WISSENSCHAFT AKTUELL
DIE DEUTSCHE FUNKTIONSELITE:
KEIN FÜHRUNGSDEFIZIT, ABER DEUTLICHE UNTERSCHIEDE
ZWISCHEN OST UND WEST
Die bundesdeutsche Führungsschicht sieht sich heute zunehmend in einer Moderatorenrolle und setzt verstärkt auf eine partnerschaftlich orientierte Führung. Während das Prinzip der hierarchischen Führung und die Vorstellung eines starken Staates immer weiter in den Hintergrund rücken, gewinnen Ziele einer neuen Politik, die auf den Schutz von Minderheitsrechten, die Integration von Ausländem und Minderheiten sowie die Selbstbestimmung des Individuums ausgerichtet ist, immer mehr an Bedeutung.
Das ist eines der Ergebnisse der ersten bundesweiten Elitestudie, die nach der Wiedervereinigung an der Universität Potsdam durchgeführt und nun erstmals vollständig der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Dabei gab der Projektleiter, Prof. Dr. Wilhelm Bürklin aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, bekannt, daß er und seine Mitarbeiter ein derzeit allgemein beklagtes Führungsdefizit unter den „Machern" in dieser Republik nicht erkennen konnten. Auch seien die Durchsetzungskraft und das Kooperationspotential der Führungskräfte durch die immer stärker partnerschaftlich orientierte Führung nicht negativ beeinträchtigt.
Politische Gruppierung der heutigen Ostelite in der DDR
Fallzahl
Prozent
SED-Mitglieder
75 I 28,0
Blockpartei-Mitglieder
47 17,5
Ungebundene
81
.
30,3
Oppositionelle
65 24,2
Summe
268 100
Datenbasis; Potsdamer Elitenstudie 1995
Während diese Ergebnisse der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 1,3 Mio. DM und vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur mit 150.000 DM finanzierten Studie fast keine Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Führungskräften aufweisen, müssen allerdings deutliche Differenzen in bezug auf die Einstellungen zum Umfang von Staatsaufgaben festgehalten werden. So prä- ferieren Osteliten ein Staatskonzept, welches auf eine weitreichende Absicherung des Individuums und starke staatliche Steuerung ausgerichtet ist; Westeliten wenden sich gegen staatliche Überregulierung und plädieren für eine soziale Marktwirtschaft mit einer sozialen Grundsicherung. „Die Sozialisation in den unterschiedlichen Gesellschaften der beiden deutschen Staaten erweist sich somit sechs Jahre nach der Wiedervereinigung noch immer als das
prägende Moment", heißt es in der Potsdamer Studie. Ganz offensichtlich tritt damit ein Integrationsproblem hinsichtlich eines wesentlichen Elementes der bundesdeutschen Gesellschaftsordnung - nämlich des Konzeptes der sozialen Marktwirtschaft - zutage.
Beteiligt haben sich an dieser Elitestudie 2.341 von bundesweit insgesamt 4.000 Inhabern höchster Führungspositionen aus Politik, Justiz, Wirtschaft, den Verbänden, der Wissenschaft, der Kultur und den Medien. Besonders bemerkenswert fand die Forschergruppe eine deutlich meßbare erhöhte Chancengleichheit für einen Aufstieg in der Elite: Auch wenn der Großteil noch immer aus dem gehobenen Mittelstand kommt, gelingt heute auch in der Wirtschaft und bei den bürgerlichen Parteien zunehmend der Aufstieg aus kleinen Verhältnissen. Prof. Bürklin spricht deshalb von einer „tendenziell demokratisierten Elite". In diesem Zusammenhang erwähnenswert ist ferner ein starker Anstieg des Firauenanteils an derbundesdeutschen Führungsschicht: Während dieser vor 14 Jahren, als in der alten Bundesrepublik die letzte große Elitestudie durchgeführt wurde, noch bei unter drei Prozent lag, sind heute immerhin schon 12,6 Prozent der höchsten Führungsschicht weiblich.
Gemessen an der Bevölkerungszahl sind Ostdeutsche zwar noch unterrepräsentiert in dieser Führungsschicht: sie machen gerade einmal 11,6 Prozent aus, Ihr Anteil variiert allerdings je nach Sektor erheblich. So
Parteiorientierung in der Führungsschicht
Parteiorientierung
Ost
deutsche
West
deutsche
Gesamt
CDU/CSU
21
41
39
SPD
31
28
28
FDP
10
16
15
Bündnis 90/Grüne
17
8
9
PDS
15
0
2
Andere, keine
6
7
6
Basis (n)
272
2069
2341
Spaltenprozentwerte
gibt es nur wenige Ostdeutsche in Bereichen, in denen z.B. Kenntnis der westdeutschen Institutionen vorausgesetzt werden muß (wie in der Justiz und Verwaltung), oder in den politiknahen Bereichen der ehemaligen DDR (wie dem Militär). Hingegen sind Ostdeutsche in den Massenmedien und der Kultur bereits durchschnittlich vertreten, während sie im Sektor Politik sogar deutlich überrepräsentiert sind. Allesamt verbinden sie meist prägnante Karrierewege: sind sie doch durchschnittlich sieben Jahre jünger als vergleichbare
Sektorale Zusammensetzung der Führungsschicht
Sektor
Ost
deutsche
West
deutsche
Gesamt
Ostquote
Fblitik
58,8
16,4
21,3
32,1
\ferwattung
4,4
22,3
20,3
2,5
Wrt schaft
0,4
12,0
10,6
0,4
Wrt schaftsverbände
5,2
7,7
7,4
8,1
Gewerkschaften
4,4
4,1
4,1
12,4
Massenmedien
12,1
12,0
12,0
11,7
Wssenschaft
4,4
7,3
7,0
7,4
Mlitar
-
6,5
5,8
-
Kultur
4,8
4,3
4,3
12,9
Sonstige
5,5
7.4
7,2
8,9
Basis (n)
272
2069
2341
Ges.
11,9%
Spaltenprozentwerte
Positionsinhaber im Westen und haben rund drei Viertel von ihnen im Zuge der Vereinigung die Karriereschiene gewechselt. Es dominiert heute die naturwissenschaftlich-technische Intelligenz der zweiten Leitungs- und Expertenebene der früheren DDR. Man könnte das Ganze auch als eine „Revolution der früheren Stellvertreter“ bezeichnen, die nach dem Abtritt der ideologisch und politisch belasteten DDR-Amts- inhaber an deren Stelle traten.
In Anbetracht all dieser durchaus als brisant zu wertenden Ergebnisse halten es nun Prof. Dr. Wilhelm Bürklin und seine Mitstreiter Dr. Hilke Rebenstorf, Martina Sauer, Jörg Machatzke, Kai-Uwe Schnapp, Viktoria Kaina, Holger Schmidt und Christian Welzel für dringend erforderlich, aus der ersten gesamtdeutschen Elitestudie Schlußfolgerungen für den politischen Prozeß in Deutschland zu ziehen. Hg.
PUTZ 8-9/96
Seite 18