KULTUR
DAS SCHEINBAR EINFACHE, DAS SO SCHWER ZU MACHEN IST
Potsdamer Theaterleute interessieren sich für die Uni
Der Politiker Claus Dobberke, die künstlerische Geschäftsführerin des Kabaretts Obelisk Gretel Schulze, der Galerist Rainer Sperl, die Direktorin des Filmmuseums Dr. Bärbel Dalichow, der Kulturhausleiter Dr. Martin Langner - sie alle wollen eine intensivere Kooperation mit der Potsdamer Uni in Sachen Kultur (siehe PUTZ 3/96). Die Tsilnehmer am ersten Akademischen Kulturstammtisch Anfang November 1996 bekräftigten das Anliegen: die Uni muß in der City stärker präsent sein. Aber wie ist das zu verwirklichen? Ideen gibt es reichlich. An deren Umsetzung hapert es allerdings größtenteils noch.
Intendant will mit Studierenden reden
Das scheinbar so Einfache ist offensichtlich schwer zu realisieren. Der Intendant des Hans Otto Theaters (HOT) Stephan Märki erkennt, die Uni und sein Theater betreffend, ähnliche Probleme. Beide mit Sparauflagen konfrontiert, wirkten sie noch nicht im erforderlichen und möglichen Maße in die Stadt und die Region. Am Flair einer Studentenstadt fehle manches. Deshalb gelte es, die Ursachen hierfür herauszufinden. Um Genaueres zu er-
Sucht die Interessen der Studierenden herauszufinden: Hans Otto Theater-Intendant Stephan Märki. Foto: zg.
fahren, möchte er mit den Studierenden direkt ms Gespräch kommen. Ihn beschäftigt die Frage, wie Kommunikation herzustellen ist. Er will herausfinden, was die jungen Leute erwarten, weshalb sie die Aufführungen eher zurückhaltend besuchen. .Wenn sie nicht kommen, finden ihre Interessen natürlich weniger Berücksichtigung." Das sucht der Theatermann zu ändern, denn „uns ist sehr an einem Feedback gelegen“. Märki ist davon überzeugt,
daß seine Einrichtung von der geistigen Substanz der Stadt und damit auch der Uni getragen wird. Theater habe einen Bildungsauftrag zu erfüllen. Es müsse Fragen stellen, ohne sie in jedem Falle zu beantworten, Unbequemes aussprechen und Utopien vertreten. Die damit verbundene Neugier erwartet der Intendant nicht zuletzt von Studierenden und Hochschulangehörigen.
Kartenverkauf zukünftig an der Uni?
Bewährtes stärker zu nutzen und publik zu machen, dafür plädiert die Chefdramaturgin Heike Wintz. „Noch vor den Premierentagen laden wir das Publikum zu einem Einblickm den Entstehungsprozeß der jeweiligen Inszenierung ein.“ Das beinhaltet nicht nur die Besuche von Proben. Als Angebot der Reihe „Premierenfieber" stehen ebenso Einführungen zu Autoren, deren Werken und Gespräche mit den Produktionsteams. „Wir wollen, daß uns das Publikum, für das wir ja Theater machen, mit seiner Sympathie und seiner Kritik hilft", so Wmtz. Den Vergleich zwischen Proben und „Endprodukt“ anzustellen, sei ganz sicher spannend und reizvoll, sagt der Geschäftsführende Direktor des HOT, Dr. Rene Serge Mund. Voraussetzung für all dies ist allerdings der Besuch der Aufführungen.
Um denjenigen der Studierenden und Uni- Angehörigen, die „nur" ihre Bequemlichkeit überwinden müssen, den Kartenkauf zu erleichtern, erwägen die Theaterleute, einen Uni-Tisch direkt an der Hochschule einzurichten. Neben dem Ticketerwerb könnte dort ab und zu ein Dramaturg oder anderer Mitarbeiter zum Gespräch zur Verfügung stehen, meint Heike Wintz. Vorstellbar ist für Serge Mund, auf diese Weise bei Bedarf Statisten ausfindig zu machen. Auch die Einführung eines Studentenabonnements wird erwogen. Den schmalen Geldbeutel der Studierenden berücksichtigend, erhalten sie bereits jetzt alle Karten zum halben Preis. Bei gutem Willen aller Beteiligten sollten diese Ideen und Vorhaben schnell umsetzbar sein.
Offene Ohren für Uni-Interessen
Als schwieriger, aber nicht unlösbar, erweist sich ganz sicher anderes, Wenn die Uni ihr Interesse bekundet, ihre Bedürfnisse artikuliert, stößt sie bei uns immer auf offene Ohren", versichern die HOT-Verant- wortlichen. Warum sollte es also nicht möglich sein, die Tradition des Hochschultheatertages wiederzubeleben? Wenn es Sinn macht und gut vorbereitet ist, dann würden wir auch an der Uni mit einem
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Nach der Zerstörung der „Kanaloper'' 1945fand in Potsdam das Theater ab 1949 m einer umgebauten ehemaligen Thnzgaststätte seinen Spiel- ort. Das Hans Otto Theater in der Zimmerstraße '10 (unser Foto), als Zwischenlösung geplant, wurde nach 42 Jahren Spielbetrieb 1991 aus baupolizeilichen Gründen geschlossen. Nun ist vorgesehen, es bis 1999 zu einem modernen funktionalen Theater umzubauen, um es wieder als Hauptspielstätte nutzen zu können. Foto.zg.
geeigneten Stück und anschließendem Gespräch auftreten", versichert Wintz. Sie hat beispielsweise die aktuelle Inszenierung „Rattenjagd“ von Peter Thrrim im Blick. Studentenarbeiten aus dem künstlerischen Bereich könnten das Foyer der „Blechbüchse“ verschönern. Ein (vorhandener) Schaukasten an der Uni wäre geeignet, über Neuestes aus dem Theater zu informieren. Kontakte zu den Instituten für Musik und Musikpädagogik bzw. Germanistik würden sich als fruchtbar für beide Seiten erweisen. Ermutigendes gibt es bereits: Die kürzlich von HOT und dem Bereich Betriebwirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Marketing der Uni erarbeitete Besucherbefragung ergab wichtige, für das Theater verwertbare Aufschlüsse (siehe PUTZ 7/96).
Auf Unterstützung durch die Uni hoffen die Theaterleute in eigener Sache. Denn das Theater um das Theater hat sich über die Grenzen der Stadt hinaus herumgesprochen. Das Provisorium „Blechbüchse“ auf dem Alten Markt nehmen die Zuschauer nur schwer an, das Haus in der Zimmerstraße steht derzeit mehr oder weniger leer, die Theater- und Orchesterfusion ist umstritten. In dieser schwierigen Situation ist der Ruf nach öffentlich geäußerter Unterstützung vieler Verbündeter nur zu verständlich. B.E.
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PUTZ 8-9/96