Heft 
(1.1.2019) 08
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CAMPUS

ICH VERLIESS POTSDAM TRAURIG..."

Mehmet Köksal über die Juristischen Fakultäten in Potsdam, in Izmit und eine mögliche Kooperation

Zwei Monate lang arbeitete Dr. Mehmet Köksal von der Universität in Izmit (in der Nähe von Istanbul/Türkei gelegen) in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Detlev TO Belling aus der Juristischen Fakultät an ei­nem rechtsvergleichenden arbeitsrecht­lichen Projekt mit. Mittlererweile ist er in seine Heimat zurückgekehrt und publi­zierte die Ergebnisse in einem Aufsatz, der in der renommierten türkischen Zei­tungYasa erschien. Doch bevor er Pots­dam verließ, hat Köksal noch seine Erfah­rungen, die er hier machte, zum Tfeil im Vergleich mit der Situation in seiner Hei­mat, festgehalten. Sie sollen im folgenden wiedergegeben werden:

Dies war nicht mein erster Aufenthalt in Deutschland, doch mein erster inOst­deutschland. Ich verließ Potsdam traurig. Die Stadt ist wunderschön. Was mich je­doch irritiert hat, ist, daß die Menschen um 19.00 Uhr aufhören, diese Schönheit zu ge­nießen. Die Straßen sind ab 19.00 Uhr abends fast leergefegt. Dies soll keine ne­gative Bedeutung haben. Nur in der Türkei, da kennen wir es anders. Das Leben fängt erst sozusagen ab 21.00 Uhr an und läuft bis morgens früh. Was außerdem für einen Süd­länder wirklich ungewöhnlich war, ist das Wetter, das mitten im Sommer kalt und reg­nerisch war.

In der Türkei bin ich als Assistent bei einem Professor für Handelsrecht in der juristi­schen Fakultät der Universität von Izmit tätig. Izmit liegt am Meer - dort, wo die Kirschbäu­me wachsen. Die Fakultät wurde 1993 ge­gründet. Die ersten Vorlesungsveran­staltungen wurden 1994 begonnen. An mei­ner Fakultät, an der insgesamt 185 Studenten studieren und 35 Lehrkräfte beschäftigt sind, existieren drei Hauptabteilungen (Zivilrecht, Öffentliches Recht und Wirtschafts- und Fi­nanzwesen) und 16 Lehrstühle. Die Fakultätsbibliothek dort braucht dringend fremdsprachige Bücher. Die Verhältnisse meiner Fakultät sind also vergleichbar mit der Potsdamer Juristischen Fakultät,

Das Gründungsziel meiner Fakultät lautet: Die juristische Fakultät ist ein unvermeid­barer Wert der modernen Welt. Deshalb bemühen wir uns, als Mitglieder dieser Fa­kultät, die wissenschaftlichen Arbeiten und die Vorlesungen so zu gestalten, daß die Rechtsnormen entsprechend der moder­nen Zivilisation entwickelt, interpretiert und angewendet werden. Aus diesem Grund sind wir an einer Partnerschaft mit einer Fakultät sehr interessiert, die die gleichen Ziele hat. Ich bin fest davon überzeugt, daß ich diese in Potsdam gefunden habe. Ein weiterer Ausbau der gemeinsamen For­

schungsinteressen und -kontakte würde mich und die anderen Mitglieder meiner Fakultät deshalb sehr freuen, Weitere wis­senschaftliche Projekte sind jedenfalls schon geplant.

Die herzliche Aufnahme von Prof. Dr. Detlev W. Belling und seiner Abteilung hat es mir ermöglicht, in der Potsdamer Juristischen Fakultät sehr nützliche und wichtige Erfah­rungen zu machen. Die nette Betreuung von Prof. Belling und seinen Mitarbeitern wer­de ich nicht vergessen. Um so mehr freut es mich natürlich, daß mein zweimonatiger Aufenthalt wissenschaftliche Früchte getra­gen hat.

Von diesen wäre in erster Linie mein Aufsatz überDie Anpassung des Tärifvertrages beim Wegfallen derGeschäftsgrundlage zu nennen, den ich unter Leitung Prof. Bellings gemeinsam mit diesem geschrieben habe. Dieses Thema hat große Bedeutung sowohl in der Türkei als auch in Deutschland. Die Wirtschaftskrise bzw. die raschen Änderun­gen in der Welt beeinflussen die Tkrifverträ- ge sehr. Obwohl es heutzutage oft vorkommt,' daß Thrifverträge angepaßt werden müssen, sind die Grundlagen und Prinzipien der An­passung beim Wegfallen der Geschäfts­grundlage nicht vollständig festgelegt. Die Arbeit von Prof. Belling und mir bezweckte, die Lücke dieses Bereiches zu füllen. Auch wurden dabei zum ersten Mal die Grundla­gen und die Methodik der Anpassung im türkischen Tärifvertragsrecht systematisiert sowie den Grundprinzipien und den beiden Rechtssystemen entsprechende Lösungen vorgeschlagen.

