LILA KÜHE UND MASKES BOXKAMPF
Hochschulkooperation Medien tagte
Wer erliegt beim Gang durch den Supermarkt nicht der Versuchung, die am Vorabend in der Femseh- oder Radiowerbung angepriesenen Marmeladen-, Waschmittel- oder Hundefuttermarken zu kaufen? Selbst wenn viele es weit von sich weisen, nimmt Werbung in unserem Leben einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert ein. Statistiken besagen, daß der durchschnittliche Fernsehzuschauer fast sieben Millionen Spots im Laufe seines Lebens zu sehen bekommt.
Nicht ohne Grund geben Unternehmen jeglicher Art und Größe horrende Summen dafür aus. So soll RTL bei Henry Maskes Abschieds-Boxkampf für einen 30-Sekunden- Werbespot in den Ringpausen 225.000 DM verlangt haben. Die Bilderwelten der Medien und der Werbung prägen also die Wahrnehmung, das soziale wie kulturelle Verhalten. Immer häufiger betrachten Menschen nicht die Realität, sondern die mediale Darstellung als wirklich. Melden sich doch beispielsweise bei der ARD Wohnungssuchende, wenn in der „Lindenstraße" jemand auszieht. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen demnach.
Im traditionellen Fächerspektrum der Hochschulen spielt die produktive Beschäftigung mit diesen Erscheinungen derzeit nur ver
einzelt statt. Diese Tätsache veranlaßte die Universität Potsdam, die Fachhochschule Potsdam und die Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ bereits 1995, sich zur „Potsdamer Hochschulkooperation Medien" zusammenzuschließen. „Unser Ziel besteht darin, bei der Vermittlung kritischer Medienkompetenz in Lehre und Forschung gemeinsam zu wirken. Damit leisten wir einen wissenschaftlichen Beitrag zum geplanten Medienstandort Potsdam-Babelsberg“, erläuterte die Prorektonn für Entwicklungsplanung und Finanzen an der Uni, Prof. Dr. Helene Harth, das Anliegen. Die For- schungs- und Lehrkapazitäten der Potsdamer Hochschulen müßten vor allem im Multimedia-Bereich noch stärker gebündelt, das vorhandene Know-how jeweils besser angewendet werden.
Für das erste gemeinsame öffentliche Auftreten nutzte die Hochschulkooperation eine Ende 1996 im Potsdamer Alten Rathaus veranstaltete Tagung. Sie stand unter der Thematik „Alltagsgeschäft und mediale Bilder: Werbung und Kultur“. In den vier Arbeitsgruppen befaßten sich die Teilnehmer mit den Zusammenhängen von Werbung und kritischer Medienerziehung, kulturellem Bildbewußtsein und gesellschaftlichem Normbewußtsein. Auch wenn Werbung die Kunst sei, auf den Kopf zu zielen
CHINESISCHE EXPERTEN FÜR BILDUNGSPLANUNG AN DER UNI
Im Rahmen ihres zehntägigen Deutschlandaufenthaltes besuchte vor einigen Wochen eine siebenköpfige chinesische Delegation auch die Potsdamer Universität. Die Gäste sind in ihrer Heimat als Fachreferenten für Bildungsplanung der Zentral- und Provinzialbildungsbehörden tätig. Aus diesem Grunde ließen sie sich von der Prorektorin für Lehre und Studium an der Potsdamer Hochschule, Prof. Dr. Bärbel Kirsch (links), dem Dezernenten für Akademische und studentische Angelegenheiten, Norbert Stief, und Wissenschaftlern über Erfahrungen und Tendenzen der Bildungsplanung im allgemeinen und unter den Bedingungen desAufloaus einer Universität in den neuen Bundesländern im besonderen unterrichten. Das Interesse der Besucher galt neben den inneruniversitären Planungsprozessen unter anderem den Strukturkonzepten und dem Haushalt der Uni, Studienabläufen, Studienbedingungen, Studien- und Prüfungsordnungen. B.E./Foto: Fritze
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„Auf die Fahne geschrieben“, so der Titel einer die Konferenz begleitenden Ausstellung, haben Studierende der Fachhochschule Potsdam Äußerungen zum Thema Werbung.
Foto: Tribukeit
und die Brieftasche“ zu treffen, beteiligte sich Dr. Detlef Gwosc von der Hochschule für Film und Fernsehen nicht an ihrer Verteufelung. Vielmehr geht es ihm um Aufklärung, Gegensteuerung und umfassende Medienerziehung.
Für den kritischen Umgang mit den Medien sprach sich ebenso Dr. Hans-Jörg Pöttrich, Leiter der Arbeitsstelle Medienpädagogik an der Uni, aus. In seinem Vortrag „Deutschlands Kühe sind lila oder Der Mensch ist ein Hund: Werbewirkung und erzieherische Konzepte“ plädierte er dafür, Werbung, die an Professionalität kaum zu überbieten sei, als Kunst anzusehen, ohne dem Kaufappell zu erliegen. Medienkompetenz setze Medienalphabetisierung voraus, Das hieße, Medien sehen und hören zu lernen. Medienverbote erwiesen sich als wenig sinnvoll, vielmehr sei ein mündiger Rezipient gefragt.
Der Germanist Dr. Karl-Heinz Siehr, Uni Potsdam, verwies dabei auf die Notwendigkeit interdisziplinärer Zusammenarbeit. Denn der mündige Bürger existiere ebensowenig a priori wie Werbung in jedem Falle Manipulation bedeute. Aber Mündigkeit müsse erworben werden, es seien entsprechende Werkzeuge an die Hand zu geben. Wie funktionieren Sprache und Bilder? Wie entsteht Manipulation? Die Beschäftigung mit solchen und ähnlichen Fragen sei unabdingbar, um „Warnsysteme“ aufbauen zu können. Bleibt also zu hoffen, daß die Konferenz und die aus ihr resultierenden Impulse für die verstärkte Kooperation der Potsdamer Hochschulen dazu beitragen, die Zahl jener Kinder zu erhöhen, die zukünftig eher schwarz-weiße oder braune als lila Kühe malen. Schade übrigens, daß die für den zweiten Konferenztag geplante, so wichtige Diskussion zum Marketingkonzept für Potsdam nicht stattfinden konnte. B.E.
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