HAPPY BIRTHDAY!
365 Stunden Programm = ein Jahr uniRadio
Montag, 7. Januar 1997, 9 Uhr, ein ganz normaler Redaktionstag im uniRadio beginnt: Durchsicht der Themenmappe, Terminvorschau, Bericht der aktuellen Nachrichtenlage, Themendiskussion und Rechercheaufträge. Ein ganz normaler Redaktionstag? Nicht ganz. Nach den Weihnachtsferien ist die Redaktion zum ersten Mal wieder gut besetzt, allerdings sind die Mehrzahl der Studierenden Anfänger, denn es ist der erste Tag der neuen Praktikanten. Wie muß ich das Mikrofon halten? Wie schreibe ich eine Nachricht? Und überhaupt, was ist eigentlich eine Recherche? Am Ende, um 17 Uhr, muß eine Sendung stehen, die sich von der journalistischen Qualität anderer Sendungen nicht unterscheidet. Die festen Mitarbeiter, allen voran der programmverantwortliche Redakteur Thomas Prinzler, sind heute besonders gefordert. Für die Neulinge etwas Chaos, viel Ratlosigkeit und Angst. Doch mit Geduld und Joumalis- mustraining im Schnellgang ist um 17 Uhr jeder irgendwie in der Sendung vertreten und zwar so, daß der Moderator nicht sagen muß: „Sorry, heute uniRadio von Anfängern für Anfänger!“ Und das ist wieder ganz normal.
123 Studentinnen und Studenten aus unterschiedlichsten Studienrichtungen unterschiedlicher Hochschulen wurden als Praktikanten im ersten uniRadio-Jahr wie an diesem lüg ins kalte „Radio-Wasser geworfen“ , um sich nach vier Wochen intensiver Radio-Praxis Jungjournalisten nennen zu können. Die theoretische Auseinandersetzung mit dem Medium, Nachrichten-, Sprech- und Interviewtraining, Technikübungen am Computer und im Studio und last not least die tägliche Umsetzung des Gelernten in die Praxis von uniRadio - „Live at Five", all das ist als Ausbildungs-
Die „Nachtschiene" von uniRadio
Seit Montag, den 3. Februar sendet uniRadio 87,9 täglich auch von 21 bis 22 Uhr. Das Magazin „Nachtschiene“ ist ein aktuelles Tälk-Magazin für die akademische und studentische Szene. „Nachtschiene" soll die Lebenswelt und den Lebensstil von Studenten beleuchten, Menschen aus Berliner und Brandenburger Hochschulen vor das Mikrofon holen. „Nachtschiene“ ist vor Ort: Live mit Reportagen aus dem studentischen, wissenschaftlichen und kuturellen Leben. Und die „Nachtschiene“ versucht, News und Service für Nachtschwärmer zu bieten. Das alles bei SO Prozent Musik: von Rock über Independent Musik bis hin zu Soul oder Rap ist vieles zu hören, was nicht in den Top 30 ist.
Seit mehr als einem Jahr sendet uniRadio 87,9 Berlin-Brandenburg eingebettet in das Programm von Voice of America. Täglich von 17 bis 18 Uhr ist das aktuelle Tüges- magazin „Live at Five“ zu hören. Jetzt konnte das Programm um eine weitere tägliche Sendestunde von 21 bis 22 Uhr mit diesem Talk-Magazin „Nachtschiene“ erweitert werden. Allerdings kann dies zunächst nur vorläufig geschehen. Wer „reinhören" will, kann dies auf 87,9 MHz oder im Kabelnetz Potsdam auf 103,3 MHz (Berlin 94,SS MHz) tun. P m -
konzept in der Radio-Landschaft einzigartig. Ein gutes Ergebnis, das zum ersten Geburtstag von uniRadio am 15. Januar gefeiert wurde.
Und doch war dies nicht der wichtigste Grund zum Feiern. In einer Zeit massiver Bedrohungen des Bestands von Ausbildung und Forschung durch eine rigide Sparpolitikhatten 13 Hochschulen und Universitäten aus Berlin und Brandenburg - darunter die Universität Potsdam nach wie vor als die einzige brandenburgische Hochschule - den Mut, dieses uniRadio als gemeinsames Projekt aufzubauen und zu finanzieren. Sie hatten den Mut, ein Radio- Konzept zu entwickeln, mit dem die Kompetenz und Vielfalt der Berlin-Brandenburger Hochschullandschaft journalistisch einer breiten Öffentlichkeit nahegebracht werden soll. Kompetenz, indem die tagesaktuellen Alltagsthemen aus der Sicht der Wissenschaft erläutert werden, und Vielfalt, indem den Hörern die weitgefächerte Bedeutung
von Wissenschaft, Forschung und Lehre nähergebracht wird.
Dieses Konzept ist im ersten Jahr aufgegangen. „Live at Five“ hat regelmäßig und teilweise mit exklusiven Informationen die Spardebatte begleitet, hat zum Beispiel den Berliner Wissenschaftssenator Peter Ra- dunski und den brandenburgischen Wissenschaftsminister Steffen Reiche ins .Verhör 1 ' genommen, die unterschiedlichen politischen Standpunkte dargestellt und Kontroversen befördert. Live-Reporter begleiteten die Studentenproteste in Berlin und Potsdam. Mancher Experte sprach im uniRadio zum ersten Mal zu einem aktuellen Thema und wurde von den anderen Medien „entdeckt“. Ein Wissenschaftler des Lateinamerika-Instituts lieferte Hintergründe zur Geiselnahme in Peru, ein Mediziner erläuterte die Auswirkungen der Kältewelle für den menschlichen Organismus, ein FU-Professor porträtierte seinen ehemaligen Doktoranden, den serbischen Oppositionsführer Djindjic. Doch „Live at Five“ allein bildet noch nicht das ganze uniRadio; am Wochenende bereichern Wissen- schaftssendungen, Vorträge, Literatur-, Musik- und Kulturmagazine und das experimentierfreudige Studentenmagazin RX-5 die Diskussion.
Aber keine Feier ohne Kritik: uniRadio muß thematisch noch vielfältiger werden, uniRadio muß exklusiv Themen kreieren, uniRadio muß sich in einer breiteren Öffentlichkeit noch etablieren. Das ist für eine ein- stündige Insel im englischsprachigen Raum der Voice of America auf 87,9 nicht leicht, aber langfristig machbar. Ein erster Schritt ist jedenfalls gelungen, im journalistischen Kollegenkreis wird uniRadio ernst genommen. Und das kann nun wieder gefeiert werden. Andreas-R. Wosnitza
Den Gesprächspartnern iw Interview einmal „auf den Zahn“ zu fühlen — auch das lernten 123 studentische Praktikanten während des ersten Jahres von uniRadio. Foto: Tribukeit
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PUTZ 2/97