Heft 
(1.1.2019) 08
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WISSENSCHAFT AKTUELL

DIE DEUTSCHE FUNKTIONSELITE:

KEIN FÜHRUNGSDEFIZIT, ABER DEUTLICHE UNTERSCHIEDE

ZWISCHEN OST UND WEST

Die bundesdeutsche Führungsschicht sieht sich heute zunehmend in einer Moderatoren­rolle und setzt verstärkt auf eine partnerschaftlich orientierte Führung. Während das Prinzip der hierarchischen Führung und die Vorstellung eines starken Staates immer weiter in den Hintergrund rücken, gewinnen Ziele einer neuen Politik, die auf den Schutz von Minderheitsrechten, die Integration von Ausländem und Minderheiten sowie die Selbstbestimmung des Individuums ausgerichtet ist, immer mehr an Bedeutung.

Das ist eines der Ergebnisse der ersten bundesweiten Elitestudie, die nach der Wiedervereinigung an der Universität Pots­dam durchgeführt und nun erstmals voll­ständig der Öffentlichkeit präsentiert wur­de. Dabei gab der Projektleiter, Prof. Dr. Wilhelm Bürklin aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, bekannt, daß er und seine Mitarbeiter ein derzeit all­gemein beklagtes Führungsdefizit unter denMachern" in dieser Republik nicht er­kennen konnten. Auch seien die Durchset­zungskraft und das Kooperationspotential der Führungskräfte durch die immer stär­ker partnerschaftlich orientierte Führung nicht negativ beeinträchtigt.

Politische Gruppierung der heutigen Ostelite in der DDR

Fallzahl

Prozent

SED-Mitglieder

75 I 28,0

Blockpartei-Mitglieder

47 17,5

Ungebundene

81

.

30,3

Oppositionelle

65 24,2

Summe

268 100

Datenbasis; Potsdamer Elitenstudie 1995

Während diese Ergebnisse der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 1,3 Mio. DM und vom Ministerium für Wis­senschaft, Forschung und Kultur mit 150.000 DM finanzierten Studie fast keine Unter­schiede zwischen ost- und westdeutschen Führungskräften aufweisen, müssen aller­dings deutliche Differenzen in bezug auf die Einstellungen zum Umfang von Staat­saufgaben festgehalten werden. So prä- ferieren Osteliten ein Staatskonzept, wel­ches auf eine weitreichende Absicherung des Individuums und starke staatliche Steuerung ausgerichtet ist; Westeliten wen­den sich gegen staatliche Überregulierung und plädieren für eine soziale Marktwirt­schaft mit einer sozialen Grundsicherung. Die Sozialisation in den unterschiedlichen Gesellschaften der beiden deutschen Staa­ten erweist sich somit sechs Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer als das

prägende Moment", heißt es in der Potsda­mer Studie. Ganz offensichtlich tritt damit ein Integrationsproblem hinsichtlich eines wesentlichen Elementes der bundesdeut­schen Gesellschaftsordnung - nämlich des Konzeptes der sozialen Marktwirtschaft - zutage.

Beteiligt haben sich an dieser Elitestudie 2.341 von bundesweit insgesamt 4.000 Inha­bern höchster Führungspositionen aus Po­litik, Justiz, Wirtschaft, den Verbänden, der Wissenschaft, der Kultur und den Medien. Besonders bemerkenswert fand die Forschergruppe eine deutlich meßbare er­höhte Chancengleichheit für einen Aufstieg in der Elite: Auch wenn der Großteil noch immer aus dem gehobenen Mittelstand kommt, gelingt heute auch in der Wirtschaft und bei den bürgerlichen Parteien zuneh­mend der Aufstieg aus kleinen Verhältnis­sen. Prof. Bürklin spricht deshalb von einer tendenziell demokratisierten Elite". In die­sem Zusammenhang erwähnenswert ist ferner ein starker Anstieg des Firauenanteils an derbundesdeutschen Führungsschicht: Während dieser vor 14 Jahren, als in der alten Bundesrepublik die letzte große Elite­studie durchgeführt wurde, noch bei unter drei Prozent lag, sind heute immerhin schon 12,6 Prozent der höchsten Führungsschicht weiblich.

Gemessen an der Bevölkerungszahl sind Ostdeutsche zwar noch unterrepräsentiert in dieser Führungsschicht: sie machen ge­rade einmal 11,6 Prozent aus, Ihr Anteil va­riiert allerdings je nach Sektor erheblich. So

Parteiorientierung in der Führungsschicht

Parteiorientierung

Ost­

deutsche

West­

deutsche

Gesamt

CDU/CSU

21

41

39

SPD

31

28

28

FDP

10

16

15

Bündnis 90/Grüne

17

8

9

PDS

15

0

2

Andere, keine

6

7

6

Basis (n)

272

2069

2341

Spaltenprozentwerte

gibt es nur wenige Ostdeutsche in Berei­chen, in denen z.B. Kenntnis der westdeut­schen Institutionen vorausgesetzt werden muß (wie in der Justiz und Verwaltung), oder in den politiknahen Bereichen der ehe­maligen DDR (wie dem Militär). Hingegen sind Ostdeutsche in den Massenmedien und der Kultur bereits durchschnittlich ver­treten, während sie im Sektor Politik sogar deutlich überrepräsentiert sind. Allesamt verbinden sie meist prägnante Karriere­wege: sind sie doch durchschnittlich sie­ben Jahre jünger als vergleichbare

Sektorale Zusammensetzung der Führungsschicht

Sektor

Ost­

deutsche

West­

deutsche

Gesamt

Ostquote

Fblitik

58,8

16,4

21,3

32,1

\ferwattung

4,4

22,3

20,3

2,5

Wrt schaft

0,4

12,0

10,6

0,4

Wrt schafts­verbände

5,2

7,7

7,4

8,1

Gewerkschaften

4,4

4,1

4,1

12,4

Massenmedien

12,1

12,0

12,0

11,7

Wssenschaft

4,4

7,3

7,0

7,4

Mlitar

-

6,5

5,8

-

Kultur

4,8

4,3

4,3

12,9

Sonstige

5,5

7.4

7,2

8,9

Basis (n)

272

2069

2341

Ges.

11,9%

Spaltenprozentwerte

Positionsinhaber im Westen und haben rund drei Viertel von ihnen im Zuge der Vereinigung die Karriereschiene gewech­selt. Es dominiert heute die naturwissen­schaftlich-technische Intelligenz der zwei­ten Leitungs- und Expertenebene der frühe­ren DDR. Man könnte das Ganze auch als eineRevolution der früheren Stellvertreter bezeichnen, die nach dem Abtritt der ideo­logisch und politisch belasteten DDR-Amts- inhaber an deren Stelle traten.

In Anbetracht all dieser durchaus als bri­sant zu wertenden Ergebnisse halten es nun Prof. Dr. Wilhelm Bürklin und seine Mitstreiter Dr. Hilke Rebenstorf, Martina Sauer, Jörg Machatzke, Kai-Uwe Schnapp, Viktoria Kaina, Holger Schmidt und Christi­an Welzel für dringend erforderlich, aus der ersten gesamtdeutschen Elitestudie Schlußfolgerungen für den politischen Pro­zeß in Deutschland zu ziehen. Hg.

PUTZ 8-9/96

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