Heft 
(1.1.2019) 02
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CAMPUS

EINE UBERLEBENSFRAGE FÜR DIE DEUTSCHE WIRTSCHAFT?!

Folker Streib von der Commerzbank referierte über Asien

Zu einem Gastvortrag von Folker Streib, Mitglied der Geschäftsleitung der Com­merzbank ÄG, Filiale Berlin konnte Prof. Dr. Detlev Hummel aus der Wirtschafts­und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam vor kurzem einladen. Die Veranstaltung fand reges Interesse bei zahlreichen Studenten, Wissenschaftlern und etwa 50 Praktikern aus Banken und Industrie. Der Referent berichtete über Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Wirtschaftsleben zwischen Ost-Asien, ins­besondere Japan, und Deutschland. Auf­grund seiner langjährigen Tätigkeit als Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Tokio schien Streib dazu prädestiniert, den Anwesenden auf anregende Weise Asien näherzubringen, konnte er doch über Erfahrungen und Fak­ten aus erster Hand berichten. Dabei gab der Referent Anregungen zur Standort­diskussion in Berlin/Brandenburg und ver­suchte, aus dem wirtschaftlichen Erfolg Asiens Ansatzpunkte zur Lösung der wirt­schaftlichen Probleme unserer Region ab­zuleiten.

Ausgangspunkt von Streibs Überlegungen war zunächst die wirtschaftliche Situation in Ostdeutschland nach der Wende, die u.a. durch fehlende Erfahrung der Unterneh­men auf internationalen Märkten, aber auch durch völlig andere Schwierigkeiten, als sie z.B, westdeutsche Mittelstand hatte, ge­kennzeichnet war. Die wirtschaftliche Posi­tion Asiens war nach dem Zweiten Welt­krieg bedeutend schlechter, vollzog jedoch bis heute eine dynamische Entwicklung. So nahm die Wirtschaftsgröße Japans, die noch 1960 nur etwa ein Fünftel der der USA betrug, bis heute auf ein Niveau von 5/6 der amerikanischen Wirtschaftsleistung zu. Das Pro-Kopf-Einkommen Koreas hat sich von 100 US-Dollar in den fünfziger Jahren auf über 8.000 US-Dollar heute erhöht. Obwohl auch Deutschland - so Streib - sich in den letzten Jahrzehnten wirtschaftlich erfolg­reich entwickelt habe, mußte es doch eini­ge Branchen einbüßen und an Asien abge­ben. Auf diesen Feldern betätigen sich nun Japan und Korea sehr erfolgreich. Man den­ke etwa an die Herstellung von Fotoappara­ten und Uhren oder an die Unterhaltungs­elektronik und die Flüssigkeitskristall­technologie, die ursprünglich in Deutsch­land erfunden, aber nur in Japan in markt­fähige Produkte umgemünzt wurde. Auch im High-Tbch-Sektor behauptet Japan mitt­lerweile die weltweite Spitzenposition, Diese Betrachtungen führte Streib insbe­sondere auf die in Asien herrschende, an­dere Mentalität zurück. Den wichtigsten

competitive advantage für Asien sah er in der Fähigkeit zu lernen. Für ihn sind die Asiaten Weltmeister im Lernen. So seien in Japan 96 % aller Schulabsolventen Abituri­enten. In Zukunft kämen fünf von acht Studierfähigen weltweit aus Asien. Ent­scheidend sei neben dem Lernen auch die Geschwindigkeit des Lernprozesses. An­ders als in Deutschland gäbe es im Japani­schen kein Wort fürrecht haben. Während es Europäern zu eigen sei, sofort alles und jedes zu werten, seien Wertungen Asiaten zunächst fremd. Vielmehr sei es in Japan und Asien unverzeihbar, zu zeigen, daß man recht habe, weil dies zu einem Gesichts­verlust des anderen führe. Eine stete Suche nach Recht und eine ständige Wertung des Wahrgenommenen gehe jedoch zu Lasten der Geschwindigkeit des Lernprozesses. Daß Japan mittlerweile im High-Ttech-Be- reich führend sei, führte Folker Streib auch auf die Einheit der japanischen Wirtschaft nach außen zurück, Während sich deutsche Unternehmen gegenseitig harte Kämpfe im Wettbewerb außerhalb Deutschlands liefer­ten, sei etwa eine Bewerbung mehrerer ja­panischer Unternehmen bezüglich einer ausländischen Projektausschreibung unüb­lich. Zum anderen spiele auch der Staat in Japan eine andere Rolle. Er trage lediglich 17 % der Forschungskosten. Hauptsächlich rufe er alle Unternehmen an einen Tisch, um die Erarbeitung der nächsten techni­schen Stufe zu erörtern. Wer keine Ergeb­nisse vorweisen könne, werde bei der Öff­nung des Marktes nicht beteiligt. Konfron­tationen zwischen den einzelnen Unterneh­men fänden somit lediglich nach innen, nicht aber nach außen statt.

