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„ICH VERLIESS POTSDAM TRAURIG..."
Mehmet Köksal über die Juristischen Fakultäten in Potsdam, in Izmit und eine mögliche Kooperation
Zwei Monate lang arbeitete Dr. Mehmet Köksal von der Universität in Izmit (in der Nähe von Istanbul/Türkei gelegen) in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Detlev TO Belling aus der Juristischen Fakultät an einem rechtsvergleichenden arbeitsrechtlichen Projekt mit. Mittlererweile ist er in seine Heimat zurückgekehrt und publizierte die Ergebnisse in einem Aufsatz, der in der renommierten türkischen Zeitung „Yasa“ erschien. Doch bevor er Potsdam verließ, hat Köksal noch seine Erfahrungen, die er hier machte, zum Tfeil im Vergleich mit der Situation in seiner Heimat, festgehalten. Sie sollen im folgenden wiedergegeben werden:
Dies war nicht mein erster Aufenthalt in Deutschland, doch mein erster in „Ostdeutschland“. Ich verließ Potsdam traurig. Die Stadt ist wunderschön. Was mich jedoch irritiert hat, ist, daß die Menschen um 19.00 Uhr aufhören, diese Schönheit zu genießen. Die Straßen sind ab 19.00 Uhr abends fast leergefegt. Dies soll keine negative Bedeutung haben. Nur in der Türkei, da kennen wir es anders. Das Leben fängt erst sozusagen ab 21.00 Uhr an und läuft bis morgens früh. Was außerdem für einen Südländer wirklich ungewöhnlich war, ist das Wetter, das mitten im Sommer kalt und regnerisch war.
In der Türkei bin ich als Assistent bei einem Professor für Handelsrecht in der juristischen Fakultät der Universität von Izmit tätig. Izmit liegt am Meer - dort, wo die Kirschbäume wachsen. Die Fakultät wurde 1993 gegründet. Die ersten Vorlesungsveranstaltungen wurden 1994 begonnen. An meiner Fakultät, an der insgesamt 185 Studenten studieren und 35 Lehrkräfte beschäftigt sind, existieren drei Hauptabteilungen (Zivilrecht, Öffentliches Recht und Wirtschafts- und Finanzwesen) und 16 Lehrstühle. Die Fakultätsbibliothek dort braucht dringend fremdsprachige Bücher. Die Verhältnisse meiner Fakultät sind also vergleichbar mit der Potsdamer Juristischen Fakultät,
Das Gründungsziel meiner Fakultät lautet: „Die juristische Fakultät ist ein unvermeidbarer Wert der modernen Welt. Deshalb bemühen wir uns, als Mitglieder dieser Fakultät, die wissenschaftlichen Arbeiten und die Vorlesungen so zu gestalten, daß die Rechtsnormen entsprechend der modernen Zivilisation entwickelt, interpretiert und angewendet werden“. Aus diesem Grund sind wir an einer Partnerschaft mit einer Fakultät sehr interessiert, die die gleichen Ziele hat. Ich bin fest davon überzeugt, daß ich diese in Potsdam gefunden habe. Ein weiterer Ausbau der gemeinsamen For
schungsinteressen und -kontakte würde mich und die anderen Mitglieder meiner Fakultät deshalb sehr freuen, Weitere wissenschaftliche Projekte sind jedenfalls schon geplant.
Die herzliche Aufnahme von Prof. Dr. Detlev W. Belling und seiner Abteilung hat es mir ermöglicht, in der Potsdamer Juristischen Fakultät sehr nützliche und wichtige Erfahrungen zu machen. Die nette Betreuung von Prof. Belling und seinen Mitarbeitern werde ich nicht vergessen. Um so mehr freut es mich natürlich, daß mein zweimonatiger Aufenthalt wissenschaftliche Früchte getragen hat.
Von diesen wäre in erster Linie mein Aufsatz über „Die Anpassung des Tärifvertrages beim Wegfallen derGeschäftsgrundlage“ zu nennen, den ich unter Leitung Prof. Bellings gemeinsam mit diesem geschrieben habe. Dieses Thema hat große Bedeutung sowohl in der Türkei als auch in Deutschland. Die Wirtschaftskrise bzw. die raschen Änderungen in der Welt beeinflussen die Tkrifverträ- ge sehr. Obwohl es heutzutage oft vorkommt,' daß Thrifverträge angepaßt werden müssen, sind die Grundlagen und Prinzipien der Anpassung beim Wegfallen der Geschäftsgrundlage nicht vollständig festgelegt. Die Arbeit von Prof. Belling und mir bezweckte, die Lücke dieses Bereiches zu füllen. Auch wurden dabei zum ersten Mal die Grundlagen und die Methodik der Anpassung im türkischen Tärifvertragsrecht systematisiert sowie den Grundprinzipien und den beiden Rechtssystemen entsprechende Lösungen vorgeschlagen.
