CAMPUS
CHEMIE IN BERLIN UND POTSDAM # W ® i.““ *
Brückenschlag zwischen universitärer Forschung und industrieller Anwendung
Seit 1984 führen der Berliner Landesverband der Chemischen Industrie e.V und die R-eie sowie die Technische Universität Berlins jährliche Gemeinschaftsveranstaltungen durch, auf denen neueste Forschungsergebnisse vorgestellt und die gegenseitigen Kontakte vertieft werden. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands und Berlins gesellten sich schließlich auch die Humboldt-Universität zu Berlin und die Universität Potsdam zu dem Kreis, der nun Ende des vergangenen Jahres erstmals im Brandenburgi- schen an der Potsdamer Uni tagte. In seinen begrüßenden Worten bekannte sich der Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur Brandenburgs, Steffen Reiche, dabei klar zur Chemie und den Naturwissenschaften an der Universität Potsdam: „Mich überzeugt das Kooperationskonzept der Potsdamer Naturwissenschaften als ein wegweisendes“, erklärte er und bezeichnete die Chemie in diesem Zusammenhang als Kemfach für andere Disziplinen.
Das in Potsdam aufgebaute integrative Netz einer engen Kooperation mit außerum- versitären Forschungseinrichtungen und Berliner Angeboten spiegelte sich denn auch in der Zahl der Veranstaltungsteilnehmer wider, die im Verlauf des Täges
Chemie in Berlin und Potsdam
Die Communs der Universität Potsdam schmückten die Einladungen zu der Gemeinschaftsveranstaltung „Chemie in Berlin und Potsdam", Abb.: Fritze/Jeromin
auf über 400 anstieg. Das Programm sah dabei nach den einleitenden Worten des Wissenschaftsministers und des Potsdamer Dekans der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Jürgen Kurths, diverse Fachvorträge, eine Posterschau und eine Rede des Vorsitzenden des Berliner Verbandes der Chemischen Industrie e.V, Hansjürgen Neide, vor. Neide betonte darin nicht nur, daß sie mit diesem Forum die Forderung nach Ausbau der Zusammenarbeit von Hochschulen und Wirtschaft erfüllen wollten; er ging auch auf die „derzeit eher hemmenden politischen Rahmenbedingun- gen“ für die Wirtschaft und die äußerst schwierige Situation für die Berliner und Brandenburger Hochschulen ein. Insgesamt, so Neide, liefe die Region durch die beschlossenen Einsparungen Gefahr, für Investoren uninteressanter zu werden.
Was die Berliner Chemie beträfe, so sei die Situation zum einen negativ, da sie über eine konsumorientierte Produktpalette verfügte und gerade hier starke Nachffageausfälle zu verzeichnen wären. Zu den wichtigsten Produktionsbereichen der in Berlin ansässigen Chemiefirmen zählten Pharma, Kosmetik, Farben und Lacke sowie Fotochemie. Auf der anderen Seite konnte Hansjürgen Neide
jedoch darauf verweisen, daß viele Berliner Chemieunternehmen schon seit Jahren auf den Weltmärkten aktiv seien und durch eine hohe Exportquote Ausfälle auf dem Inlandsmarkt zumindest kompensieren würden: Während in der gesamten Berliner Industrie die Exportquote bei nur 14 Prozent läge, erreichte sie in der chemischen Industrie der Stadt 45 Prozent.
Was den von Berlins Chemiefirmen in den ersten neun Monaten 1996 erzielten Umsatz betrifft, so bezifferte ihn der Verbandsvorsitzende auf 3,1 Milliarden DM. Dazu beigetragen haben rund 17.000 Mitarbeiter, 3,5 Prozent weniger als im Jahr zuvor. „Damit konnte der Beschäftigungsrückgang zwar noch nicht gestoppt werden, es gab aber eine deutliche Verlangsamung gegenüber den Vorjahren“, betonte Neide und wies in diesem Zusammenhang darauf hm, daß die Berliner chemische Industrie seiner Einschätzung nach immer noch ein wichtiger Arbeitgeber für Hochschulabsolventen sei. - Erfreulich war deshalb auch die zahlreiche Teilnahme von Chemie-Studierenden der vier Universitäten an der Gemein- schaftsveranstaltung, die sich nicht zuletzt vor diesem Hintergrund wirklich zu einem Forum entwickelte. Hg.
REISENDE UND DAHEIMGEBLIEBENE
Zur Antrittsvorlesung Prof. Dr. Ottmar Ettes
Reisen ist seit Jahrhunderten ein Traum vieler Menschen. Aber auch Reiseliteratur übt eine ganz eigene Faszination aus. So regte seine Reise 1789 nach Paris Joachim Heinrich Campe zu folgenden Zeilen an: „Hier dehnte sich unser Horizont auf einmal, wenigstens stromauf- und abwärts, zu einer unbeschreiblich schönen und großen Perspektive aus; und der widerliche Eindruck, den der bis dahin von uns gesehene Theil der unförmlichen Riesenstadt auf uns gemacht hatte, löste sich hier plötzlich in Bewunderung und Erstaunen auf.“
Um der Anziehungskraft jener Literatur nachzuspüren, beschäftigte sich Prof. Dr. Ottmar Ette in seiner kürzlich gehaltenen Antrittsvorlesung mit dem Thema „Reisende und Daheimgebliebene. Der Reisebericht und seine Bewegungen“. Der Professor für spanisch- und französischsprachige Literatur im Institut für Romanistik der Philosophischen Fakultät I versteht Reiseliteratur als eine Art Spezialisierung von Verstehensprozessen im Raum. Ette unterscheidet hierbei sechs Dimensionen. So die kartographische Erfassung und Auswertung der Reisen. Der wohl bekannteste deutschsprachige Reisende des 19. Jahrhunderts, Alexander von Humboldt, hat in seine Tägebücher neben schriftlichen Notizen kartographische Aufnahmen von Flüssen eingezeichnet, die
Prof, Dr, Ottmar Ette
Foto: Tribukeit
das linienhafte Vordringen des Reisenden vor Augen führen. Er hinterließ wahre „Naturgemälde" in ihrer Entstehung. Als dritte Dimension des Raumes erfaßte der Referent jene, die sich gerade der Reisebericht des ausgehenden 18, und beginnenden 19, Jahrhunderts zu eigen machte und erforschte: die Höhendimension. Denn Bergbesteigungen fehlten in den Berichten jener Zeit selten. Genannt sei in diesem Zusammenhang Humboldts berühmte Ersteigung des Chimborazo. Sie führte zu neuartigen Formen kartographischer Höhendarstellungen und Aufrissen, die relationstreue wie schematische Profile Fortsetzung nächste Seite
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