Heft 
(1.1.2019) 08
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VOM TRÜMMERFELD ZUM HEILIGTUM: DIE REKONSTRUKTION TELL BASTAS

Grabung der Universität Potsdam im Nildelta macht Fortschritte - Ergebnisse nach fünf Jahren Arbeit

Hier lag der Oberkörper und da der Kopf. Und hier drüben lagen die Beine. Auf der anderen Seite genau das gleiche: Ein Oberkörper und irgendwo ist hier auch noch der Kopf.... Dr. Christian Tietze aus dem Historischen Institut der Universität Potsdam blickt auf die vor ihm ausgebrei­tete Skizze. Das, was man dort sieht, mu­tet ein wenig wie die Zeichnung eines durcheinandergeworfenen Puzzles an, wobei den Puzzleteilen allerdings die cha­rakteristischen Nasen und Buchten fehlen. Ah, ja hier! Uetzes Zeigefinger tippt ziel­sicher auf eines der Puzzleteile: der Kopf.

Köpfe, Oberkörper und Beine gehören nicht etwa zu einer zerstückelten Leiche, sondern vielmehr zu zwei Kolossalstatuen, die vor knapp 3000 Jahren in der Tfempelanlage Tfell Basta der damaligen ägyptischen Haupt­stadt Bubastis im Nildelta standen. Hier ver­ehrten die Ägypter die Katzengöttin Bastet und feierten ihr zu Ehren großartige Feste, wie sie von Herodot beschrieben wurden. Vermutlich war es ein Erdbeben, das die beiden ursprünglich wohl an die sechs Me­ter hohen Statuen aus Rosengranit in dem Ifempel zu Fall brachte, auch die übrige Tfempelanlage sowie das umliegende Bubastis zerstörte und den Festen ein jähes Ende bereitete. Etwa 2000 Jahre waren die

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Die Tkmpelanlage Tkll Basta: Für die Grabungen wurde das Gelände von Dr. Tietze in sieben streifenförmige Abschnitte eingeteilt, die jeweils einen Querschnitt durch die Tkmpelanlage darstellen. Fotos: Tietze

Ruinen den zerstö­renden Kräften der Natur und der Men­schen ausgesetzt.

Temperaturunter­schiede von rund 20°C zwischen Täg und Nacht sowie eine hohe Luftfeuch­tigkeit in der Nacht und am Morgen för­derten die Verwitte­rung der Steine. Die Römer nutzten die Ruinen als Stein­bruch, verarbeiteten den Kalkstein zu Mörtel, während aus dem Rosengranit - wie Spuren an noch vor­handenen Steinen zeigen - Mühlsteine ge­schlagen wurden. Seit Edouard Naville, ei­nem Schweizer Ägyptologen, der in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts die Anlage erkundete, wanderten zudem die schönsten Stücke in die Museen in aller Welt. Als 1991 der Archäologe Dr. Christian Tietze Tfell Ba­sta inspizierte, bot sich ihm ein großes Trüm­merfeld von Steinfragmenten, ein überdi­mensionales Puzzle eben mit über 5000 be­schädigten Tfeilen, zudem unvollständig, mit Flugsand bedeckt und mit Schilfgras be­wachsen. Tietze war nicht der erste, der in jüngerer Zeit an einer Rekonstruktion der Anlage interessiert war, jedoch hatten alle anderen vor ihm kapituliert.

In kurzer Zeit machte er eine erste Bestands­aufnahme des Geländes. Dabei stellte er eine Doppelreihe von breiten Mulden im Boden fest, die auf einer Länge von etwa 50 Metern in West-Ost-Richtung über das Ge­lände verlief. Sie markierte die Symmetrie­achse der spiegelsymmetrischen Tfempelan­lage. In jeder dieser Mulden befand sich nach Aussage Uetzes ein großer Funda­mentstein für eine Säule, so daß sich hier eine Säulenkolonnade entlanggezogen hat­te. Sie verband das im Osten gelegene, als Ifempel des Orsokon bezeichnete Gebäude, dessen Lage heute durch ein nahezu qua­dratisches Ruinenfeld an der Oberfläche markiert wird, mit dem westlichen, als Tfem- pel des Nektanebos bezeichneten Gebäude. Zwischen ihnen befand sich ein Hof, der axi­al von der erwähnten Säulenkolonnade in zwei Tbile geteilt wurde. Der Ifempel des Orsokon bestand selbst aus einer Eingangs­halle im Osten und der sich im Westen an­schließenden Festhalle des Orsokon. Diese Dreigliedrigkeit der Anlage hatte bereits

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Zwar gibt es größere und kostbarere Tbmpel, aber etwas Reizenderes als diesen kann man nicht sehen. "Von den Reizen, dieHerodot rühmte, ist heute, rund 2500Jahre später, nicht mehr viel geblieben.

Naville anhand des Trümmerfeldes erkannt. Das gesamte Areal der Tfempelanlage um­faßte damit ein Gebiet von fast 100 Meter Breite und 220 Meter Länge.

Seit fünf Jahren nun gräbt Tietze zusammen mit Studenten und wissenschaftlichen Mit­arbeitern in Tfell Basta; zwölf Wochen sind es jährlich, an denen das Erdreich abgetra­gen wird und jedes Detail in der Boden­veränderung, jede zutage geförderte Scher­be mit akribischer Genauigkeit dokumen­tiert wird. 8.000 Quadratmeter der 18.000 Quadratmeter großen Anlage sind bisher aufgenommen worden. 1993 wurde im Hof das Fußbodenniveau erreicht und in der Folge an der Stelle, wo sich ehemals die Fündamentsteine befanden, Betonfunda­mente eingelassen. Auf diesen wurden dann die erhaltenen Säulenfragmente auf­gerichtet, so daß mittlerweile der Verlauf der Säulenkolonnade wieder erkennbar ist. Die Tfempelanlage soll rekonstruiert wer­den und als Tteil eines Freilichtmuseums der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, erläutert Tietze sein Vorhaben.

Angesichts des Tohuwabohus an Gesteins­fragmenten ein fast unmöglich erscheinen­des Unterfangen. Aber zur Rekonstruktion einzelner Elemente gibt es neben deren Lage an ihren Fundstellen noch mehr Mög­lichkeiten der Zuordnung, so durch den Ver­gleich des Materials oder stilistischer Merkmale. Beispielsweise stammen die in Tfell Basta gefundenen Statuen bzw. Statuen­fragmente ursprünglich gar nicht alle von dort, sondern sind von bereits bestehenden Anlagen in anderen Landesteilen hierher transportiert worden. So eine Statue Ram- ses II (19. Dynastie). Sie dürfte aus Ramses- Stadt kommen, eine der beiden anderen Hauptstädte im Nildelta. Ramses- Stadt war

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