CAMPUS
EINE UBERLEBENSFRAGE FÜR DIE DEUTSCHE WIRTSCHAFT?!
Folker Streib von der Commerzbank referierte über Asien
Zu einem Gastvortrag von Folker Streib, Mitglied der Geschäftsleitung der Commerzbank ÄG, Filiale Berlin konnte Prof. Dr. Detlev Hummel aus der Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam vor kurzem einladen. Die Veranstaltung fand reges Interesse bei zahlreichen Studenten, Wissenschaftlern und etwa 50 Praktikern aus Banken und Industrie. Der Referent berichtete über Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Wirtschaftsleben zwischen Ost-Asien, insbesondere Japan, und Deutschland. Aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit als Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Tokio schien Streib dazu prädestiniert, den Anwesenden auf anregende Weise Asien näherzubringen, konnte er doch über Erfahrungen und Fakten aus erster Hand berichten. Dabei gab der Referent Anregungen zur Standortdiskussion in Berlin/Brandenburg und versuchte, aus dem wirtschaftlichen Erfolg Asiens Ansatzpunkte zur Lösung der wirtschaftlichen Probleme unserer Region abzuleiten.
Ausgangspunkt von Streibs Überlegungen war zunächst die wirtschaftliche Situation in Ostdeutschland nach der Wende, die u.a. durch fehlende Erfahrung der Unternehmen auf internationalen Märkten, aber auch durch völlig andere Schwierigkeiten, als sie z.B, westdeutsche Mittelstand hatte, gekennzeichnet war. Die wirtschaftliche Position Asiens war nach dem Zweiten Weltkrieg bedeutend schlechter, vollzog jedoch bis heute eine dynamische Entwicklung. So nahm die Wirtschaftsgröße Japans, die noch 1960 nur etwa ein Fünftel der der USA betrug, bis heute auf ein Niveau von 5/6 der amerikanischen Wirtschaftsleistung zu. Das Pro-Kopf-Einkommen Koreas hat sich von 100 US-Dollar in den fünfziger Jahren auf über 8.000 US-Dollar heute erhöht. Obwohl auch Deutschland - so Streib - sich in den letzten Jahrzehnten wirtschaftlich erfolgreich entwickelt habe, mußte es doch einige Branchen einbüßen und an Asien abgeben. Auf diesen Feldern betätigen sich nun Japan und Korea sehr erfolgreich. Man denke etwa an die Herstellung von Fotoapparaten und Uhren oder an die Unterhaltungselektronik und die Flüssigkeitskristalltechnologie, die ursprünglich in Deutschland erfunden, aber nur in Japan in marktfähige Produkte umgemünzt wurde. Auch im High-Tbch-Sektor behauptet Japan mittlerweile die weltweite Spitzenposition, Diese Betrachtungen führte Streib insbesondere auf die in Asien herrschende, andere Mentalität zurück. Den wichtigsten
„competitive advantage“ für Asien sah er in der Fähigkeit zu lernen. Für ihn sind die Asiaten Weltmeister im Lernen. So seien in Japan 96 % aller Schulabsolventen Abiturienten. In Zukunft kämen fünf von acht Studierfähigen weltweit aus Asien. Entscheidend sei neben dem Lernen auch die Geschwindigkeit des Lernprozesses. Anders als in Deutschland gäbe es im Japanischen kein Wort für „recht haben“. Während es Europäern zu eigen sei, sofort alles und jedes zu werten, seien Wertungen Asiaten zunächst fremd. Vielmehr sei es in Japan und Asien unverzeihbar, zu zeigen, daß man recht habe, weil dies zu einem Gesichtsverlust des anderen führe. Eine stete Suche nach Recht und eine ständige Wertung des Wahrgenommenen gehe jedoch zu Lasten der Geschwindigkeit des Lernprozesses. Daß Japan mittlerweile im High-Ttech-Be- reich führend sei, führte Folker Streib auch auf die Einheit der japanischen Wirtschaft nach außen zurück, Während sich deutsche Unternehmen gegenseitig harte Kämpfe im Wettbewerb außerhalb Deutschlands lieferten, sei etwa eine Bewerbung mehrerer japanischer Unternehmen bezüglich einer ausländischen Projektausschreibung unüblich. Zum anderen spiele auch der Staat in Japan eine andere Rolle. Er trage lediglich 17 % der Forschungskosten. Hauptsächlich rufe er alle Unternehmen an einen Tisch, um die Erarbeitung der nächsten technischen Stufe zu erörtern. Wer keine Ergebnisse vorweisen könne, werde bei der Öffnung des Marktes nicht beteiligt. Konfrontationen zwischen den einzelnen Unternehmen fänden somit lediglich nach innen, nicht aber nach außen statt.
In der Bundesrepublik würden dagegen Unmengen von Geldern in „nicht erhaltungswürdige Wirtschaften des letzten Jahrhunderts, wie etwa den Kohleabbau“, gesteckt. Wenn diese Gelder wie in den Vereinigten Staaten und in Japan in zukunftsorientierte Wirtschaften investiert worden wären, so gäbe es nach Streib heute acht Millionen mehr Arbeitsplätze. Die Gründe für den Erfolg der asiatischen gegenüber der europäischen Wirtschaft längen damit erstens m deren effizienter Lernfähigkeit und zweitens in dem Zusammenhalt nach außen. Mit diesen Eigenschaften könne man andere Wirtschaftsteilnehmer „kaputtdumpen“. Bezüglich des deutschen Marktes bedauerte der Referent, daß eine maturierte Gesellschaft gegen Kämpfende keine Chance habe. Aufgrund hoher Lohnkosten, einem als irrwitzig bezeichneten Arbeitsrecht, einer noch irrwitzigeren Arbeitsrechtsprechung und mangelnder Flexibilität nehme beispielsweise die amerikanische Industrie
Brachte seinen Zuhörern zahlreiche Unterschiede zwischen der asiatischen und der deutschen Wirtschaft nahe: Folker Streib, Mitglied der Geschäftsleitung der Commerz- bankÄG, Filiale Berlin. Foto: Fritze
in Deutschland nur noch „Ersatzinvestitionen' 1 vor. Man habe im Ausland das Vertrauen in die Reformierfähigkeit der Bundesrepublik verloren. Außerdem sei in Deutschland gar nicht in der Breite erkannt worden, was Globalisierung mit ihren Auswirkungen auf jeden einzelnen bedeute.
Deutschland - so das Fazit Streibs - könne nur durch innovative Techniken und den Ausbau dieser Techniken interessant gehalten werden. Ale anderen Bereiche, etwa Dienstleistungen, die ein Investor in Europa ansiedeln wolle, könne er in Ländern mit niedrigeren Lohnnebenkosten besser ansiedeln. Was die Region Berlin-Brandenburg beträfe, so müsse hier zunächst festgelegt werden, was die Region besser als andere Regionen könne und was anderenorts besser funktioniere und warum. Voraussetzung für ein Prosperieren dieser Region sei in jedem Fall die zentral als Chefsache vorgenommene Ausarbeitung und Organisation ihres speziellen Standort- profils innerhalb Europas.
An Studenten am Standort Berlin/Brandenburg knüpfte Folker Streib die Erwartung, so lange wie möglich ins Ausland zu gehen, um über die eigenen Anschauungen hinausblicken zu können. Vieles, das anderswo „just different“ sei, könnte ansonsten nicht verstanden werden. Die Zukunft liege aber nicht darin, anderen seine eigene Prägung zu oktroyieren, sondern andere in ihrer Andersartigkeit zu begreifen.
Philipp Steden/Birgit Minckert/ Thilo Seelbach
PUTZ 2/97
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