Heft 
(1.1.2019) 08
Einzelbild herunterladen

CAMPUS

MIT WEITREICHENDEN FOLGEN

Migration und sozioökonomische Transformation in Südosteuropa

Der politische Umbruch des Jahres 1989 wirkte sich nicht nur auf die unmittelbar betroffenen, damals realsozialistischen Staaten aus, sondern indirekt auch auf die übrigen Länder Südosteuropas. Die Fol­gen dieses Umbruchs reichen teilweise bis in die Gegenwart und werden auch in Zukunft zu dauerhaften Veränderungen führen. So hat sich beispielsweise das Migrationsverhalten in der gesamten Re­gion geändert. Um zu einer Bestandsauf­nahme der derzeit dort ablaufenden Bin­nen- und Außenwanderungsprozesse zu gelangen und die Zusammenhänge zwi­schen diesen Vorgängen und den neuen politischen sowie wirtschaftlichen Zustän­den zu erfassen, veranstaltete das Institut für Geographie und Geoökologie der Uni­versität Potsdam gemeinsam mit der Süd­osteuropa-Gesellschaft (München) im September ein internationales Symposion mit dem TitelMigration und sozioökono­mische Transformation in Südosteuropa.

Bei den rund 20 Referenten handelte es sich, wie viele von ihnen besonders hervorhoben, fast ausschließlich um Wissenschaftler aus der Region. Es sei eine der ganz seltenen Gelegen­heiten gewesen, bei der sich Wissenschaftler aller südosteuropäischer Länder zur selben Zeit zur gleichen Thematik zusammengefun­den hätten. Dies sei nur möglich geworden, da das Symposion nicht von einem Akteur aus der Region initiiert worden sei.

Die Länderreferate waren in drei Blöcke ein­geteilt: Nach den beiden Einführungs­referaten - von dem Organisator der Tägung Prof. Dr. Wilfried Heller, Professor für Sozial- und Kulturgeographie, sowie vom Präsiden­ten der Südosteuropa-Gesellschaft, Dr. Wal­ter Althammer, -begann der erste Block, der sich mit den nicht ehemals sozialistischen Ländern Südosteuropas Zypern, Griechen­land und der Türkei befaßte. Anschließend ging es um die üansformationsstaaten Un­garn, Rumänien, Bulgarien und Albanien. Der dritte schließlich war den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens gewidmet. Dabei zeigte sich, daß einige Staaten völlig neue und hierzulande noch nicht zur Kenntnis genommene Trends bei ihrer Bevölkerungs­bewegung aufweisen. So berichteten bei­spielsweise Prof. Dr. Tiraian Rotariu und Rudolf Poledna von der rumänischen Universitatae Babes-Bolay, daß die Binnenwanderung zwar nach wie vor in Rumänien vor allem vom Land in die Hauptstadt und m den Raum Konstanza verlaufe, seit einigen Jahren aber auch m die westlichen Grenzregionen. In jüngerer Zeit würde aber auch zunehmend ein Rückzug von der Stadt aufs Land beobachtet werden. Dies sei vermutlich durch hohe Arbeitslosig­keit und Lebenshaltungskosten in den Städ­

*

Nicht alle Migranten sind Flüchtlinge, die aufgrund militärischer Konflikte ihre Heimat verlassen. In Südosteuropa wird die Bevölkerungsbewegung durch die dort stattfindende Transformation mit- verursacht, wobei derzeit der gesamte Zusam­menhang zwischen Migration und Transformation noch weitgehend unklar ist Foto: ai

ten sowie durch die Möglichkeit, jetzt wieder Land erwerben zu können bzw. vormals kol­lektivierten Landbesitz wieder in Eigenregie betreiben zu können, zu erklären. Eine ähnli­che Tfendenz ist nach Doino Roussinov Donev und Prof. Dr. Geso Gesev vom geographi­schen Institut der Akademie in Sofia in Bulga- nen zu beobachten. Hier sind es vor allem alte Menschen, die von der Stadt aufs Land zu­rückziehen. In den übrigen Ländern findet sich als Hauptrichtung der Binnenmigration nach wie vor die von dem Land in die Stadt bzw. von strukturell schwachen in prosperie­rende Regionen.

