Heft 
(1.1.2019) 02
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LILA KÜHE UND MASKES BOXKAMPF

Hochschulkooperation Medien tagte

Wer erliegt beim Gang durch den Super­markt nicht der Versuchung, die am Vor­abend in der Femseh- oder Radiowerbung angepriesenen Marmeladen-, Wasch­mittel- oder Hundefuttermarken zu kau­fen? Selbst wenn viele es weit von sich weisen, nimmt Werbung in unserem Le­ben einen nicht zu unterschätzenden Stel­lenwert ein. Statistiken besagen, daß der durchschnittliche Fernsehzuschauer fast sieben Millionen Spots im Laufe seines Lebens zu sehen bekommt.

Nicht ohne Grund geben Unternehmen jeg­licher Art und Größe horrende Summen da­für aus. So soll RTL bei Henry Maskes Ab­schieds-Boxkampf für einen 30-Sekunden- Werbespot in den Ringpausen 225.000 DM verlangt haben. Die Bilderwelten der Medi­en und der Werbung prägen also die Wahr­nehmung, das soziale wie kulturelle Verhal­ten. Immer häufiger betrachten Menschen nicht die Realität, sondern die mediale Dar­stellung als wirklich. Melden sich doch bei­spielsweise bei der ARD Wohnungssuchen­de, wenn in derLindenstraße" jemand aus­zieht. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen demnach.

Im traditionellen Fächerspektrum der Hoch­schulen spielt die produktive Beschäftigung mit diesen Erscheinungen derzeit nur ver­

einzelt statt. Diese Tätsache veranlaßte die Universität Potsdam, die Fachhochschule Potsdam und die Hochschule für Film und FernsehenKonrad Wolf bereits 1995, sich zurPotsdamer Hochschulkooperation Me­dien" zusammenzuschließen.Unser Ziel besteht darin, bei der Vermittlung kritischer Medienkompetenz in Lehre und Forschung gemeinsam zu wirken. Damit leisten wir ei­nen wissenschaftlichen Beitrag zum geplan­ten Medienstandort Potsdam-Babelsberg, erläuterte die Prorektonn für Entwicklungs­planung und Finanzen an der Uni, Prof. Dr. Helene Harth, das Anliegen. Die For- schungs- und Lehrkapazitäten der Potsda­mer Hochschulen müßten vor allem im Mul­timedia-Bereich noch stärker gebündelt, das vorhandene Know-how jeweils besser ange­wendet werden.

Für das erste gemeinsame öffentliche Auf­treten nutzte die Hochschulkooperation eine Ende 1996 im Potsdamer Alten Rat­haus veranstaltete Tagung. Sie stand unter der ThematikAlltagsgeschäft und media­le Bilder: Werbung und Kultur. In den vier Arbeitsgruppen befaßten sich die Teilneh­mer mit den Zusammenhängen von Wer­bung und kritischer Medienerziehung, kul­turellem Bildbewußtsein und gesellschaft­lichem Normbewußtsein. Auch wenn Wer­bung die Kunst sei, auf den Kopf zu zielen

CHINESISCHE EXPERTEN FÜR BILDUNGSPLANUNG AN DER UNI

Im Rahmen ihres zehntägigen Deutschlandaufenthaltes besuchte vor einigen Wochen eine sieben­köpfige chinesische Delegation auch die Potsdamer Universität. Die Gäste sind in ihrer Heimat als Fachreferenten für Bildungsplanung der Zentral- und Provinzialbildungsbehörden tätig. Aus diesem Grunde ließen sie sich von der Prorektorin für Lehre und Studium an der Potsdamer Hochschule, Prof. Dr. Bärbel Kirsch (links), dem Dezernenten für Akademische und studentische Angelegenheiten, Norbert Stief, und Wissenschaftlern über Erfahrungen und Tendenzen der Bildungsplanung im allgemeinen und unter den Bedingungen desAufloaus einer Universität in den neuen Bundesländern im besonderen unterrichten. Das Interesse der Besucher galt neben den inneruniversitären Pla­nungsprozessen unter anderem den Strukturkonzepten und dem Haushalt der Uni, Studienabläufen, Studienbedingungen, Studien- und Prüfungsordnungen. B.E./Foto: Fritze

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Auf die Fahne geschrieben, so der Titel einer die Konferenz begleitenden Ausstellung, haben Studierende der Fachhochschule Potsdam Äußerungen zum Thema Werbung.

Foto: Tribukeit

und die Brieftasche zu treffen, beteiligte sich Dr. Detlef Gwosc von der Hochschule für Film und Fernsehen nicht an ihrer Ver­teufelung. Vielmehr geht es ihm um Aufklä­rung, Gegensteuerung und umfassende Medienerziehung.

Für den kritischen Umgang mit den Medi­en sprach sich ebenso Dr. Hans-Jörg Pöttrich, Leiter der Arbeitsstelle Medien­pädagogik an der Uni, aus. In seinem Vor­tragDeutschlands Kühe sind lila oder Der Mensch ist ein Hund: Werbewirkung und erzieherische Konzepte plädierte er dafür, Werbung, die an Professionalität kaum zu überbieten sei, als Kunst anzusehen, ohne dem Kaufappell zu erliegen. Medien­kompetenz setze Medienalphabetisierung voraus, Das hieße, Medien sehen und hö­ren zu lernen. Medienverbote erwiesen sich als wenig sinnvoll, vielmehr sei ein mündiger Rezipient gefragt.

Der Germanist Dr. Karl-Heinz Siehr, Uni Pots­dam, verwies dabei auf die Notwendigkeit interdisziplinärer Zusammenarbeit. Denn der mündige Bürger existiere ebensowenig a priori wie Werbung in jedem Falle Manipu­lation bedeute. Aber Mündigkeit müsse er­worben werden, es seien entsprechende Werkzeuge an die Hand zu geben. Wie funk­tionieren Sprache und Bilder? Wie entsteht Manipulation? Die Beschäftigung mit sol­chen und ähnlichen Fragen sei unabdingbar, umWarnsysteme aufbauen zu können. Bleibt also zu hoffen, daß die Konferenz und die aus ihr resultierenden Impulse für die verstärkte Kooperation der Potsdamer Hochschulen dazu beitragen, die Zahl jener Kinder zu erhöhen, die zukünftig eher schwarz-weiße oder braune als lila Kühe malen. Schade übrigens, daß die für den zweiten Konferenztag geplante, so wichtige Diskussion zum Marketingkonzept für Pots­dam nicht stattfinden konnte. B.E.

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