische“ Entscheidungen bei der Methodenwahl
Entspanntes Plaudern am Rande des offiziellen Tägungsprogramms: Prof. Dr. Peter Grassberger, Prof Dr. Mitchell Feigenbaum, Prof Dr.
Celso Grebogi, Prof. Dr. Jürgen Kurths (v.l.n.r.).
Foto: zg.
Seite 8
PUTZ 8-9/96