Bei der Außenmigration wurde festgestellt, daß die derzeitigen Auswanderungsnch- tungen m fast allen Fällen an historische Wanderbewegungen anknüpfen. Besonders drastisch ist der Einfluß des politischen Um­bruchs auf die Migrationsbewegung in Alba­nien gewesen. Fanden dort von 1945 bis 1990 fast gar keine Bevölkerungsbewegungen statt, so sind seit dem Umbruch 1990 bisher bereits 450.000 Personen emigriert und über 350.000 Menschen in die Hauptstadt gezo­gen, deren Bevölkerungszahl sich dadurch mehr als verdoppelte. Die Bedeutung der Tägung lag auch in einer Präsentation der aktuellen Fakten und Daten durch die aus der Region stammenden Wissenschaftler. Bei­spielsweise wurde angegeben, daß von dem Konflikt zwischen der PKK und der türkischen Armee bisher 2500 bis 3000 Dörfer betroffen sind, die entweder von der Armee oder der PKK geräumt wurden oder unmittelbar im Kampfgebiet lagen. Derartige Zahlen sind derzeit nicht offiziell verfügbar, die hier ge­machte Aussage stützt sich auf einen ehema­ligen Minister für Menschenrechte. ade

Umfassender Ferienkurs überKomplexe organisierte Grenz- und Oberflächen"

Sie sehen ja schon reichlich erschöpft aus 1 ', konstatierte Prof. Dr. Reinhard Lipowski, Direktor des Max-Planck-Insti- tuts für Kolloid- und Grenzflächenfor­schung in Tbltow. Lipowski sprach im Rah­men des WE-Heraeus- FerienkursesKom­plexe organisierte Grenz- und Oberflä­chen" vor 60 jungen Physikern und Physi­kerinnen aus ganz Deutschland. Veranstal­ter dieses Kurses, der im Oktober statt­fand, war das Institut für Festkörperphysik der Universität Potsdam und erschöpfend war sein Programm in der Tät: So erklärten die 13 Referenten aus verschiedenen Forschungseinrichtungen in Deutschland Untersuchungsmethoden zur Charakteri­sierung verschiedener chemischer und physikalischer Eigenschaften komplexer organischer Grenzflächen und dünner or­ganischer Schichten, erläuterten Herstel­lungsverfahren von Polymermembranen, stellten theoretische Betrachtungen zur Form von Polymervesikeln an. Darüber hinaus hatten die Tbilnehmer Gelegenheit, an einem Nachmittag ihre eigenen Arbei­ten vorzutragen sowie an zwei weiteren Nachmittagen in einer Reihe von Praktika selbst zu experimentieren.

Das in der Ferienschule behandelte The­mengebiet ist ein Forschungsschwerpunkt der experimentellen Forschung an der ge­samten Mathematisch-N aturwissenschaft- lichen Fakultät der Universität Potsdam. Ausdruck dieses Forschungsschwer­punktes ist das Interdisziplinäre Zentrum für Dünne Organische und Biochemische Schichten, in dem Institute der Physik, Bio­logie, Chemie und Mathematik der Univer­sität mit außeruniversitären Forschungs­einrichtungen Zusammenarbeiten. So ziel­te der Ferienkurs auch darauf ab, dieses Forschungsgebiet unter jungen Physikern und Physikerinnen bekannt zu machen, wobei vor allem der interdisziplinäre An­satz berücksichtigt wurde. Zudem machte es dieses in Potsdam konzentrierte Poten­tialmöglich, Physiker aus ganz Deutsch­land als Dozenten für den Kurs zu gewin­nen", hebt Prof. Dr. Ludwig Brehmer vom Institut für Festkörperphysik hervor. Zu­sammen mit Prof, Dr. Helmuth Möhwald, Direktor der Abteilung Grenzflächen des Instituts für Kolloid- und Grenzflächen­forschung und - ebenso wie Lipowski - gleichzeitig Honorarprofessor an der Uni­versität Potsdam, leitete er die Ferien­schule.

Und was hat die Tbilnehmer - überwie­gend Diplomanden und Doktoranden, die im Bereich organischer Filme und Poly-

Seite 10

PUTZ 8-9/96