So fruchtbar sich die Beziehungen zwi­schen Potsdam und Izmit entwickelten und so angenehm mir mein Aufenthalt hier in Erinnerung bleiben wird, überschattet ihn doch ein Zwischenfall: Ich wurde am 21.8.1996 auf der Brandenburger Straße von zwei Personen angegriffen, als ich auf einer Bank saß. Sie schlugen mich zwar nicht, aber ich wurde massiv bedroht, Zum Glück hatte ich mein Handy dabei und konnte die Polizei benachrichtigen. Daß niemand mir geholfen hat, obwohl viele im Stadtcafe sa­ßen und das Ganze beobachteten, er­schreckt mich noch heute. Als ich schließ­lich im Cafe Zuflucht gefunden hatte, wur­de die Kellnerin auch noch böse, weil ich nichts verzehren wollte. Obwohl ich meine Lage geschildert habe, hatte sie kein Ver­ständnis dafür. Die Polizei kam dann auch zu spät zum Tätort, hatte jedoch eine Aus­rede parat: sie hätten auch nur vier Räder. Prof. Belling jedenfalls sieht in dem Zwi­schenfall eine akute Gefährdung der sich noch im Aufbau befindlichen internationa­len Kontakte. Mehmet Köksal

AUS DEM SENAT BERICHTET

In seiner 36. Sitzung am 5. September 1996 hat sich der Senat der Universität Potsdam u.a. mit folgenden Themen be­schäftigt bzw. nachstehende Beschlüsse gefaßt:

Zur Verdeutlichung der angespannten Haushaltslage gab der Kanzler, Alfred Klein, einen ausführlichen Bericht zur Haushalts­situation nach den vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur gefor­derten Sparmaßnahmen. Die damit einge­leiteten Einschnitte würden die Entwick­lung der Uni bis in das Jahr 2000 bestimmen (siehe dazu auch die BeiträgeQuo vadis Ausbildung?",MittelfristigeFinanzplanung eine Katastrophe und die Stellungnahme der brandenburgischen Landesrektoren­konferenz an anderen Stellen dieser PUTZ). Der Senat stimmte der Antragstellung der Institute für Mathematik, Informatik sowie Physikalische Chemie und Theoretische Chemie an die Deutsche Forschungsge­meinschaft (DFG) auf Einrichtung und För­derung von drei Graduiertenkollegs zu. Es handelt sich um die KollegsMathemati­sche Physik - Klassische und quanten­mechanische Dynamik von Tbilchen- systemen, Vertrauenswürdige Systeme" undStrukturbildung in kolloidalen Syste­men". Die Finanzierung der Ausstattung muß aus dem Budget der entsprechenden Fakultät erfolgen.

Nach kontroverser Diskussion erließ der Senat, mit drei Gegenstimmen, die Hauenförderrichtlinien der Universität Pots­dam als verbindliche Grundlage für die Frauenförderung an der Alma mater. Sie basieren auf dem Brandenburgischen Hochschulgesetz und dem Landes­gleichstellungsgesetz. Mit den Förder­richtlinien der Uni sollen strukturelle Be­nachteiligungen von Frauen beseitigt und gleiche Entwicklungsmöglichkeiten von Hauen und Männern sichergestellt werden, um das Begabtenpotential von Hauen deut­lich stärker als bisher auszuschöpfen. Die Richtlinien enthalten nach Aussagen der Gleichstellungsbeauftragten der Uni, Moni­ka Stein, Maßnahmen, die den Anteil von Hauen in den von ihnen unterrepräsentier­ten Bereichen langfristig erhöhen und ihre Studien- und Arbeitssituation verbessern sollen. Es ist beabsichtigt, die beschlosse­nen Richtlinien nach zwei Jahren zu über­prüfen und gegebenenfalls zu präzisieren. Einstimmig sprachen sich die Mitglieder des Senates für die Gründung einer Gesell­schaft für Weiterbildung und Wissens­transfer mbH an der Universität Potsdam (GWW) aus. Zweck der Gesellschaft ist die Förderung des Wissenschaftstransfers zur

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PUTZ 8-9/96