So fruchtbar sich die Beziehungen zwischen Potsdam und Izmit entwickelten und so angenehm mir mein Aufenthalt hier in Erinnerung bleiben wird, überschattet ihn doch ein Zwischenfall: Ich wurde am 21.8.1996 auf der Brandenburger Straße von zwei Personen angegriffen, als ich auf einer Bank saß. Sie schlugen mich zwar nicht, aber ich wurde massiv bedroht, Zum Glück hatte ich mein Handy dabei und konnte die Polizei benachrichtigen. Daß niemand mir geholfen hat, obwohl viele im Stadtcafe saßen und das Ganze beobachteten, erschreckt mich noch heute. Als ich schließlich im Cafe Zuflucht gefunden hatte, wurde die Kellnerin auch noch böse, weil ich nichts verzehren wollte. Obwohl ich meine Lage geschildert habe, hatte sie kein Verständnis dafür. Die Polizei kam dann auch zu spät zum Tätort, hatte jedoch eine Ausrede parat: sie hätten auch nur vier Räder. Prof. Belling jedenfalls sieht in dem Zwischenfall eine akute Gefährdung der sich noch im Aufbau befindlichen internationalen Kontakte. Mehmet Köksal
AUS DEM SENAT BERICHTET
In seiner 36. Sitzung am 5. September 1996 hat sich der Senat der Universität Potsdam u.a. mit folgenden Themen beschäftigt bzw. nachstehende Beschlüsse gefaßt:
Zur Verdeutlichung der angespannten Haushaltslage gab der Kanzler, Alfred Klein, einen ausführlichen Bericht zur Haushaltssituation nach den vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur geforderten Sparmaßnahmen. Die damit eingeleiteten Einschnitte würden die Entwicklung der Uni bis in das Jahr 2000 bestimmen (siehe dazu auch die Beiträge „Quo vadis Ausbildung?", „MittelfristigeFinanzplanung eine Katastrophe“ und die Stellungnahme der brandenburgischen Landesrektorenkonferenz an anderen Stellen dieser PUTZ). Der Senat stimmte der Antragstellung der Institute für Mathematik, Informatik sowie Physikalische Chemie und Theoretische Chemie an die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) auf Einrichtung und Förderung von drei Graduiertenkollegs zu. Es handelt sich um die Kollegs „Mathematische Physik - Klassische und quantenmechanische Dynamik von Tbilchen- systemen“, Vertrauenswürdige Systeme" und „Strukturbildung in kolloidalen Systemen". Die Finanzierung der Ausstattung muß aus dem Budget der entsprechenden Fakultät erfolgen.
Nach kontroverser Diskussion erließ der Senat, mit drei Gegenstimmen, die Hauenförderrichtlinien der Universität Potsdam als verbindliche Grundlage für die Frauenförderung an der Alma mater. Sie basieren auf dem Brandenburgischen Hochschulgesetz und dem Landesgleichstellungsgesetz. Mit den Förderrichtlinien der Uni sollen strukturelle Benachteiligungen von Frauen beseitigt und gleiche Entwicklungsmöglichkeiten von Hauen und Männern sichergestellt werden, um das Begabtenpotential von Hauen deutlich stärker als bisher auszuschöpfen. Die Richtlinien enthalten nach Aussagen der Gleichstellungsbeauftragten der Uni, Monika Stein, Maßnahmen, die den Anteil von Hauen in den von ihnen unterrepräsentierten Bereichen langfristig erhöhen und ihre Studien- und Arbeitssituation verbessern sollen. Es ist beabsichtigt, die beschlossenen Richtlinien nach zwei Jahren zu überprüfen und gegebenenfalls zu präzisieren. Einstimmig sprachen sich die Mitglieder des Senates für die Gründung einer Gesellschaft für Weiterbildung und Wissenstransfer mbH an der Universität Potsdam (GWW) aus. Zweck der Gesellschaft ist die Förderung des Wissenschaftstransfers zur
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PUTZ 8-9/96