In der Bundesrepublik würden dagegen Unmengen von Geldern innicht erhaltungs­würdige Wirtschaften des letzten Jahrhun­derts, wie etwa den Kohleabbau, gesteckt. Wenn diese Gelder wie in den Vereinigten Staaten und in Japan in zukunftsorientierte Wirtschaften investiert worden wären, so gäbe es nach Streib heute acht Millionen mehr Arbeitsplätze. Die Gründe für den Er­folg der asiatischen gegenüber der europäi­schen Wirtschaft längen damit erstens m deren effizienter Lernfähigkeit und zweitens in dem Zusammenhalt nach außen. Mit die­sen Eigenschaften könne man andere Wirtschaftsteilnehmerkaputtdumpen. Bezüglich des deutschen Marktes bedauer­te der Referent, daß eine maturierte Gesell­schaft gegen Kämpfende keine Chance habe. Aufgrund hoher Lohnkosten, einem als irrwitzig bezeichneten Arbeitsrecht, ei­ner noch irrwitzigeren Arbeitsrechtspre­chung und mangelnder Flexibilität nehme beispielsweise die amerikanische Industrie

Brachte seinen Zuhörern zahlreiche Unter­schiede zwischen der asiatischen und der deutschen Wirtschaft nahe: Folker Streib, Mitglied der Geschäftsleitung der Commerz- bankÄG, Filiale Berlin. Foto: Fritze

in Deutschland nur nochErsatzinvestitio­nen' 1 vor. Man habe im Ausland das Vertrau­en in die Reformierfähigkeit der Bundesre­publik verloren. Außerdem sei in Deutsch­land gar nicht in der Breite erkannt worden, was Globalisierung mit ihren Auswirkungen auf jeden einzelnen bedeute.

Deutschland - so das Fazit Streibs - könne nur durch innovative Techniken und den Ausbau dieser Techniken interessant gehal­ten werden. Ale anderen Bereiche, etwa Dienstleistungen, die ein Investor in Euro­pa ansiedeln wolle, könne er in Ländern mit niedrigeren Lohnnebenkosten besser an­siedeln. Was die Region Berlin-Branden­burg beträfe, so müsse hier zunächst fest­gelegt werden, was die Region besser als andere Regionen könne und was anderen­orts besser funktioniere und warum. Vor­aussetzung für ein Prosperieren dieser Re­gion sei in jedem Fall die zentral als Chef­sache vorgenommene Ausarbeitung und Organisation ihres speziellen Standort- profils innerhalb Europas.

An Studenten am Standort Berlin/Branden­burg knüpfte Folker Streib die Erwartung, so lange wie möglich ins Ausland zu gehen, um über die eigenen Anschauungen hin­ausblicken zu können. Vieles, das anders­wojust different sei, könnte ansonsten nicht verstanden werden. Die Zukunft liege aber nicht darin, anderen seine eigene Prä­gung zu oktroyieren, sondern andere in ih­rer Andersartigkeit zu begreifen.

Philipp Steden/Birgit Minckert/ Thilo Seelbach

PUTZ 2/97

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